Warum Eure Erwartungen im Endeffekt wichtiger als Prophezeiungen sind:

Geschrieben von SoL333 am 21. August 2002 01:24:35:

weil sie die Voraussetzung dafür sind, ob Prophezeiungen verstanden werden oder nicht.

Wir (fast) alle hier sind in Ländern der EU groß geworden, insbesondere aber Deutschland und zum kleinen Teil Österreich oder die Schweiz. Wir sind in einen Frieden geboren worden, der für uns die Normalität bedeutet. Historisch betrachtet ist dies jedoch keineswegs die Normalität, sondern die absolute Ausnahme, die auch nur vorhanden ist, weil Ost und West sich mit apokalyptischen Atomwaffen bedroht haben und sich niemand bisher so recht getraut hat, einen richtigen Krieg anzufangen. Lust dazu gab und gibt es noch oft genug.

Nicht nur das: nach dem Sieg der Allierten gegen die Deutschen nach dem 2. Weltkrieg fand in den deutschsprachigen Gegenden die sog. hochorganisierte "Reeducation" statt. Optimisten bezeichnen dies als eine "Wiedererziehung", Pessimisten dagegen sprechen von einer "Umerziehung". Was vielleicht mit guten Motiven begonnen haben mag, entwickelte sich jedoch in eine handfeste Amerikanisierung. Das Wort "Amerikanisierung" ist eine Abwandlung des historischen Begriffes der "Romanisierung":
Die Römer haben damals folgende erfolgreiche Strategie bei der Eroberung anderer Landesteile verfolgt: haben sie ein Volk erobert, so haben sie es nicht etwa lange oder großartig zu besetzen oder zu unterdrücken versucht, sondern haben ihnen Ihre Könige, Ihre Religionen etc. gelassen. Statt dessen haben sie still und heimlich die römische Lebensart eingeführt: Kleidung, Sprache, Unterhaltung, Infrastruktur, etc. etc. etc.

Das gleiche haben die Amerikaner gemacht, deren Regierungssystem übrigens mehr dem römischen gleicht als einer wahren Demokratie, auch wenn sie gerne anderes behaupten. D.h. wir wurden im Endeffekt im US-amerikanischem Denken erzogen, natürlich gemixt mit einem Schuß nationaler Eigenheiten.
Man kann dies schon klar erkennen, wenn man nur den Fernseher anschaltet: das meiste stammt direkt aus Hollywood. Wenn deutsche Eigenproduktionen auftauchen, so sind sie oft genug Kopien oder Anleihen nach amerikanischem Vorbild. Genauso funktioniert die Werbung, die Form der Presse etc. etc. Sogar die Wissenschaft ist absolut amerikanisiert: so ist z.B. die Wissenschaftssprache Englisch und nur der etwas wert, der während seines Studiums nach Möglichkeit mehrere Semester in den USA studiert hat oder als Frisch-Diplomer in den USA gearbeitet hat für ein oder 2 Jahre. Auch die Schulbildung ist nicht anders, so kann ich, als Prototyp der kalten-Kriegs-Generation, weitaus mehr amerikanische Präsidenten aufzählen, als deutsche Kanzler oder französische Präsidenten. Doch das alles nur am Rande und vorab.

Diese Sozialisierung nach amerikanischem Vorbild ist für uns die absolute Normalität und kann von den wenigsten überhaupt angemessen hinterfragt werden. Ich selbst hatte den Vorteil, daß ich mich aufgrund meines natürlichen Interesses und meiner Ausbildung gerade mit dem Denken selbst als Studiumsobjekt beschäftige und mich somit auch "außerhalb meines normalen Denkstroms" bewegen kann. Multidimensional, wenn man so mag. Für andere Menschen, und das ist jetzt in keinster Weise abwertend gemeint, ist ihr Denken das Werkzeug, mit dem sie die Welt begreifen. Ich (und einige andere sicherlich auch) sind in der Lage, dieses Werkzeug selbst aus der Distanz zu betrachten und zu überprüfen. Mit einer Art "Über-Denken". Dies nur als Erklärung.

Zurück zur Amerikanisierung: was haben die Amerikaner gemacht, als sie begannen unser Denken zu formen und uns zu willigen Anhängern Ihres Wirtschaftssystems (dem Kapitalismus) zu erziehen?
Sie haben unsere Wünsche geprägt, unsere Ziele, unsere Hoffnungen, unsere Vorstellung von der Welt. Gerade mit Hilfe der Medien. Das heißt jedoch nicht automatisch, daß unser jetziges Denken der momentanen Realität angemessen ist. Es war angemessen, solange das amerikanische System außer Frage stand und hier im Lande Ruhe und relativer Frieden herrschte, so daß sich die Sozialisierung über mehrere Generationen setzen und verbreiten konnte, so daß sie überwiegend nicht mehr in Frage gestellt werden kann, sie ist zur Normalität von innen geworden.

Sicherlich fragen jetzt viele Leser(innen) hier berechtigterweise, worauf ich eigentlich hinaus will. Dieser Exkurs zur "Amerkanisierung" habe ich deshalb voran gesetzt, um eine gewisse Sensibiliät für das eigene Denken zu erzeugen. Nun möchte ich die Brücke schlagen, um zu unserem Thema Prophezeiungen, und unsere Erwartungen dazu, zu kommen.

Viele hier haben die Prophezeiungen gelesen und sich gewisse Erwartungen dazu entweder selbst geschaffen oder sich von einflußreichen Autoren angeeignet. Sie warten jetzt darauf, nicht das sich die Prophezeiungen erfüllen, sondern das sich ihre Erwartungen dazu erfüllen. Heißt das deshalb automatisch, daß ihre Erwartungen der Realität entsprechen müssen, oder dem, was die Visionäre wahrgenommen haben? Nein.

Was wir von den Prophezeiungen haben, sind kleine Textfitzel. Überbleibsel, die irgendwann einmal meist von Dritten aufgeschrieben oder gar von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Ich möchte dies an einem Beispiel weiter ausführen, nähmlich der berühmten Zeile des Alois Irlmaier: "Alles ruft Friede, Friede, Schalom."

Es hat sich die Erwartung verbreitet, ich denke durch den lieben und durchaus fähigen Stephan Berndt, den hier wohl jeder kennt, diese Zeile würde bedeuten, daß eine große Friedenbewegung eben diese Worte rufen würde in Bezug zum aktuellen Nahostkonflikt zwischen den Palästinensern und Israelis.
Seit dem sich diese Erwartung durchgesetzt hat, warten viele (vergeblich) auf diese riesige Friedensbewegung. Das es in der Tat eine (relativ dazu jedoch kleine) Friedensbewegung gibt, schien diese Erwartung realistisch erscheinen. Diese Friedensbewegung kam nicht so wie erwartet, also scheint dieses Vorzeichen nicht erfüllt zu sein.

Diese Annahme ist jedoch falsch, weil die Erwartung falsch ist, sie sich aber mittlerweile fast als Fakt durchgesetzt hat. Schauen wir noch einmal kurz, was zu Irlmaier tatsächlich geschrieben steht: "Alles ruft Friede, Friede - Schalom". Das Wort "Friedensbewegung" oder etwas vergleichbares taucht überhaupt nicht auf.

Ich interpretiere diese Zeile folgendermaßen und somit hat sie sich tatsächlich bereits erfüllt:
Der Nahostkonflikt wird in den Medien so gut wie nie als ein Konflikt bezeichnet, der einer Friedenslösung bedarf, sondern so gut wie immer als ein ins Stocken geratener Friedensprozeß, d.h. ein Friedensprozeß, der durch zahlreiche Gewaltausbrüche immer wieder unterbrochen wird. Tatsächlich wird nicht offiziell auf eine Lösung des Konfliktes hingearbeitet, sondern auf ein Umsetzen bzw. Wiederaufnehmen des Friedensprozesses. Quantitativ wird sogar das Wort "Frieden" in Bezug zum Geschehen in Isarel und Palästina häufiger erwähnt, als das Wort "Konflikt" oder "Krieg". Daher die Worte bei Irlamier "Alles ruft Friede, Friede". Das "- Schalom" gibt uns eine versteckte Ortsangabe, d.h. eine Richtung, in die man dazu zu schauen hat.

Dieses Beispiel läßt sich analog auf andere Dinge übertragen: z.B. das nach Akuta He eine große Mauer brechen soll. Viele erwarten ein Fallen der Klagemauer. Es könnte jedoch genau die Mauer gemeint sein, die just in diesem Moment von den Israelis um die Palästinenser-Gebiete gebaut wird.
Oder die, sogar von KLL heftig verteidigte, Annahme (damals in Bezug zum Thema "Glutjahr, Flutjahr, Blutjahr", siehe Link), Aussagen von Sehern bzw. Seherinnen würden sich in erster Linie auf die eigene Umgebung dieser Person beziehen, obwohl in den meisten Propzeiungen auch Geschehenisse aus weit entfernten Gegenden geschildert werden und diese örtliche Einschränkung definitiv selten in den Texten wort-wörtlich stehen. Aus eigenen Schlußfolgerungen wurde Fakt. Aus einer Heuristik, die nicht immer falsch sein muß, wurde Fakt und Augangspunkt für weiteres Handeln und Denken.

Fazit: Bevor man Prophezeiungen einfach so über die Schulter wirft, weil man meint, sei seien nicht eingetroffen, sollte man in erster Linie die eigenen Erwartungen überdenken. Oft wird sich heraustellen, daß wir "Hollywood-Erwartungen" haben und meist spektakulärere oder visuell sichtbare übernatürliche Special-Effects erwarten, die in keinsterweise in den Prophezeiungen geschrieben stehen. Warum? Weil wir so sozialisiert wurden, deshalb.

Liebe Grüße
Euer Chrisi

P.S.: Auch dieses Thema erfordert eigentlich fast schon ein kleines Buch um tatsächlich angemessen ausgeführt und behandelt werden zu können. Das dies hier nicht möglich ist, liegt wohl auf der Hand. Ich hoffe aber, das die Essenz (seinem eigenen Denken als "Vernunftswerkzeug" skeptisch gegenüber zu sein) angekommen ist.





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