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Irrationale Volkssagenfragmente (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Montag, 19. Oktober 2020, 08:54 (vor 42 Tagen) @ Giraffe574 mal gelesen

Hallo!

Seht ihr das ähnlich?

Nein. Du mußt Dir darüber im Klaren sein, daß die ersten beiden Deiner aufgezählten Punkte unwahre Volkssagenfragmente sind, die keine seherische Grundlage haben.

Der genaue Ursprung dieser Vorzeichen ist nicht feststellbar. Das heißt, es ist kein Seher bekannt, der etwas dazu gesehen hätte, sondern nur Fälscher und Plagiatoren, die es nachplappern.
Es ist anzunehmen, daß die Elemente "kurzer Winter", "warmes Frühjahr", "Kälteeinbruch im Sommer" den selben Grundtopos haben, nämlich die Vorstellung, daß in der Endzeit, wenn die Welt Kopf steht, Sommer und Winter nicht mehr auseinandergehalten werden können. Daraus leitet die Überlieferung dann mehrere Varianten ab.

Eine ältere Quelle für das zeitige Frühjahr ist eine legendäre Person namens Hermann Kappelmann, dessen Existenz historisch nicht nachweisbar ist. In einer Prophezeiungssammlung von Theodor Beykirch aus dem Jahre 1849 soll Kappelmann gesagt haben: "Nach vielen Jahren wird ein furchtbarer Krieg ausbrechen. Zeichen werden sein: Wenn im Frühjahr die Schlüsselblumen in den Hecken stehen und überall Unruhe herrscht, in diesem Jahr geht es noch nicht los; wenn aber nur ein kurzer Winter war, wenn die Schlüsselblumen frühzeitig aufblühen und es ruhig scheint, dann glaubt niemand an Frieden."

Das ist aber nur eine Variante einer Aussage aus Westfalen, die gar keiner Person mehr zugeordnet werden kann und von BBouvier in seinem Buch "Die letzten Siegel" zitiert wird: "Der Krieg folgt auf einen Winter, der kein Winter ist, wo nur lappenhoher Schnee fällt. Die Schlüsselblumen blühen in diesem Jahr sehr früh, und den Kühen geht schon im April das Gras bis an die Knie."

Und so geht das immer weiter und ließe sich wahrscheinlich bis ins Mittelalter zurückverfolgen, wogegen nur steht, daß man aus ferneren Jahrhunderten keine schriftlich dokumentierten Volkssagen bekommt. Bei Hertje, einer Spoekenkiekerin, die im 15. Jahrhundert gelebt haben soll (veröffentlicht aber erst 1819), findet sich bereits eine Frühform, wenn sie sagt: "Wehe denen. Die da leben, wenn Winter und Sommer sich vereinen."

Beim Volkssagenpropheten Mühlhiasl, dessen Nichtexistenz wenigstens nachgewiesen ist, finden sich dann 1923 die Halbsätze:
"Wenn die kurzen Sommer kommen"
"Wenn man Winter und Sommer nimmer auseinanderkennt"

Bei der "Sibylle Michalda", deren erste Fassung bereits 1515 erschienen ist, für die wir aber nur eine Veröffentlichung aus dem 19. Jahrhundert haben, heißt es: "Das zehnte Zeichen wird sein, wenn man Schnee anstatt Heu einführen wird, denn zu der Zeit der Heufechsung wird viel Schnee fallen."

So flottierte das Motiv über Jahrhunderte den Wortlaut stets wandelnd durch den Volksmund und es läßt sich vermuten, daß es in der Michalda- und Mühlhiaslfassung einen diffusen Ursprung in der Kleinen Eiszeit haben könnte, der im Jahr ohne Sommer 1816 aufgefrischt wurde. Der Volksmund tut in der Regel nämlich nichts weiter, als die endzeitprophetische Naherwartung des baldigen Weltendes vor sich her zu schieben und alle auffälligen Gegenwartsereignisse und -entwicklungen in Vorzeichen umzuwandeln, die dann als rückdatierte Pseudovoraussagen entweder von realen Sprücheklopfern erzählt oder legendären Rübezahlen und Hotzenplotzen zugeschrieben werden. So hat sich über die Jahrhunderte ein immenser Wust verschiedener Vorhersagen aufgehäuft, die jeweils für die nahe Zukunft der individuellen Entstehungszeit gedacht waren, aber nicht eintrafen und von den Nachgeborenen unwissend weitererzählt wurden. Die echten Ereignisse der Vergangenheit, die irrtümlich als Vorzeichen betrachtet wurden, werden vom Volksmund nicht mehr als Vergangenheit erkannt, sondern als potentielle Ereignisse der Zukunft mißverstanden.

Schließlich hat Adlmaier dieses Material in die Finger bekommen und eine eigene Version als Komprimat daraus erzeugt, die er seinem medial begabten Bekannten Irlmaier zuschrieb. Seine Intention war dabei nicht nur unternehmerischer Natur, sondern auch die Stärkung und Pflege der bayerischen Volkskultur (Adlmaier war auch eine Säule der Trachtenbewegung). Da kam ihm Irlmaier als potentieller Volksseher von Gottes Gnaden gerade recht.

Der dritte Punkt, die "Friedenskonferenz" ist eine Erfindung des Adlmaiers, eine recht billige noch dazu, denn die Ermordung eines Hochgestellten am Balkan, die einen Weltkrieg auslöst, ist eine schlichte Wiederholung des Ereignisses, das den Ersten Weltkrieg auslöste. Er dachte wohl, was bereits einmal funktioniert hat, wirkt auch für die Zukunft glaubwürdig. Etwas mehr Phantasie hätte man da schon erwarten können.

Du kannst natürlich auf diese Vorzeichen warten, um tätig zu werden. Auf diese Art kannst Du Dich in die ersehnte Sicherheit wiegen, denn sie werden niemals eintreten. :ok:

Besser täte man aber daran, das gesamte Prophezeiungsszenario in die Tonne zu treten und gar nicht erst auf einen Krieg zu warten, vor dem man sich fürchten müßte (mal abgesehen davon, daß Angst allgemein keine gute Idee ist).

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Alles, was tief ist, liebt die Maske.“


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