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Volkssagen zu Fauna und Flora in den Häusern (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 21.12.2017, 10:57 (vor 1132 Tagen) @ BBouvier (3860 Aufrufe)
bearbeitet von Taurec, Donnerstag, 21.12.2017, 11:15

Hallo!

Irlmaier echot hier eine Fälschung (!), nämlich "Mühlhiasl".
=>
"aber dann werden einmal die Brennesseln aus dem Fenster wachsen.

Bei mir steht die Aussage auch bei Josef Naar (nur eine andere Variante der Volkssage à la Mühlhiasl):
"Der Böhmerwald wird wiederum veröden, die Dörfer werden zerstört werden, bei den Fenstern werden überall Brennesseln herauswachsen, und in den Häusern werden die Füchse und Hasen ein- und ausgehen."

Bei Mühlhiasl steht:
"In Lindach wird alles voll Häuser und Lehmhütten ang’schlötte. Aber nachher wachsen einmal Brennessel und Brombeerdörn zu’n Fenstern außer."

Und in einem von Landstorfer nachträglich veröffentlichten Leserbrief über Mühlhiaslaussagen im Volksmund:
"Von den schönen Häusern werden mal die Bramdornen rauswachsen."
Sowie: "Nach dieser großen Weltabräumung gehen viele von ihrem Heim weg und siedeln sich auf schönen Plätzen an. Auch an ihren Häusern, die sie verlassen haben, werden mal die Brennessel rauswachsen."

Der Zusender behauptete, der Mühlhiasl sei öfters zu seinen Urgroßeltern gekommen, was bei einer erwiesenermaßen erfundenen Person doch eher verwunderlich wäre. Ob da die Großeltern dem Enkel oder Eltern dem Sohne nicht eher Märchen erzählt haben?

Bei Sibylle Michalda (bei Franz Berger, 1850):
"Diejenigen, welche übrig bleiben, werden betrübt auf alles das sehen, denn die ganze Stadt wird einem Schutthaufen gleichen, aus dem sich hie und da verschiedene Gestrüpp mühsam hervorwindet; aus diesem Schutthaufen wird nie mehr eine Stadt frisch und neu auferstehen, Marder und Füchse werden da hausen"

Beim Stormberger:
Ca. 1780-1820: "Weiters werden hier im Wald große Häuser wie Paläste gebaut werden und mit der Zeit wieder zu nichts werden, sogar daß in manchen Füchse und Hasen ihr Jungen darin aufziehen und die Leute werden sich verlaufen ohne Hunger und ohne Sterb, es werden auch die großen Herren in die wilden Wälder kommen und selbe besichtigen."
Um 1840: "Nach diesem werden die Leute der Waldung in die Länder ziehen ohne Hunger und Sterb und die eingebauten Häuser in den Wäldern den Füchsen zur Wohnung werden."
Ende 19. Jahrhundert: "O ihr Narren in guten Ländern, die in diesen Krieg tot geworden sind und niemand mehr da ist, danach werden erst neue Hauser zu Füchsen- und Wolfshütten werden.

Spielbähn (1846 aus Sagengut herbeigefälscht):
"Du wirst öde und verlassen stehen, und die Raben und Füchse werden sich da aufhalten; und Heisterbach wird wüst durcheinander geworfen sein in dieser Zeit. (Während man traurig auf den Trümmern des zerstörten Heisterbach wandelt, bist du ein Aufenthalt der Füchse und der Raben)."

Vermutung: Das Motiv ist viel älter und geht auf Eindrücke aus deutschen Landen nach den Bevölkerungsverlusten im Dreißigjährigen Krieg oder durch die Pestwelle dreihundert Jahre zuvor zurück?

Das Motiv ist immer das gleiche, nur wurden Füchse und Hasen irgendwann zu Brennesseln.
Irlmaier hat sich hier lediglich bedient und die Aussage willkürlich auf seinen zufälligen Aufenthaltsort bezogen. Möglicherweise hat er sie mit echten Eindrücken der näheren Zukunft vermischt, z. B. des Baus der Gemeinde Traunreut. Die Verbindung selbst gesehener Neubauprojekte mit dem Verödungsmotiv aus der Volkssage erscheint dem Prophezeiungsgläbigen durchaus logisch, basiert aber leider nicht auf echten Schauungen.

Eine modernisierte Abwandlung des Motivs stellt möglicherweise die Aussage des "spinnaden Schusters" Johann Kristl dar, die sich beim (verdächtigen Volksautor) Bekh findet, nicht jedoch bei Frumentius:
"Der 'spinnade Schuster' hatte bereits anfangs dieses Jahrhunderts gesagt: Er sehe in der nächsten Umgebung hohe, himmelhohe Hauser (wir würden sie heute 'Wolkenkratzer' nennen), Häuser mit Dutzenden von Fenstern übereinander. Er sehe aber auch einen Krieg, Verheerung und Blutvergießen. Erst ‚danach’ sei Frieden. Auf die Frage, wann dieses 'Danach' sei, antwortete der, Schuster: 'Dann, wenn dort, wo ich die hohen Häuser sehe, wieder ebene Erde ist. Erst müssen die hohen Häuser verschwinden. Danach wird Frieden sein.'"

Bekh hat die Aussage wohl von Frumentius bekommen, dieser wiederum wird sich nicht nur mit authentischen Aussagen des Schusters, sondern auch von anderen ihm zugeschriebenen beschäftigt haben.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Alles, was tief ist, liebt die Maske.“


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