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Sprachliche Unterscheidung (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 10. Mai 2018, 12:42 (vor 875 Tagen) @ Ranma (乱馬)2786 mal gelesen

Hallo!

Der Beitrag ist heute morgen im Spamfilter hängengeblieben. Vielleicht wegen japanischer und Hindischriftzeichen, da aus dieser Ecke häufig auch Spambots kommen? :confused:

Vielleicht liegt es auch daran, daß sie deine Unterscheidung nicht kennen, die in der Praxis doch sehr wohl auf nur dieses Forum beschränkt ist. In den meisten Sprachen ist diese Unterscheidung kaum bis garnicht möglich. Schon im englischsprachigem Bereich tut man sich schwer, Quellen zu finden, wenn man alles ausschließt, das nicht ‚Schau‘ genannt wird. In den meisten Sprachen muß man sogar nach ‚Prophezeiungen‘ suchen, falls man auch nur eine einzige Quelle finden will. Das japanischsprachige Netz gibt noch nichtmal dann irgendetwas her. Mit der Beschränkung auf Schauungen, die auch noch ‚Schauungen‘ heißen müssen und bei denen es sich um Gottes Willen unbedingt um optische Wahrnehmungen handeln muß, wird von vorneherein jede Suche nach Quellen zur Erfolglosigkeit verdammt. Weil diese Unterscheidung halt wirklich auf dieses Forum beschränkt ist.

Die Deutschen taten sich historisch nicht umsonst als Vollbringer hervorragender Entdeckungen, Erfindungen und als Denker hervor. Unsere Sprache ist grammatisch ausgefeilter und im Wortschatz oftmals exakter als die übrigen Gegenwartssprachen. Sollten wir Begriffe haben, die auch transzendente Phänomene besser analysieren helfen, ist das als erkenntnismäßiger Vorteil zu betrachten, der uns einen Vorsprung gegenüber Amerikanern, Japanern und anderen verschafft.

Sollte ein Gegenstand als unzureichend erfaßt empfunden werden, hindert indes nichts daran, für die nicht abgedeckten Bereiche andere Begriffe zu finden bzw. zu formen oder für alles einen Überbegriff.
Zudem sollte man sich an den Übergängen zu anderen Sprachgebieten und somit zwingend zu abweichenden Denktraditionen bewußt sein, daß dort aufgrund einer anderen Einteilung der Welt Dinge vermischt werden, die ich auseinanderhalte.

Wenn Jess Stearn Cayce einen "schlafenden Propheten" nennt, ist das meines Erachtens eine treffende Bezeichnung, da Cayce eben nichts sah, sondern im Schlafe Aussagen machte. Siehe "Prophet" von altgr. "pro-" und "phemi" ⇒ "Ich sage vor". Das deckt sich sogar mit dem Begriff des "Readings" sehr gut. Man muß also sogar im Englischen ein Bildungsdefizit haben, um diese Dinge mit "Sehen" zu vermischen.

Darüber hinaus hätten sie durchaus passende Wörter zur Unterscheidung:
Vision von lateinisch "videre" ("sehen").
Precognition von lateinisch "prae" ("voraus") und "cognoscere" ("erkennen").

Zudem gibt es noch die aus dem Griechischen stammende "paragnosis" von "para" ("neben") und "gnosis" ("Kenntnis"). Dabei ist letztlich nicht darauf abgehoben, woher die Kenntnis stammt, solange sie auf eine neben dem herkömmlichen Wege der Kenntniserlangung liegende Art generiert wird. Cayce wäre daher auch korrekt als "Paragnost" bezeichnet, worunter sich "Trancemedien" (von lat. "transire" = "hinübergehen" und "medium" = "Mitte", also "Mittler") subsumieren lassen, die in dieser Eigenschaft nicht selbst sehen, sondern lediglich den Transportkanal für Aussagen Hinübergegangener zur Verfügung stellen.

Mir scheint, es handelt sich tatsächlich mehr um Denkfaulheit oder Wunschdenken, die dazu führen, die Dinge nicht beim korrekten Namen zu nennen, nachdem Englischsprachige durchaus in bester abendländischer Denktradition über passende Begriffe verfügen.
So kann man leichtfertig eine unsichere, mit größeren Unwägbarkeiten verbundene Methode durch die Verwendung eines handfestere Wahrnehmungen verheißenden Begriffes scheinbar aufwerten. An dem Ding an sich ändert sich dadurch natürlich objektiv gar nichts. Cayce bleibt trotzdem ein schlafender Wortaussagenmacher.

Letzten Endes muß man sich dann mit Aussagen herumschlagen, die mit dem Prädikat "Seher" verbreitet werden, dabei implizierend, daß sie aufgrund ihrer vermeintlichen seherischen Herkunft auch über Zweifel erhaben wären. Der nächste Schritt, der sich daraus ergibt, zeigt sich z. B. darin, daß man in China das Christentum aufblähen muß, um Cayces "Schau" zu bestätigen, wobei Relativierung sich gefälligst verbieten soll.
Sehen ist eben Sehen und nichts anderes, vor allem wenn für das Andere eigentlich genügend Begriffe vorhanden wären, die man nur verwenden müßte, um damit sein Denken zu differenzieren.

Das ist die weitaus üblichste Weise, um etwas auf anderem Wege als über unsere materiëllen Sinnesorgane zu erfahren. Jüdische Mystik behauptet, daß sich Erzengel Ratziel jeden Tag auf den Berg Sinai begibt, um dort sämtliche Geheimnisse des Universums hinauszuposaunen. Man müßte ihm nur zuhören.

Das ist wohl weniger eine empirische Tatsache als eine Allegorie, um das Weltgedächtnis (vergleichbar der Akasha-Chronik) in ein Bild zu bringen. Im übrigen scheinen in diesem Kulturkreis Propheten (also von Gott mündlich aufgeklärte und wiederum mündlich dem Volk kündende) die gängige Form göttlicher Offenbarung zu sein, im Grunde wohl nicht viel anders als Marien- oder Jesuserscheinungen, deren Aussagen ich seit jeher korrekt als Prophezeiungen (Wort(vor)aussagen) bezeichne.

Die Veden der Alten Inder wurden von den Ṛṣi (ऋषि) gehört, darum heißen Offenbarungen im Hinduismus Śruti (श्रुति), wörtlich ‚das Gehörte‘, obwohl Ṛṣi (ऋषि) als ‚Seher‘ übersetzt wird und auch wirklich von einem Wort für sehen abgeleitet ist.

Der Ursprung der Veden ist mythisch. Nach mehreren tausend Jahren rein mündlicher Überlieferung, ist wahrscheinlicher, daß sich "Śruti (श्रुति), wörtlich ‚das Gehörte‘" auf diese Überlieferungsweise und nicht die im mythologischen bzw. historischen Nebel liegende Entstehung bezieht. Sofern die Inder annehmen, daß die Offenbarungen von oben diktiert wurden, sehe ich keinen Widerspruch zu meinen Begrifflichkeiten.

Die Bedeutung von "Ṛṣi (ऋषि)" scheint vielschichtiger zu sein. Mögliche Ursprünge:

  • gehen, bewegen
  • fließen
  • Dagegen scheint "sehen" eine mit Unwägbarkeiten behaftete spätere Ableitung zu sein. ("Monier-Williams also conjectures that the root drish (to see) might have given rise to an obsolete root rish meaning 'to see'.")
  • Eine heute wohl bevorzugte Ableitung verbindet es mit dem avestischen (altiranischen) "ərəšiš" ("Ekstatiker") und über indogermanische Sprachverwandtschaft mit dem deutschen "rasen" im Sinne von "toll sein", "außer sich", was auf religiöse Tranceerfahrungen, die solchen Offenbarung mutmaßlich zugrundeliegen, doch besser paßt als "sehen".

Es scheint als sind nicht nur andere Menschen, sondern auch die Quellen paranormaler Erfahrungen keineswegs gewillt, sich deiner willkürlichen Einteilung zu beugen. Zum sortieren einer Sammlung mag sie taugen, aber eine darüber hinausgehende Anwendung verunmöglicht schon das Sammeln.

Mythische/religiöse Texte vorschnell als paranormale Erfahrungen zu klassieren, nur weil sie selbst von sich behaupten, was man persönlich als paranormale Erfahrung begreift, ist genau die von mir angesprochene Unterscheidungsschwäche. Die Bibel ist auch nicht Gottes Wort.

Eigentlich geht es ja nur um eine Unterscheidung zwischen Eindrücken, die man selbst aktiv erfahren hat, und Mitteilungen, die einem von anderen Wesenheiten wörtlich gemacht werden, gleich ob diese Wesenheiten selbst jenseitigen Ursprungs sind oder irdisch eingekörpert. Diese Unterscheidung verbietet es, Trancemedien wie Cayce, Ekstatiker wie Jahenny, Schreibkneckte wie Lorber und andere als Seher zu bezeichnen. Es ist nicht nur die Form der Wahrnehmung, sondern vielmehr die Tatsache, daß zwischen dem Empfänger und der Urquelle der Information nachweisbar noch ein Zwischenglied in der Kette ist in Form der übermittelnden Wesenheiten, die Prophezeiungen machen. Mit denkenden und empfindenden Wesenheiten in der Kette kommt das Element absichtlicher oder unabsichtlicher Verfälschung und Irrtümer hinzu, das man nicht leichtfertig negieren sollte, indem man durch den Begriff "Seher" eine ursprünglichere Wahrnehmung unterstellt, die direkt aus der Quelle stammt (wobei auch hier unsichtbare Zwischenglieder nicht ausgeschlossen sind).

"Sehen" ist eine ursprüngliche Form der Wahrnehmung, während das Hören von Worten (also nicht Geräuschen als Teil einer seherischen Wahrnehmung) einen denkenden und formulierenden Geist voraussetzt, der eine Information interpretierend, verdichtend und reduzierend, damit auch zwangsläufig verfälschend in Sprache faßt. Es gibt keine Möglichkeit, mag die paranormale Erfahrung auch noch so gesichert, die Quelle noch so hochstehend sein, diese Qualität einer Wortaussage jener eines gesehenen Bildes anzunähern. Gehörte Worte sind stets ein Abklatsch einer Information, nicht das Ding an sich. In Visionen bestehen vielschichtigere Darstellungsmöglichkeiten. Schauungen sind dem eigentlich gemeinten trotz (oder gerade wegen) der Symbolik also näher, damit auch authentischer und hochwertiger. (⇐ Man beachte die Komparative, die keine absoluten Urteile andeuten sollen.)

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Alles, was tief ist, liebt die Maske.“


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