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Religion, diesseitige Wissenschaft (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Samstag, 12. Mai 2018, 20:56 (vor 871 Tagen) @ Ranma (ランマ)2688 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Samstag, 12. Mai 2018, 21:07

Hallo!

Erdähnlichkeit wäre ein weiterer Fortschritt, der zur Entwicklung weiterer Untersuchungsmethoden anregt. Zur Empfindungsfähigkeit ist zu sagen, daß der wissenschaftliche Fortschritt zumindest für ein für wissenschaftliche Aussagen offenes Publikum bereits zur Widerlegung des katholizistischen Dogmas geführt hat. Es wird also nicht mehr vom Papst festgelegt, welche Arten empfindungsfähig sind und welche nicht. Vielmehr bedeutet Letzteres nicht lebendig zu sein.

Ich schrieb zunächst "intelligent" und tauschte es wegen des zu oberflächlichen Bezuges zum grobstofflichen Verstand des Gehirns durch "empfindungsfähig" und meinte damit "mit dem Menschen vergleichbar beseelt" in dem Sinne, daß diese Lebewesen ein über das Tierische hinausgehendes Selbstbewußtsein besitzen. Ich unterstelle, daß der Mensch qualitativ etwas völlig anderes ist als ein Tier (inklusive Menschenaffen). An irgendeiner Stelle in der Evolution muß in meinem Bilde der Welt ein qualitativer Sprung stattgefunden haben, an dem schlagartig statt tierischer menschliche Seelen inkarnierten.
Daß man auch Tiere als empfindungsfähig bezeichnen kann, steht auf einem anderen Blatt.
Pflanzliches Leben festzustellen, sofern es wie auf Erden Photosynthese betreibt und nicht etwa mit anderem Absorptionsverhalten andere Stoffe umwandelt, mag mit sehr genauen Aufnahmemethoden, welche die Planeten direkt aufnehmen, möglich sein, weil die Pflanzenbedeckung großflächig wäre. Zwischen den Pflanzen lebendes tierisches oder höheres Leben auf diese Weise zu erkennen, halte ich für nicht möglich, da es sich nicht um flächenhafte Pflanzengesellschaften, sondern Individuen handelt.

Ausgenommen ist wohl der unwahrscheinliche Fall, in dem Zivilisationen den Großteil ihres Planeten bedecken.

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Durchaus hat die Anforderung an wissenschaftliche Theorien, potentiëll falsifizierbar formuliert zu sein, diesen Nachteil. Jede wissenschaftliche Theorie, jedes wissenschaftliche Axiom wartet potentiëll nur darauf, endlich widerlegt zu werden. Genau das ist es, was Wissenschaft ausmacht. Also genau das ist der Unterschied zur Religion! Die Forderung nach falsifizierbarer Formulierung verhindert, daß irgendeine Autorität uns ihre Meinung als ewig wahre und nicht anzweifelbare Antwort aufdrückt.

Potentiëll warten durchaus auch die Hauptsätze (Axiome) der Thermodynamik und das Axiom, daß die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum die maximal mögliche Geschwindigkeit in unserem Universum ist, darauf, durch Beweise widerlegt zu werden. Anders als die Religion zeichnet sich die Wissenschaft dadurch aus, daß sich in der Wissenschaft auch ein Axiom einem Beweis beugt!

Widerleg doch einfach mal die Hauptsätze der Thermodynamik! Also falls du dir das wirklich so einfach vorstellst. Du kannst sie zwar so lange zerreden bis jeder Zuhörer oder Leser sie als albern empfinden wird, trotzdem bleiben sie die wissenschaftliche Grundlage vieler technischer Geräte, die von den selben Zuhörern oder Lesern benutzt werden. Das machen diese Zuhörer und Leser, weil die technischen Geräte trotz einer verbleibenden philosophischen Restunsicherheit funktionieren!

Vorausgeschickt werden muß, daß es wohl (natürlich nicht beweisbar) eine objektive Realität gibt, gleichwenn sie der Mensch aufgrund seiner Beschränktheit nicht vollständig erfassen kann. Es hindert ihn aber nicht daran einzelne Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und in ein Modell zu fassen. Die Thermodynamik ist womöglich solch ein Modell, auch wenn ich mich als Nichtphysiker nicht zu der Aussage verleiten lasse, daß sie widerlegbar oder unwiderlegbar wäre.

Darüber hinaus weist die Wissenschaft in ihrer menschlichen Organisationsform, eben weil der Mensch die Welt nicht objektiv erkennen kann und auch die wissenschaftliche Wahrheitssuche nur eine Annäherung ist, Strukturen auf, die religiösen Organisationen durchaus ähneln.

Thomas Kuhn hat das anhand seiner Philosophie der Paradigmen, die sich erst abwechseln, wenn die Vertreter ihrer Axiome aussterben, dargestellt.
Horst Friedrich hat es in "Jahrhundert-Irrtum Eiszeit" mittels Kuhns anhand der Geologie beispielhaft durchexerziert.
In der Praxis verhält sich der wissenschaftliche Diskurs eben wie der Widerstreit religiöser Positionen. Das Ideal der Wahrheitsfindung steht darüber, nicht aber die menschliche Erkenntnisfähigkeit bzw. die Unfähigkeit zur Objektivität. Den Anspruch, im Universum ewig geltende Gesetzmäßigkeiten (nur ein anderer Ausdruck für "ewige Wahrheiten") zu erkennen, wenn auch nur annäherungsweise, teilt die Wissenschaft mit der Religion.

Auf Spengler, der die Wissenschaft meines Erachtens korrekt als eine Spielart und Sondererscheinungsform der religiösen Seite des Lebens einordnet, weise ich an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber hin. Es gibt entsprechend den Urständen Adel und Priestertum nur die politische und die religiöse Seite der Medaille des Lebens, eine auf das Diesseits (Politik und Tatsachen) und eine auf das Jenseits (Religion und Wahrheiten) ausgerichtete Seite. Das entspricht der Polarität des Lebens, wie es sich auf unserer Ebene aus der Einheit aufspaltet.
Die politische Seite des Lebens sucht nicht nach ewigen Gesetzmäßigkeiten, sondern nach dem, was im Augenblick richtig ist (zu anderen Zeiten kann das selbe falsch sein). Sie will das Leben in der Zeit verlängern. Dagegen rücken Wissenschaft (als Ideal) und Religion zu Einem zusammen.

Indes ist natürlich nicht zu leugnen, daß die moderne Wissenschaft und die Religion verschiedene Aspekte der Welt betrachten. Die Wissenschaft ist auf Materielles, Meßbares, auf Raum und Zeit bezogen. Die Religion ist auf die überirdischen Aspekte bezogen. (Man müßte an dieser Stelle wohl die Philosophie als ein Drittes miteinbeziehen, das zwischen den Welten wandert.)
Ich schrieb "moderne Wissenschaft", weil dies in früheren Zeiten, z. B. in der Alchemie und in der Astrologie (die ich nicht pauschal als Unsinn abtue), in welche Transzendentes einfloß, nicht der Fall war.

Ich traue beiden (Wissenschaft und Religion) zu, auf ihren Feldern mit ihren Methoden Gesetzmäßigkeiten der Welt richtig zu erfassen und in anwendbare Modelle zu fassen. So mag es durchaus Schamanen, Geistheiler, Exorzisten, Gebetskreise usw. geben, die zu höheren Ebenen Kontakt halten, und denen von dort Energien und Hilfen zufließen sowie Erkenntnisse über Schöpfungszusammenhänge, die der diesseitig orientierten Wissenschaft verschlossen bleiben.
Davon sind wiederum die Kirchen und Dogmatiksysteme zu unterscheiden, die sich zu solchen Praktiken wohl genau so verhalten, wie universitäre Institute zur angewandten Wissenschaft als Denk- und Arbeitsmethode.

(Ja, für dich gibt es natürlich auch einen Restzweifel an der Existenz der Schwerkraft, weil schließlich zur Zeit noch an ungeklärten, die Schwerkraft betreffenden Fragen geforscht wird. Was jedoch nicht möglich wäre, wenn die Schwerkraft nicht existierte.)

Die Schwerkraft zu leugnen, wäre dämlich. Das hindert aber nicht daran, Theorien über die Schwerkraft abzustreiten.
Desgleichen kann man den Welle-Teilchen-Dualismus des Lichtes bestreiten, ohne deswegen die Existenz des Lichts zu leugnen.

Ich halte es für möglich, daß gerade die Feststellung, daß sich Licht wie Wellen und Teilchen verhält, ohne beides zu sein, darauf hinweist, daß es etwas Drittes ist, das der diesseitigen Physik nicht zugänglich ist. Licht hätte demnach (ebenso womöglich die Schwerkraft) Aspekte, die über die grobstoffliche Welt hinausreichen.

Natürlich hat Mathematik etwas mit Glauben zu tun, nämlich indem sie die Nahtstellen zwischen dem Wißbaren und dem Ungewissen nachzeichnet.

Also den Satz habe ich wohl nicht verstanden. Wie zeichnet Mathematik die Nahststelle nach?

Die Grenze ist dort zu verorten, wo mittels der Mathematik lediglich Wahrscheinlichkeiten ermittelt werden und somit eine Unsicherheit ("Ungewisses") in Zahlen gefaßt wird, aber zugleich auch eine gewisse Gewißheit.
Das Blöde ist, daß auch eine neunundneunzigprozentige Wahrscheinlichkeit nicht davor feit, daß man rein zufällig (also schicksalhaft) zu einem von hundert Fällen gehört, in dem das eine Prozent Restunsicherheit zutrifft. In solchen Fällen erweist sich die Wahrscheinlichkeit, auf die man sich stützt, als eine "Glaubensaussage" bzw. eben als eine Annahme.

Sobald mehr validierte Informationen vorliegen, läßt sich die Grenze der Gewissheit (dessen, was man wissen kann, also des "Wißbaren") weiter in das Unbekannte hinaus verlagern bis zu dem hypothetischen Zustand der völligen Sicherheit, welcher aber der für den Menschen wohl unerreichbaren absoluten Objektivität entspricht.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Alles, was tief ist, liebt die Maske.“


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