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Der Irrsinn des Weltendes (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Sonntag, 18. Oktober 2020, 12:29 (vor 40 Tagen) @ Frank Zintl668 mal gelesen

Hallo!

Nichsdestoweniger fällt mir seit langem die Ähnlichkeit der Verchippung mit
der genannten Textstelle in der Offenbarung auf, und das sehr unangenehm.

Mein Beitrag sollte eben klar machen, daß diese Ähnlichkeit nichts weiter als hineininterpretiert ist, weil die Textstelle aus sich heraus nicht in diesem Sinne spricht. Sie kann demjenigen, der vor der Offenbarung wie vor einem Buche mit sieben Siegeln steht (Woher kommt die Redewendung wohl? ;-)), alles Erdenkliche bedeuten und wurde in zwei Jahrtausenden auch als alles Erdenkliche gedeutet.
Deine Bedenken sind nichts weiter als religiöser Alarmismus, der auf dem unhinterfragten Dogma beruht, daß die Offenbarung eine wahre Prophezeiung und für uns bedeutsam wäre, welches sich allein darin begründet, daß sie in der Bibel gelandet ist. Dadurch ist jeder Gläubige beinahe genötigt, ihr etwas für sich abzugewinnen und wird natürlich auch immer fündig werden, völlig gleich ob die gefundenen Übereinstimmungen mit dem eigenen Leben und der Gegenwart plausibel und stichhaltig sind oder nicht (in der Regel sind sie es nicht). Wie für Religionssysteme typisch, finden die Glaubensüberzeugungen ihre Begründung aber in sich selbst und bedürfen keiner weiteren Beweise, weil sie diese per Zirkelschluß stets aus sich selbst hervorbringen. :irre:

Ob es wünschenswert ist, sich verchippen zu lassen, ist eine andere Frage, zu der die Offenbarung einem keine brauchbare Antwort geben kann. Weil die Chipinterpretation nicht stichhaltig und unzutreffend ist, markiert die Einführung eines Chips nicht den Fortgang der in der Offenbarung beschriebenen Ereignisse. Ob die Gläubigen Widerstand leisten oder nicht, spielt für das Weltgeschehen keine Rolle. Es wird im Anschluß an eine etwaige Verchippung keinen Endkampf des Guten gegen das Böse geben, keine Widerkehr Christi und kein ewiges Friedensreich im himmlischen Jerusalem, in dem der Tod überwunden wäre.

Es wird stets nicht erkannt oder übergangen, daß das Weltbild, welches sich aus der Offenbarung ergibt, eine reine Nabelschau ist, die alle Ereignisse und Entwicklungen der unermesslichen Äonen vor und nach unserer Epoche negiert und die Bedeutung der ganzen Schöpfung auf Ereignisse auf einem einzigen Planeten zu einer einzigen Zeit einengt. Denn nach den Ereignissen der Offenbarung folgt laut Text nichts mehr. Die Geschichte und alles Leben, wie wir es kennen, ist dann beendet, weil das Diesseits wieder in den Zustand vor der Schöpfung (oder vor dem "Urknall") zurückversetzt wird, wie nach einem Theater die Kulissen aufgeräumt werden.
In Gen. 1,1–2 heißt es: "1Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. 2Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser."
Dagegen, den Kreis schließend in Offb. 21,1: "Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr."
Himmel, Erde, Meer ("Urflut"), also die Grundbestandteile der Schöpfung, die Anfangs erschaffen wurden, lösen sich wieder auf. Eindeutig! Statt dessen leben die Menschen in einem extradimensionalen Raum in Gottes himmlischer Hauptstadt, in der es keine Zeit ("der Tod wird nicht mehr sein" (Offb. 21,4), "Nacht wird ja dort nicht mehr sein" (Offb. 21,25), keine Sonne, keinen Mond (Offb. 21,23) gibt. Darauf läuft die Offenbarung in gerader Linie hinaus.
Daß das Ende des Universums und der Menschheitsgeschichte dereinst im übertragenen Sinne so aussehen wird, mag sein oder auch nicht. Wichtiger ist an dieser Stelle die Überlegung, ob man davon ausgeht, daß es bald eintrifft oder in (sehr) ferner Zukunft. Eine Bedeutung für unsere Zeit bekäme das Malzeichen des Tieres – sei es ein Chip oder nicht – neben der Grundbedingung, daß die Offenbarung überhaupt reale Zukunft beschreibe, allein unter der Voraussetzung, daß die Ereignisse einschließlich des oben geschilderte Endes aller Dinge ebenso bald einträfe. Denn umgekehrt, ginge man von einem Weltende in ferner Zukunft aus, gäbe es keine hinreichende und plausibele Begründung, das Malzeichen des Tieres ausgerechnet in unserer Zeit zu erwarten, die doch allein uns Menschen der Gegenart überhöht bedeutsam erscheinen muß. Dann wäre nämlich die ganze Offenbarung eine Parabel auf die Entwicklung des Menschengeschlechts über Äonen hinweg, die keine konkreten Ereignisse, sondern sinngemäß geistig-metaphysische Konstellationen schildert. Eine solche Deutung mag zwar der abendländischen Seele gefallen, war von den Verkündern und Empfängern der Offenbarung, die allesamt dem magischen Kulturkreise entstammten, mit Sicherheit nicht so gemeint.

Mit einem "faustischen" Weltgefühl ist eine Naherwartung des Malzeichens und des Weltendes unvereinbar. Sie spiegelt aber die enge, kleine und selbstbezogene Weltsicht isolierter Wüstennomaden wider, für die das gesamte Weltgeschehen sich in ihrem begrenzten Gesichtskreise abspielt, für die vor dem Beginn ihrer historischen Überlieferung und außerhalb ihrer Heimatlandschaft nichts existiert und denen ihre eigene Geschichte mit der Geschichte aller Dinge schlicht identisch erscheint. Sie begann für sie vor nicht allzu langer Zeit mit mythischen Vorfahren (z. B. Abraham), deren Lebenszeit man sogar berechnen zu können glaubt, und läuft in nicht allzu langer Zeit aus. In dieser engen "Höhle", in der Naherwartung die Grundstimmung ist, lebt diese Kultur. Uns hat das nichts zu sagen. Die Offenbarung auszudeuten, führt nicht umsonst zu erheblichen intellektuellen Verbiegungen und dem wachen Geist zu einem nagenden Gefühl des Nichtpassens.

Die Gläubigen winden sich um das in der Offenbarung unweigerlich vorausgesagte Ende der Welt herum, um sich auf kleine, ihnen passend scheinende Nebenkriegsschauplätze wie das Malzeichen einzuschießen. Ich nehme solche Deutungen schlichtweg nicht mehr ernst, wenn der Interpret nicht im selben Zuge plausibel miterklärt, wie er zu einem Ende aller Dinge des Universums bis zum kleinsten subatomaren Quark oder String hinab steht, das seiner Überzeugung nach noch im Laufe der Lebenszeit allerspätestens seiner Enkel stattfinden müßte. Auch dazu schweigst Du Dich aus, weil eine solche Annahme natürlich reinster Schwachsinn ist. Abendländische Gläubige können daher nur das große Ganze der Offenbarung, das für sie von Grunde auf falsch ist, ignorieren und sich auf kleinliche Nebendetails versteifen, laut rufend: "Ich hab' was gefunden!"

Ich warne mit theologischen Argumenten vor dem Chip aus eine Prinzip der Vorsicht heraus: Was falls der Chip DOCH das Malzeichen sein sollte ?
[...]
Einige auss dem christlichen Umfeld aber auch mit einer unabgesicherten Deutung biblischer Texte. Denn in diesen Kreisen werde biblische Texte nicht angezweifelt.

Wenn die theologischen Argumente nicht stichhaltig sind, weil sie nicht aus der religiösen Filterblase herauskommen, d. h. keine über das Glaubenssystem mit seiner inneren Logik hinausführenden Anzeichen für dessen Wahrheit vorliegen, geht diese Argumentation ins Leere und wird niemanden überzeugen, der nicht schon überzeugt ist.

Lieber einmal zu oft "Feuer" schreien.

Man schreit schon seit 2000 Jahren "Feuer". Das ist eindeutig zu viel und sollte zu denken geben, ob die Feuerschreier nicht vielmehr bloß hirnverbrannt sind.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Alles, was tief ist, liebt die Maske.“


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