Gog, Magog und Renner (Schauungen & Prophezeiungen zum Weltgeschehen)

Ulrich ⌂, Germering, Mittwoch, 26. August 2015, 02:25 (vor 1541 Tagen) @ Taurec5930 mal gelesen

Hallo Taurec,

Was mich darüber hinaus interessiert, ist die Frage, ob und wie stark der russische Feldzug mit endzeitlichen Vorstellungen über die Völker Gog und Magog zusammenhängt, bzw. einem Gegner aus dem Osten, der schon im spätantiken Pseudo-Methodius vorkommt. Siehe hier.
Wäre es möglich, daß dieses Motiv später nach Europa wanderte und in Vergessenheit des Ursprungs zunächst an die Türken, später an die Russen geheftet wurde, jene Völker, die in unserer geographischen Lage dem Osten entsprechen?

So beurteilt es auch Hanns Bächtold-Stäubli im "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens".
"Prophetia de terribili lucta Austri et Aquilonis et proelio horrendo in finibus ducatus Westphaliae prope Budbergam. Ex libro, cui titulus erat: Coelestis Anonymi reintegrationis tractatus de visionibus illustrati", eine Abschrift aus dem Jahre 1701 eines verloren gegangenen Drucks, nennt er als älteste Version der eschatologischen "Schlacht am Birkenbaum":

"Der Text setzt sich zum größten Teil aus biblischen Zitaten zusammen, so Abschnitt 1 aus Luc. 21, 26; Marcus 13, 12; Lucas 21, 10; (Apoc. Joh. 16, 14) und der 15-Vorzeichen-Legende (s. jüngster Tag). Der 2. Abschnitt mag ursprünglich auf die Endschlacht bei Jerusalem (Apoc. Joh. 20, 9) in der Mitte der Erde (Lactantius, div. institutiones VII. 19) bezogen worden sein; später erst wurde die Schlacht nach der Mitte Deutschlands verlegt. Die siegenden Völker des Siebengestirns sind die des Nordens (septentrio).
Der Kampf selbst hat sein Vorbild wohl im Kriege Gogs, der von Norden gegen Jerusalem zieht (Auster contra aquilonem der Prophezeiung). Wie weit eine Prophezeiung von 1670 (s. Endschlacht) von Einfluß ist, ist nicht ganz deutlich.
Es ist nicht schwer, den zeitgeschichtlichen Anlaß für diese Weissagung zu finden. Die Deutung hat von der Gegenüberstellung Auster contra aquilonem auszugehen. Das konnte 1701 nur bedeuten die große Allianz der Seemächte mit Österreich und Preußen gegen Frankreich, Bayern und Köln. In diesem Kampfe handelt es sich nicht um Vaterland oder Glauben, sondern um die Oberherrschaft. (Vgl. dazu die Tiroler Weissagung: Auf der Langwiese sollen drei große Schlachten gekämpft werden, eine für die Religion, eine für den Kaiser und eine für die Freiheit; zwei derselben sind schon geschlagen, die dritte steht noch bevor: ZfVk. 8, 324 f.).
Mitten in Deutschland werden sie aufeinander treffen; am Birkenwäldchen, das ist an der Grenze zwischen kölnischem und preußischem Gebiet, wird der Kampf entschieden werden. Bereits Rohr hat die Prophezeiung aus dieser Situation November 1700 zu deuten versucht. [gemeint ist:] Rohr 26 f.; Die Geschicke Deutschlands, seiner Verbündeten und seiner Feinde im Lichte alter Prophezeiungen 1918."

(Quelle: HWA, Bd.9N, 211 ff.)

Auf dieses importierte "Armageddon"-Szenario hin, daß nicht auf Schauungen beruht, sondern auf in die lokale Provinz hinein interpretierte Bibelzitate, wird dann jede künftige individuelle Schau, wenn nicht vom jeweiligen Seher, dann spätestens vom überliefernden Volksmund gedeutet, hingebogen, angepasst, wobei sich das Gesamtbild geschmeidig dem jeweiligen Zeitgeist anpasst.

So handhabt es Beykirch 1849 ( http://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/ob/content/titleinfo/719501 ) mit den Aussagen von Eilert (Jaspers), auch mit jenen, die außer Eilert bereits dem "unbekannten Mönch aus Werl" zugeschrieben wurden. Abbe Curique reiht es wiederum in seine unkritische Sammlung ein ( http://www.liberius.net/livre.php?id_livre=588 , S. 662 ), Irlmaier greift es teilweise wörtlich wieder auf, usw. usw.
Solche Import-Export-Re-Importe mit dem Effekt der Vernebelung der Herkunft kennt man anderweitig von Schweinehälften zum Zweck der Subventions-Erschleichung oder des Steuerbetrugs .

Die ausstehenden Elemente der Feldpostbriefe sind (m.E. vollständig) in der sich an die jeweilige Zeit anpassenden Varianten der Birkenbaum-Überlieferung enthalten, die aber ihren Ursprung in einer auf die Jahre 1700/01 gemünzten Konstruktion von Bibelzitaten hat.

Frumentius Renner versteigt sich in "Neue Wissenschaft" (5/1955, S.367) hinsichtlich der Feldpostbriefe dagegen zu dem absurden Urteil:

"Von einer Prophezeiung soll hier die Rede sein, die infolge ihrer Einzigartigkeit verdient, festgehalten zu werden. Sie ist da und dort im Volke bekannt; einige Reste haben sich schon seit langen in unsere Gegend verschlagen. Das Heimatland dieser Prophezeiung ist Frankreich. Unsere Soldaten haben im vergangenen Krieg dort ihre Spuren wiedergefunden. Sie soll dort unter dem Namen "Prophezeiung der heiligen Ottilia" verbreitet sein. Es scheint fast, dass der Ausläufer, der sich in bayerisches Land verloren hat, am ehesten geeignet ist, uns mit ihr vertraut zu machen. Dass diese Prophezeiung die Merkmale echter Weissagung hat, ist unschwer zu erkennen."

Die Prophezeiungs-Fälschung von Georges Stoffler, die dieser St. Ottilia zuschrieb, stammt jedoch aus dem Jahre 1916, also 2 Jahre nach Abfassung der Feldpostbriefe!
https://archive.org/details/LaProphetieDeSainteOdile

Das einhellige Urteil derer ignorierend, die sich seit 1916 mit Stofflers Fälschung auseinandergesetzt haben, gaukelt Renner damit seinen Lesern vor, der Text der Feldpostbriefe als Ganzes stehe in einer tradierten Überlieferung. Wer diesen Unsinn glaubt, wagt es kaum für möglich zu halten, daß der Inhalt der Feldpostbriefe auf verschiedenen Quellen beruhen könnte: Schauungen aus erster Hand, Schauungen aus zweiter Hand, Versatzstücke kirchlicher Endzeiterwartung.
Statt dessen erwartet er, daß bei so vielen richtigen Aussagen, die nächste Zukunft betreffend, auch die ausstehenden Elemente eintreffen werden, Antichrist hin oder her.

Unter Vorgaukelung des Bezugs auf eine tradierte Überlieferung - tatsächlich aber eine ausgewiesene Fälschung - gelingt Renner der Kunstgriff, dank der vielen zutreffenden Aussagen der Feldpostbriefe, bezüglich der ausstehenden Elemente, wieder den Bogen zurück zum westfälischen Provinz-Armageddon zu schlagen, aus dem jene entnommen sind.

Gruß
Ulrich


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