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Verlust des Irrglaubens (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 04. Oktober 2018, 09:06 (vor 553 Tagen) @ Küfferle3629 mal gelesen

Hallo!

Gleich ein Outing: Seh dass mehr von der christlichen Seite und bin der Überzeugung ohne diese Sichtweise haben die ganze Propheten keinen Sinn, will aber auf keinen Fall hier irgendwen missionieren !!!

Natürlich bekommen die Propheten nur mit einer christlichen Sichtweise "Sinn". Das spricht zwar nicht unbedingt für die christliche Sichtweise, zum Glück hat das Christentum für den geneigten Suchenden auch andere Inhalte zu bieten, die mit Endzeitprophetie rein gar nichts zu tun haben. Ohne diese wären wir wohl verloren, weil die Schäfchen nicht mal einen Einstiegspunkt für Spiritualität fänden.

Den "Endzeitglauben" an die "nahe Rettung" sollte man aber schleunigst ablegen. Seine Voraussagen werden seit zwei Jahrtausenden aufgeschoben wird und erweisen sich ständig als falsch. Genaugenommen hat es sich lediglich einmal als falsch erwiesen, was sich Gläubige seit 2000 Jahren aber wahrzunehmen weigern.
Sollte es sich bei Jesu Botschaft tatsächlich zentral um seine nahe Rückkehr und den Aufstieg der Rechtgläubigen zum Thron Gottes nach dem Sieg über das Böse handeln (und nicht etwa um eine paulinische Erfindung), woraus sich in ständiger Wandlung sämtliche Prophezeiungsinhalte als Ausgestaltungen dieses Urmärchens ableiten, haben wir (als Kultur) ein Problem. Dann wäre nämlich das Christentum an sich eine völlige Luftnummer.
Freilich kann man auch, meines Erachtens mit gewißem Erfolg, an die intellektuellen Grundlagen des Christentums die Säge anlegen. Das ändert aber nichts an der natürlichen menschlichen Spiritualität und Religiosität, die ihre Energie über Jahrhunderte in diese Religion gesteckt hat, und an der Notwendigkeit der Kirchen als Hort höherer Anbindung. Es kann aber nicht daran gelegen sein, diese Anbindung mit irrigen, menschengemachten Glaubenssätzen zu verstopfen, zu denen die Erwartungen der Endzeitprophetie nachweislich gehören.

Von meinen Standpunkt aus gesehen gibt es keine grundlegenden weltpolitischen oder wirtschaftlichen Ereignisse die das Erfüllen der Prophezeiungen unmöglich machen.

Das trifft gar nicht den Punkt. Man kann sich jederzeit allerhand vorstellen, das zur Erfüllung der Prophezeiungen führen könnte. Solche Vorstellungen bilden sich die Leute seit 2000 Jahren, und sie waren immer falsch. Es ist gewiß nicht zielführend, einen Haufen Unsinns vor sich herzuschieben in der Hoffung, daß nach mehr als 2000 und jedes Jahr noch weiter zunehmenden Fehlschlägen ("Demnächs geht's aber lohohooos!!! Buuhuuhuuuuu!!! :crying:") es irgendwann dann doch stimmen würde. ;-)
Wenn die Geschichte des Christentums insgesamt durchaus eine Erfolgsgeschichte war, so war die nebengeordnete Geschichte der christlichen Endzeitprophetie eine einzige Tirade erbärmlichsten Versagens, von der die Kirche am Übergang zur Neuzeit wohl nicht umsonst, sondern in kluger Erkenntnis so allmählich abgekommen ist. Das ist nämlich massive Negativwerbung.

ALSO: Warum ist hier im Weltenwendeforum, dass ich immer sehr geschätzt habe @Taurec :ok: der Glauben verloren gegangen ????

Es ist doch eigentlich ganz einfach:
Geschätzt mindestens 90% der Prophezeiungen vor 1914 sind reine Fälschungen, wobei ich als willkürlichen Punkt die exzellenten Feldpostbriefe setze, mit denen erstmals ein sauber nachweisliches Element echter Präkognition neben irrigen Endzeitelementen ("Antichrist in Rußland") eingeführt wurde (im Gegensatz etwa zum unsauber indizienhaft begründbaren Nostradamus). Danach wird es allmählich besser, weil zunehmend echte Seherpersonen ins historische Licht treten.
Die Personen der Propheten sind häufig erfundene Gestalten oder historische Figuren wurden als Träger einer zugeschriebenen Weissagung mißbraucht.
Die Texte lassen sich auf einen vergleichsweise überschaubaren Schatz von Motiven zurückführen, die seit 2000 Jahren tradiert, abgewandelt und entsprechend der Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung des Selbstbetrugs immer auf dem Stand des Zeitgeschehens gehalten wurden.
Die Texte bedienen sich überwiegend entweder bei diesem Motivschatz, der mit diffusen Quellengrundlagen im Volksmund weitererzählt wurde, oder sie sind triviale Plagiate der jeweils älteren literarischen Veröffentlichungsschichten. Das ist mit textkritischen Methoden ohne weiteres nachvollziehbar und wird auch auch von christlichen Volkskundlern vernünftigerweise kaum geleugnet werden.
All diese Übereinstimmungen zwischen Prophezeiungstexten sind eben nicht Beweis für das Vorliegen gleichartiger Schauungen, sondern einer durchgängigen kulturellen Überlieferung von Mund zu Mund und einer übergeordneten Vorstellungswelt, die sich regelmäßig in neuen Volkspropheten verdichtet, die nicht etwa eigene Schauungen, sondern übernommene Glaubenssätze verkünden.

Natürlich waren nicht alle Weissager und Autoren der letzten 2000 Jahre Betrüger. Dies wäre eine reduktionistische Vereinfachung, die sachlich irrig ist. Die Motivation war nicht ausschließlich blanker Betrug, sondern ein gutgläubiger Zirkelschluß. Weil man die Ereignisse stets als unmittelbar bevorstehend wähnte, weil man die "große Weissagung" für unabweisbar richtig hielt und man durch diese Brille sich stets scheinbar valide Vorstellungen machte, wie die Prophezeiungen in nächster Zeit eintreffen könnten, befand man es nicht als ungehörig, diese Vorstellungen in literarische Form zu bringen und als prophetische Erkenntnis unters Volk zu bringen. Die unzweifelhafte Richtigkeit der Prophezeiungen sollte für sich selbst stehen und rechtfertigte Erfindungen nicht etwa als Betrug, sondern Manifestation einer Wahrheit, gegen welche die Textgenese keine Rolle spielt. Man betrog sozusagen gutgläubig um der Rettung/Bekehrung der Menschheit willen sich selbst und andere. Leider sind die Grundelemente dieser "Wahrheit", insbesondere die Naherwartung, falsch. Wann hat aber auch die offensichtlichste Widerlegung je dem Glaubenwollen Einhalt geboten?

Daneben gab es natürlich wie zu allen Zeiten auch absichtliche Betrüger wie z. B. Schrattenholz mit seinem erfundenen Spielbähn oder Adlmaier mit seinem erfundenen Irlamier, der dem Ansehen der historischen Ausnahmeseherpersönlichkeit Irlmaier durchaus geschadet hat, darüber hinaus bis in unsere Zeit Rubenstein mit Maria S. und wohl noch einige andere.

So. Und nun muß man unterscheiden, weil durch diese befreiende Erkenntnis nicht etwa das Thema an sich vom Tisch und in der Tonne wäre. Sie betrifft nämlich den Bereich der Prophetie, nicht aber der Präkognition, des Hellsehens und der Schauungen, also der nachweisbaren "übersinnlichen" Phänomene. Schauungen gibt es, sie funktionieren, und zwar auch auf Ebene des Weltgeschehens, wenngleich diese Erlebnisse im Vergleich zur alltäglichen Präkognition sehr sehr selten sind.

Darüber hinaus ist nicht zu leugnen, daß wir uns in der historischen Entwicklung in einer Spätzeit befinden, in einer Phase des Niedergangs und der Dauerkrise, die sich kaum ohne fundamentale Cäsur lösen wird. Es liegt daher nahe, diese Krise und ihre Fortentwicklung sowohl mit verstandesmäßigen und, soweit möglich, mit übersinnlichen Mitteln ergründen zu wollen.
Nur leider kann die Endzeitprophetie diesen Komplex aufgrund ihrer in diesem Beitrage angerissenen Makel nicht erhellen, sondern verdunkelt ihn mehr, wenn sie unkritisch geglaubt wird. Sie ist nicht in der Lage, die Vorgänge in ihrer tatsächlichen Gestalt und ihren eigentlichen Grundlagen zu erklären. Wir befinden uns als Kulturkreis in einer spirituellen Krise, aber nicht in der finalen Kirchenverfolung, die von der Endzeitprophetie verlangt wird. Wer letzteres indes glaubt, verstellt sich aufgrund falscher Lagebeurteilung (inklusive eines irrationelen und verhängnisvollen "deus ex machina", der das Christentum rettet, wenn man nur lange genug passiv warte) die Möglichkeit, die tatsächliche Glaubenskrise zu lösen. Diese Lösung ist nicht zu erreichen, indem man unhaltbare Glaubenssätze ums Verrecken zu retten versucht, die zur Glaubenskrise in Wirklichkeit beitragen.
Der irrige Glaube an die Endzeitprophetie führt nicht zuletzt auch zu falschen politischen Urteilen, wie z. B. bei den Gläubigen an die Säkularreligion der bolschewistischen Langzeitstrategie, eine deren gedanklichen Grundlagen der endzeitprophetisch begründete Glaube an den "bösen Russen" ist, der auf Basis des Marxismus und kryptokommunistisch sich verstellend das antichristliche Reich des Bösen darstellen soll. Dahingegen ist in jeglicher Hinsicht das völlige Gegenteil der Fall, nachdem Rußland derzeit die einzige national-konservative, christliche Weltmacht darstellt, von der in Zukunft eine geistige Erneuerung ausstrahlen könnte. Die Irrgläubigen, die sich in einer endzeitprophetisch-bolschewistischen rekursiven Gedankenendlosschleife der dauerhaften Selbstbestätigung befinden, stellen sich dahingegen ins geistige und politische Abseits, weil sie Qualität unserer Zeit grundsätzlich verkennen.

Von einem "Verlust des Glaubens" kann nicht die Rede sein, jedenfalls nicht, solange man als Glauben nicht das blinde Vertrauen in Säulenheilige, Texte und Überlieferungen mißversteht. Es handelt sich vielmehr um die konsequente Verfolung der Grundidee, die meines Erachtens schon im ersten Prophezeiungsforum des Johannes trotz dessen frömmlerischer Anwandlungen vertreten war, nämlich Fälschungen und jegliche Form des Betruges auszusondern, um wenigstens mal eine Handvoll Schauungen zu erhalten, welche diese Bezeichnung tatsächlich verdient haben. Damit ist noch keine Sicherheit über deren Eintreffen gegeben, es hat allerdings durchaus keinen Sinn, Märchen zu glauben, die gewiß niemals eintreffen werden.
Es ist nichts anderes als die konsequente Trennung menschengemachter Vorstellungen von nachweislichem Informationserhalt aus externen dem Diesseits übergeordneten Sphären. Insofern handelt es sich schlimmstenfalls um den "Verlust des Irrglaubens", was an sich schon mal keine schlechte Sache ist.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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