Auch wenn du die noch so oft Wissenschaft nennst… (Freie Themen)

Ranma, Dienstag, 01. Mai 2018, 05:15 (vor 997 Tagen) @ Taurec2882 mal gelesen

Hallo!

Wissenschaft und Religion sind innerlich hinsichtlich des Weltzugangs identisch, wenngleich Methoden und Ergebnisse sich im Detail unterscheiden.

Entweder oder, Methoden sind schließlich der Zugang zur Welt.

Das wird klar, wenn man (an Spengler anknüpfend) die weiter gefaßte Perspektive der Lebensformen betrachtet. Dem ist zu unterscheiden zwischen "Burg und Dom", was heißt:
Burg: Die politische, auf das Diesseits ausgerichete Seite des Lebens, der Zweck Erfolg und Überleben sind. Hier zählen Pragmatismus, Tatsachen und die Tat. Die Dinge sind entweder richtig oder falsch, weil sie entweder funktionieren oder nicht.

Also Empirie. Die Grundlage einer jeden Wissenschaft.

Dom: Die geistliche, auf das Jenseits bzw. eine umfassende, ganzheitliche Welterklärung und Auslegung angelegte Seite des Lebens. Hier geht es um die metaphysische Verwurzelung und Eingliederung des Daseins in den größeren Schöpfungszusammenhang, also um die Sinnfrage. Die Dinge sind hier gut oder böse, weil sie entweder mit den göttlichen Gesetzen übereinstimmen oder nicht. Das Denken und die Wahrheitsfindung sind eindeutig dieser Seite zugeordnet.

Sogar der Fernsehpredigerastronom Lesch sagt dazu, daß Wissenschaft die Frage nach dem Sinn nicht stellt, weil von vorneherein klar ist, daß sie diese Frage nicht beantworten kann. Wissenschaft erklärt das Wie, nicht das Warum.

Der Grund warum ich mich trotzdem für Wissenschaft begeistere, ist der, daß man ohne Wissen über das Wie nichtmal weiß, wonach man fragt, wenn man nach dem Warum fragt.

Man begehe nicht den Fehler, der Religion mit Glauben und Fühlen schlechthin gleichzusetzen und dem die vermeintlich auf Denken fixierte Wissenschaft entegegenzusetzen. Ein wesentlicher Sinn der Priesterschaft, ihrer Theologie und dem Dogmatismus ist das Ergründen der göttlichen Wahrheit, bzw. was Gott will.

Auweia. Gesetzt dem Fall, man nehme Gott als allmächtig an, dann ist völlig klar, was Gott will. Nämlich das, was geschieht. Wenn etwas anderes geschähe, dann wäre Gott nicht allmächtig. In jeder Religion, die Gott als allmächtig ansieht, ist daher die Frage nach dem, was Gott will, ein Symptom fortgeschrittenen Schwachsinns.

Es gibt dann noch die Möglichkeit, Gott nicht als allmächtig anzusehen. Solche Religionen haben dann normalerweise mehrere, für unterschiedliche Belange zuständige Götter. Das gewährt der Kaste der Priester den Vorteil, daß die Gläubigen viel mehr Priester durchfüttern müssen. Das führt auf die Spur dessen, was die Priester wirklich seit jeher machen.

Komischerweise führt nämlich die Ergründung des göttlichen Willens mit hundertprozentiger Treffsicherheit immer zu genau dem Ergebnis, das auch der Priester will, weil es in seinem eigenem Interesse liegt. Das war über alle Jahrhunderte in allen Religionen so. Schon die auffällig Diskrepanz zwischen den Lehren der Bibel und denen der Kirchen spricht eine sehr deutliche Sprache. Was die Kirchen wirklich praktizieren weicht sogar oft noch mehr ab.

Hierfür hat die abendländische Theologie eine der scharfsinnigsten Denktraditionen entwickelt, die sich z. B. im Heiligsprechungsprozeß mit seinen advocati dei et diaboli widerspiegelt.

Sehr schönes Beispiel. Wieviele Nichtkatholiken hat die katholische Kirche bisher heiliggesprochen? Vor allem bekennende Atheïsten?

Die abendländische Wissenschaft hat sich im Wesentlichen in dem universitären Umfeld entwickelt, an dem auch diese Denkschulen (insbesondere die Scholastik) gepflegt wurden. Sie ist im Grunde eine bloße Abzweigung mit abgewandelten Themenschwerpunkten, deren Zielsetzung und Methodik der verstandesmäßigen Zerlegens aber nicht weniger der Suche nach der Wahrheit dient. Wenn Wissenschaft und Religion in Konflikt geraten, dann nicht, weil sie unvereinbar wären, sondern weil sie denselben Acker bestellen, aber bisweilen zu gegensätzlichen Behauptungen kommen.

Die Entwicklung der Wissenschaften aus der Theologie ist nicht umstritten. Schon die Historie meiner Uni, mit der sich einer meiner Professoren intensiv beschäftigt hatte, beweist das. Ursprünglich waren naturwissenschaftliche Institute in den theologischen Fakultäten angesiedelt. Auch viel allgemeiner ist das klar, zum Beispiel anhand der Geschichte Darwins.

Charles Darwin studierte Theologie und trat damit in Fußstapfen seines Großvaters. Dann wurde Charles Darwin tatsächlich Pfarrer. Weil zu jener Zeit noch sehr viele Menschen auf See starben, brauchte man Geistliche auch auf Schiffen. Darum heuerte Charles Darwin schließlich als Schiffspfarrer, Seelsorger und möglicherweise Missionar auf der Beagle an. Der Evolutionstheorie, die Charles Darwin nach seiner Rückkehr formulierte, merkt man noch deutlich ihren Ursprung in der christlichen Theologie an (Mensch als Krone der Schöpfung). Es ist absurd, daß moderne Kreationisten Darwin als ihren Feind darstellen. Die Biologie schritt danach vielmehr voran, indem sie immer mehr religiöse Elemente aus der Evolutionstheorie eliminierte. Dieser Prozeß ist noch nicht abgeschlossen.

Auch Physik und Astronomie schreiten voran, indem immer weitere religiöse Elemente aus ihren Theorien eliminiert werden. Leider ist sich auch unter den Wissenschaftlern kaum jemand dieses Prozesses bewußt, sonst schritten die Wissenschaften viel schneller voran.

Der in der Moderne immer wieder bemühte Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion wäre überhaupt nicht möglich, sondern absolut absurd, wenn beide nicht im Inneren identisch wären. Ihr Anspruch und ihre Methoden müssen sich in Kernpunkten überschneiden und einander entsprechen, um sie überhaupt in irgendeiner Form gegeneinander ausspielen zu können.
Wissenschaftler in ihrem Überlegenheitsdünkel wähnen wohl nicht selten, sie hätten die Religion überwunden, die Menschheit befreit und würden nun endlich valide Ergebnisse (oder glaubenswürdige Wahrheiten) liefern. Allerdings muß ich sie da enttäuschen. Sie sind nur alter Wein in neuen Schläuchen.

Die modernen Wissenschaften waren dafür bestimmt, Diener der Theologie zu sein, daher ist die Überschneidung nicht weiter verwunderlich. Man fing in den Wissenschaften schließlich auch mit genau den Erkenntnissen an, welche die Priester bereits zu haben glaubten.

Die Entwicklung verlief nicht nur in diese eine Richtung. Man trennt sich in den Wissenschaften zwar von den Ideen, die nur den Priestern dienen, aber viel früher gab es mal ähnliche fähige Leute, die man heute Naturphilosophen nennt. Deren Erkenntnisse waren so beeindruckend, daß sie von Priestern in ihren religiösen Dogmen weitergetragen wurden. Noch früher beschrieben Schamanen ihre eigenen Erfahrungen, wandten also eine empirische Methode an. Aus den Erzählungen der Schamanen entwickelten sich Religionen als die Erzählungen von Priestern, die keine Erkenntnisse mehr aus eigenen Erfahrungen zogen, weitererzählt wurden. Man könnte sagen, daß wir ständig zwischen Empirie (Wissenschaft) und Dogma (Religion) hin und her pendeln.

In unserer Zeit haben sich die Begriffe verschoben. So hat die Religion an Bedeutung verloren und die Wissenschaft (nur ein anderes Wort für Religion) ist weitgehend an ihre Stelle getreten. Statt dem Papst tendiert eine Mehrheit dazu, Hawkings Aussagen über die Entstehung des Universums (nur eine andere Formulierung der Gottesfrage) und Dawkins Aussagen über die Evolution (nur eine anderer Ausdruck für Schöpfung) zu glauben. Es handelt sich aber um höchstgradig religiöse Fragen, die nun unter den Axiomen und Methoden der wissenschaftlichen Denkschule bearbeitet werden.

Egal wie oft du Leute wie Hawking oder Dawkins noch als Wissenschaftler bezeichnest, die sind keine Wissenschaftler! Diese sind wirklich Priester. Es sind Leute, die Dogmen verbreiten, die dann von einer großen Anzahl an Leuten geglaubt werden aufgrund der Autorität dieser Priester, die diese jedoch nicht durch Verdienste in der Wissenschaft, sondern durch die Aufmerksamkeit der Massenmedien erworben haben. Das hat mit Wissenschaft schlicht garnichts zu tun!

Die Entstehung des Universums ist für den Wissenschaftler ein Resultat aus Hubbles Erkenntnis, daß sich das Universum ausdehnt. Weil es sich ausdehnt, deshalb kann man daraus einen Zeitpunkt berechnen, zu dem das Universum nur ein Punkt war. Erst seitdem fragt man sich in der Wissenschaft, wie das Universum wohl entstanden sein könnte. Also erst seit ein paar Jahrzehnten, während die Religion die Antwort darauf doch schon seit Jahrtausenden kennt.

Die Religion hat nämlich seit jeher alle Antworten. Wenn der Klerus eine Frage bearbeitet, dann immer im Hinblick darauf, daß die Antwort bereits feststeht. Wissenschaft macht das exakte Gegenteil davon. Sogar gut bestätigte Theorien stehen niemals endgültig fest. Nur Widerlegungen sind endgültig. Du kannst es anders machen, aber dann ist es niemals Wissenschaft. Wissenschaft hat immer nur Fragen, niemals Antworten. Wenn jemand sichere Antworten vorlegt, dann betreibt er immer Religion.

Darüber hinaus hat die Wissenschaft natürlich auch einen politischen Aspekt. Dieser äußert sich darin, daß die mit wissenschaftlichen Methoden entwickelten technischen Anwendungen einen stark pragmatischen Charakter aufweisen und zur Beeinflussung der Welt und der Natur herangezogen werden können. Die Technik ist eine Erscheinungsform der Politik. Technik ist diesseitig.

Jetzt wird es wirr. Diese Darstellung widerspricht so sehr deiner und Spenglers Einteilung in die zwei Bereiche, daß dir das aufgefallen sein muß. Also können nicht beide Darstellungen wahr sein.

Es gibt eine Technik der Diplomatie und eine des Kriegsführens usw.

Hier gibt es natürlich noch die Möglichkeit, daß wir durch die Sprache irregeführt werden. Schon im Englischen unterscheidet man zwischen technic und technique.

Entsprechend hatte auch die christliche Religion eine politische Seite, die sich in allen Machtfragen der kirchlichen Vorherrschaft äußert. Anders hätte die Kirche als politischer Faktor, der sozusagen eine eigene dynastische Politik betrieb, im Mittelalter gar nicht in Erscheinung treten können.

Ja, genau. Und gerade dadurch offenbarte die Kirche, daß ihre Priester niemals versuchten, den Willen Gottes zu ergründen. Du widersprichst hier deiner vorangegangenen Behauptung und widerlegst sie durch das historische Beispiel. Die Kirche suchte immer nur nach dem eigenen Vorteil. Die Gläubigen machten ihr das leicht, weil den Gläubigen jeglicher Sinn für und jegliches Interesse an Wissenschaft fehlte. Während der Aufklärung war das anders. Heute entwickelt sich unsere Gesellschaft wieder stark in Richtung mittelalterlicher Zustände.

Nicht zuletzt weist die heutige Politik einen stark religiösen Chrakter auf, insofern sie nicht von Pragmatismus, sondern Ideologien und Utopien gelenkt wird. Diesen liegen natürlich Axiome über die Beschaffenheit der Welt, also der Wahrheit zugrunde, aus denen man Handlungsweisen ableitet. Was der Durchschnittsmensch heute als Politik bezeichnet, wenn die Parteipolitik sieht, hat nicht im geringsten noch etwas damit zu tun, was Politik noch zu Zeiten Bismarcks bedeutete. Die ganze Demokratie, wie sie heute gehandhabt wird, ist eine religiöse Idee.

Wieder zum eigenen Vorteil der heutigen politischen Klasse, welche die Funktion der Priester des Mittelalters übernommen hat. Auch moderne Dogmen (Diesel ist böse, daher dürfen Deutsche kein Dieselauto fahren; Plastik ist böse, daher dürfen Deutsche keine Plastiktüten verwenden) werden von einer großen Anzahl an Gläubigen nicht hinterfragt. Wissenschaftler kamen zu völlig anderen Erkenntnissen (das Plastik, das in den Meeren schwimmt, besteht zum größten Teil aus Fischernetzen und anderen in der Seefahrt eingesetzten Objekten), aber diese finden kaum Verbreitung.

Man könnte sagen, daß wir heute stärker als je in einem religiösen Zeitalter leben, weil die "Domseite" des Lebens heute in sehr hohem Maße sogar die Politik beeinflußt, während kühler Tatsachensinn und Handlungsorientierung überall auf dem Rückzug zu sein scheinen.

Ja, dem muß ich leider zustimmen. Trotzdem bedeutet das, daß wir dabei sind, die Wissenschaften zu verlieren.

Man muß sich also von den oberflächlichen Begrifflichkeiten (Religion, Wissenschaft, Politik, Ideologie) trennen und die Frage stellen, welche Herangehensweise an die Welt, welche Lebensausrichtung und welche Vorgehensweisen (denkerisch, handelnd) jeweils zugrundeliegen. Geht es um die Begründung und Verteidigung allgemeingültiger Wahrheiten, die für alle Zeit (oder die Ewigkeit) Gültigkeit haben sollen, oder um Fragen der Selbstbehauptung mit Handlungsorientierung, worin die Bewertung der Dinge situationabhängig durchaus verschieden ausfallen kann, insofern – anders als religiöse und wissenschaftliche Aussagen – keine Allgemeingültigkeit anstrebt.

Wissenschaft strebt keine Allgemeingültigkeit. Jede Theorie muß falsifizierbar formuliert werden, andernfalls ist es keine wissenschaftliche Theorie. Was du hier wieder herausstellst, das ist wiederum der Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft.

So viel Zeit wie ich an der Universität verbrachte, wäre es ausgesprochen schräg, wenn mir der Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft nicht geläufig wäre. Problematisch ist nicht, daß die beiden sich durch aus manchmal überschneiden können, sondern, daß uns wissenschaftliches Denken zur Zeit abhandenkommt und das schnell und gründlich.

Gruß

らんま


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