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Kurz recherchiert: Gottes Sohn / Menschensohn (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Freitag, 26. Oktober 2018, 10:59 (vor 22 Tagen) @ Deutscher im Exil727 mal gelesen

Hallo!

Wäre Jesus nicht zu Gottes eingeborenem Sohn erklärt worden

Auch hier handelt es sich wohl um eine grobe redaktionelle Verfälschung, denn in den Originaltexten soll - ich habe es nicht selbst prüfen können - ein Wort stehen, dessen Semantik eher bedeutet "einem anderen so nahe wie nur möglich stehen", während "Sohn" eine doch sehr konkrete Form der Beziehung bezeichnet.

Jesus wird u. a. in Matthäus 16,16 als "Sohn Gottes" bezeichnet:

Luther: "Da antwortet Simon Petrus / vnd sprach / Du bist Christus / des lebendigen Gottes Son."

Im griechischen Urtext: "apokritheis de Simôn Petros eipen su ei ho Christos ho Huios tou Theou tou zôntos"

Einen anderen als den griechischen Text gibt es nicht. Das altgriechische Wort "υἱὸς" ("yios"/"huios") ist erkennbar mit dem lateinischen "filius" verwandt und bedeutet "Sohn".

Desgleichen steht "huios" zu Beginn des Markusevangeliums: "archê tou euangeliou Iêsou Christou [Huiou Theou]"

Oder im Johannesevangelium (10,36): "ón o patír igíasen kaí apésteilen eis tón kósmon ymeís légete óti vlasfimeís, óti eípon: yiós toú theoú eimi?"

Quellen:
Synopse der drei ältesten Evangelien
Neues Testament auf Griechisch
Wikipedia zum "Sohn Gottes"

Die etymologisch unabweisbare Bezeichnung "Sohn" wird offenbar durch das Neue Testament durchgehalten. Falls es eine Verfälschung gab, fand diese bereits in der aramäischen Verkehrssprache statt, spätestens bei der Übersetzung der frühchristlichen, mündlichen Überlieferung ins Altgriechische, das schon aus Gründen der internationalen Verbreitung im Mittelmeerraum die Sprache der Wahl war.

Angeblich stellt der Titel die Übertragung des vorchristlichen jüdischen Titels auf Jesus dar. Dieser scheint tatsächlich nicht den Sinn einer Verwandtschaftsbeziehung gehabt zu haben, da er das Volk, Könige und einzelne "Gerechte" bezeichnete, also Gott in irgendeiner Form abstrakt Nahestehende.
Wikipedia: "Dabei fehlt jedoch die Vorstellung, der König sei physisch von Gott 'gezeugt', göttlich oder ein Halbgott; der Titel drückt hier vielmehr eine Personenwahl nach Analogie einer Adoption aus."

Bei der etymologischen Bedeutung der hebräischen Bezeichnung wird es verzwickt. Offenbar wird Israel (als Volk) in Hoesa 11,1 als "Sohn" bezeichnet: "Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten."

Hebräisch: כִּ֛י נַ֥עַר יִשְׂרָאֵ֖ל וָאֹֽהֲבֵ֑הוּ וּמִמִּצְרַ֖יִם קָרָ֥אתִי לִבְנִֽי:

"לִבְנִֽי" heißt übertragen "liḇ·nî" ("mein Sohn") und kommt im Tanach offenbar an einer Reihe Stellen vor, deren Zusammenhang, wenn von Ehefrauen, namentlich genannten Söhnen (Isaac) und Töchtern die Rede ist, wohl keine andere Übersetzung zuläßt als "Sohn".

Siehe: https://biblehub.com/hebrew/livni_1121.htm

Ohne das ganze intensiv studiert zu haben, scheint mir nach einer Kurzrecherche festzustehen, daß es im israelischen Kulturkreis zwar ursprünglich einen auch so bezeichneten "Sohn Gottes" gab, dieser Titel aber im symbolischen Sinne verstanden wurde, was später auf Jesus übertragen und möglicherweise erst in der Interpretation durch im nahöstlichen Kulturraum nicht mehr verwurzelte griechisch-römische Christen zu einer Verwandtschaftsbeziehung verfälscht wurde. Diese bestimmt seither die Theologie und ist Glaubensdogma.

Geht man nach den Evangelien, widersprach Jesus der direkten Ansprache als "Gottes Sohn" zumindest nicht. Sich selbst bezeichnete er als "Menschensohn", was eigentlich schlicht einen Menschen bezeichnet, der von Gottes Geist erfüllt ist, also mit "Gottes Sohn" durchaus synonym geht. Wikipedia: "So ist die Anrede als Menschensohn einerseits Bestimmung zum Miterleiden des Gerichts Gottes über sein Volk, andererseits Auszeichnung zum Propheten der Endzeit für alle Völker."

In der Danielfälschung wurde der Messias um 165 v. Chr. bezeichnet als einer, der vom Himmel komme und aussehe wie ein Menschensohn (also wie ein normaler Mensch). Damit nahm das Verhängnis wohl seinen Lauf und der Gleichsetzung des Menschensohnes (des von Gottes Geist Erfüllten) mit dem vom Himmel Inkarnierten war kein Riegel mehr vorgeschoben.
Wikipedia zur Danielfälschung: "Der, der 'aussah wie ein Mensch', kann demnach als Vertreter der Gattung Mensch verstanden werden, der im Kontrast zu den irdischen Weltmächten die gottgewollte Bestimmung aller Menschen zum Partner und Ebenbild Gottes bei der Bewahrung der Schöpfung verkörpert und durchsetzt. Diese Rolle war in der Prophetie seit Micha und Jesaja einem künftigen Nachfahren König Davids, später Maschiach genannt, zugedacht. Hier dagegen wird die universale Durchsetzung des göttlichen Geschichtsplans nicht mehr von einem Menschen irdischer Herkunft, sondern von einem aus Gottes Bereich stammenden Wesen erwartet, und zwar nicht innergeschichtlich, sondern nach dem Abbruch der Weltgeschichte durch Gott selber."
Diese Gleichsetzung scheint eine Spezialität der Danielfälschung zu sein, die sich später verfestigt hat. Es läßt sich spekulieren, ob dieses historisch schon längst obsolet gewordene Machwerk deswegen in den Kanon aufgenommen wurde, weil es die Gleichsetzung des Messias' bzw. Jesu mit einem inkarnierten Gottesbestandteil ermöglichte. Die Wirkungsgeschichte dieser Konfabulation wäre dann weitaus fataler als von mir bislang angenommen.

Gruß
Taurec


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