Antworten zur Bahnhofsschau (Schauungen & Prophezeiungen)

ITOma @, Donnerstag, 10.11.2011, 19:14 (vor 3629 Tagen) @ Taurec (9843 Aufrufe)

Hall Taurec,

Mir stellt sich die Frage, warum so viele Leute im Bahnhof leben.

Idee 1:
Ein Teil der Stadt ist zerstört (darauf könnte die Druckwelle und die zerstörten Fenster hinweisen). Die Überlebenden haben sich in intakte Stadtteile zurückgezogen, in denen jetzt Überbevölkerung herrscht.

Das könnte sein. Ich habe aber dazu nichts direkt gesehen. Die Schau war relativ kurz, eben so eine Momentaufnahme. Ich kann auch nichts zu der Lage in anderen Stadtteilen Münchens sagen, weil ich dazu nichts gesehen habe. Ich weiß nur, daß es in Pasing sehr schwierig war, einen Schlafplatz zu finden.

Die Zahnarztangestellte sah auch Überschwemmungen in der Grünwalder Straße (ich vermute von der Isar her). Da spielen sich in München wohl Sachen ab, von denen wir noch gar nichts wissen.

Von Überschwemmungen in München habe ich selbst nichts gesehen. Wie gesagt, das einzige Wasser, was ich gesehen habe, stand in dem kleinen Graben, max. 1 Meter tief.


Idee 2:
Nach dem Krieg leben laut Irlmaier und auch laut Deiner Schauu (die, in der große Teile Deutschlands überflutet oder bewaldet waren, die aber weit in der Zukunft spielte) südlich der Donau mehr Menschen als jetzt.
Laut Irlmaier kommen noch zwei Flüchtlingszüge über die Donau.
Dem entsprechend könnte es sich um eine Szene nach Krieg und Finsternis handeln und bei den Menschen teilweise um Flüchtlinge.

Frage: Sind Rückschlüsse möglich auf die Herkunft der Menschen, denen Du in der Schau begegnet bist? Sprachen sie z. B. einen anderen Dialekt?

Es schienen Leute von überall her zu sein. Z.B. meine Freunde waren aus dem Allgäu (ich weiß nicht, wie es die nach Pasing verschlagen hatte).

Tagsüber (bis zum frühen Nachmittag) wimmelte der Bahnhofsplatz von Leuten, die Sachen verkaufen oder tauschen wollten, (alles mögliche: Kleider, Schuhe, Maschinenteile, Nähzeug, Werkzeug, Deko usw. usw., eben wirklich alles), und zwar gegen Essen und Medikamente. Aber für beides gab es praktisch keine Anbieter. Dieser Markt war improvisiert, viele Anbieter hatten eine Unterlage auf den Boden ausgebreitet, und boten dort ihre Sachen an, wie auf einem Flohmarkt. Ab etwa 15 Uhr wurde der Platz schlagartig leer, alle zogen ab. Ich glaube, es war nicht erlaubt, dort länger Handel zu treiben. Ich sah zwar keine Polizisten oder Besatzer dort, aber alle Leute hatten es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen.
Die Zusammensetzung der Leute auf dem Markt war so wie heutzutage in München auch: bunt gemischt.

- Wie war das Wetter in der Bahnhofsschau? Sommerlich, warm, trocken? Oder kalt, bedeckt/eingetrübt, regnerisch? Jahreszeit?

Als die Leute zusammenpackten, war es ca 15 Uhr und noch lange nicht dunkel. Das Wetter war sonnig, klarer blauer Himmel, tagsüber kühl (unter 20 Grad) aber nicht kalt. Es lag kein Schnee, und der Boden war trocken. Das Brombeergestrüpp im Graben war nicht kahl, also war es nicht Frühjahr. Ich würde sagen ca. 2-3 Wochen nach der Tag- und Nacht-Gleiche, also Ende September/Anfang Oktober.

Weitere Fragen:
Gab es Hinweise auf vorangegangene Naturkatastrophen?

Hinweise auf Naturkatastrophen habe ich nicht gesehen (außer den kaputten Fenstern).

- Wovon habt ihr euch ernährt (ganz ohne gehts ja nicht)? Gab es begrenzte Anbauflächen, z. B. in Gärten und Grünflächen? Kamen die Nahrungsmittel mit den Zügen? Wie lassen sich so viele Menschen überhaupt ernähren? Es wird im ganzen Großraum München mit seinen annähernd 3 Millionen Einwohnern wohl nicht viel anders aussehen.

Wie es im sonstigen Großraum München aussah, kann ich nicht sagen. Wenn ich die Züge sah, hatte ich so ein Gefühl von "Gott sei Dank, wenn die durchkommen, können wir es schaffen". Also nehme ich mal an, daß ein Großteil der Versorgung durch die Züge kam. Auf dem Markt gab es, wie geschildert, kaum Lebensmittel, und woher die kamen, danach fragte auch niemand. Bei dem Haus mit den heilen Fenstern sah ich ein paar Fenster weiter oben (1. und 2. Stock), wo die Leute offenbar rankendes Grünzeug zogen (Bohnen, Erbsen? vielleicht war es aber auch gar nicht essbar). Aber dieses Haus war eben auch sehr gut abgesichert. In den Fenstern anderer Häuser konnte ich nichts sehen, was wuchs. Das wäre wohl auch sofort geplündert worden. Ich selbst hatte zum Zeitpunkt der Schau schon 2 oder 3 Tage nichts gegessen. Die Kinder meiner Freunde waren auch sehr hungrig, aber noch munter, nicht apathisch. Ich schließe daraus, daß wohl ab und zu Lebensmittelrationen ausgegeben wurden (vielleicht wöchentlich?)

- Gab es jemanden, der die Ordnung aufrecht erhält und das Leben organisiert (darauf deuten wohl die gepflegten Bahnsteige und Züge hin). Polizei? Militär? "Beamte" oder irgend etwas öffentliches?

Ja, ich denke schon. Während des Marktes sah ich zwar keine offiziellen Leute (vielleicht gab es welche under cover). Aber die Tatsache, daß die Leute plötzlich am frühen Nachmittag ihre Sachen auf dem Markt packten und abzogen, könnte darauf hindeuten, daß es eine Ausgangssperre gab, und sie noch vorher zu Hause sein wollten. Ich sah ja keine Autos oder Busse, also müssen die Leute zu Fuß oder mit dem Rad nach Hause gekommen sein. Das dauert schon mal 2-3 Stunden von einem Ende Münchens zum anderen.
Etwa eine Stunde später sah ich eine Art Geländewagen über den Bahnhofplatz fahren, aber ich hielt mich weit weg davon. Ich konnte deshalb nicht sehen, wer darin saß, wie sie aussahen, oder ob sie Abzeichen trugen. Der Geländewagen sah von fern nicht militärisch aus. Ich wollte aber trotzdem (gefühlsmäßig) denen nicht begegnen und unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit von der Straße weg sein.
Der Boden auf dem Bahnhofplatz war übrigens nach deren Durchfahren noch genauso schmutzig, es war also nicht die Putzkolonne ;-)

- Wenn Freunde von Dir dabei waren: Sahen diese älter aus als jetzt? Wieviel älter?

Ich sah nur die Kinder meiner Freunde (Meine Freunde waren unterwegs). Die waren zum Zeitpunkt der Schau vor 4 Jahren in der Realität zwischen 2 und 6 und sahen in der Schau so aus wie 8- bis 12-Jährige. Dabei muß man aber berücksichtigen, daß sie durch den Hunger vielleicht jünger aussahen als sie waren.

- Wurden Gespräche geführt, aus denen sich Informationen über die Lage in anderen Stadt- oder Landesteile ableiten lassen?

Die Leute im Bürklin-Bahnhof (wo ich um Unterkunft fragte) sagten , überall in München gäbe es viel zu wenig Schlafplätze. Sie sagten, ”alle Leute wollen ja zum Schlafen in die alten Häuser und keiner in die neuen Gebäude, obwohl es dort noch Platz geben würde“. Warum, sagten sie nicht, und ich fragte auch nicht, denn dies Thema war etwas, worüber man mit Unbekannten besser nicht sprach, und schon gar nicht mit offiziellen Stellen (die Leute im Bürklin-Bahnhof waren aber ok und keine Offiziellen). Mein Gefühl bei dem Gedanken an einen Schlafplatz in den neuen Gebäuden war: ”Da bin ich ihnen ausgeliefert, da haben sie mich dann, wo sie mich haben wollen“. Ich kann aber nicht sagen, inwiefern. Die Arcaden mit ihrem schwarzen Dunst hatten meinem Gefühl nach nichts damit zu tun. Die hatte ich nur als Ausweichmöglichkeit in Betracht gezogen und ausprobiert.

Die Leute auf dem Markt, egal ob Käufer oder Verkäufer, waren alle bemüht, ”gesetzestreu“ zu erscheinen. Man traute niemandem über den Weg und drückte sich im Gespräch mit Unbekannten möglichst unverfänglich aus. Ein bißchen so wie in der alten DDR.

Aber fröhlich waren wir trotzdem. Die Stimmung war nicht gedrückt, sondern vorsichtig optimistisch. Ungefähr: ”die Lage ist zwar jetzt nicht toll, aber es könnte viel schlimmer sein. Wir kriegen das schon in den Griff.“ Wobei das keine Propagandasprüche waren, es gab überhaupt keine Propaganda (und auch keine Werbung).

Grüße
ITOma


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