Literarische Weissagung (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Will-Erich Peuckert.

Definition

Neben der „echten“ unterscheiden wir eine literarische Weissagung, deren Hauptwesenszug der ist, daß sie nicht intuitiv als mündliche Voraussage, sondern ergrübelt, als ein literarisches Werk am Schreibtisch entstanden ist. Darin liegt bereits, daß die schriftliche Fixierung einer echten Weissagung nicht als literarische Weissagung zu bezeichnen ist. Alle literarische Weissagung ist Zukunftsweissagung, und auch da, wo es sich um Vaticinia ex eventu handelt, liegt das Schwergewicht auf der Voraussage dessen, was kommen wird.
Man unterscheidet im Gebiet der literarischen Weissagungen (die ja in einem gewissen Sinne gelehrte Weissagung – im Gegensatz zur Prophetie als einer religiösen) gelehrte Voraussagen und Weissagungen. Unter den ersten versteht man dann die Voraussagen auf Grund gelehrter Schlüsse, Angaben, die man landläufig als Weissagungen bezeichnet, ohne daß sie es wahrhaft sind, also z.B. die bekannte Sintflutweissagung von 1525, die Lichtenbergersche von 1484 auf Grund von astronomischen Berechnungen und Systemen (siehe Prognostica, Lichtenberger; Nostradamus usw.). Hierher wird man auch die Periodenlehren mit ihren Voraussagen, wie sie sich etwa bei Trithemius oder Joachim von Fiore (siehe Weissagungen, joachitische) finden, und arithmetische Grübeleien (aus den Maßen des Tempels: Studion[1]) zu rechnen haben, oder die aus der Bibel ergrübelten Zahlen der Endzeit[2]. Im Vordergrunde stehen für uns jedoch die vorgeblichen Weissagungen, die man gewöhnlich unter dem Schlagwort „Vaticinium ex eventu“ zusammenfaßt, als deren bekanntester Typus etwa die „Lehninsche“ (s.d.), die „Salomonische Sibylle“ zu nennen sind.

  1. Peuckert Rosenkreutzer 38 ff. 450.
  2. Vgl. etwa die Schriften der „Ernsten Bibelforscher“

Vaticinium ex eventu

Begriffsbestimmung

Als Vaticinium ex eventu bezeichnet man eine Weissagung, die bereits vergangene Ereignisse als bevorstehend „prophezeit“, die also unter dem Vorgeben, schon 1630 getan zu sein, in Wahrheit im Frühsommer 1813 den Kampf Napoleon I. mit Preußen 1806/07, den Frieden, die Koalition von 1813, „vorhersagt“. – Die Annahme eines Vaticinium ex eventu ist freilich nur ein Hilfsmittel der kritischen Forschung. Wir haben keinen direkten Beweis, daß derartiges geschieht; aber von der Voraussetzung ausgehend, daß keine Weissagung möglich sei, und daß das Eintreffen besonders prononzierter „Weissagungen“ ein Zufallsmoment enthalte, mit dem man praktischerweise nicht rechnen könne, ist man zu der Erklärung gekommen, derartige Weissagungen seien erst nach den Ereignissen hergestellt worden. Wir haben eine Fülle derartiger Vaticiniorum ex eventu.
Vgl. als Beispiel Rischmanns Prophetie III (siehe Weissager).
Ein Vaticinium ex eventu will stets als eine „echte“ Weissagung gelten. Es ahmt sie deshalb so gut nach, wie es dem Verfasser des Vaticiniums möglich ist; ja, die Nachahmung geht so weit, daß man bekannte, angesehene Namen bemüht (Nostradamus usw.). Oft hat der Autor noch die Form eines prophetischen Gesichtes bewahrt (Apokalypse Johannes), obwohl sich daraus stilistische Schwierigkeiten ergeben können, die gegen seine Zwecke (leichte Ausdeutung, Verbreitung) streiten. Zumeist verläßt deshalb das Vaticinium ex eventu den apokalyptischen Stil und verfällt in eine mehr berichtende, aufzählende Darstellung (Lehninense, tiburtinische Sibylle, Pseudo-Methodius usw.), wobei die chronologische Ereignisfolge, nicht die der Gesichte mit den ihnen eigentümlichen Assoziationsgesetzen gewählt wird.

Schema

Jede Weissagung dieser Gruppe hat ein klar erkenntliches Schema, und wo dieses nicht mehr vorliegt, wird man mit Störungen des Textes zu rechnen haben. Einem ersten Teil, der – wie gesagt – Geschehenes „prophezeit“, folgt als zweiter die wirkliche Weissagung, die (ausführlich) die Ereignisse der nächsten Zeit behandelt – denn diese ist es ja, welche im Vordergrunde des Interesses steht (vgl. Rischmann Prophetie III). Ihm folgt ein mehr oder weniger ausführlicher Ausblick in die fernere Zukunft. – Je nachdem wird der erste, zweite oder dritte Teil überwiegen; es kann sogar geschehen, daß der erste Teil bis auf geringe Spuren schwindet, niemals aber wird der zweite (und dritte) fehlen, weil damit ja das Vaticinium seinen Sinn verlöre.

Aufgenommene Motive

Die Vaticinien, die versuchen, den echten apokalyptischen Stil zu wahren, geraten dadurch oft in Verlegenheiten, wenn sie sich nicht, was nahe liegt, in diesen hineinzuschreiben vermochten. In diesem Falle bieten sich ihnen mit der Sprache die apokalyptischen Bilder von selbst; entlehnen sie bewußt, dann liegt es ebenso nahe, die altbekannten Formulierungen bildhafter Art aufzunehmen. Das erklärt zum Teil schon, warum von Weissagung zu Weissagung dieselben Bilder und Motive wiederkehren, so etwa „Gog und Magog“, der „Antichrist“ usw. So wird die Arbeit an diesem Schrifttum, wenn es um eine Klärung der Zusammenhänge geht, in einem stärkeren Maße als an jedem andern zu einer Motivgeschichte.
Dabei ist aber noch ein Umstand ins Auge zu fassen: wer hat die einzelnen Motive in das Weissagungsgut eines bestimmten Mannes hineingebracht? Drei Möglichkeiten liegen vor. Entweder hat er es selbst von irgendwoher genommen, wie Spielbähn die Köln-Prophetie des „Zwölff-Sibyllen“-Buches, oder der Redakteur seiner Weissagungen brachte sie herein, wie Schrattenholz in die Spielbähn-Weissagung Teile des Lehninense, oder endlich wird ihm in mündlicher Tradition das Fremdgut zugelegt, so wie man heut in Schlesien die Fiensberg-Weissagung Rischmann zuschreibt.

Verfasser und Arbeitsweise

Diese Erwägungen führen zur Frage nach dem Autor. Manche der vorliegenden Weissagungen verraten einen echten Weissager als Urheber; so hat Spielbähn unzweifelhaft Gesichte gehabt, in denen er die Zukunft zu schauen glaubte. Anderen wieder dürfen wir das zumessen, daß sie mit glühendem Ernste über der Zukunft rätselten, und das hebt z.B. die III. Rischmann-Prophetie über die reine Spekulation hinaus. Nur selten dürften Fälschungen wie die IV. Rischmann-Prophetie begegnen, in denen man die Angst und Neugier der Hörer geschäftstüchtig ausnützt. Dieser Umstand hilft die Entstehung der Weissagungen verstehen. Zu den echten Gesichten tritt das Nachempfundene (Apokalypse Johannis usw. als Vorbild), das ergrübelte und adoptierte Gut, – auch hierfür waren Daniel und Apokalypse Johannis die große Vorratskammer. Ich glaube nicht, daß oft bewußt entlehnt ward; das meiste floß zu; waren die Bilder und Wendungen doch längst geläufig[1].

  1. Vgl. Wundt Mythus u. Religion 3, 467 f.

Sinn der Weissagungen

Mit meiner Behauptung, daß die meisten Weissagungen nicht aus geschäftlichen Gründen fabriziert worden seien, sondern ihren Verfassern ernst waren, setze ich mich in Gegensatz zur landläufigen Meinung. Die Forschung glaubt heute noch oft, bewußte und auf bestimmte Zwecke (politische, finanzielle) zielende Weissagungen annehmen zu sollen. Ich bin der Meinung, daß derart raffinierte Kampfmethoden selten sind[1], und daß sich auch in früheren Zeiten bei der viel stärkeren religiösen Grundhaltung des Menschen nicht oft Verfasser an eine solche „Herausforderung Gottes“ gewagt haben werden. Lagen bestimmte Zwecke unter – wie etwa im französisch-deutschen Weissagungskampf um den Endkaiser –, dann darf man zumeist sicher die betreffenden Verfasser von der „Sünde wider den heiligen Geist“, der bewußten Zweckformulierung freisprechen, dann lenkte ein tieferes Gefühl und Wünschen die Feder.
Das widerstreitet freilich dem exeventu-Teil der Weissagungen. Ist dieser wirklich nur dazu da, das Folgende als sichereintretend darzustellen, oder gehört er nicht in vielen Fällen unlösbar zu dem Bilde, das der Apokalyptiker aus dem Weltablauf webt? Apokalypsen sind immer kosmologisch und geschichtsphilosophisch, nicht nur eschatologisch gerichtet[2]. Und in das kosmologische Bild in den zu deutenden Geschichtsablauf gehört auch das Geschehene, sei es um das Ganze zu formen, sei es auch nur, um die Motive für das Kommende, die im Vergangenen liegen, aufzuzeigen [3]. Man kann dergleichen, vor allem was das „Kosmologische“ betrifft, sehr schön an den literarischen Weissagungen, die man dem Abte Joachim von Fiore zuschrieb, sehen.

  1. Vgl. auch Wundt Mythus u. Religion 3, 468 f.
  2. Ebd. 3, 470 ff.
  3. Vgl. Ebd. 3, 468 f.

Wert der Weissagungen

Mit diesen Ausführungen wird den vorhanden literarischen Weissagungen bereits ein Wert zugemessen, den man gewöhnlich nicht in ihnen vermutet. Sie sind Geschichtsphilosophien, Versuche einer kosmologisch gerichteten Weltgeschichte. Sie haben daneben aber auch den Wert einer direkten historischen Quelle. So unterrichtet etwa die III. Rischmann-Prophetie über die Stimmung des Landvolks in Schlesien im Frühjahr 1813, worüber wir sonst wenig wissen, so kann man aus der „Sibylle Weiß“ die Stimmung in Österreich unter Joseph II., vor allem auch im tschechischen Gebiet, verstehen lernen. Ihr Wert für literarhistorische und ähnliche Zusammenhänge braucht nicht ausführlich nachgewiesen zu werden.
Was hier besonders interessiert, ist ihre Stellung im Volk. Daß es in diesen Weissagungen wirkliche Prophetie sieht und sie deshalb hochhält, genügt, sie der volkskundlichen Forschung zu überweisen. Weiter bezeugen sie, daß man in weiteren Schichten derartigen Gutes bedarf; das Volk will Weissagungen, weil es eschatologisch gerichtet ist, weil es an die Möglichkeit glaubt, daß Weissagungen und Propheten die Zukunft schauen. Wäre dieses Bedürfnis nicht da, dann gäbe es auch keine literarischen Weissagungen, denn dann wäre ihre Existenz so sinnlos wie die des „Sängers“ in einem tauben Volk[1].

  1. Aus diesem Argument heraus wird man v. Galls Ausführungen in Βασιλεία τοῦ θεοῦ 1926, es habe in Ägypten keine Propheten gegeben, weil wir nur Vaticinia ex eventu kennen, ablehnen müssen. Gab es Vaticinia ex eventu, dann muß die Vorstellung von Zukunftspropheten auch vorhanden gewesen sein.

Methode der Erforschung

Aus dem hier Ausgeführten ergibt sich das Wesentliche über die Methode, die zur Aufhellung der literarischen Weissagungen, vor allem der historisch wichtigen Vaticiniorum ex eventu führt. Da ein Autorenname uns nichts verbürgt, nicht einmal eine untere zeitliche Grenze, – denn ältere Texte werden auf jüngere Namen übertragen, – muß sich die erste Arbeit der Herstellung eines verläßlichen Textes zuwenden, um damit die Basis für das wichtigste, die Datierung zu gewinnen. Die oft versteckten Anspielungen auf die Personen und Ereignisse, zu denen sie gehören, festzulegen, erfordert historische Kenntnisse. Vgl. hierzu: Schlachtenbaum, meine „Sibylle Weiß“, Sackurs „Sibyllinische Texte“ usw. Nach dieser mehr allgemeinen Festlegung ist notwendig, den Bruch zu finden, wo sich der exeventu-Teil zur Weissagung umwendet.
Das freilich ist der einfachste Fall. Häufig ist nötig, denn diese Vaticinia ex eventu haben die Tendenz, im ersten Teile bis zur augenblicklichen Gegenwart nachzuwachsen, die einzelnen Wachstumsschichten freizulegen (vgl. Sackurs oben erwähnte Schrift). Auch die Verbiegungen und Umgestaltungen wollen berücksichtigt sein; sie finden sich naturgemäß in solcher Literatur besonders häufig. So störend sie für die Textherstellung und Textgeschichte sind, so wichtig sind gerade diese Partien für die volkskundliche Untersuchung, zeigen sie doch die Forderungen des Volkes am deutlichsten.
Ein letztes scheint mir notwendig einmal auszusprechen. So leicht begreiflich es ist, daß literarkritische, philologische Forschungen zur Herstellung des Textes vorwärtsschreiten, – so darf man nicht vergessen, daß dieser gereinigte Text eines Vaticiniums für unsere, d.h. die volkskundliche Arbeit, nur eine Teilbedeutung hat. Uns liegt nicht so am ersten als am verbreiteten Text. Wir brauchen und müssen alle Stadien eines Textes kennen, weil das allein die Möglichkeit verschafft, sein Wirken in das Volk im Einzelfalle festzustellen.
Die eben getane Bemerkung zeigt bereits, daß ebenso die Erforschung einer literarischen Weissagung in einem historischen Text wie diejenige der heut umlaufenden zwar von der philologischen Textarbeit ausgehen muß, um festen Boden unter den Füßen zu gewinnen, dann aber weiterschreiten muß zu einer wirklich volkskundlichen Erforschung der Wirkungen, welche ein Text gehabt und hinterlassen hat, ja, daß in diesem zweiten Umstand das Wesentliche einer Arbeit an diesen literarisch wenig wichtigen Denkmälern beruht.