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Identität von Wissenschaft und Religion (Übersinnliches & Paranormales allgemein)

Taurec ⌂ @, München, Freitag, 06. Oktober 2017, 20:13 (vor 774 Tagen) @ Sagitta3988 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Freitag, 06. Oktober 2017, 20:21

Hallo!

Wissenschaft ist die systematische und methodische, vernünftige und reflektierte sowie gewissen sozialen Konventionen (Ethik, hier etwa Ehrlichkeit; Intersubjektivität, Reproduzierbarkeit; ggfs. mathematische Modellierung etc.) verpflichtete Beschreibung eines Ausschnitts unserer (vermutlich) gemeinsamen Wirklichkeit. Dass Wissenschaft eine moderne Form der Religion sei, ist abwegig. Richtig ist allerdings, dass manche Akteure die Wissenschaft heute so gebrauchen wie Priester früher (genauso verwerflich) die Religion, nämlich als Instrument zur Steuerung der Meinungen und Geisteshaltung anderer Menschen. Das Projekt der Aufklärung, vor rund 300 Jahren begonnen, ist noch lange nicht zu Ende ...

Hier verweise ich nicht nur auf Spenglers Ausführungen zum Zusammenhang von Wissenschaft und Religion, etwa in diesem Kapitel:

"[...] Das Vorurteil des mit Thales und Bacon auf die Höhe der Ionik und des Barock gelangten städtischen Menschen bringt die kritische Wissenschaft in einen hochmütigen Gegensatz zur frühen Religion des noch stadtlosen Landes, als die überlegene Stellung zu den Dingen, im Alleinbesitz der wahren Erkenntnismethoden und damit berechtigt, die Religion selbst empirisch und psychologisch zu erklären, sie »zu überwinden«. Nun zeigt die Geschichte der hohen Kulturen, daß »Wissenschaft« ein spätes und vorübergehendes Schauspiel ist, dem Herbst und Winter dieser großen Lebensläufe angehörend, im antiken wie im indischen, chinesischen und arabischen Denken von der Lebensdauer weniger Jahrhunderte, innerhalb deren sich ihre Möglichkeiten erschöpfen. Die antike Wissenschaft ist zwischen den Schlachten von Cannä und Actium erloschen und hat wieder dem Weltbilde der »zweiten Religiosität« Platz gemacht. Danach ist es möglich vorauszusehen, wann das abendländische Naturdenken die Grenze seiner Entwicklung erreichen wird.
Nichts berechtigt dazu, dieser geistigen Formenwelt den Vorrang vor andern zu geben. Jede kritische Wissenschaft beruht wie jeder Mythos, jeder religiöse Glaube überhaupt auf einer inneren Gewißheit; ihre Bildungen sind von anderm Bau und Klang, ohne grundsätzlich verschieden zu sein. Alle Einwände, welche die Naturwissenschaft gegen die Religion richtet, treffen sie selbst. Es ist ein großes Vorurteil, jemals an Stelle »anthropomorpher« Vorstellungen »die Wahrheit« setzen zu können. Andre als solche Vorstellungen gibt es überhaupt nicht. In jeder, die überhaupt möglich ist, spiegelt sich das Dasein ihres Urhebers. »Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde« – so gewiß das von jeder geschichtlichen Religion gilt, so gewiß gilt es von jeder physikalischen, vermeintlich noch so gut begründeten Theorie. Die Natur des Lichtes haben antike Forscher sich so vorgestellt, daß es aus körperlichen Abbildern besteht, die von der Lichtquelle zum Auge gehen. Für das arabische Denken, ohne Zweifel schon an den persisch-jüdischen Hochschulen von Edessa, Resain und Pumbadita, und für Porphyrios unmittelbar bezeugt, werden die Farben und Formen der Dinge in magischer (»geistiger«) Weise der substanziell vorgestellten Sehkraft, die in den Augäpfeln ruht, zugeführt. So haben Ibn al Haitam, Avicenna und die »Lauteren Brüder« gelehrt. Daß das Licht eine Kraft – impetus – ist, war schon um 1300 die Vorstellung des Pariser Occamistenkreises um Buridan, Albert von Sachsen und den Erfinder der Koordinatengeometrie, Nicolas von Oresme. [...]"

Thomas Kuhn geht allerdings in keine grundsätzlich verschiedene Richtung.

"[...] Damit ist die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Metaphysik wie die zwischen Entdeckungs- und Begründungszusammenhang hinfällig. [...]"

Letztlich bewegt man sich also auch in der Wissenschaft in einem Glaubenssystem, das sich systematisch und methodisch seine Annahmen in der Welt beweist.

Horst Friedrich folgt dem in seiner Grundlegung zu der Arbeit "Jahrhundertirrtum 'Eiszeit'" ebenfalls (S. 36ff.):

„Wie eine organisierte Glaubensgemeinschaft oder Ideologie besitzt unsere organisierte Schulwissenschaft in weiten Bereichen heute ihre festen Dogmen (die ‚Paradigmata‘), ‚Kirchenväter‘ (Newton, Lyell, Darwin etc.), ‚Heilige Schriften‘ (‚On the Origin of Species‘), sogar eine Art Inquisition in Form einer sehr effektiven Zensur – das ‚Imprimatur‘ wird verweigert! – und einen stillschweigenden Index geächteter Bücher, die man niemals erwähnt. Ähnlich gewissen anonymen Patres beim Inquisitions-Prozeß gegen Galilei überwachen heute bei den ‚schulwissenschaftshörigen‘ Zeitschriften anonyme Begutachter die Beiträge auf ideologische Abweichungen und entscheiden darüber, ob das ‚Imprimatur‘ gewährt werden soll. Wie einst unter der Fuchtel der Kirche oder Stalins werden ‚Abweichler‘ und häretisches Hinterfragen der ‚Dogmen‘ (= etablierte Lehrmeinungen) nicht geduldet! So darf beispielsweise in der ‚Eiszeit-Scholastik‘ heute weder die Lehre vom ‚Großen Eiszeitalter‘ noch die ‚glaziale Serie‘ des ‚Kirchenvaters‘ Albrecht Penck in Frage gestellt werden, da beides als ‚wissenschaftlich erwiesene Tatsache‘ angesehen wird.
Die wahre Wissenschaft hingegen wird die – jeglicher Scholastik so teueren – Dogmen stets aufs Neue hinterfragen, um zu einer besseren Annäherung an die Wahrheit zu kommen. Nur so ist nämlich in den Wissenschaften voranzukommen!
Leider herrscht unter unseren studierten Wissenschaftlern in Normalfall wissenschaftsphilosophische Unbedarftheit. Und mit der Wissenschaftsgeschichte hat man es meist auch nicht sehr. So erklärt sich das sonderbare Paradoxon, daß die weit überwiegende Mehrzahl der Wissenschaftler weitgehend unwissend darüber ist, was Wissenschaft genau ist, wie sie funktioniert, was sie nicht sein kann, und was für ein Ding genau eine Lehrmeinung ist. In Wirklichkeit sind unsere Wissenschaften ganz einfach kollektive Bewußtseinszustände, wo sich alles in einem Zustand des Ewig-Provisorischen, ständiger Evolution und nagenden Zweifels befindet. Überdies sind selbstredend die Dogmen oder ‚Paradigmata‘ vom Zeitgeist abhängig, von den vorherrschenden ‚Archetypen‘, wie der große C. G. Jung gesagt hätte. Boshaft-überspitzt könnte man also sagen: Was uns die doktrinären ‚Missionare‘ und ‚Bänkelsänger’ (Popularisatoren) unserer Schulwissenschaft ‚verkaufen‘, ist jeweils nur ‚die letzte Version wissenschaftlichen Irrtums‘.
Mit diesem Faktum müssen wir alle – auch die Schulwissenschaften – leben! Es ist unvermeidlich, weil in der Natur unseres Denkens begründet. Jeder Kenner der Wissenschaftsgeschichte weiß: Fast stets ist das mit Zähnen und Klauen verteidigte – ‚gesicherte‘! – Dogma von heute der überwundene Irrtum von morgen. Der Verfasser hegt den Verdacht, daß dies auch das Schicksal der Eiszeit-Lehre sein wird.“

Daß dem so ist, liegt schlicht in der Natur des Menschen, der nicht über die Grenzen seines subjektiven Weltausschnitts hinaussehen kann und daher notwendigerweise auf unbeweisbare Glaubensannahmen angewiesen ist, wenn er Aussagen über das große Ganze, das er niemals erfassen kann, treffen will.

Praktische Tätigkeit bewegt sich im Spannungsfeld der politischen Seite des Lebens. Das Gegenstück ist das abstrahierende Denken, das nach ewigen Wahrheiten sucht, die zeitunabhängig von den sich wandelnden Tatsachen immer gültig sind. Die Wissenschaft unterscheidet sich in diesem Anspruch nicht von der Religion. Beides gehört dem Reich der Wahrheiten, der "Domseite" des Lebens an. Gleichwohl haben Wissenschaft und Religion unterschiedliche geistige Ausgangspunkte, Vorgehensweisen und Antworten auf die Fragen des Lebens. Das eine nimmt Dinge wahr, welche das andere ausblendet, und umgekehrt. Daß aber überhaupt Ausgangspunkte, Methoden und Antworten vorhanden sind, zeichnet beide aus und macht sie als Varianten ein und desselben Dings erkennbar, gleichwenn sie inhaltlich anders ausfallen.

Moderne Wissenschaft ist nichts anderes als die in neue Form gegossene abendländische Religion. "Religion" beruht dabei auf der seelischen Grundstruktur des Abendlandes, zu der eine bestimmte Art gehört, die Welt zu betrachten und zu deuten. Das abendländische Christentum ist eine andere Form/Ausprägung dessen.
Alle Versuche, sich davon lösen, entspringen dem subjektiven Bestreben, sich von früher abzuheben und etwas Neues zu beginnen. Das macht allerdings den Fortschrittsgedanken aus, der die ideologische (letztlich dogmatische) Grundlage der Moderne ist. Das ist durchaus religiös. Daß Wissenschaft etwas anderes sei als Religion, etwas besseres, gehört zum Selbstverständnis des modernen Wissenschaftlers. Daß beides das gleiche ist, gehört zur Wirklichkeit.

Der scheinbare Gegensatz zwischen Wissenschaft und Religion, die Unvereinbarkeit bis zum gelegentlich auftretenden Haß zwischen ihren Vertretern (gläubige Schafe im wahrsten Sinne) entspricht Kuhns Inkommensurabilität zwischen verschiedenen Paradigmen bzw. Weltzugängen.
Wenn dem nicht so wäre, könnte es diesen Konflikt gar nicht geben, weil beide auf unterschiedlichen Schlachtfeldern anträten.
Dazu gehören als notwendiges und logisches polares Komplement Geister wie Teilhard de Chardin, die zwischen Wissenschaft und Religion sinnvollerweise gar keinen Gegensatz sahen, sondern die tiefere Einheit.

Richtig ist allerdings, dass manche Akteure die Wissenschaft heute so gebrauchen wie Priester früher (genauso verwerflich) die Religion, nämlich als Instrument zur Steuerung der Meinungen und Geisteshaltung anderer Menschen.

Die "breite Masse" konsumiert Wissenschaft heute nicht grundsätzlich anders als früher das Volk die Vorgaben der Religion, nämlich passiv und in Abhängigkeit von einer Art Priesterschaft, welche die Wahrheiten ex cathedra verkündet und entsprechend aufbereitet: Dokumentationen, Filme, Vorträge, Ausstellungen, populärwissenschaftliche Artikel und Bücher. Das waren früher Gottesdienste, Predigten, Beichten usw.
Auf der anderen Seite stehen Priester/Eingeweihte/Dogmatiker/Wissenschaftler/Studenten/Theoretiker, die in die tieferen Gründe der Wahrheiten und die denkerischen Methoden eingeführt werden, mit deren Hilfe man die Wahrheiten begründet und aus dem vorhandenen Material als Antwort auf ein theologisches oder wissenschaftliches Problem zu neuen Wahrheiten gelangt.
Man kann beklagen, daß die meisten Menschen nur Schafe sind, die gesteuert werden. Aber auch das liegt nur in der Natur des Menschen. Man kann sich indes immer bemühen, die verschiedenen Kreise der Initiation zu durchschreiten und von einem bloßen Gläubigen zu einem Eingeweihten der Gründe und Ursachen zu werden, der eine neue Lehre begründet.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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