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Weltoktober (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Montag, 30. Januar 2017, 09:36 (vor 1260 Tagen)4376 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Montag, 30. Januar 2017, 09:42

Hallo!

Kommentar hierzu:
Die sowjetische Langzeitstrategie

Die Frage stellt sich, ob DeGard sich schon mal mit neueren Schauungen befaßt hat, die wir hier im Forum gesammelt haben.

  • Diverse Aussagen Guerreros über die russische Besatzung
  • Die Zahnarztangestellte
  • Aeneas über die russische Besatzung in Heidelberg
  • Attemptos hochsymbolische Schau über Rußland als "Beschützer" Deutschlands
  • Gabriele Hoffmanns wertneutrale Interpretation ihrer Individualschauungen der Entwicklung Rußlands zu einem "Attraktor"
  • Bouviers Traum eines Überlaufens Mitteldeutschlands bei gleichzeitiger russischer Untergrundagitation

Darin ist zum einen kein Hinweis auf Kommunismus zu finden. Zum anderen enthalten diese Quellen Aussagen, die dem "klassischen Szenario" eines russischen Blitzkrieges gewissermaßen widersprechen, da sie auf eine längere Besatzungszeit hinweisen.
In der Tat ist nicht das meiste gesagt bzw. geschrieben, was es zu sagen, bzw. zu schreiben gäbe. Ungeklärt ist, ob der russische Feldzug, wie wir ihn älteren Quellen zu entnehmen meinen, nicht ersatzlos zu streichen wäre zugunsten einer längeren Periode, in der Deutschland eine Art russisches Protektorat wird.

Die Grundidee des russischen Feldzuges ist wohl eine bloße Abwandlung der endzeitlichen Prophezeiungen, daß die Völker Gog und Magog aus dem Inneren Asiens hervorbrechen werden. In der Spätantike lagen sie noch hinter dem Kaukasus, wo Alexander der Große sie einst hinter einer Mauer eingesperrt haben soll. Am Ende der Zeiten sollten sie ausbrechen, das Heilige Land verwüsten und vom christlichen Weltherrscher zurückgeschlagen werden.
Ich vermute, nachdem sich der kulturelle Schwerpunkt nach Europa verlagerte und die Endzeitprophezeiungen als Teil des christlichen "Komplettpakets" mitgenommen wurden, hat sich das Motiv zu einem Angriff aus dem Osten gewandelt. In der letzten Überlieferungsschicht, die wir in den Prophezeiungen (grob beginnend ab der schriftlichen Fixierung der Birkenbaumsage 1849) alleine vor uns haben, ist es ein russischer Überraschungsangriff aus dem Osten, der am Rhein vom großen Monarchen aufgehalten wird. Das eschatologische Grundmuster ist das gleiche.
Sollte dies zutreffen, handelt es sich bei den Prophezeiungen (im Gegensatz zu Schauungen!) um den Teil einer Heilslehre, die nicht Zukünftiges enthält, sondern durch eine religiöse Erwartungshaltung begründete Vorstellungen. Dann ist der russische Feldzug/Blitzkrieg/Überraschungsangriff eine fixe Idee.

Das Element "Kommunismus" in den Prophezeiungen ist jüngeren Datums. Es entstand erst im 19. Jahrhundert parallel zur Entstehung des Marxismus. Mit den durchweg gefälschten französischen Aussagen des ausgehenden 19. Jahrhunderts , die von San Miguel in seinem Buch über den großen Monarchen zitiert werden, wurde es in die Prophezeiungsszene eingeführt.
Bei der stigmatisierten Marie-Julie Jahenny, die zur gleichen Zeit Botschaften aus höheren Sphären (im Sinne von "übergeordnet", aber nicht zwingend qualitativ höherwertig) bekam, wurde die Idee der "roten Revolution" ebenfalls transportiert, und zwar meines Erachtens aus jenseitigen Vorstellungswelten, die sich parallel zur irdischen Gesellschaft entwickelten. Im christlichen Milieu wurde der materialistische, antichristliche Marxismus als Träger der schon im Urchristentum erwarteten endzeitlichen Christenverfolgung identifiziert. Das zog als kausale Folge die Entwicklung dazu passender Prophezeiungen nach sich. Die jenseitigen Geister, die sich Jahenny (und anderen Extatischen) mitteilten, teils auch durch Marienerscheinungen, gehören der selben religiösen Vorstellungswelt an wie ihre irdisch eingeleibten Gegenstücke. Sie folgen dem selben Zeitgeist und spiegeln diesen durch Prophezeiungen aus dem Jenseits zurück.
Über den Siegeszug des Kommunismus gibt es keine (Schreckens-)Prophezeiungen, die älter sind als der Kommunismus selbst. Sie entstanden mit ihm und verschwanden mit ihm wieder, genau spiegelbildlich zur jeweiligen historischen Lage. Daher wundert es nicht, daß in der postkommunistischen Ära in Schauungen über russische Besatzung (siehe oben) der Kommunismus gar keine Rolle mehr spielt.

Die Identifizierung der Russen als "die Roten" ist wiederum nicht älter die bolschewistische Revolution in Rußland 1917. Die "Rotjankerl" kommen erstmals bei der ältesten Mühlhiaslprophezeiung des Pfarrers Landstorfer 1923 vor, sind also jünger als die Sowjetunion. Es ist davon auszugehen, daß dieses Element ex eventu, also parallel zur historischen Entwicklung erfunden und in Prophezeiungsform verpackt wurde. In den nächsten 70 Jahren wurde die Gleichsetzung Kommunisten = Endzeitgegner = Russen (alias Gog und Magog) zum Paradigma der Prophezeiungsszene und ist als selbstverständliche Voraussetzung auch Grundlage der Aussagen Irlmaiers und des Waldviertlers. Etwaige echte Schauungen über eine künftige russische Präsenz in Mitteleuropa wurden diesem Paradigma entsprechend begriffen und in das Kommunismus-Russen-Szenario einsortiert.

Diese moderne Fassung der uralten Endzeitprophetie, in der die antichristlichen slawischen Völker aus dem Inneren Asiens hervorbrechen, zeitgleich in Europa rote Revolutionen ausbrechen und eine allgemeine Christenverfolgung anhebt, in deren Zuge auch der Papst aus Rom vertrieben wird, ist eine irreale religiöse Vorstellungswelt auf Grundlage endzeitlicher Naherwartung. Daraus eine Wiederkehr des Kommunismus abzuleiten unter der Grundannahme, daß es vorausgesehen worden wäre, ist schlichtweg verfehlt. Daher sind Prophezeiungen keine valide Bestätigung, kein Argument für die DeGard'sche Langzeitstrategie. Umgekehrt ist die Langzeitstrategie kein notwendiges Puzzlestück, um ein prophezeites Szenario erklärbar zu machen.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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