Theorie und Glaube
Geschrieben von Micha aus dem Süden am 21. Januar 2006 14:24:10:
Als Antwort auf: Re: Ähem: Verschwörungstheorien geschrieben von offthspc am 21. Januar 2006 13:50:14:
Ihr Lieben,
Jaaa, da ist es, das Bäh-Wort: Bielefeld!
Erstmal: Es gibt Intrigen. Verschwörungen. Seilschaften.
Zum zweiten: Perfekt funktionieren sie nur auf kurze Zeit und unmittelbare Ziele. Auf lange Sicht und bei komplexen Zielen spielt der "menschliche Faktor" rein - der eine Verschwörer will den anderen ausbooten (denn ausbooten ist nun mal immanenter Sinn von Verschwörungen). Und wenn der Ausgebotete von Format ist, wird er mit entsprechenden Gegenmitteln antworten. Spätestens dann fliegen Verschwörungen auf, oder man bemerkt ihr Vorhandensein am "Bandenkrieg".
Drittens: Die Theorien von Großverschwörungen berücksichtigen diesen "menschlichen Faktor" nicht, sondern unterstellen, dass die dunklen Hintermänner richtig allmächtige "Supermänner" sind. Mit verlaub ... sie müssten unfehlbar sein, und ihre unmittelbar Ausführenden auch, aber Unfehlbare gibt es auf Erden doch nur einen einzigen ;-)
Viertens: "Theorien" müssen "falsifizierbar" sein, um als Theorien gültig zu sein - also überprüfbare Voraussagen treffen. Groß-Verschwörungstheorien immunisieren sich aber gegen Falsifizierbarkeit, indem sie jedes treffende Gegenargument (etwa den "menschlichen Faktor") wieder zu einem geschickten Schachzug der Verschwörung deuteln. Insofern werden Groß-Verschwörungstheorien irrational (weil sie nicht mehr das Falsifizierbarkeitskriterium erfüllen) und sind eigentlich eher "Religion", als "Theorie". Und genau das ist die Argumentation des "Bielefeld"-Beispiels. Aber ok - wer bereit ist, seine Lieblings-Verschwörungstheorie als Glauben anzuerkennen ... über Glaubensfragen muss man sich nicht streiten, sie sind eben GLAUBENSfragen.
Fünftens: wozu nutzen Verschwörungstheorien? Um die Machtinteressen und Skrupellosigkeit der USA zu erkennen, braucht man sie nicht.
Sechstens: wo schaden Verschwörungstheorien? Da, wo die Verschwörungsbrille den Blick einschränkt. der Irankonflikt ist tatsächlich anders gelagert, als der Irakkonflikt. Natürlich geht es auch um dreckige Machtinteressen, aber für beide Seiten (Westen und Iran) stehen existentielle Elemente auf dem Spiel. Und den Iran für "gut" zu halten, weil er Feind der "bösen USA" ist, ist SEHR NAIV!
Der Iran darf keine Atomwaffen besitzen, wenn wir weiterhin in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben wollen. Das ist keine Propaganda, sondern logische Schlussfolgerung gesunden Menschenverstandes aus den letzten 20 Jahren Geschichte. Diesbezüglich ist die Atombombe in Pakistan eine tickende Zeitbombe für den Westen.Siebtens: Ob Krieg der einzige Weg ist, den Iran vom Atomwaffenbesitz abzuhalten, kann man diskutieren. Möglicherweise muss Krieg aber glaubhaft angedroht werden, um die Großkotze in Teheran zur Besinnung zu bringen. Scheinvbar wirkt's: heute hat der Iran dem deutschen Außenminister mitteilen lassen, über die Anreicherung auf Russlands Boden nun DOCH verhandeln zu wollen. Das wurde vorher kategorisch abgelehnt (und unterstütze den verdacht, der Iran wolle die Bombe).
Liebe Grüße, Micha
- Re: Theorie und Glaube Blue Shadow 21.1.2006 15:52 (0)
- Re: Theorie und Glaube offthspc 21.1.2006 15:26 (3)
- Endlich ist Niveau in der Debatte :-) Micha aus dem Süden 21.1.2006 20:07 (2)
- Re: Endlich ist Niveau in der Debatte :-) offthspc 21.1.2006 21:59 (1)
- Also denn: "belastbare Aussage" Micha aus dem Süden 22.1.2006 15:13 (0)