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Wiederkunft Christi, Parusieverzögerung (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Freitag, 15.12.2017, 18:59 (vor 1379 Tagen) (4641 Aufrufe)

Hallo!

DeGard wärmt im Prophezeiungsforum eine 2000 Jahre alte Geschichte wieder auf, die gewiß nie eintreffen wird:

Der prophezeite Krieg und alle prophezeiten Ereignisse, die damit im Zusammenhang stehen, kündigen die Wiederkunft Christi an.

Wenn man sich mal mit dem Thema "Parusieverzögerung" befaßt, stellt man fest, daß Jesus gemäß urchristlicher Auffassung den Jüngern persönlich zu verstehen gegeben hat, sie würden die Ankunft des Menschensohnes (also seiner selbst) und den Anbruch des Gottesreiches selbst noch erleben.

In den ersten Jahrzehnten nach seinem Ableben geriet man also in die Verlegenheit, rechtfertigen zu müssen, warum einerseits immer mehr Christen der ersten Generation ablebten, andererseits das Gottesreich dennoch unmittelbar bevorstünde.

Laut Markus 9,1 sagte Jesus: "Wahrlich, ich sage euch: Es sind einige unter denen, die hier stehen, die den Tod nicht kosten, bis sie das Gottesreich kommen sehen in Kraft."

Das "wahrlich, ich sage euch" bei Markus ist ähnlich ernst zu nehmen wie Aussagen bei Adlmaier, wenn er Irlmaier "ich sehe" oder ähnliches sagen läßt, z. B.: "Ich sehe die Bilder ganz deutlich vor mir, die bösen Zeiten werden bald kommen."Gar nicht!

Es spiegelt aber die Naherwartung der ersten Christen wider. Diese wiederum entahmen sie dem, was sie als authentische Jesusausagen erachteten.

Dem entsprechend finden sich auch bei Matthäus Jesusworte wie: "Wenn sie euch in dieser Stadt verfolgen, so flieht in die andere! Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet nicht zu Ende sein mit den Städten Israels, bis kommen wird der Menschensohn." (Mt 10,23)

⇒ So schnell können die Jünger gar nicht laufen, daß sie das Gottesreich nicht persönlich noch ereilte. ;-)

Quasi zur Selbstbestätigung der ersten Christen wurden Worte eingeflochten wie bei Markus 13,30: "Wahrlich, ich sage euch: Nicht wird vergehen dieses Geschlecht, bis dies alles geschieht!" ⇒ Das werden ganz sicher noch welche der ersten Leser des Markusevangeliums erleben. Sie müßten nur Geduld haben.

Die synoptischen Evangelien sind wohl alle recht zeitnah ab 70 n. Chr. entstanden, ca. 40 Jahre nach Jesu Tode.

Rund 15 bis 20 Jahre älter sind die Briefe des Paulus. Bereits im 1. Korintherbrief (ca. 55 n. Chr.) mußte er das Problem der ausbleibenden Wiederkunft und des allmählichen Dahinscheidens der ersten Christen erklären. 1. Kor 15,51: "Nicht alle werden wir entschlafen, aber alle werden wir verwandelt werden."

Ähnliches schrieb er bereits im älteren ersten Brief an die Thessalonicher (ca. 50 n. Chr), noch ausführlicher:

1. Thess 4,15-17: "Denn dies sagen wir euch mit einem Wort des Herrn: Wir, die wir leben und zurückgelassen sind für die Ankunft des Herrn, werden keineswegs den Entschlafenen voraus sein. Denn er selber, der Herr, wird zugleich mit dem Aufruf des Herolds, mit dem Kampfruf des Erzengels und dem Schall der Posaune Gottes herniedersteigen vom Himmel, und zuerst werden die Toten in Christus auferstehen; dann werden wir, die Lebenden, die Übriggelassenen, zusammen mit ihnen auf Wolken entrückt werden in die Lüfte, zur Begegnung mit dem Herrn; und so werden wir immerfort beim Herrn sein."

Es gab also schon einige Entschlafene, aber noch genügend Übriggebliebene, daß sich vornehmlich das Verhältnis der Vorausgegangenen zu denen, die es noch erleben sollten, als Problem stellte. Paulus löste es, indem er die bereits Verstorbenen wieder auferstehen ließ, damit diese zusammen mit den lebenden Christen entrückt werden würden. So konnte man es sich noch hinbiegen, daß es paßte.

Ein viel größeres Problem hatte der Verfasser des jüngsten Evangeliums Johannes gegen Ende des ersten Jahrhunderts. Rund 60 bis 70 Jahre nach Jesu Tod war keiner der ersten Generation noch am Leben (oder allenfalls im sehr hohen Greisenalter). Johannes mußte schon ordentlich in die Trickkiste greifen, um Jesus nicht die Unwahrheit sagen zu lassen.

Joh 21,22-23: "Jesus sprach zu ihm: 'Wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Du folge mir!' Da verbreitete sich unter den Brüdern das Wort, daß jener Jünger nicht sterbe. Jesus aber hatte zu ihm nicht gesagt, daß er nicht sterbe, sondern: 'Wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?'"

Jesus hat, obwohl er es angeblich gesagt hat, also nicht gemeint, daß der (Lieblings-)Jünger nicht sterbe, sondern lediglich, er wolle, daß er nicht sterbe. Darüber hinaus geht das allerdings niemanden etwas an und man soll gefälligst nicht so blöd fragen. ;-)

Ohne Zweifel war die Wiederkunft Christi für die ersten Jahre nach seinem Tode vorausgesagt, traf aber bekanntlich nicht ein. Es ist wohl davon auszugehen, daß diese Auffassung der ersten Christen nicht von irgendwoher kam. Das Ganze bewegt sich im Rahmen der jüdischen Messiaserwartung. Nun ergeben sich zwei alternative Möglichkeiten:

1. Jesus hat selbst von sich behauptet, er wäre der Messias, würde nicht lange nach seinem Tode wiederkehren und das Reich Gottes beginnen lassen. In diesem Falle lag er schlichtweg falsch und war nicht mehr als ein fehlbarer Mensch, der sich in etwas hineingesteigert hat. Jesus hatte nichts gegen diese Zuschreibung, hat sie sich zumindest durch Duldung selbst angeeignet, wahrscheinlicher aber selbst geglaubt und befeuert.

2. Jesus setzte sich nicht selbst mit dem Menschensohne gleich, wurde aber von den ersten Christen als dieser identifiziert. Entsprechende Selbstaussagen Jesu im Neuen Testament wurden ihm nachträglich zugeschrieben. Einschränkende Aussagen, die er womöglich selbst gemacht hat, wurden aus der Überlieferung getilgt, um das konstruierte Bild des Gottessohnes entstehen zu lassen, auf dem das ganze Christentum basiert.
In diesem Falle wäre er natürlich auch nur ein stinknormaler Mensch gewesen, der nicht nachweislich von oben geschickt wurde, wie es zentraler christlicher Glaubensinhalt ist. Er wäre eher vergleichbar mit Abdrushin oder (dem Typ nach, aber weniger hinsichtlich Charakter und Inhalt) mit Steiner.

In jedem Falle ist die Wiederkunft Christi eine erfundene Prophezeiung. Sie ist ohne realen Gehalt und schon seit mindestens 1900 Jahren erwiesenermaßen auch praktisch unmöglich geworden, weil sie speziell für die erste Generation Christen galt. Die Nachfolgenden zogen aber nicht in Erwägung, daß in ihren heiligen Schriften der Wurm ist und interpretierten sie so, daß letztlich das Luftschloß einer stets kurz bevor stehenden Endzeit entstand, die sie seitdem vor sich herschieben. Wesentliche Elemente der europäischen Prophetie basieren auf einer Mythologie, die auf diesen Urirrtum zurückgeht.

Natürlich sind auch Glaubensinhalte, die seit über anderthalb Jahrtausenden Kernbestandteil der Kirchenlehre sind, offensichtlich irrig, denn wenn Jesus entweder persönlich falsch lag oder sich die ihm zugeschriebenen Attribute nie selbst angemaßt hat, ermangelte er offensichtlich der Wesensart, wie sie gelehrt wird. Letztlich ist es völliger Irrsinn, eine Person zum Angelpunkt des Universums zu machen und mit hanebüchenen geistigen Verrenkungen eine ganze Metaphysik darum herum zu konstruieren. Solche Konstrukte müssen zwingend irgendwann implodieren, weil sie unwahr sind, und sollten daher konsequent ausgeräumt werden.

Möglicherweise lag Jesu eigentliche Botschaft näher am apokryphen Thomasevangelium, in dem die ganze Auferstehungs-, Wiederkunfts- und Entrückungsgeschichte nicht vorkommt. Recht ähnlich zu Markus 9,1 klingt etwa dieser Spruch:
"Wer die Bedeutung dieser Worte versteht, wird den Tod nicht schmecken."
Der Sinn ist aber kein anbrechendes Gottesreich, sondern die parallele Gegenwart einer geistigen Welt, deren Erkennen den Menschen aus diesseitigen Fesseln befreit und den irdischen Tod als Chimäre entlarvt. In diese Richtung geht auch dieser Spruch:
"Wer die Welt erkannt hat, der hat eine Leiche gefunden."
⇒ Das Diesseits ist unbelebte Materie (ein Leichnam). Das eigentliche Sein ist der Geist.
Siehe auch: "Das Reich des Vaters ist schon ausgebreitet über die Erde, nur können es die Menschen nicht sehen."
Oder: "Seine Jünger sprachen zu ihm: 'Wann wird die Ruhe der Toten eintreten, und wann wird die neue Welt kommen?'
Er sprach zu ihnen: 'Was ihr erwartet, ist gekommen, aber ihr erkennt es nicht.'"

⇒ Von wegen Wiederkunft und Entrückung.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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