Fachsimpelei: Odilien-Prophezeiung (Schauungen & Prophezeiungen zum Weltgeschehen)

randomizer, Freitag, 28. August 2015, 00:03 (vor 1539 Tagen) @ Ulrich6017 mal gelesen
bearbeitet von randomizer, Freitag, 28. August 2015, 00:10

Hallo Ulrich!

Die Sache ist kompliziert, deshalb kommentiere ich mal kleinlicher:

...
Fred Freuerstein zitiert Emrich mit dem Satz "M.Stoffer hatte im Jahre 1916 einen Teil der Prophezeiungen der Öffentlichkeit bekanntgegeben, jedoch wesentliche Teile davon nicht verarbeitet..."

Diese Behauptung von Emrich stimmt so nicht ganz: falls ich mich nicht irre, waren bereits ab 1916 eine längere und eine kürzere Fassung der Prophetie im Umlauf, beide gehen auf Stoffler zurück, daher ist die Formulierung "er habe wesentliche Teile davon nicht verarbeitet" etwas irreführend, das mag unlautere Absicht sein (wie Fred impliziert), vielleicht wusste Emrich es aber auch nicht besser. Auch wenn Bruno Grabinski später in den 1950ern schreibt die Odilien-Weissagung "kursierte während des ersten Weltkriegs in zahlreichen Variationen in Form von Vervielfältigungen in Deutschland", so werden damit auch nur Kurz- und Langfassung der Prophetie gemeint sein bzw. Variationen beider Fassungen.

und kommentiert:
"Es folgt eine Beschreibung Hitlers und des zweiten Weltkrieges, indem Germanien zuerst triumphiert, und dann aber untergeht..."

Richtig, das kann man gut auf die Hitlerzeit und den zweiten Weltkrieg deuten, tatsächlich stammt jener Wortlaut auch bereits aus dem Jahr 1916, Emrich hat den Text nur marginal frisiert.

Wenn ich das richtig verstehe, hat also Emrich den Text der ursprünglichen Stoffler-Fälschung "verbessert" und erst für diesen von Emrich ergänzten Text von 1938 gilt, daß er "erstaunlich genau die Ereignisse des zweiten (!) Weltkrieges (bzw. der 1930/40er-Jahre) voraus" sagt. Ist das so richtig ?

Nein, es ist komplizierter: Zunächstmal ist Emrichs Text tatsächlich korrupt: Kürzungen, Dopplungen und (wenige) neue Einschübe. Die erstaunlich genaue Vorwegnahme der Ereignisse rund um den zweiten Weltkrieg, von der ich sprach, steht aber natürlich schon in Stofflers Originaltext von 1916, sonst wäre das hier ja gar nicht weiter der Rede Wert. Emrichs marginale Einschübe entwerten nicht den ursprünglich interessanten Text. Es gibt auch gar keinen Grund, sich mit Emrichs Textkrücke groß aufzuhalten, die maßgeblichen Primärquellen sind nunmal französisch und (neu)latein, wobei der französische Text ganz leicht googlebar ist (@Hollabusch), während der lateinische Wortlaut früher im Netz gar nicht zu finden war (habe jetzt nicht nachgeschaut, ob sich das inzwischen geändert hat).

Noch kurz zu Deiner Formulierung 'Stoffler-Fälschung': 'Fälschung' nur insofern, als daß Stoffler annimmt und suggeriert, der Text sei mittelalterlich. Ob Stoffler den ursprünglichen Text selbst verfasst und lanciert hat, wissen wir nicht, frühere Kritiker haben das naturgemäß erstmal unterstellt. Meine oberflächliche, vorläufige Vermutung ist jedoch, daß Stoffler den Text im lateinischen Wortlaut lediglich irgendwann zugespielt bekam und dann selbst eine Übersetzung davon besorgte/veranlasste. In seiner Broschüre versucht er dann krampfhaft und langatmig, die Prophetie mit dem Geschehnissen des ersten Weltkrieges in Einklag zu bringen, was aber kaum überzeugen kann. Solchermaßen würde nach meiner Einschätzung niemand kommentieren, der den Ursprungstext selbst verfasst hätte. Vielmehr hat Stoffler die Prophetie wohl nur verbreitet und zwar mit ganz naiven/falschen Ansichten über Alter und Relevanz der Weissagung. Der Verfasser war er mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch nicht!

Fred weiter:
"Somit ist der Fall recht klar:
Bei dem Buch handelt es sich um einen Versuch Schauungen auszuschmücken, um zu einem gewünschten Ergebnis zu gelangen.
Daß die Geschichte glücklicherweise genau so mit dem Untergang der Nazis ausgegangen ist, wie es Emrich wahrscheinlich erhofft hatte, war m.E. pures Glück seinerseits. Er nahm als Prognostiker die damalige Stimmung auf und "erweiterte" ihm genehme Schauungen um wahrscheinlich gefälschte Passagen."

http://216.194.92.47/forum/messages/22253.htm

Ja, das Fazit von Fred würde ich so unterschreiben. Emrichs Quellenauswahl ist eigentlich legitim und glücklich, daß er die Quellen dann gelegentlich mit kleinen Einschüben frisiert, ist aber umso illegitimer, zumal er auch ohne diese Nachbesserungen ein intessantes Buch zusammenbekommen hätte. Übrigens: Das Literaturverzeichnis im 1938er-Buch ist das korrupteste und irreführendste Quellenverzeichnis, das ich je gesehen habe. Bei nahezu jedem Eintrag sind Fehler lanciert: entweder im Titel, bei der Schreibweise des Autors, manchmal bei der Jahreszahl. Unter normalen Umständen wäre das eine ziemliche Frechheit und Beleidigung des Lesers und beinahe schlimmer als gar kein Quellenverzeichnis zu bringen, aber das Buch erschien ja nicht unter normalen Umständen! Emrich schrieb aus dem Exil, wollte aber möglichst viele Leser innerhalb der Reichsgrenzen erreichen. Emrich fürchtete offenbar, daß ein korrektes Literaturverzeichnis in den falschen Händen (NS-Schergen) die Konfiszierung/Vernichtung der zitierten Literaur im Reichsgebiet erst anregen könne (wohingegen diese unscheinbaren Quellen sonst vielleicht unbeachtet geblieben wären). Um es den Schergen bei der Zensur nicht unnötig einfach zu machen, hat er offensichtlich die ganzen Fehler eingebaut. Wer Ahnung von den Quellen hat, kann die korrupten Angaben trotzdem halbwegs deuten. Diese unsaubere und unseriöse Art zu zitieren mag man angesichts der Umstände erstmal verzeihen; diese Umstände haben ihm das (teilweise) 'Frisieren' seiner Texte aber auch deutlich erleichtert, denn kaum jemand hätte es Ende der 1930er geschafft, die weit verstreuten Quellen mit Emrichs korrupten Quellenangaben zu beschaffen und so die hinzugeschummelten Nachbesserungen Emrichs überhaupt zu entlarven.

Viele Grüße
randomizer

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PS: Danke übrigens, den von Dir verlinkten Aufsatz kannte ich noch nicht, ist ja auch noch relativ neu, wirkt aber bereits auf den ersten Blick sehr kompetent und erschöpfend, einzig die (angebliche) Verwandtschaft zu dem prophetischen Elsässer ist dort natürlich nicht untersucht.


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