Re: Wollte nie gegen Polen polemisieren

Geschrieben von Marc Malbec am 16. April 2004 14:47:03:

Als Antwort auf: Nur zum Thema Polen geschrieben von franke43 am 16. April 2004 12:16:11:

Hallo Franke,

die Komplimente hast Du sehr wohl verdient. Vor allem Deine Einsicht in Sachen Bismarck hebt Dich aus den Heerscharen der politisch korrekten Mehrheit himmelweit heraus; egal, ob Deine Äußerung intuitiv aus dem Bauch heraus gekommen ist, oder historisch fundamentiert war.

Gestern wollte ich zu Deinem Talleyrand-Vergleich noch eine Ergänzung schreiben, und bin froh, daß ich jetzt dazu die Gelegenheit habe.

Bismarck selbst bezeichnet sich in seinen Memoiren mehrfach als typischer Höfling, und am Ende des Buches sogar als deutsche Ausgabe von Kardinal Richelieu. Ich bin sowieso der Ansicht, daß Bismarck so ziemlich der einzige deutsche Politiker gewesen ist, der französische Politik, d.h. Politik nach französischen Mustern getrieben hat.

Du müßtest mal lesen, welch großen Eindruck Bismarck während seines Aufenthalts in Biarritz auf Prosper Merimee (Autor der Novelle Carmen, die später von Bizet veropert wurde) gemacht hat. Du würdest Deinen Augen nicht trauen, wie sich Merimee äußert. Er sagt, ich muß wieder stehend freihändig zitieren: "Bismarck ist mein Held. Er ist ein Mensch ohne jedes Gemüt (sic!), aber voller Geist und mit perfekten Umgangsformen. Als einer der wenigen scheint er die Deutschen als das erkannt zu haben, was sie sind, Einfaltspinsel." (Quelle: Irgendwo bei Moritz Busch, Bismarcks Pressemensch)

Auch in einem Roman von Guy de Maupassant findet sich eine Eloge auf den "Eisernen".

>Das war aber 1919 erstmals möglich, weil
>erst 1919 alle 3 Länder, die sich ab 1773 bereichert
>hatte, Kriegsverlierer waren und zu Gebietsabtretungen
>gezwungen werden konnten. Das waren die Länder
>Russland, Österreich und Preussen (Deutschland).
>Alle drei hatten ab 1773 vom Landraub an den Polen
>profitiert, und 1919 wurde dieser Landraub rück-
>gängig gemacht.

In der Frage der polnischen Grenzen bin ich völlig ahnungslos. Um Mißverständnisse zu vermweiden, möchte ich sagen, daß ich keine Sekunde jemals daran gedacht habe, das Existenzrecht eines eigenständigen polnischen Staates zu bestreiten. Was ich für mich und Deutschland einfordere, bin ich selbstverständlich bereit, auch anderen zuzugestehen.

Ob jedoch Danzig und andere Städte sowie Schlesien so ohne weiteres dem polnischen Gebiet zuzuordnen sind, dahinter darf man wohl ein Fragezeichen setzen. War nicht August der Starke König von Polen. Für wen hat Bach seine h-moll Messe geschrieben? Und wie sieht es mit den schlesischen Dichtern Gryphius, Opitz und Hofmann von Hofmannswaldau aus, und wer hat den schlesichen Webern literarische Denkmäler gesetzt?

Um auf 1919 zurückzukommen, müßten wir fragen, ob die drei genannten Verursacher der polnischen Teilungen annähernd gleichgewichtig belastet wurde, und vor allem, ob und inwiefern die deutschen Gebietsabtretungen nicht endlich als Reparationsleistungen verrechnet werden sollten?

>Hier handelt es sich eben nicht um Gebietsansprüche
>aus einer fernen Vergangenheit. Genau wie die deutsche
>Nation existierte die polnische Nation trotz der
>Fremdherrschaft weiter, nämlich als intakter Sprach-
>und Kulturraum. Die Polen waren zwar von den Nachbarn
>unterjocht, wohnten aber immer noch in ihren Siedlungs-
>gebieten und pflegten die "Idee" Polen weiter. Deshalb
>lautet ja der anfang der polnischen Nationalhymne:
>"Noch ist Polen nicht verloren"

Die Bemerkung zielte auf die geographische Eingrenzung der im Prinzip berechtigten polnischen Ansprüche.

>Im Falle Polen setzte sich
>Woodrow Wilson und sein Konzept vom recht
>der Völker auf selbstbestimmung durch.

Warum gilt das Recht auf Selbstbestimmung der Völker für Polen, Tschechen etc., aber wenn Deutsche davon Gebrauch machen (Anschluß Österreichs) glaubt man darin eine Rechtfertigung zum Krieg zu sehen?

Wenn amerikanische Politiker vom Selbstbestimmungsrecht der Völker reden, erinnert mich das stark, sehr stark an eine Keuschheitspredigt von Papst Alexander VI., Johannes XXIII (Baldassare Cossa) oder einem Paul - ich weiß nicht, welche Hausnummer -, der sich von Tizian mit seinen Enkeln (!!!) hat porträtieren lassen.

Man stelle sich das mal vor, ein Papst sitzt Tizian, dem Porträtisten der Kaiser und Könige mit seiner Nachkommenschaft Modell. Die Mätressen blieben, das war wohl selbst dem Heiligen Stuhl zu starker Tobak, ausgespart.

Wie rührend sich der Papst, ich weiß wieder nicht genau, welcher, um seine Nachkommen (!!!) kümmert, und sie in seiner väterlichen Güte mit Pöstchen und Pfründen versorgt, steht bei Montaigne, in seiner "Reise nach Italien", in direktem Zusammenhang mit einer Papst-Audienz, bei der er dem Heiligen Vater die Pantöffelchen küßt.

Der Vatikan im Stil der Neuen Zeit (Peter Stuyvesant-Reklame) steht in Washington D.C. Und wie bei den Päpsten früherer Zeiten gelten Einschränkungen, Auflagen und Vorschriften (= Selbstbestimmungsrecht d. Völker) jederzeit für andere, aber niemals für sie selbst oder ihre Verbündeten und Angehörigen.

Und dafür verlangen sie, daß man ihnen die Füße küsst.

Obwohl bekennender Atheist, scheint mir im Moment die Tyrannis der alten Päpste erträglicher als die Despotie der USA.

Marc Malbec





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