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Nochmal für Dich: Die Lindelied-Adlmaier-Problematik (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 12. Mai 2011, 19:30 (vor 3307 Tagen) @ Georg3752 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Donnerstag, 12. Mai 2011, 19:36

Hallo, Georg!

Mir scheint, Du liest die Beiträge hier nicht oder, wenn Du sie liest, vergißt Du sie gleich wieder.

So ist Dir offensichtlich entgangen, daß das Lindelied gar nicht aus Bad Staffelstein stammt und nicht um 1850 in der dortigen Friedhofslinde gefunden wurde.

Das Lied wurde 1920 von Martin Hingerl geschrieben und der Staffelsteiner Linde zugeschrieben. Dabei hat sich Hingerl an ein altes Sagenmotiv angelehnt, demzufolge Aussagen von unbelebten Dingen gemacht werden.
Am Ende der zweiten Auflage des Liedes von 1925 schreibt er: "Die Weissagung durch einen Baum wird keinen wundern, der das Altertum kennt oder auch nur das Büchlein von Abraham a Santa Clara 'Merks Wien!' gelesen hat, worin einmal aufgezählt wird, was schon alles gesprochen hat, ohne eine Zunge zu besitzen."

Bei Hingerl steht kein Wort davon, daß sich das Lied in dem Baum auf einem alten Schriftstück usw. befunden habe. Er schreibt, das Lied sei 1920 erstmals gedruckt worden (nämlich von ihm). Er schreibt nicht, daß das Lindelied als einziges Gedicht in einem Band, der ansonsten von ihm verfaßt wurde, von einem anderen Autoren stammte, sodaß anzunehmen ist, daß Hingerl auch das Lied geschrieben hat.
Die Übereinstimmungen vieler Textpassagen mit dem Buch von Konzionator untermauert diese Annahme. (Und das ist nur, was mir aufgefallen ist. Vielleicht hat Randomizer da noch mehr drauf.)

Die ganze altbekannte Geschichte über den geheimnisvollen Fund im Stamm taucht erst bei Conrad Adlmaier auf. Der verweist jedoch nicht auf Hingerl, sondern auf Unbekannte, in deren Besitz sich das alte Manuskript von 1850 befinden soll, auch noch in zwei verschiedenen Fassungen, einer kurzen und einer langen, die sich ergänzen.
Das läßt nur den Schluß zu, daß Adlmaiers Geschichte völlig erlogen ist.
Er hat überhaupt nichts übertragen, sondern nur abgewandelt und die Quelle verschwiegen.

Bekh, ein nicht nicht minder großer Schwadroneur, setzt dem noch die Krone auf und schreibt: "Untersuchungen des Papierzustands und der Schriftzüge ergaben, daß die vorliegende Fassung um das Jahr 1850 entstanden sein mußte."
Und das obwohl noch nie jemand das Originalmanuskript überhaupt zu Gesicht bekommen hat!

Damit kommen wir in die ungünstige Lage, daß zwei der Kernautoren der Prophezeiungsszene, Conrad Adlmaier, der die "Betreuung" Irlmaiers übernahm (tatsächlich hat er ihn, wie Berndt schreibt, aus des Gewinns wegen ausgenutzt), und Wolfgang Johannes Bekh, der einige Prophezeiungsbücher, unter anderem mit der Erstveröffentlichung des Waldviertlers, geschrieben hat, der vorsätzlichen Irreführung überführt wurden!

Deren Vorgehen entspricht im Grunde der Konstruktion des Mühlhiaslmythos, der nach Landstorfers Artikel von 1923 durch viel Phantasietätigkeit der Volksschriftsteller entstand, die den flottierenden Aussagen eine reale seherische Grundlage schaffen wollten. An der Verbreitung Mühlhiasls waren Adlmaier und Bekh ebenfalls (neben anderen) beteiligt.
Das ging sogar soweit, daß heute im Bayerischen Wald die "alte" Mühlhiaslsage als Theaterstück aufgeführt wird, obwohl dort vor 1923 so gut wie niemand mehr Mühlhiasl kannte.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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