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Bewußtseinsfetischismus und Scheinerklärungen für Unerklärbares (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 19.11.2020, 09:20 (vor 102 Tagen) @ Phoebus (673 Aufrufe)

Hallo!

Am Anfang war alles wüst und leer....
Im Ursprung bevor es Gott gab, denn auch er hat begonnen und war nicht von Angfang an da.
Was gab es da ? Gemäß einer Privatoffenbarung aus den 1970iger Jahren, über die ich ein ganzes Buch gelesen habe klingt es ungefähr so. Mir persönlich kommt diese Erklärung sehr entgegen, weil sie für mich eine gewisse Logik enthält und für mich eigentlich Alles immer logisch sein muß.

Daß Leute zu wissen behaupten, was sogar vor Gott gewesen sei, ist Dir nicht unlogisch genug, um nicht daran zu glauben?

Nun am Anfang gab es eine Ursubstanz Chaos, das Unbewußtsein und den Willen.

Auch hier ließe sich die Frage stellen: Was war vor dem Anfang? Solange du diese Frage stellen kannst, bist du nicht am Anfang.

Sie waren durch eine Linie getrennt. So wie der pazifische Ozean mit dem atlantischen Ozean zusammentrifft und sich die Wasser dort nicht vermischen.
So muß man sich das vorstellen.
Doch nach Äonen von Zeitläufen trafen und vermengten sich Unbewußtsein und Wille und an dieser Schnittstelle entstand das Bewußtsein und als Ausdruck davon entstand das Licht.

Dies war die Geburt oder Emanation Gottes oder der Quelle, wie immer wir sie nennen wollen.

Ich soll mir also vor Gott, vor Raum und vor Zeit (die ja von ihm erschaffen wurden, sonst wäre es nicht Gott) eine "Linie" (also ein räumlich-geometrisches Konzept) und "Äonen von Zeitläufen" vorstellen.
Daß Du Dir das vorstellen kannst, bezweifle ich doch sehr. Wie Chaos, "Unbewußtsein" (eine Negation ist eigentlich kein Ding an sich – auch hier wird durch sprachliche Trickserei ein Gehalt vorgetäuscht, den es nicht gibt) und Wille konkret (in welchem Raume denn und nach welchem übergeordneten Maßstabe?) getrennt gewesen sein sollen, geht daraus nicht hervor.

Die Formulierung eines semantisch geschlossenen Satzes bedeutet nicht, daß sich dahinter ein sinnvolles gedankliches Konzept verbärge. Deine Dir logisch anmutende Konzeption ist nichts weiter als ins Nichtbegreifbare gesprochene, unlogische Schwurbelei.

Des weiteren eine Definition Gottes und seines Wesens geben können zu wollen, sollte einem eigentlich schon von Anspruch her als logischer und vernunftmäßiger Unsinn auffallen. Sich auf die Ebene des Schöpfers erheben, ihn/es sich unterordnen, um eine wesensmäßige Definition seiner zu geben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Daher kommt der Unsinn, am postulierten "Anfange", also noch vor der vermeintlichen Entstehung Gottes, des Raumes und der Zeit mit räumlichen und zeitlichen Konzepten hantieren zu müssen. Für den Bereich, in den Du Dich hineinwagst, fehlt dem Menschen jegliches Verständnis und damit auch jegliches Vermögen des Bildens sinnvoller sprachlicher Begriffe und des Unterscheidens dessen, was im "Metauniversum" vor der Entstehung Gottes gewesen sein mag. Vielmehr flanschst Du an die Schöpfungsgeschichte nur einen weiteren übergeordneten Kosmos an, innerhalb dessen die Entstehung Gottes und unserer Welt stattgefunden haben müßte, stellst aber nicht die Frage, was denn diesen Bereich geschaffen hat (und was wiederum das diesen Bereich Erschaffende geschaffen hat...). Woher stammen denn die angeblichen "Ursubstanzen Chaos, Bewußtsein und Wille"? Durch Anwendung des beschränkten menschlich-kausalen Denkens ad infinitum kommt man dem Ursprunge aber nicht näher. Man glaubt nur, eine Erklärung aller Dinge zu liefern. Aber jede Erklärung hat Voraussetzungen, die ebenfalls hinterfragbar sind.

In Wirklichkeit versuchst Du, Gott durch die Anwendung den Menschen betreffender innerweltlicher Abstrakta (Bewußtsein, Willen, ...) zu erklären, aus denen sich Gott abgeschieden hätte. Damit zerrst Du Gott in Dein enges Begriffsvermögen, machst ihn/es klein und formulierst eine Theorie, die zwar mit Dir, aber nicht mit dem wirklichen Gotte zu tun hat.
Entsprechend leichtfertig gibst Du von Dir: "Jetzt stellen wir uns mal vor, wir sind Gott...", und unterstellst ihm menschliche Empfindungen wie Einsamkeit und Grauen.

Grundsätzlich sind "Bewußtsein" und "Wille" menschliche Konzepte, die nur für den menschlichen Geist Sinn ergeben, für ein Welterklärungsmodell aber untauglich sind und hohl klingen.
"Wille" ist nicht von demjenigen, der etwas will, trennbar. Es bedarf eines wollenden Geistes und ist nichts eigenständig Vorhandenes. Zwar kann vom Willen Gottes die Rede sein, der Wille kann Gott aber nicht vorausgehen.
"Bewußtsein" ist (schon hinsichtlich der Bedeutungen der Wortbestandteile) nichts weiter als das Sein in dem Zustande, mit dem Wissen über etwas versehen zu sein. Auch es bedarf eines wissenden Geistes oder Verstandes und steht ontologisch natürlich der Sache gegenüber, die gewußt wird. Es kann also gar kein eigenständiges Ding sein, das am Anfange der Schöpfung stehend allen anderen Dingen vorausgeht. Gleichwohl wird in der ganzen Esoterikszene das "Bewußtsein" vergöttert, als hätte man darin den Stein der Weisen entdeckt, auf den letztlich alles hinführe und der mit der Substanz der Schöpfung an sich gleichgesetzt wird. Alle darauf basierenden Modelle hantieren mit begrifflichen Nebelkerzen, um mangelnden Gehalt zu verschleiern, sind innerlich hohl und in ihrer Gesamtheit falsch. Dagegen das "Unbewußtsein" an den Anfang zu setzen, ist nur eine weitere Nebelkerze, die durch Verneinung eines falsch gesetzten, substanzlosen Begriffes einen Inhalt vortäuscht. 0 mal -1 ergibt aber nicht +1, sondern auch nur 0. Das Universum ist nicht "Bewußtsein" und entstand nicht aus "Unbewußtsein" (das sich inhaltlich gar nicht präzisieren läßt). Das ist eine weltanschaulich-philosophisch vollendete Sackgasse.

Von dieser falschen Grundvoraussetzung ausgehend, postulieren Esoteriker, daß das "Bewußtsein" sich entwickeln müsse bzw. entwickelt werden müsse. Nachdem Bewußtsein aber nur eine Funktion des Verstandes ist, bedeutet dies nichts weiter, als den Verstand mit immer mehr Informationen anzureichern, die alle möglichst gleichzeitig im Brennpunkte der Aufmerksamkeit gehalten werden müssen. Denn was nicht augenblicklich gedanklich fokussiert wird, rutscht aus dem Bewußtsein ins Unbewußte. Die Hoffnung ist wohl, durch möglichst viel Wissens und aktiver Geistestätigkeit einen Evolutionssprung auszulösen und geistig in die nächste Ebene aufzusteigen. In Wirklichkeit streben Esoteriker widersinnigerweise nichts weiter an als den Rationalismus der modernen Welt zu transzendieren. Die Anhäufung des Wissens um seiner selbst willen und ein Allerklärungsmodell der Welt durch Bewußtwerdung aller Dinge (letztlich Einswerdung mit der als Bewußtsein mißverstandenen Schöpfung, indem man anstrebt die gesamte Schöpfung gleichzeitig zu wissen) wird zum Sinn des Lebens erhoben. Sie sind also eigentlich Teil dessen, was sie zu überwinden glauben und vorgeben, nämlich des primitiven menschlichen Verstandes.

Klingt wie eine Kindergeschichte

Ganz genau.

Leider lieferst Du in Deinem kindlichen Gemüte nur eine durch unsachgemäße Bemühung psychologischer ("Bewußtsein", "Wille") und physikalischer Begriffe (z. B. "Schwingung" und "Frequenz") aufgeblähte Variante der Erklärung, die man kleinen Kindern gibt, um das Unbegreifliche des Ungesonderten in einen zumindest für die ersten Lebensjahre befriedigenden Mythos zu kleiden.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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