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Papstflucht auch nicht realer (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Montag, 19. Oktober 2020, 13:23 (vor 41 Tagen) @ Don Haeberle603 mal gelesen

Hallo!

Für mich wäre die Flucht des Papstes ein Indikator, der mich hellhörig werden liese...

Mit der sieht es allerdings auch nicht besser aus als mit anderen religiösen Prophezeiungs- und Volkssagenmotiven.

Ursprung ist in diesem Falle das uralte Topos, daß am Ende der Zeiten der Antichrist selbst in Rom für 42 Monate (geklaut durch Johannes von Patmos bei der Danielfälschung) residiere. Der endzeitliche "Engelspapst" müsse dem entsprechend aus Rom fliehen, werde vom Großen Monarchen (ein fiktiver Präkursor der fiktiven Widerkehr des Messias) später aber zurückgeführt, nachdem die Heerscharen des Bösen (Gog und Magog, in der Neuzeit auf die Russen umgemünzt) besiegt und der Antichrist gebannt seien.
Das spiegelt sich schon im letzten Satz der Malachiasfälschung wider, reicht aber bis in die Spätantike zurück, als Rom zur Hauptstadt der Christenheit wurde, dabei zugleich ein zu strafender babylonischer Sündenpfuhl und als Sitz des Stellvertreters Gottes auf Erden eine aufhaltende Macht. Die Endzeit ist erst für alle sichtbar angebrochen, wenn der Papst nicht mehr in Rom residiert und der Antichrist die Stadt drangsalieren darf.

Das habe ich hier im Forum schon mehrfach erwähnt, z. B. hier oder hier.

All dies ist nicht präkognitiv, sondern entspringt der christlichen Vorstellungswelt, die in ihrer inneren Dialektik dieser Ereignisse schlicht bedarf. Ein Märchen, das sich die Christenheit immer und immer wieder erzählt, bis niemand mehr erkennt, daß es eine Erfindung ist. Es wird über Jahrhunderte fortwährend angepaßt und prophetisch in die Gegenwart projiziert. Die Papstflucht bei Irlmaier ist nur eine der letzten Inkarnationen dieser uralten Wandersage.

Gruß
Taurec


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