Erbe und Ausblick (Freie Themen)

rauhnacht @, Sonntag, 12. Juli 2020, 19:18 (vor 138 Tagen) @ Taurec607 mal gelesen

Hallo Taurec,


Nein, das haben sie nicht. Statt dessen versuchen Oppositionelle und Systemkritiker auf Grundlage demokratischer Werte gegen die zwangsläufigen Folgen der Demokratie anzugehen. Sie meinen, das Übel läge nicht in der Demokratie, sondern daß sie falsch umgesetzt worden wäre. In Wirklichkeit ist die Demokratie vielmehr endperfektioniert und so formvollendet umgesetzt, wie sie nur umgesetzt werden kann. Die Entmündigung jedes Einzelnen zugunsten eines bloß postulierten aber inexistenten Massenwillens, der von selbsternannten Volksvertretern vorgeblich umgesetzt wird, ist einziger Zweck und alleiniges Ziel aller auf diesem Planeten seit seiner Entstehung bis zur Explosion der Sonne umgesetzten demokratischen Versuche, die außerhalb begrenzter Gruppen durch Geburtsrecht gleichwertiger Männer stattfinden.
Letztlich werden alle Aktionen, die von diesen falschen Grundannahmen ausgehend getätigt werden, nicht zu einer Änderung, sondern einer Stabilisierung des Systems führen mit allen negativen Folgen der Geldherrschaft und ihres politischen Mittels, der Demokratie: Entrechtung und Enteignung der Massen, Zerstörung gewachsener Strukturen und Traditionen, um sie durch ein technokratisch geregeltes Sklavensystem zu ersetzen, in dem der sich "befreit" dünkende letzte Mensch lediglich in einem gewissen Rahmen bestimmen kann, welche Sklavenrolle er einnimmt und in Form welcher Konsumgüter er sich für den Verkauf seiner Seele seinen Lohn auszahlen läßt. Mehr interessiert ihn nicht, mehr kann er nicht denken, für anderes hat er kein Verständnis.

Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre wurde zu linken USA Kritikern oft der Spruch gesagt
"Geh doch rüber", solche Sprüche möchte ich hier in diesem Forum nicht bringen, aber vielleicht
sollte es zumindest doch manchmal auch seltene und leise Momente der Dankbarkeit geben, dass wir
im dem Deutschland der heutigen Zeit leben dürfen.


Einen solchen Spruch kannst Du auch gar nicht bringen, weil die Alternative zum westlichen System nicht etwa das chinesische System oder ein anderes augenblicklich auf diesem Planeten existierendes, sondern eine sozial hierarchisch-ständisch strukturierte, politisch dem monarchisch-dynastischen Prinzip folgende, ökonomisch auf Subsistenzwirtschaft und Gold und Silber basierende, spirituell auf Selbsttranszendierung, Selbstveredelung und Gottgefälligkeit ausgerichtete Ordnung wäre, die in einer zur waldreichen Kulturlandschaft umgebildeten Wildnis mit nicht mehr als 30 Menschen pro km² und Städten von höchstens 20.000 Einwohnern existiert.
Der Spruch "Wenn es Dir hier nicht gefällt, dann geh' doch ins 13. Jahrhundert" geht ins Leere und wäre blanker Hohn.

Vom Standpunkte wiederholter Inkarnationen aus betrachtet, kann man der Erfahrung willen "dankbar" sein, hier geboren worden zu sein, nicht aber, weil hier alle Lebensprobleme letzthinnig gelöst worden wären. Statt dessen ist diese ganze Epoche ein einziges Problem, das sich wahrscheinlich erst auflösen wird, wenn der Zivilisationsmensch endlich aufhört, Probleme lösen zu wollen, was vermutlich nicht durch Einsicht stattfinden wird, sondern indem der Zivilisationsmensch mit seiner Zivilisation verschwindet.

Obwohl der heute auch schon abgedroschen ist, zitiere ich Nietzsche:
"Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.

Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern? – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

Wir haben das Glück erfunden – sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben; denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme. Krankwerden und Misstrauenhaben gilt ihnen als sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife. Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: Wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus. Ehemals war alle Welt irre – sagen die Feinsten und blinzeln. Man ist klug und weiß alles, was geschehen ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

Wir haben das Glück erfunden – sagen die letzten Menschen und blinzeln."

Hervorragend! Vielen Dank

Gruß
Rauhnacht


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