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Antichrist in den Feldpostbriefen (Schauungen & Prophezeiungen zum Weltgeschehen)

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 12. April 2012, 00:02 (vor 2803 Tagen) @ rauhnacht10189 mal gelesen
bearbeitet von Forumsleiter, Donnerstag, 12. April 2012, 00:55

Hallo!

Die Angaben über den Antichristen in den Feldpostbriefen lassen sich leicht auf ältere Motive zurückführen.

"...alles wird Millionär, und soviel Geld gibt's, daß man's beim Fenster rauswirft und klaubt’s niemand mehr auf. Der Krieg geht unter der Fuchtel weiter und es geht den Leuten nicht schlecht, aber sie sind nicht zufrieden. Unter dieser Zeit, sagt er, wird der Antichrist geboren im äußersten Rußland, von einer Jüdin, und er tritt erst in den fünfziger Jahren auf. Dann sagte er, an dem Tage, wo Markustag auf Ostern fällt."

1. Geboren in den 20ern (Inflation!), tritt auf in den 50ern, d. h. mit 30 Jahren wie Jesus = dualistische Jesusspiegelung.
2. Von einer Jüdin geboren, wie Jesus. Vielleicht steht dahinter auch der Gedanke, daß der Antichrist jenen entstammen müsse, die den echten Messias ans Kreuz schlagen ließen. Im Grunde ebenfalls eine Spiegelung.
3. Markustag auf Ostern: Hier schon mal erwähnt. Im Grunde eine alte Volkssage, in einem Jahre mit einem solchen Datum (sozusagen am "St. Nimmerleinstag") begänne des Wehklagen der Welt (= Geburt/Auftreten des Antichristen).
4. Den Topos "im äußersten Rußland" kann man ebenfalls der Antichristsage zuordnen. Daß er aus dem Osten käme, wurde schon im dritten Jahrhundert über Nero (als Vorläufer) und den Antichristen selbst erzählt. Siehe hier. Seitdem kam er wechselweise mal aus Persien, mal war er Araber, Sarrazene, später Türke, usw. Für die Franzosen des 11. Jahrhunderts war der Antichrist Deutscher (eben im Osten). Das ist alles in dicken Kapiteln bei Arthur Hübscher "die große Weissagung" nachzulesen. Und diese Idee, der Antichrist käme pauschal aus dem Osten, wurde in Abwandlung mit Bezug auf Russland vom Feldpostbrieffranzosen erzählt. Dieser war nicht nur Seher, sondern auch grundsätzlich im Weissagungsgebiet bewandert.

Diese Stelle in den Feldpostbriefen geht eben nicht auf eine echte Schau zurück (wie manches andere in den Briefen), sondern auf die Antichristlegende, die ein reines Märchen ist.

(Und der Mönch Adso hat den Antichristen nicht erfunden, sondern aus den ihm bekannten Antichristsagen eine Synthese gebildet, die für die nachfoldende abendländische Überlierferung prägend war. Das war für die Überlieferungskette praktisch wie ein Flaschenhals.)

Gruß
Taurec


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