Hintergründe (Schauungen & Prophezeiungen)

Sagitta @, Dienstag, 31. Januar 2017, 20:07 (vor 1163 Tagen) @ Leo DeGard3001 mal gelesen

Hallo Leo DeGard,

kann mich leider nur ein bißchen auf Deine Seite stellen: natürlich gibt es eine Langzeitstrategie in den russischen Zirkeln der Macht, doch diese hat mit dem "Kommunismus" wenig mehr zu tun. Man könnte vielleicht noch zugestehen, dass diejenigen, die heute in Moskau planen, vielfach in der geistigen Nachfolge der alten Strategen stehen bzw. eben in Sowjetzeiten selbst "sozialisiert" wurden. Viel mehr aber, denn durch derartig fossile Gedankenkonstrukte, werden die gegenwärtigen Strategen von realen Notwendigkeiten getrieben (siehe etwa den ersten LINK ganz unten).

Und was wäre, wenn die einstigen Langzeitstrategen ihren Enkeln nur ein Geschenk machen wollten (indem sie den Zusammenbruch inszenierten)? Man so etwas kaum nachweisen - und es wäre belanglos. Denn heute denkt niemand mehr in Moskau in den Kategorien von Marx und Engels. Es herrschen dort reine Machtpolitik und Interessen. Wie anderswo.

Der sog. Zusammenbruch der Sowjetunion ist ein extrem komplexer Vorgang, der genausowenig erhellt ist wie etwa der Zusammenbruch der heute von mir erwähnten Twin Towers in NY. Das Ende der Sowjetunion muss ferner mit dem Putsch gegen Gorbatschow in Verbindung gebracht werden (mit den Morden in diesen Tagen und mit den Geldtransfers). Ich interpretiere dieses Geschehen eher als Flucht nach vorne und als einen Versuch neuen Handlungsspielraum zu gewinnen. Das Vorhaben wurde von den damaligen russischen Geheimdiensten und Machtzirkeln begonnen. Es ist weitgehend unbekannt (wurde höchstens ansatzweise an den Aktivitäten von Putin in den 90er Jahren nachgewiesen, weil man ihm gerne an den Karren fahren würde). Die Konsequenz, durchaus erfolgreich, war eine Internationalisierung dieser Kreise, überwiegend in in zwielichtigen Geschäftsbereichen. Dieser Vorgang ist für die neuere Geschichte nur vergleichbar mit der Installation der italienischen Mafia in den USA oder mit den 'Rattenlinien' der NS-Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, hat aber viel weitreichendere Dimensionen. Diese internationale geheime russische Truppe (Israel darf hier nicht übersehen werden), die durchaus noch koordiniert ist, wird sich natürlich in schicksalshaften Momenten und je nach dann aktueller Vereinbarung mit der Politik Russlands arrangieren. Sehr gefährlich.

Die allgemeine Außenpolitik Russlands ist jedoch geopolitisch determiniert und war es schon immer, selbst vor der Installation des sog. "Kommunismus" in Petrograd 1917 - eine Installation, die genauso ein Machtspiel und eine Inszenierung war wie 1989/1991 der Zusammenbruch. Als größtes Land der Erde hat Russland auch die längste Grenze und damit natürlich die meisten Nachbarn am Hals. Und keiner von denen ist besonders freundlich (das doofe Deutschland ausgenommen .... was ja das Problem und die Versuchung ist). Diese geopolitischen Konstellationen sind tausendmal wirkmächtiger als alle Pläne. Der Plan, in Europa einzufallen und sich den Kontinent unter den Nagel zu reissen - den Deine Langzeitstrategie suggeriert -, der wäre komplett hirnrissig, weil seine Umsetzung sofortige Gegenreaktionen in Nordamerika und China auslösen würde, denen Russland nicht standhalten könnte. Es ist aber vorstellbar, dass Russland in gewissen Augenblicken nicht mehr rational entscheidet und durch gewisse Umstände (Bürgerkriegsverhältnisse in den USA und Europa) verführbar wird. Derartige Situationen werden dann dadurch kompliziert, dass Staaten intern niemals geschlossen sondern in konkurrierende Machtgruppen aufgeteilt sind - und dass diese inneren Kräfte immer mit Mächten in anderen Staaten zusammenarbeiten. Und man kann eine Machtgruppe auch dadurch besiegen, dass man sie in einen Krieg ziehen lässt, den sie verlieren wird (was etwa in Deutschland 1914ff geschehen ist, durchaus bewußt von einigen echt 'linken' Sozialdemokraten so gesehen: der Dolchstoß begann schon 1914!).

Es sind dies sehr hintergründige Überlegungen, die niemand nachvollziehen braucht. Ich habe meine eigenen Gründe, sie anzustellen. Und wenn ich eben "in den Krieg ziehen" gesagt habe, so müsste man das ebenfalls differenzieren. Denn einmarschierende ausländische Mächte suchen im Feindesland auch immer Gruppen, die sie als Verbündete ansprechen können. Und die werden von langer Hand kontaktiert - wie Du ganz richtig bemerkt hast. Für die sind dann die Feinde eigentlich Helfer und Befreier. Für diese Dinge braucht es aber keine "kommunistische Langzeitstrategie" sondern das ist das Einmaleins der Machtpolitik seit 5000 Jahren.

Die Wirklichkeit ist mithin sehr komplex, viel komplexer als dass eine noch so ausgeklügelte Langzeitstrategie sie erschaffen könnte. Und die aktuelle Realität ist nicht so, dass die Russen aktiv werden könnten. Sie sind noch zu schwach auf der Brust.

https://russiamil.wordpress.com/author/gorenbur/
https://russianmilitaryanalysis.wordpress.com/
http://www.ponarseurasia.org/article/everyone-loses-ukraine-crisis-and-ruinous-contest-post-soviet-eurasia-new-book
https://www.youtube.com/watch?v=GtCYXk9R95I
(sehr zu empfehlen)
https://en.wikipedia.org/wiki/Centre_for_Analysis_of_Strategies_and_Technologies

Dennoch, sie werden kommen. Gewalttätig. Und sie werden wieder gehen. Ebenfalls mit Gewalt. Danach ist lange Zeit Friede. Kein Grabesfriede. Aber etwas mühselig wird er durchaus sein. An dem, was geschehen wird, haben allerdings 'die Russen' nur wenig ursächlichen Anteil. Vielmehr sind auch sie nur ein kleines Rädchen in den übergreifenden historischen Prozessen.

Ganz offtopic noch eine Frage: Russland hat im Herbst letzten Jahres 150 Spetznats in Bolivien (!) abgesetzt. Hast du eine Idee dazu?

Das fragt, mit freundlichen Grüßen,
Sagitta


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