Realität - eine Anmerkung (Freie Themen)

schwelmi @, Sonntag, 07.03.2021, 22:22 (vor 204 Tagen) @ Luzifer (923 Aufrufe)

Hallo Luzifer,

ich finde deinen Gedankengang interessant, vor allem da im Bereich "Schauung veröffentlichen" von Lost Centuries ein ähnlicher Gedankengang mittels eines Traumes hinterlegt wurde. Aber lies selbst:

Die Eisenbahnbrücke

Der folgende, sehr persönliche Traum hat einen Vorfall zum Inhalt, der sich bei mir zuhause ereignet hat, und ich würde ihn bestimmt nicht mit anderen teilen, wenn er meiner Meinung nach nicht eine interessante Fragestellung aufwerfen würde hinsichtlich dessen, was wir LEBEN nennen und die Welt, in der unser Leben sich vollzieht.

Es ist Tag. Mein Bruder und ich laufen schweigend auf Bahngleisen entlang. Ab und zu kommt uns ein Zug entgegen. Wir hören den Zug schon von weitem, dann verlassen wir schnell die Schienen und drücken uns mit dem Rücken in eine hohe Thujahecke, die auf einer Seite der Bahnschienen wächst. Ist der Zug an uns vorbeigerauscht, setzen wir unseren Weg fort.

Auf einmal stoßen wir auf eine Eisenbahnbrücke. Sie sieht äußerst seltsam aus: die ersten zwanzig, dreißig Meter besteht sie nur aus Schienen mit Holzschwellen dazwischen, sonst nichts. Dann geht sie über in eine gewöhnliche Eisenbahnbrücke mit sicherem Geländer, an dem man sich festhalten kann, und einem schmalen, aber begehbaren Weg beiderseits der Schienen. Wo die Brücke beginnt, fällt ein steiniger, felsiger Hang mindestens mehrere hundert Meter steil nach unten. Am Grund des Tals kann man kaum mehr eine Straße erkennen, die unter der Brücke durchführt.

Mein Bruder und ich bleiben stehen und blicken auf die Brücke. Dann setze ich einen Fuß auf die Schiene und beginne, vorsichtig über die Gleise zu balancieren. Dabei verspüre ich keinerlei Angst, ganz im Gegenteil, mich durchflutet in diesem Moment geradezu eine Woge von Mut und Zuversicht. Ich weiß, dass ich es schaffen kann, über die Schienen zu balancieren, bis ich den sicheren Teil der Brücke erreicht habe. Wenn ich nach unten blicke, sehe ich den Abgrund unter mir, doch ich verspüre keine Angst.

Da ruft mein Bruder plötzlich aus: "Du bist verrückt, vollkommen verrückt. Ich werde doch nicht mein Leben riskieren. Wenn du das so machen möchtest, bitte schön." Er ist zornig und wütend. Ich drehe mich erstaunt um, weil die Reaktion meines Bruders für mich völlig überraschend kommt, und sehe, wie er beginnt, den steilen Abhang nach unten zu klettern. Dann wache ich auf, der Traum ist vorbei.

Ich verstehe mich sehr gut mit meinem Bruder, er kommt regelmäßig bei uns vorbei. Auch diesmal, einige Tage nach diesem seltsamen Traum, kommt er uns besuchen. Wir unterhalten uns über alles Mögliche, und es herrscht eine lockere Atmosphäre. Plötzlich kommt das Gespräch auch auf das Thema "Corona" und er erwähnt, dass er sich so bald wie möglich impfen lassen wolle. Da teile ich ihm mit, das ich nicht vorhabe, mich auf absehbare Zeit impfen zu lassen und dass ich ihm das auch empfehle (obwohl er wie ich zur Risikogruppe gehört). Auf einmal flippt mein Bruder plötzlich regelrecht aus, er verliert die Beherrschung und ruft laut: "Du bist verrückt, vollkommen verrückt. Ich werde doch nicht mein Leben riskieren. Wenn du das so machen möchtest, bitte schön." Er kann sich nur schwer wieder beruhigen, ein neues Gespräch kommt auch nicht mehr richtig in Gang, und kurze Zeit später geht er grusslos und lässt auch die folgenden Tage nichts von sich hören. Mich bedrückt die Angelegenheit sehr, da ich mich ja normalerweise sehr gut mit ihm verstehe. Erst eine Woche später kommt er wieder, ganz der alte, doch über Coronaimpfungen haben wir nicht mehr gesprochen.

Ein Film besteht aus zwei Komponenten: der Bilderfolge und der Tonspur. Man kann beides getrennt voneinander wahrnehmen, sich nur die Bilder anschauen, ohne Ton, oder umgekehrt, nur dem Ton lauschen. Doch nur beides zusammen ergibt einen Sinn, wenn sich Bild und Ton sinnvoll zum vollständigen Kinofilm ergänzen. Wenn ich nur die Tonspur habe, könnte ich eine eigene Bildspur darüberlegen, eine, die ich selbst angefertigt habe, und so versuchen, die Tonspur sinnvoll zu ergänzen. Natürlich würde das nicht funktionieren, es würde ein ganz anderer Kinofilm entstehen, einer, der mit dem Original nur die Tonspur gemeinsam hat, aber ein komplett anderes Geschehen zum Inhalt hätte.

Wenn nun das, was wir "Leben" nennen und die Welt, in der sich das vollzieht, nun ebenso aufgebaut sind? Aus zwei Komponenten: eine materielle, physisch wahrnehmbare. In ihr vollzieht sich das, was wir jeden Tag tun und machen. Und eine zweite Komponente, eine emotionale, immaterielle geistige Welt? Wenn also Leben nicht (nur) das ist, was wir tagtäglich tun, sondern (auch) das, was wir dabei empfinden und fühlen? Wenn Leben also auch Er-Leben bedeutet, überhaupt erst ausmacht. Und beide Komponenten GLEICHBERECHTIGT nebeneinanderstehen.

Und wenn ich nun in meinen Träumen, aus welchem Grund auch immer, nur in der Lage bin, jene zukünftige emotionale, immaterielle "Spur" wahrzunehmen? Und ich in meinen Träumen versuche, dieser Spur ein passendes bildhaftes Geschehen zur Seite zu stellen, um für mich Zukünftiges irgendwie "wahrnehmbar" oder "begreifbar" zu machen? Wie könnte man dann von solchen Träumen jene ursprüngliche Spur wieder rekonstruieren, also jener Teil, der nicht von mir stammt? Ist das überhaupt möglich? Und welche Informationen würde sie uns liefern? Also, je mehr ich darüber nachdenke, desto interessantere Fragen ergeben sich.

Grüße
schwelmi


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