Kommentar zur Zusammenstellung (Schauungen & Prophezeiungen)

Sagitta @, Sonntag, 24.01.2016, 19:15 (vor 1827 Tagen) @ gaudens (3589 Aufrufe)

Guten Abend!

zu I

Es handelt sich um die Prophezeiung des Blinden Jünglings, die im Kern vermutlich ein hohes Alter hat und seit den 1930er Jahren belegt ist (Überlieferungsgeschichte siehe Gann, S.114). Bereits in der ganz alten Version (1645) ist von einer Zerstörung des Böhmerlandes die Rede (Urtext in der Quellensammlung des Forums, Bilder 2 und 3). Eine Naturkatastrophe ist hier nur angedeutet. Kriege spielen eine größere Rolle. Die 'Wilde Jagd' ist ein Motiv aus dem europäischen Sagenkreis (https://de.wikipedia.org/wiki/Wilde_Jagd). Dieses Motiv ist wichtig, weil es Bezüge gibt zu den "Geistern und Stimmen" während der 3tF. Das, was in der Schau (Orkan!?) gesehen wurde, kann am einfachsten ausgedrückt werden mit Hilfe der Bilder aus der Volkssage?

zu II

Hier handelt es sich um ein Zitat aus der Michalda, belegt seit Mitte 20. Jahrhundert. Der Untergang Prags ist "literarisch-romanhaft" beschrieben im Stile von Velten. Die angedeutete Naturkatastrophe fällt aus dem Rahmen der übrigen Prophezeiung deutlich heraus, was ein Indiz auf einen echten Schauungskern sein könnte. Jedoch ist VORSICHT hier angebracht. Vielleicht kann @Randomizer, der die tschechischen Quellen sehr gut kennt, zu Michalda und Jüngling ein paar bessere Altersangaben machen.

zu III - V

Hier handelt es sich um Auszüge aus der Stormberger Prophezeiung sowie um Wudy, wobei Friedl (1974) meine Vorlage war (Keilhofersche Handschrift). Den Prokop habe ich aus der Quellensammlung des Forums. Ganz unten ist ein Foto von ihm (Person ganz links), das ich aus der Schrift von Haller hier hochlade. Ich nehme die Gelegenheit wahr, noch ein paar kritische Bemerkungen zu den Feldpostbriefen mit Bezug zu den Texten von Friedl zu machen (siehe paralleler Forumsbeitrag von heute). Man beachte, dass Wudy von Wasser spricht, das man hat, aber nicht trinken darf. Erst Prokop spricht von Wassermangel an den Quellen und im Flusse selbst. Das hat auch der Selber Bauer, jedoch in völlig anderem inhaltlichem Zusammenhang.

zu VI

Das ist ein Auszug aus den Veröffentlichungen hier auf dem Forum zum Bauern von Selb. Ich stelle für mich (!) zusammen, was mir selbst (!) wichtig und authentisch zu sein scheint. Andere mögen gerne dieses Aussagen verwerfen. Ich hatte den Bauern von Selb bei mir in der Tonne, bis Tribun hier über ihn bzw. von ihm geschrieben hatte. Deshalb von hier aus nochmals Dank an ihn.

Zusammenfassung und Ertrag

1. Man kann aus den überkommenen Prophezeiungstexten eine besondere Gefährdung für den böhmisch-bayerischen Raum herauslesen. Es ist die Rede von einer fast völligen Entvölkerung der Region, was umso bemerkenswerter ist, insofern gleichzeitig auch (voraus-) gesagt wird, dass voraufgehend zu dieser "Auskehrung" zunächst in der Region sehr viel neu gebaut werden wird (große Häuser, Straßen, Eisenbahnlinien) - und was ja zwischenzeitlich geschehen ist. Die Entvölkerung ist auch deshalb bemerkenswert, weil zum Zeitpunkt der Entstehung der Prophezeiung ohnehin nicht sehr viel Menschen in dieser Gegend lebten. Die Tradition als Ganzes gesehen, unabhängig vom einzelnen Seher, muss als valide angesehen werden.

2. Diese Prophezeiungstradition für Böhmen-Bayern ist relativ alt, vor allem aber eigenständig. Sie hat inhaltlich-sprachlich keine Beziehung zu anderen Traditionen (Finsternis, Endschlacht, Monarch, Fluten o.ä.). Sie präzisiert sich im Lauf der Jahrzehnte mit neuen Bildern, die Seher kennen teilweise ihre Vorgänger - aber das ist nicht störend, da jeder eine eigene Blickweise hat.

3. Generell zur Methodik aus meiner Sicht: Es darf bei der Analyse von Prophezeiungen nicht nur kritisch gesichtet (und Wortklauberei sowie logische Haarspalterei betrieben) werden. Das ist zwar durchaus die erste und zwingende Voraussetzung. Es muss aber auch eine Bemühung um eine Gesamtschau und um eine Differenzierung der Teile innerhalb des Ganzen stattfinden - sofern die Quellen das zulassen (manchmal, Beispiele findet man in der Archäologie, sind allerdings die Bruchstücke eben so gering, dass man keine Gesamtschau leisten kann).

4. Die Sicht auf eine Gefährdung des böhmischen Raumes nimmt im Lauf der Jahrhunderte innerhalb der Schauungen zu, es legen sich
mehrere Krisenereignisse auf dieses Gebiet, wie Jahresringe am Baum (bereits innerhalb der Stormberger Tradition erkennbar). Diese Gefahren sind überwiegend in Kriegen und sozialen sowie allgemeingeschichtlichen Entwicklungen zu suchen (hierzu empfehle ich, die diversen Stormberger Handschriften lesen, vor allem jene Textteile, die ich hier nicht zitiert habe). Die lange Kette der vorausgesagten Ereignisse gipfelt allerdings in einem gravierenden Geschehen, das einerseits durch einen (plötzlichen, von Osten kommenden sowie dramatischen und verheerenden Krieg gekennzeichnet, andererseits durch ein katastrophales Naturgeschehen (das bei der hier unternommenen Analyse im Vordergrund stand).

5. Erst neuere Schauungen (nach den 1970er Jahren), geben diesem 'großen Naturereignis' die Hauptschuld an der Entvölkerung und Zerstörung des böhmisch-bayerischen Raumes. Die alte Tradition dagegen lässt die Ursachen noch offen (was wiederum in meinen Augen für ihre Authentizität spricht).

6. Unter der Annahme, dass der Bauer aus Selb seine Schauungen tatsächlich in den 70er Jahren hatte und nur die seinerzeit bzw. bis
dahin veröffentlichten Schauungstexte kennen konnte, scheint mir ein Beitrag authentisch zu sein und stellt eine wichtige Brücke von den alten Texten zu den neueren Schauungen dar (Waldviertler etc.). Die neueren Texte hat Taurec dankenswerterweise in seinem Beitrag über die Impakte in der Tschechei zusammengestellt. Meines Erachtens gehört allein von der Region her der Zellertaler Bauer hier mit dazu, auch wenn seine Visionen nicht auf Impakte deuten (was vielleicht hier im Forum nicht gern gesehen wird). Die neueren Schauungen bringen zwar weitere Details und lassen auf die Ursache der Katastrophe spekulieren. Für die Tatsache selbst bringen sie nichts zuverlässig Neues - außer dass sie sie bestätigen und die Validität der Tradition bzw. die Ereigniswahrscheinlichkeit der Prognose erhöhen.

7. Es ist interessant, dass Irlmaier die bayerische Weissagung eigentlich nicht auf deren eigener Wellenlänge weiterführt. Vom 'Gelben Strich' abgesehen (aber auch hier haben wir bei Wudy schon die 'grauen Vögel' und bei Prokop der tiefhängenden gelben Himmel). Irlmaier fügt im Gegensatz zu Wudy, Prokop und Selb keine neuen Details zu diesem Traditionsstrang hinzu (eher vielleicht zur 3tF-Tradition). Dieser Sachverhalt müßte noch gründlicher untersucht werden. Wo es doch Ähnlichkeiten gibt, sehe ich persönlich Irlmaier oder seine Herausgeber eher Abhängige, rhetorisch gesprochen als Nachplapperer (seichte Flüsse, Schutz für das Bayernland etc.).

8. Für die Datierung der 'Naturkatastrophe" konnten die alten Schauungen nur unbestimmte Angaben machen (allgemeiner Sittenzerfall, Rückgang des Glaubens, wirtschaftliche und politische Krisenumstände). Es scheint in der Stormberger Prophezeiung aber bereits erkennbar auf, dass dem letzten und großen "Abräumen" ein plötzlich (!) und aus dem Osten hereinbrechender Krieg vorausgeht. In den neueren Schauungen wird das weiter präzisiert. Der Bauer von Selb sieht Panzer und Russen vor Ort, bevor die Stadt (noch zu seinen Lebzeiten) verschüttet wird. Der Bauer im Waldviertel sieht auf seinem Marsch (aus dem verschütteten Gebiet heraus) eine abgeschossene Lenkrakete/Drohne inmitten der Steintrümmer liegen. Somit dürfte die große Naturkatastrophe in engem zeitlichem Zusammenhang mit dem Krieg stehen. Dadurch ist nicht ausgeschlossen, dass auch vor dem Krieg bereits kleinere Naturkatastrophen stattfinden (wofür es in den Schauungen andernorts ebenfalls ausreichend und klare Hinweise gibt).

Ertrag

Der praktische Ertrag der ganzen Übung hier ist ein sehr geringer und banaler: im Rahmen der "umfassenden Vorbereitung auf die sog. "Weltenwende" entsteht die Forderung, sich von der Tschechei und von angrenzenden Räumen fernzuhalten. Das kann man leichten Herzens machen - auch ohne dass zuvor alle Widersprüche geklärt wurden, die BB in den Texten aus Selb aufzeigen wollte.

MfG, Sagitta

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Foto von Waldhirten, ganz links "Prokop" (Josef Schmid), Quelle: Reinhard Haller, Propheten, 1976 (Anhang).


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