Wer lesen kann ... (Schauungen & Prophezeiungen)

Sagitta @, Sonntag, 24.01.2016, 22:14 (vor 1827 Tagen) @ BBouvier (3207 Aufrufe)

... und sich Zeit nimmt, BB, der findet:

Es werden auch offtmals Wunderbahre Zeichen Gottes vor der Zerstörung des Böhmerlandes hergehen ... (Blatt 3 rechts unten)

und wird bey mählich zur Vertilgung, Umbkehrung un Zerstörung des Böhmerlandes sich nahen ... (Blatt 4 rechts Mitte)

es werden aber etliche Jahr zuvor hergehen der unerhörte Untergang des Böhmerlandes ... (Blatt 6 links Mitte)

... er wird ganz Böhmer-Land ausrotten ... (Blatt 6 rechts Mitte)

... so wird das Böhmische Volck also außgerottet werden, das man kaum auff 2. oder 3. Meilen rechte Böhmen finden wird ... (Blatt 8 links oben)

Es gibt offenbar eine sehr alte Tradition von einer Totalzerstörung des Böhmerlandes. Schauungen entfalten sich auch (... natürlich nicht nur!) in einem Wechselspiel zwischen Gesagtem/Gehörtem und neu Geschautem, das dann wieder berichtet und weiter gegeben wird - oft über Jahrhunderte hinweg. Und oft haben auch die Tradenten Anflüge von Schauungen (wie neulich @Baldur gelegentlich einer Formulierung im Lindenlied sinniert hat). Bei Schriftstellern ist derartige Intuition vielfach belegbar. Dieses Forum ist ein weiteres Beispiel für eines solchen Wechselspiels zwischen Lektüre der Tradition und neuen Schauungsschöpfungen.

In meiner Einschätzung ist die Prophezeiung von 1645 (eigentlich sind es drei separate Prophezeiungen) ein genetischer Vorläufer (zunächst rein literarisch gesehen) der im 19. Jahrhundert wieder aufscheinenenden Tradition (deren Zwischenglieder ich nicht kenne; eventuell kennt sie aber @Randomizer - oder kennen sie tschechische Volkskundler).

Meine Einschätzung beruht auf genauer Lektüre und Prüfung, sowie auch auf genauer Kenntnis der verschiedenen Stormberger-Versionen. Außer den Aussagen zur "Totalzerstörung" es Böhmerlandes gibt es zahlreiche weitere Analoga in den Bildern und Formulierungen (so etwa die Kronatwittlbirn bei Wudy zu den Kräuterlein vom Walde, die vorm Tode bewahren, oder die Kälte im Sommer zum, in den alten Quellen, "im Pelz zur Ernte gehn" etc.). Ich habe keine Lust, das hier alles aufzuzählen, denn ich bin kein Pizzaservice und kann nur zur eigenen Lektüre und zum eigenen Nachdenken anregen. Die Quellen sind teils hier im Forum sowie in Bibliotheken zu finden.

MfG, Sagitta


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