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Die methodischen Mängel der Deagelliste (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Sonntag, 21. April 2019, 15:39 (vor 205 Tagen) @ Alexandra2903 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Sonntag, 21. April 2019, 15:50

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Hallo!

Dass ein "Dienstleister" wie Deagle auf solch "bevölkerungsreduzierte" Zahlen kommt, gibt mir zu denken.

Wie bei jeder wissenschaftlichen Arbeit, Prognose oder grundlegend irgendeiner Behauptung muß der Behauptende offenlegen, wie er zu seinen Aussagen methodisch oder auf welcher Quellengrundlage kommt.

Zur Deagelliste findet sich aber nur:

  • Demographische Daten der CIA, IMF, UN, USG, etc., allerdings nicht die künftigen, sondern die gegenwärtigen Basisdaten, dazu ein paar "Schattenquellen", welche die Autoren nicht offenlegen wollen. Das ist natürlich hochgradig unseriös, da nicht klar ist, ob diese Quellen überhaupt existieren oder nur zur Scheinuntermauerung der ansonsten aus der Luft gegriffenen Prognosen erfunden wurden. "Internet gurus, unsigned reports and others" kann man zusammenfassen als: beliebige Idioten, die im Internet ihren geistigen Dünnpfiff absondern. "Unsinged Reports" sind Artikel ohne Autoren, also das unterste des Untersten in der Rangordnung der Seriosität. Die Macher führen einzig ins Feld, daß die Quellen "öffentlich zugänglich" seien, freilich aber ohne sie zu nennen. Die gläubigen Konsumenten der Liste dürfen sich dann die nötigen Belege selbst zusammensuchen. Jedem anderen ist es hingegen vernünftigerweise zu dumm, sich solchen dünnen Bretter auch noch weiter zu widmen. ;-)
    In einem weiteren Schritt behaupten sie dann auf Grundlage einer angeblichen chinesischen Untersuchung, die offiziellen Daten der Staaten seien in der Regel gefälscht oder manipuliert. Damit negieren sie allerdings die Validität der einzigen Daten, die tatsächlich heranziehen und deren Quellen sie nennen (nämlich jene der CIA, IMF, UN, USG, etc.). Davon ausgehend nehmen sie sich die Freiheit, für die Zukunft jegliche Veränderung zu postulieren, die ihnen auf Grundlage der "Internetgurus" und "unsignierten Berichte" in den Kram paßt.
  • Ein angebliches "Qualitätsmodell" der Prognose, welches des quantitativ-statistische Vorgehen ergänzt. Dieses qualitative Momentum besteht im wesentlich darin, sich wild irgend etwas vorzustellen, was sie einleiten mit den Worten: "but try to imagine", worauf eine willkürliche Ebolaphantasie folgt, die zwar nicht auszuschließen, aber auch nicht sehr wahrscheinlich ist. Diesbezüglich setzen sie dann schlicht die maximale Letalitätsrate von 80–90 % an. Desgleichen (Pandemie und Atomkrieg) soll angeblich nicht in die Prognose eingeflossen sein. Die Unseriosität dieses Vorgehens, sich willkürlich Dinge vorzustellen, die man ohne valide Begründung für möglich hält, ist es aber bezüglich anderer Faktoren sehr wohl.
  • Ein Schlüsselfaktor sei das Migrationsverhalten in den USA. Dabei verkehren sie – und das ist eine dieser willkürlichen, unbelegten Vorstellungen – das Immigrationsverhalten der Vergangenheit in eine vergleichbar starke Abwanderung nach dem Zusammenbruch der US-Wirtschaft. Diese spiegelbildliche Verkehrung vergangener Trends in ihr schlichtes Gegenteil ist schon sehr simpel, wenn nicht gar töricht gedacht. Ähnlich töricht ist die Annahme, ein viel höherer Lebensstandard im Vergleich zur untergehenden Sowjetunion würde im selben Maße zu höheren Todeszahlen als Folge des Zusammenbruchs führen. Viele Faktoren, die den Westen und unsere heutige Zeit vom damaligen Rußland unterscheiden, werden gar nicht in Betracht gezogen, weswegen die Nennung konkreter Zahlen, wie es die Deagelliste tut, einer belastbaren Grundlage entbehrt und nur unseriös genannt werden kann.

Ich meine, die saugen sich das ja nicht aus den Fingern - die haben ja konkrete Anhaltspunkte, um zu diesem Schluss zu kommen.

Doch, das tun sie. Die Annahme konkreter Anhaltspunkte ist durch nichts gerechtfertigt, solange sie zur Erklärung nur diese unzureichende, von mir oben kommentierte Erklärung mitgeben. Die Erläuterungen sind bei weitem nicht ausführlich und detailliert genug, um die Prognose konkreter Zahlen für jedes einzelne Land zu rechtfertigen.
Die Macher der Seite sind keine Dienstleister, sondern "non-profit Webseitenbetreiber", welche in ihrer Freizeit daran basteln. Sie haben keine geheimen Quellen, sondern berufen sich auf den vielfältigen, öffentlich im Internet kursierenden Stoff, der erfahrungsgemäß zum weitaus größten Teil blanker Unsinn ist.
Um überhaupt ernstgenommen zu werden, müßten sie ein komplexes Prognosemodell mit den zugrundeliegenden mathematischen Verfahren (die heutzutage nur in Form einer Computersimulation vorgenommen werden können*), den Axiomen des demographischen und ökonomischen Verhaltens und die genaue Herkunft aller herangezogenen Basisdaten offenlegen, so daß der kundige Leser die Qualität des Modells, seine etwaigen Schwachstellen, die Validität der Axiome und die Qualität der Basisdaten (die ja bei so vielen Ländern nie einheitlich und vergleichbarer Güte sein können) bewerten zu können.

*Das dürfte die Möglichkeiten von Privatleuten, die nach Feierabend an einer Webseite basteln, aber recht schnell übersteigen.

Im Übrigen danke ich allen hier im Forum sehr für die Diskussionen und Informationen, die außerordentlich gut dazu geeignet sind, über den Tellerrand zu blicken und nicht gleich im Schlamassel zu landen ;-)

Bitte schön!

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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