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Ein Beispiel aus dem "Pentagramm" (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 23. Februar 2017, 23:51 (vor 1373 Tagen) @ BBouvier5134 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Freitag, 24. Februar 2017, 00:20

Hallo!

Man nehme sich nur mal als Beispiel eine vielzitierte Aussage Kugelbeers:

"Über Nacht kommt die Revolution der Kommunisten, verbunden mit den Nationalsozialisten, der Sturm über Kloster und Geistliche. Die Menschen wollen es, zuerst nicht glauben, so überraschend tritt es ein. Viele werden eingekerkert und hingerichtet. Alles flieht in die Berge, der Pfänder ist ganz voll Menschen.
Wie ein Blitz von heiterem Himmel kommt der Umsturz von Rußland her zuerst in Deutschland, dar auf in Frankreich, Italien und England. Allerorts ist Aufruhr und Zerstörung."

Hierbei handelt es sich nicht um eine Seherschau, erkennbar an folgenden Punkten:
1. eine bloße Auflistung pauschaler Ereignisse ohne Details
2. Schilderung der Gedanken (!) fremder Menschen (in Schauungen ein Ding der Unmöglichkeit)
3. Kolorit der damaligen Zeit: Kommunisten und (Zwanziger Jahre!!!) Nationalsozialisten
4. Plagiat einer dem Stormberger zugeschrieben Aussage: "Die Berge werden ganz schwarz werden von Leuten."

An der obigen Passage ist nicht der geringste Hauch einer echten Seherschauung.

Dann kommt die berühmte Köpfmaschinenszene:
"Der Seher sieht an einem Ort eine lange, breite Straße, von Soldaten umsäumt, darin Jung und Alt, Frauen, Kinder, Greise. Am Straßenrande steht eine Köpfmaschine, die der Oberhenker durch einen Druckknopf in Tätigkeit setzt, zu beiden Seiten von je zwei Henkern unterstützt. Alle diese Menschen werden enthauptet, Es fließt so viel Blut, daß die Köpfmaschine 2 bis 3 mal versetzt werden muß."

Das könnte eine echte Schau Kugelbeers sein, weil hier in der Tat eine konkrete Szene geschildert wird. Schauungen enthalten immer konkrete Szenen, die beschreibbar sind.
Leider hängt diese Szene völlig in der Luft, weil der erst Absatz der Aussage eine Komplettfälschung ohne Schauungselemente ist. Es ist gar nicht klar, in welchem Zusammenhang diese Szene stattfinden sollte.

Ein weiteres Problem bei Kugelbeer: Gann hat in den Achtzigern Kugelbeers Nachkommen ausfindig gemacht, die von Schauungen ihres alten Herren aber überhaupt nichts wußten.

Schlußfolgerung: Mit einiger Wahrscheinlichkeit sind auch diese vermeintlich echt daherkommenden Szenen eine reine Erfindung.
Im Falle der ziemlich irrsinnig wirkenden Köpfmaschine kein großer Verlust.

Weiteres Indiz für Fälschung: "Der Papst Pius XII – als solchen erkennt der Seher ihn an seinen Gesichtszügen – flieht mit 2 Kirchenfürsten auf Nebenwegen zu einer alten Kutsche und in ihr über Genua in die Schweiz."

Pius XII. regierte von 1939 bis 1958.
Pater Ellerhorst behauptete bei Veröffentlichung im Jahre 1951 allerdings:
"Text nach Aufzeichnungen von P. Ellerhorst O.S.B, auf Grund von 1922 gemachten persönlichen Befragungen des Sehers."
Da soll also Kugelbeer 1922 Pius XII. erkannt haben, der erst 1939 Papst wurde.
Allerdings fällt die Veröffentlichung der Kugelbeerschen Aussagen genau in Pius' XII. Regierungszeit. => Diese Aussage wurde wohl erst nach 1939 geschrieben und ist der christlichen Endzeitnaherwartung entsprechend in die Fünfziger Jahre projiziert.
Schlußfolgerung: Der Text wurde 1951 zumindest nachbearbeitet.
("Zumindest" beinhaltet sprachlich die Möglichkeit, daß der Text in weiten Teilen oder komplett erst 1951 erfunden wurde.)

Als nächstes kommt die Szene der Kaiserkrönung, die einige Elemente aufweist, die auf Fälschung hindeuten:
1. Wortwahl: "Der große Monarch". Damit sortiert sich die Weissagung absichtlich in die seit dem Mittelalter bestehende Weissagungstradition des "Weltkaisers der Endzeit" ein, die sie lediglich weitererzählt. "Großer Monarch" ist dabei eine ähnlich feststehende Wendung wie in anderen Texten "Antichrist".
2. "Krönungsmantel aus Weiß mit goldenen Lilien". Es handelt sich also um einen französischen großen Monarchen. Warum? Weil Kugelbeer/Ellerhorst als Vorlage auf die französischen Prophezeiungen über den großen Monarchen aus dem 19. Jahrhundert zurückgreift, die Miguel in seinem Buch "Les derniers sceaux: prophéties pour l'avènement de l'empire millénaire" zusammengefaßt hat (und die wohl teils schon bei Curicque 1871 gedruckt sind).
3. "Auf dem Rückzug nach Italien kommen Papst und Kaiser nach L., wo der Seher ihnen die Hand drückt." Das ist die typische endzeitliche Naherwartung, die kein präkognitives, sondern bloß ein religiöses Element ist.
Wenn einem bei einem solchen Satz, mit dem der Seher selbst noch erhöht wird, nicht die Alarmglocken läuten, hat man ein ziemliches Brett vor dem Kopf. Kugelbeer erreicht da bald für Rubenstein typische Selbstbeweihräucherungsausmaße.

Und so kann man sich die überwiegende Zahl älterer Texte herannehmen und tätigt dabei meist Griffe ins Klo. :-(

Irrig wäre es, weil die Fälschung Kugelbeer mit ihren Vorlagen übereinstimmt und sich an den seit Jahrhunderten in seinen Grundzügen feststehenen Ablauf der christlichen Endzeitprophetie mit ihren Standardmotiven hält, diese Deckung als Beweis der Echtheit (nämlich der Prophezeiung und ihrer Vorlagen) zu werten. Das gilt natürlich auch für andere Prophezeiungen, die in der Regel alle zu dem selben Glaubenskomplex gehören.
Dieser Zirkelschluß gleicht als Mechanismus der Selbstbestätigung der eigenen Glaubensauffassungen einem intellektuellen Ouroboros, einem Wesen, das einen geschlossenen Kreislauf bildet, von außen nichts neues aufnehmen kann und stets nur seine eigenen Ergüsse wiederverdaut. ;-)
Nicht verwechselt werden dürfen solche Prophezeiungen mit Schauungen, Visionen, Traumgesichten, Präkognition etc.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Alles, was tief ist, liebt die Maske.“


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