Avatar

Ein Axiom des kalten Krieges (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Sonntag, 06. Mai 2018, 09:59 (vor 988 Tagen) @ Ranma (乱馬)2871 mal gelesen

Hallo!

Nicht alle Schauungen kann man als Fälschung oder Spekulation abtun.

Tut ja niemand. Es geht nämlich nicht um Schauungen, sondern um Schauungen und Prophezeiungen, die schärfstens zu differenzieren sind.

Prophezeiungen als Schauungen zu bezeichnen oder leichtfertig gleichzusetzen, unterstellt Prophezeiungen einen präkognitiven Gehalt, der ihnen per se nicht zusteht (aber möglicherweise in Ausnahmefällen an einzelnen Stellen).

Galt es nicht früher mal als ein (von BBouvier eingebrachtes) Argument, daß die Größe heutiger Armeen nicht auf die Zeit des Kalten Krieges gepaßt hätte, Spekulationen und Fälschungen daher von mindestens hunderttausend aus dem Osten anrückenden Panzern erzählt hätten?

Nimmt man Prophezeiungsszenarien, die höchstwahrscheinlich erfunden sind, wie Irlmaiers "drei Stoßkeile" ist stets von Panzerarmeen die Rede und die Propheten würden sich am liebsten überschlagen, um die Gräuel noch grausamer zu schildern.
Vgl. die Hepidanusfälschung: "Von Osten her weht ein Sturm, und aus Westen heult der Wind: Wehe allem, das in den Bereich dieses furchtbaren Wirbels geraten wird. Tausendjährige Herrschersitze werden herabsinken aus ihrer Höhe, gleich wie der Wirbelwind das Strohdach der Hütte fortführt. Zwischen dem Rhein und der Elbe und dem morgenwärts fließenden Strome Donau wird ein weites Leichenfeld sich ausdehnen, eine Landschaft der Raben und Geier. Und wenn dereinst wieder der Landmann seinen Samen ausstreuen wird und dieser emporkeimt, Ähren tragend und Früchte, dann wird jeder Halm in einem Menschenherzen stehen und jede Ähre in eines Menschen Brust ihre Wurzel haben."

Und Irlmaier, obiges völlig blöde echoend: "An einem Tag, so meinte er, würden die Russen bis in das Ruhrgebiet vorstoßen. Alles, was sich nördlich der Donau befände, käme ums Leben und nur, wer ein schnelles Fahrzeug besitze, könne sich noch über den Fluß retten, so unerwartet würde der Krieg hereinbrechen."

Also muß sogar am Einmarsch etwas dran sein?

Wir haben Schauungen (!!!) die z. B. von einer mehrjährigen Besatzungszeit sprechen (in völligem Widerspruch zum achtwöchigen Gog-Magog-Überraschungsangriff) oder schlicht in lokalen Szenen Russen zeigen, die hier irgend etwas machen (z. B. Militärgerät abladen).
Das kann man durchaus als Einmarsch bezeichnen, wenngleich sich das ganze Geschehen ganz anders abwickeln würde, als Berndt et al. in der zwanzigsten Neubearbeitung des Standardszenarios unbeirrt behaupten.

Wenn BBouvier früher argumentierte, das Prophezeiungsszenario sei nun wahrscheinlicher geworden, weil die Bundeswehr demontiert und ein widerstandsloser Durchmarsch erst jetzt richtig möglich wäre, basierte dieses Urteil auf der damaligen Leichtgläubigkeit, welche Prophezeiungen pauschal für wahr hielt, so daß im Denken nur deren Richtigkeit noch weiter bestätigende Gedanken in Frage kamen.
Derart geistig verengt gerät so mancher in einen vom Wahn umfächelten Zustand, in dem nur eine singuläre "Wahrheit" wahrgenommen wird (und verrennt sich dann z. B. in Sackgassen-Einbahnstraßen-Theorien wie die "Langzeitstrategie", die man nicht richtig bewerten kann, weil sie augrund des naiven Prophezeiungsglaubens ebenfalls wahr sein muß).

Davor hielten Interpreten die allmächtig-bösen Superrussen vermutlich für dermaßen überlegen, daß sie im Angriffsfall die NATO schlicht zerbröseln würden, um am Rhein vom großen Monarchen durch Wunderwaffen vernichtet zu werden.

Vielmehr ist es wohl so, daß in die damalige Interpretation wohl auch zeitgenössische echte Schauungen einflossen, die ein konventionelles und in Zukunft durchaus mögliches militärisches Engagement Rußlands in Nord- und Mitteleuropa zeigen, welches aber in die apokalyptische Endschlachtdoktrin mißinterpretierend eingebaut wurde.

Beispiele:

  • BBs Hauptmann: „Schau eines befreundeten Offiziers von 1973. Damals 29, Hauptmann ‚S‘. Mir berichtet 1973. Er sieht sich selbst, aber ich meine, er sieht das eher durch die Augen eines Anderen: In Skandinavien sind die Russen eingefallen und er wird dorthin per Schiff verlegt. Er ‚weiß‘, dort wird er im Kampf fallen. Sagt mir 1973: ‚Wenn es mal soweit ist, dann mach ich das nicht, das ist mein Tod.‘“
  • Ein zur Schauungszeit dreizehnjähriger Bauernjunge: „In diesem Bild ist Sommer. Gutes Wetter. Ein ansteigender Wiesenhang direkt vor ihm, mit nur ein paar Dutzend Schritten bis zur Horizontlinie. Weit kann er nicht sehen. Nur das Stückchen ansteigender Wiese vor ihm. Er sitzt im Turm seines Panzers. Es ist Krieg. Seine Einheit befindet sich, Richtung Feind gesehen, am Hinterhang in gedeckter Aufstellung und wartet auf den Befehl, die paar Meter vorzurollen bis zur Sichtlinie. Dann wird es losgehen. Hinter dem Hang ist der Feind oder nähert sich. Darüber weiß er nichts. Bis zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht im Gefecht. Besonders aufgeregt schien er nicht gewesen zu sein.“
  • Erna Brandt (wohl vor 1955): „Ich sah russische Panzer in Rottenburg (Neckar) einmarschieren. Es war an einem trüben Tag, die Straßen waren feucht, Nebel lag über der Landschaft, aber es gab weder Regen noch Schnee. Als ich aufwachte, hatte ich noch immer das unheimliche Rasseln der Panzer im Ohr. Auch hörte ich das Donnern herannahender Flugzeuge.“
  • Adolf Schwär in einigen seiner zusammenhanglosen Einzelszenen: „Ich sah eine Menge Leute beieinanderstehen, Deutsche und Franzosen, nachher in Gliedern zu Kompanien. Ich fuhr mit dem Mistkarren an ihnen vorbei. Nachher mußten die jungen Leute einrücken bei etwas Hochwasser. Auch sah ich Polen darunter. Die Ähren standen hoch, so Ende Juni.“
    „Zunächst stürzte eine schwere Bombe vor meine Füße. Ich war furchtbar erschrocken und glaubte nicht, daß ich davonkommen würde. Dann war ich in einer Kaserne. Es wurde mobil gemacht, aber es waren wenig Mannschaften da. – Dann sah ich große Massen von feindlichem Militär auf uns zukommen. Auf die feindlichen Truppen wurde nicht geschossen. Nachher waren wir mitten unter ihnen. Männer mit langen Säbeln, in russischer Kleidung. Sie hatten nichts mit uns. Sie kamen von Osten in drei bis vier Kolonnen. Ich reiße ein MG hoch, aber es fällt niemand um. Dann ruft es noch laut: ‚Somit besteht jetzt eine unabhängige Volksrepublik!‘“

  • Russische Besatz in einem Dorf nahe Duisburg: „Der Mann lebt in einem kleinen, linksrheinischen Zeilendorf. Jenes wird in der Vision von einer versprengten Gruppe feindlicher Soldaten ohne reguläre Vorgesetzte heimgesucht, welche darin über mehrere Wochen plündern, vergewaltigen und die Bevölkerung terrorisieren.
    Die Russen setzen sich dabei im letzten Hause am Ende des Dorfes fest. Das ist taktisch sinnvoll, um zu verhindern, von Widerständlern umzingelt zu werden. Dieses von militärischen Laien schwerlich zu erfindende Detail spricht für Echtheit der Schau.
    Von dort aus terrorisieren die Russen die Bevölkerung, morden und vergewaltigen. Der Rechtsanwalt war derart geschockt ob seiner Schau, daß er in der ganzen Umgebung Fluchtziele und Verstecke auskundschaftete.“

Letzteres, womöglich irrig als "Beweis" für die bösen Russen gewertet, und andere Blitzvisionen (z. B. die "Fichten in Bogen", wo die Russen Panzer abladen) mögen sich durchaus im Rahmen künftiger Konflikte abspielen, aber unabhängig vom prophezeiten Überraschungsangriff.

Bis wann werden sich die Armeen wieder so weit verändert haben, daß die geschauten Szenen nicht mehr möglich sein werden?

Da wir überhaupt keine Angabe über die Stärke künftiger russischer Kontingente in Mitteleuropa haben, wären solche Spekulationen absolut müßig.
Sie dürften sich aber in Grenzen halten und nicht weit über das hinaus gehen, was zur Besetzung eines Flächenlandes wie Deutschland rein physisch mindestens nötig ist. Daß die Deutschen je wieder Massenheere aufstellen, halte ich schon aus demographischen Gründen für ausgeschlossen.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Alles, was tief ist, liebt die Maske.“


gesamter Strang:

RSS-Feed dieser Diskussion