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Kugelbeer und der große Monarch (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Montag, 01. Oktober 2018, 15:43 (vor 556 Tagen) @ Ranma3874 mal gelesen

Hallo!

Manches wollte ich nicht in der Tonne sehen, weil ich zum Beispiel Kugelbeers Verwüstung mehrerer deutscher Städte durch Fliegerangriffe, die er 1922 geschaut haben will, als damals unvorstellbar und daher validen Treffer zum Zweiten Weltkrieg bewerte.

Diese Bewertung basiert auf einer vermurksten Methodik.

Die unter dem Namen Kugelbeer kolportierten Aussagen sind überhaupt erst seit 1951 belegt. Ohne einen Nachweis ihrer Existenz vor 1951, geschweige denn bereits 1922, gibt es kein valides Argument für die Annahme, daß sie nicht erst 1951 bzw. nicht allzu lange davor erfunden und Kugelbeer zugeschrieben wurden.

Das ist schlicht eine vernünftige Herangehensweise, um dem naiven Glauben an unbelegte Behauptungen vorzubeugen.

Dann müssen wir davon ausgehen, daß folgende Aussage, auf die Du Dich berufst, erfunden wurde, nachdem die Rheinlande und Münster von alliierten Bombergeschwadern zerstört wurden:

"Die Rheinlande werden zerstört, mehr durch Flugzeuge als durch Heere. Die Flugzeuge schwärmen wie die Schwalben und- lassen Bomben gleich Regentropfen fallen. Ebenso wird Münster, mitgenommen."

Das macht es schwierig, Kugelbeer als Betrüger anzusehen.

Nein, weil Deine Bewertung auf falschen Prämissen beruht. Mit welcher Bergründung glaubst Du die unbewiesene Behauptung, Kugelbeer hätte 1922 Schauungen gehabt?

Alexander Gann hat in den Achtzigern zu Kugelbeer geforscht. Ergebnis:
Kugellbeer soll laut einer Bekannten seiner Tochter "einige Visionen" über das persönliche Familienschicksal gehabt haben. Über Aufzeichnungen dieser oder anderer Visionen wußte diese Bekannte überhaupt nichts. Einen Beleg für Visionen Kugelbeers zum Weltgeschehen aus dem Jahre 1922 gibt es nicht.

Gann: "Eine Präkognitionswahrscheinlichkeit läßt sich praktisch bei keiner der Vorhersagen hegründen, wenn auch manchmal durchschimmert, daß der Fall paraprognostisch nicht uninteressant gewesen wäre."

Allerdings war Gann noch immer vergleichsweise unkritisch (im Vergleich zum Szenedurchschnitt aber durchaus ein Lichtblick). Er wunderte sich z. B.: "Wobei man sich allerdings, abgesehen von der Unrichtigkeit der Behauptung, fragen muß, wie der
Seher 1922 einen Papst an seinen Gesichtszügen erkannt haben kann, der erst 17 Jahre später an die Regierung gekommen ist und ihm folglich damals noch völlig fremd gewesen ist."

Die Antwort ist ganz einfach: Die Aussage stammt nicht von 1922, sondern frühstens von 1939. Daher vermochte der unbekannte Autor es auch, Pius XII. namentlich zu nennen. Durch die Bombardierung Münsters kann man die Abfassung des Textes frühestens auf 1943 datieren.

Gewaltige Überschwemmungen will er auch gesehen haben und die weist du doch auch nicht als falsch zurück? Vielleicht liegt auch bei Kugelbeer eine Vermischung eigener Schauungen mit angelesenen Prophezeiungen vor?

Mann, Mann. Weil irgend ein anderer eine nachweisbare Vision über Überschwemmungen hatte, bedeutet das nicht, rückwirkend wären mutmaßliche Fälschungen ebenfalls echt.
Die Überschwemmung Marseilles ist vermutlich von Nostradamus abgeschrieben, genauer aus III/86, dessen zweite Zeile ("Par mer fera arreſt dedans Marſeille") sich durchaus als "durch das Meer wird in Marseille ein Ende bereitet" übersetzen ließe.
Daß die Vorlagen in der Prophezeiungsliteratur für die Kugelbeeraussagen eher im französischen Sprachraum zu vermuten sind, ergibt sich aus der Identifikation des "großen Monarchen" als Bourbonen (Kugelbeer: "Weiß mit goldenen Lilien"). Die Kaiserkrönung bei Kugelbeer halte ich für eine phantasievolle Erfindung auf Grundlage viel älterer Prophezeiungen über den "großen Monarchen".

Jetzt ist plötzlich alles anders und du widerrufst, daß ein Zeitalter der Imperatoren bevorstehe?

Falsche Annahmen bzw. Unterstellungen: "plötzlich", "alles", "anders", "widerrufst".

Das "Zeitalter der Imperatoren" ist unter anderem (eine Abhandlung werde ich mir an dieser Stelle ersparen) aus Spenglers "Untergang des Abendlandes". Das ist ein philosophisches System, keine Prophezeiung.

Der "große Monarch" ist etwas gänzlich anderes, nämlich eine mythologische Figur der christlichen Endzeitprophetie. Als wir noch dümmer waren als derzeit, haben wir beides verbunden, weil es zu passen schien. Daß sich seit längerer Zeit schon die Prophezeiungen des großen Monarchen als religiöses Märchen entpuppt haben, betrifft Spenglers Philosophie natürlich nicht. Die ließe sich aus anderen Gründen kritisieren, die aber den Cäsarismus kaum betreffen. Dessen Präkursoren waren u. a. Napoleon, Hitler, Franco. Nach dem Ende der Herrschaft der Wirtschaftsmächte mit ihrem politischen Werkzeug, der Demokratie, wird es vermutlich zu einer Endform des Cäsarismus im Abendland kommen. Die konkrete Ausgestaltung hängt davon ab, wie tiefgreifend der zivilisatorische Bruch, der Verlust in Wissenschaft und Technik sowie die Bevölkerungsverluste ausfallen.

Der "große Monarch" hat damit nichts zu tun. Dessen Figur (von Person kann man nicht sprechen) ist vom Ablauf der endzeitlichen Dramaturgie und ihren Kulissen abhängig (Kirchenverfolgung, Gog und Magog, Endschlacht, Sieg über den Antichristen, Kaiserkrönung, goldenes Zeitalter). Er wäre selbst nicht eingetroffen, wenn es irgendwann einen Imperator geben sollte, der unter anderen Umständen als den prophezeiten an die Macht käme.
Die Kaiserkrönung ist ein fixes Ereignis, das unmittelbar nach der Endschlacht beinahe noch auf dem Schlachtfelde stattfindet, in den deutschen Prophezeiungen eben im nahen Köln. Ohne Endschlacht keinen großen Monarchen und keine Kaiserkrönung. Die Endschlacht wiederum ist ebenfalls uraltes christliches Motiv, das aus seiner ursprünglichen Gegend im Heiligen Land nach Europa verlagert wurde. Nichts dessen wird je geschehen. Einen abendländischen Augustus, der in einem seinem Höhepunkte ("Actium") zustrebenden Weltbürgerkrieg empor kommt, kann es aber sehr wohl geben.
Im Gegensatz zu den bodenlosen Blutbädern, die Demokratieverfechter seit rund 230 Jahren weltweit veranstalten, um die Menschheit von sich selbst zu befreien, würde dessen Herrschaft womöglich gar als "goldenes Zeitalter" erscheinen und propagandistisch als eine Art "Pax Augusta" dargestellt werden.

Zu Chyren: Es ist zwar aufgrund der Nebelhaftigkeit der nostradamischen Aussagen nicht lückenlos nachvollziehbar bzw. beweisbar, mir scheint aber eine gewisse Wahrscheinlichkeit zu bestehen, daß der "Chyrenkomplex" bei Nostradamus als Verarbeitung des Motivs des "großen Monarchen" und der Prophezeiung des Pseudomethodius ebenfalls eine Erfindung ist. Das bedeutet aber nicht (um weiteren sinnfreien Verabsolutierungen vorzubeugen), daß Nostradamus überhaupt keine Visionen über die Zukunft gehabt hätte.

Zum Waldviertler: Dessen Aussagen über Kaiser und Kaiserkrönung sind mit Vorsicht zu genießen, weil er in einem an Größenwahn grenzenden Akt sich offenbar selbst für den Kaiser hielt. Irgendwas muß er wohl gesehen haben, da man solche Ideen nicht grundlos entwickelt. Zu fragen ist aber, wieviel davon Einbildung und verarbeitetes Prophezeiungswissen war.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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