Nostradamus (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Will-Erich Peuckert.

Leben und Weissagungen

Michel de Nostredame, Arzt und Astrolog, geb. am 14. 12. 1503 zu Saint-Remy (Provence), gest. 2. 8. 1566 zu Salon (b. Marseille), übte in verschiedenen Orten der Provence, öfters von Wanderzeiten unterbrochen, seine Arzttätigkeit aus[1]. Seine Medizin entsprach wohl nicht durchaus der üblichen Schulmedizin, obwohl er sich nicht wie Paracelsus von dieser löste. In Pestzeiten kurierte er mit großem Glück[2]. Er verfaßte mehrere medizinische Schriften, deren eine durch Hieremias Martius in Augsburg, der Nostradamus selbst noch kennen gelernt, ins Deutsche übertragen wurde[3]. Receptaires, die Nostradamus im Juni 1566 ausgehen ließ, enthalten neben den beiden, eben erwähnten, eine Anzahl Anweisungen, ausgezogen de plusieurs autheurs, die durchaus solchen der Kunst- und Wunderbücher gleichen; vgl. etwa: „A garder homme ou femme de dormir: Mettez soulz le cheuet de leur lict le cueur ou les yeulx d’vn Rossignol“[4]. Ob diese Bücher auf spätere Kunst- und Wunderbücher einwirkten, bedarf noch einer Untersuchung.
Eine modernen Ansprüchen genügende Biographie existiert m. W. nicht. Als kurze ältere Darstellung nenne ich: La grande Encyclopédie 25, 62 f.; zur Bibliographie der Drucke: Börsenblatt f. d. deutschen Buchhandel vom 28. 1. 1904; Ztschr. f. Bücherfreunde 193 H. 12 vgl. Ztschr. f. krit. Okkultismus 1 (1926), 77.
Bekannter als durch seine medizinische wurde Nostradamus der weiten Welt durch seine astrologische Tätigkeit. Er stellte Horoskope[5], verfertigte, – wie andere zeitgenössische Ärzte mathematisch geschult, – Prognostica[6], die er seit 1555 jährlich erscheinen ließ. Présages in Prosa werden verschiedentlich erwähnt[7]. Vor allem aber interessierten und interessieren viele noch heut seine in Vierzeilern, Quatreins, geschriebenen, Prophetien[8]. Es existieren von ihnen 7 + 3 Centurien, von denen die ersten sieben 1555 (die 7. enthält nur 42 Quatreins), die folgenden drei 1558 erschienen. Oft finden sich noch eine 11. und 12., faictes par feu Michel N., des mains d’un nommé Henry N., neveu dudit Michel, 1605 durch Vincent Seve de Beaucaire zugefügt[9]. Die Weissagungen sind in einem von fremden Vokabeln durchsetzten Französisch, angeblich voller Wortversetzungen und Deckworte, niedergeschrieben[10]. Nostradamus sagt, er habe sie absichtlich dunkel gehalten[11] und durcheinander gewirrt[12]. Doch glauben manche an eine bewußte Ordnung in der Unordnung[13], und man will heut sogar den Schlüssel der Anordnung gefunden haben, der freilich dunkler anmutet als Nostradami dunkle Sprüche [14].
In der Vorrede zur 8. Centurie bekennt Nostradamus: „mes nocturnes et prophetiques supputations, composees plustot d’vn naturel instinct, accompagné d’vne fureur poëtique, que par reigle de poësie, et la pluspart composé et accordé à la calculation Astronomique …“[15]. Die Grundlage seiner Voraussagen ist also eine astronomische[16], deren System er in der eben erwähnten Vorrede ausführlicher darstellt. Wenn Wöllner[17] mit seinen Deutungen hier ansetzt, so ist das durchaus richtig[18]. Auch die Sage trägt diesem Rechnung; man soll noch heute das Zimmer, von welchem aus er die Gestirne beobachtete, den Fremden zeigen[19]. Doch seine Quatreins sind nicht nur astrologische Prognostica; sie wurden in einem dichterischen furor niedergeschrieben, – wobei Nostradamus unter dem Dichter, gemäß den Anschauungen der Renaissance, zugleich den Seher versteht[20]. Als Angehöriger des Stammes Isaschar weiß er sich seherisch (I. Chron. 12, 32) begabt[21]. Dazu hat er die neuplatonische Magie im Jamblichus und Psellus[22] und in „plusieurs volumes qui ont esté cachés par long siecles“ (ad Caesarem filium [23]) studiert, aber die Schriften dieser „occulte philosophie“ darnach ins Feuer geworfen (ad Caesarem 30). Seine Erklärung seiner Gabe verrät in ihrer Unklarheit doch neuplatonische Gedankengänge. Doch klingt aus seinen Äußerungen hervor, daß ihn wohl nicht Gesichte überwältigten, sondern daß er dergleichen herbeizuführen suchte, indem er magische Praktiken gebraucht (Centurie I, Quatreins 1. 2), vielleicht auch manches Errechnete und Erklügelte in eine poetische Form gegossen hat. Doch will er, daß seine Prophetien von Gott geoffenbarte seien[24].
Das Charakteristische der Weissagungen Nostradami wird am besten an einem Beispiel sichtbar (I 35):

Le lyon jeune le vieux surmontera
En champ bellique par singulier duelle:
Dans cage d’or les yeux luy crevera,
Deux classes une, puis mourir, mort cruelle[25].

Der junge Löwe überwältigt auf dem Kriegsplan den alten durch einen Einzelkampf. Im goldnen Käfig spaltet er ihm die Augen. Der nächste Satz ist unverständlich; man übersetzt: Das eine der zwei Zerbrechen (klasis), dann Sterben, grausamer Tod. – Man erkennt deutlich, wie unverbunden Begriffe neben einander stehen; dabei handelt es sich noch um einen der leicht verständlichen Vierzeiler. Ist dafür die Fülle drängender Gesichte verantwortlich zu machen, die, wenn sie wirklich gewesen wäre, zu einer andern, bildhafteren, geschauten Kette von Bildern hätte führen müssen? Ich möchte hier viel eher Einflüsse des üblichen Stiles der Prognostica-Literatur annehmen und dafür auf den Vierzeiler verweisen, wo das ganz deutlich sichtbar ist:

Lors que Saturne et Mars esgaux combust,
L’air fort seiché longue tradition:
Par feux secrets, d’ardeur grand lieu adust,
Peu pluye, vent chaut, guerres, incursoins[26].

Nostradamus ist ebenso als Seher gepriesen, wie als Schwindler beschimpft worden. Sein Ruhm soll zuerst durch den oben angeführten Vierzeiler I 35 begründet worden sein, in dem man eine Prophetie auf den Tod Heinrich II. sah, was sicher nicht aus dem Vierzeiler herauszulesen ist (s.u.). Abhängig ist seine Bewertung vor allem von der Frage, was und wieviel man in den Quatreins als Voraussage künftiger Ereignisse nimmt (s.u.). Der erste, der eine größere Anzahl der Quatreins als in den Jahren 1534–1589 erfüllt ausdeutete, war Chavigny[27]. Ihm folgten Joubert[28] und de Jant[29], kurz vorher eine Schrift Avertissemens[23]. In Deutschland stimmte früh der pommersche Theologe Fabricius zu[30]. Guynaud erweiterte dann den von Weissagungen erfaßten Raum bis in die Zeit Ludwigs XIV.[31]. Damals scheint auch der Name bei uns bekannter zu werden; die Weissagungsliteratur vor und um 1740 erwähnt ihn häufiger[32]. Im Westen lebte zur Zeit der Revolution und Napoleon I. der Name neu auf[33] (so hat sich beispielsweise die Lenormand auf ihn berufen[34]), und wieder in den Jahren kurz vor dem Sturz des dritten Napoleons, bis auf den man die Prophetien jetzt auszudeuten sucht[35]. Deutungen auf 1870[36] kommen dazu[37]. Erst 1914/18[38] und in den Elendsjahren nach 1918[39] bemächtigen sich die Deutschen in großem Umfang seiner. Noch 1928 begegnet ein Versuch, mit dreisten Fälschungen ihn als Propheten der Gegenwart nachzuweisen[40], und das Exemplar der Ausgabe von Le Pelletier der Berliner Staatsbibliothek trägt neben dem Quatrein X 67 die Randnotiz „Mai 1929“[41]. Von dem Ansehen, in welchem Nostradamus stand und steht, zeugen ja auch die Fälschungen, die man verschiedentlich ihm unterschob[42]. Daß Nostradamus den aufgeklärten Schriftstellern ein Anlaß zum Ärgernis gewesen ist, läßt sich leicht denken und braucht hier nicht erwiesen zu werden. Aufmerksam machen möchte ich nur auf einen Anonymus im „Mercure de France“, der in den Quatreins bereits vergangene Ereignisse oder Geschehnisse der Gegenwart des Dichters, in Prophetien gekleidet, erkennen wollte[43]. Der große Zusammenraffer okkulter Überlieferungen K. Kiesewetter, der ihn anfangs ernst nahm, wandte sich später von ihm als einem Fälscher ab[44], wie nach ihm der und jener Okkultist[45]. Ich gebe nun eine Aufzählung der wichtigsten Quatreins und der auf sie gedeuteten Zeitereignisse:

  • I 35 (vgl. den Text oben Anm. 24; auf Henri II. und Montgomery gedeutet. (Chavigny[46]) hat diese Deutung noch nicht; aber) Joubert 142. 386 ff.; Guynaud 86 ff. und nun folgend Bouys 103 f.; Bareste-Herrmann 10 ff.; (Brans) Minerva 193 (1840), 444 ff.; Le Pelletier 1, 72 f.; Kiesewetter in „Sphinx“ 1887, 93; Kemmerich, Prophezeiungen 350 ff.; Loog 13 f.; Rösch-Faber 103 f.; Grobe-Wutischky 8 f.; Kniepf 14; Reiners 51; Wöllner (134 f.) 138 ff.; dagegen Adelung 7, 126 f.; Illig, Hist. Prophezeiungen 64. Die Deutung ist unmöglich, da Montgomery wenig jünger als Heinrich II. sein konnte, (Wöllner 139), ein Turnierplatz kein champ bellique genannt werden kann, und die Wendung „deux classes une“ (s.o.) ein „zweites Zerbrechen“ bei den Quatreins, die man auf Henri II. deutet, fordern würde, wovon sich jedoch nichts findet. D. h. man kann auch die am meisten gutgeheißenen Deutungen nur durch Zurechtbiegen passend machen.
  • I 49: auf Schweden: Europäischer Staats-Wahrsager 1742, 103 f.
  • I 51: auf 1789: (Brans) Minerva 193, 453. 451 f.; M.J. Schleiden Studien 1857, 268 ff.; Wöllner 44 f. 134 f.; Kniepf 8 ff. (Kemmerich Prophezeiungen 1911, 79 f.).
  • I 60: Neuer Adel 1804 (ebenso IV 11); Bareste-Herrmann 47; Le Pelletier 1, 168; Kemmerich Prophezeiungen 391; Wöllner 144 f.
  • I 64: Le Pourceau Demi-Homme, von Pierre Piobb, Les anticipations de l’histoire selon les prophéties de N. Paris 1924, 26, auf Wilhelm II. 1914 bezogen: Ztschr. f. krit. Okkultismus 1 (1926), 77.
  • II 51: Brand von London 1666. Doppeler, Fata 62 ff.; (Brans) Minerva 193, 443 f.
  • II 57: Mord in Serajewo 1914: Kniepf 36 f.; Noah (Breslauer N. Nachrichten 30. 12. 1928).
  • II 68: Auf Karl II. 1660: Rösch bei Rösch-Faber 107; Zug gegen Jakob II. 1689: Le Pelletier 1, 125; gegen Schottland 1708: Doppeler Fata 105 ff.; Weltkrieg und Blockade Englands: Grobe-Wutischky 47 f. 70; Loog 53 f.; Wöllner 146 f.; Noah; dagegen Seitz in (Ztschr.) Der Fels 10, 409 f.; Bouys 91 ff. bezog die Prophetie auf Napoleon I. Absichten gegen England.
  • II 75: Weltkrieg: Kronfeld Krieg 134; Kniepf 24 f.; Grobe-Wutischky 45, zurückgenommen Zentralbl. f. Okkultismus 12 (1918/9), 455 f. – (Jean le Roux) La clef de N. 1710, 78.
  • II 76: Weltkrieg: Loog 57; Noah.
  • II 83: Unterseebootkrieg 1917: Kniepf in (Ztschr.) Psychische Studien 44 (1917), 156 f.
  • II 87: Thronbesteigung Georgs I. von England: Doppeler Fata 149.
  • II 87–91: Krieg 1870: Kiesewetter in „Sphinx“ 1887, 100 f.
  • II 91: Brand von Moskau 1812: Kniepf 23 f.; Grobe-Wutischky 48.
  • II 92: Krieg 1870: Walter Bormann, Die Nornen 1909, 258; Kniepf 10 f.; Loog 42 f.; Kemmerich Prophezeiungen 371 ff. Vgl. Guynaud 269 f.
  • II 93: Krieg 1870: Randnote des Exemplares der Berliner Staatsbibl. der Ausgabe von Le Pelletier 2, 56.
  • II 99: Campagne de Rome 1556: Joubert 126. 265 ff.; Entente cordiale: Kniepf 40. Vgl. Guynaud 312.
  • III 23. 24: Zu 1559: Joubert 140. Weltkrieg: Kniepf in (Ztschr.) Psychische Studien 44 (1917), 157 f.
  • III 67 und 76: Luthers Reformation usw. 1534: Chavigny 38; Bareste-Herrmann 54 (die irrtümlich III 78 als Ort nennen); sozialist. Bestrebungen des 19. Jh.: Kiesewetter in Sphinx 1887, 102; moderne Monisten: Kniepf 31 f.; Grobe-Wutischky 49. 114 f.; kirchliche Sektierei und Wiederaufstieg der kath. Kirche: Loog 72; Revolution und Nachkriegszeit: Rösch-Faber 112. In der Zukunft sah das: Guynaud 226 f.
  • III 77: zu 1727: Adelung 136; Loog 26 ff.; Rösch-Faber 112; Wöllner 49 f. Vgl. Guynaud 309 f.
  • IV 11: vgl. zu I 60; Kiesewetter in Sphinx 1887, 99.
  • IV 46: zu 1562: Chavigny 100; zu 1569: Chavigny 186; Weltkrieg: Kniepf 37 f.
  • IV 47: zu 1572: Chavigny 210; Bartholomäusnacht: Guynaud 112 ff.; Le Pelletier 1, 89 f.; Loog 14 f.
  • IV 89: England und Wilhelm III.: Kiesewetter in Sphinx 1887, 101.
  • V 57: Montgolfière: Le Pelletier 1, 199 f.; Kniepf 32 f.
  • V 83: Zukunft: Le Pelletier 1, 325; 1918: Loog 60; Wöllner 147.
  • VI 26: Weltkrieg: Noah.
  • VII 34: Krieg 1870: Wöllner 146.
  • VII 38: Tod des Königs von Navarra 1555: Guynaud 79; des Prinzen von Frankreich 1842: Le Pelletier 1, 260; Rösch-Faber 121.
  • VIII 19: Mazarin: Adelung 7, 154 (als Fälschung; dagegen) Wöllner 127 f.; Reiners 51; Schreckensherrschaft: Le Pelletier 1, 192 f.
  • VIII 37: Hinrichtung Karls I. 1649: Doppeler Fata 38 ff.; Loog 21 f.; Rösch-Faber 122; wie II 68 von Bouys 91 ff. auf Napoleons I. Absichten gegen England bezogen.
  • IX 18: Ludwig XIII. 1632: Bareste-Herrmann 24 f.; Bouys 99 f. 138 ff. 147 f.; Le Pelletier 1, 113 f.; Kemmerich Prophezeiungen 366 ff. 383; ders. in (Ztschr.) Der Türmer 15 (1912) I, 81 f.; Grobe-Wutischky 14 f.; Loog 19 f.; Rösch-Faber 124 f.; Wöllner 130 f.
  • IX 20: Flucht Ludwigs XVI.: Bouys 57 ff.; Bareste-Herrmann 38 ff.; Le Pelletier 1, 174 f.; Kemmerich Prophezeiungen 387 ff.; Grobe-Wutischky 15 f.; Gerling 41; Loog 33 f.; Rösch-Faber 125; Wöllner 128. Die Deutung ist sicher erquält und nicht gut möglich (le moyne noir = Der verlassene König usw.).
  • IX 34: Gefangennahme Ludwigs XVI. durch Sau(l)ce: Bouys 61 ff.; Bareste-Herrmann 40 f.; Le Pelletier 1, 177 ff.; Walter Bormann, Die Nornen (1909), 251 ff.; Kemmerich Prophezeiungen 373 ff. 386; ders. in (Ztschr.) Der Türmer 15 (1912) I, 82; Loog 34 ff.; Grobe-Wutischky 11 ff.; Gerling 41; Rösch-Faber 125 f.; Wöllner 129 f. Wenn eingewendet wird, daß der Name des Verräters Drouot, nicht Sauce, lautete, so darf man darauf hinweisen, daß in zeitgenössischen Quellen auch Sauce begegnet; vgl. Le Pelletier 1, 177 N. 5. Die Deutung zweifelt an Joh. Illig, Hist. Prophezeiungen 65.
  • IX 49: Hinrichtung Karls I. 1649: (Brans) Minerva 443 nach der Ausgabe von 1668; Guynaud 166 f.; Doppeler Fata 36 ff.; Bareste-Herrmann 26 f.; Bouys 93 f. 139 f. 147; Le Pelletier 1, 141 f.; Rösch-Faber 126 f.; Wöllner 141 f.; dagegen Adelung 133 ff.
  • X 67: Mai 1929: Exemplar der Berliner Staatsbibliothek der Ausgabe Le Pelletiers 2, 214.
  • X 86: Ludwig XVIII. kehrt 1814 zurück: Le Pelletier 1, 221; Napoleons III. Sturz: Kiesewetter in Sphinx 1887, 100; Napoleon I.: Rösch-Faber 130.
  • X 98: Weltkrieg: Kniepf 47 f.; Grobe-Wutischky 87, zurückgenommen im Zentralbl. f. Okkultismus 12 (1918/9), 455 f. Vgl. Guynaud 389 f.
  • X 100: Englands Seemacht währt 300 Jahre: Le Pelletier 1, 143 f.; Kiesewetter in Sphinx 1887, 101; Kemmerich Prophezeiungen 390 f.; Kniepf 33 ff., dazu Zentralbl. f. Okkultismus 10 (1916/7), 426 f.; Seitz in (Ztschr.) Der Fels 10, 409; Grobe-Wutischky 71; Gerling 21 ff.; Rösch-Faber 131; Prophezeiungen über Deutschlands Zukunft (1920), 7.

Auf die Bedeutung der einleitenden beiden Widmungsbriefe weise ich hier nur hin; sie geben, wie man früh erkannte[47], über die Grundlagen seines Systems (s.o.; Wöllner) Aufschluß.
Der Versuch einer Deutung der Nostradamischen Quatreins wird von der Feststellung auszugehen haben, daß er in einigen Quatreins Ereignisse, welche bereits geschehen waren, schildert[48]. Daneben stehen Quatreins, die sich unzweifelhaft auf Nächst-Zukünftiges beziehen; ich denke da an III 4 „Quand seront proches le defaut des lunaires“[49], oder IX 63 „O quels horribles calamitez changemens. auant que Mars reuolu quelquefois“, also ehe mehrere Umläufe des Mars vorüber sind[50], d.h. in nächster Zeit. Vgl. auch X 67[51] und II 48[52]. Hier wird die vorhin erwähnte Nachbarschaft zur Prognosticaliteratur ganz deutlich. Endlich enthalten seine Centurien Voraussagen der ferneren und fernsten Zukunft.
Nostradamus in der Sage: Es ist begreiflich, daß sich die Sage rasch des Mannes bemächtigte. Sie spielt vor allem um seinen Tod, er wußte dessen Art und Stunde voraus[53], indessen andere behaupten, er habe sich lebend, und mit Feder, Büchern und Lampe versehen, ins Grab zurückgezogen[54]. Die Öffnung seines Grabes war untersagt, und man bestimmte zum Tode Verurteilte dazu; ihr Schicksal erfüllte sich[55]. Im Grabe fanden sich des manuscrits en caractères gothiques[56].
Die wichtigste Sage über Nostradamus stammt von Joubert, der sie in Faim (bei Bar le-Duc) in der Familie des Seigneur de Florinville, dem Enkel des Schloßherrn, der sie erlebte, erfahren hat; es ist die Geschichte, daß eine bestimmte Voraussage so gewiß eintreffe, als ein bestimmtes Ferkel im Schloßhof vom Wolf gefressen werde. Der Schloßherr läßt es zum Essen herrichten; aber ein zahmer Wolf, der in der Küche den Bratspieß dreht, frißt es[57]. Die Sage wurde in einem zu Hamburg und Leipzig 1757 gedruckten Volksbuch auf Wallensteins Freund, den Grafen Hans Ulrich Schaffgotsch auf dem Kynast und einen Prediger Thieme, einen vortrefflichen Astronomus Chiromanticus, übertragen, und erlangte bei uns Bürgerrecht[58]. Heut begegnet sie in den russischen und finnischen Märchen vom Schicksalskind[59].
Nostradamische Prophetien, wohl meist zurechtgestutzt, gingen in Frankreich als Volksbücher um. Bei uns erlangten sie wohl nur in Weissagungs-Anthologien zu bestimmten zeitgeschichtlichen Anlässen (vgl. oben) weitere Verbreitung. Der Name selbst lebt wohl zumeist nur noch durch die Angabe in Goethes Faust[60].

  1. Die genaueren bibliogr. Angaben in den Nachweisen unten.
  2. Zu seinem Leben vgl. die eignen Angaben in seinen Schriften, die seines Sohnes Cäsar (L’histoire et chronique de Provence de Caesar de N., Lyon 1614, zu den betr. Jahren seiner Freunde Martius (s.o.), Joan. Amatus Chavigneus Jani Gallici facies prior 1594, 1 ff.; Joubert (s.u.); Jean Astruc Mémoires pour servir a l’histoire de la faculté de medecins de Montpellier 1767, 312. Unedierte Briefe liegen in Paris. 2. Bareste-Herrmann 56 ff., zum Teil nach den eignen Angaben in seinen med. Schriften. Denkt hieran Goethe Faust I, Osterspaziergang, nachdem ihm der Name aus der Erdgeistszene geläufig war?
  3. Deß Weitbrümbten / Hocherfarenen Philosophi / Astrologi / vnd Medici / zwey Bücher / darinn warhafftiger / gründtlicher / vnd volkomner bericht gegeben wirt / wie man erstlich einen vngestalten leib / an Weib vnd Manns personen außwendig zieren, schön / vnd junggeschaffen machen /..Vnd wie man folgents allerley frücht auff das künstlichst / vnd lieblichst / in zucker einmachen / vnd zur notturft auff behalten soll … (Gedruckt zu Augspurg bey Michael Manger /in verlegung Georgen Willers) 1572.
  4. Receptaires 74 R.
  5. Baltasar Guynaud La concordance des Prophéties de
    N. avec l’histoire 1693, 32 f.; Monumenta pietatis et literaria virorum in re publica et literaria illustrium selecta 2 (1621), 91 ff. 93 ff.; Adelung Gesch. d. menschl. Narrheit 7 (1789), 121 ff.; Suffredi Horoskop: Petrus Gassendus Physica Sectio II, lib. VI, cap. VI = (Opera omnia 1 [1727], 650); Theodore Bouys Nouvelles considérations … sur les oracles, les Sibylles et les prophètes et particulièrement sur N. 1806, 48 ff. zitiert Gassendus, aber mit falscher Ortsangabe; (Weber) Demokritos oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen 38, 202; Kniepf 13 f.; Max Kemmerich Prophezeiungen (1911) 353 f.
  6. Adelung 125 ff.; Charles Nisard Histoire des livres populaires 1 (1864), 24; ein Exemplar Pronostication novvelle Pour Lan 1562 befindet sich unter Signatur „Phys. IV oct. 444 im“ in der Breslauer Univ.-Bibliothek. Monatliche Weissagungen, also Prognostica: Anatole Le Pelletier Les oracles de Michel de Nostredame 2 (1867), 251 ff.: Presages tirez de coux faictz par M. Nostradamus, 1555–1567. Als den Quatreins folgend, stellt sie Bareste-Herrmann 70 dar.
  7. N. ad Caesarem filium 56 (Le Pelletier 2, 19); K. Kiesewetter in (Ztschr.) Sphinx 1887, 46; Kemmerich Prophezeiungen 355; fremdere Anekdoten: Bareste-Herrmann 72 f.
  8. Als bester Abdruck gilt der von Le Pelletier (s.o.) II; Varianten bei Bouys 396 ff. Ins Deutsche übertrug die Quatreins Eduard Rösch Weissagungen des großen Sehers Michael Nostradamus 1850; Neudruck: Das Schicksalsbuch der Weltgeschichte. Die Prophezeiungen des Michael N. in der deutschen Übersetzung von Ed. Rösch neu herausgegeben von Dr. W. Faber, Pfullingen (1922).
  9. Die 11. und 12. Centurie: Le Pelletier 2, 237 ff. Le Pelletier bezeichnet hier die sonst als 11. geführte Centurie (so der Abdruck des Textes Troyes (1611) Paris s. a., bei Delarue) als Sixains, Sechszeiler und fügt
    2, 233 zwei Quatreins, 2, 234 ff. elf Quatreins als 12. Centurie zu. Vgl. (Jean le Roux) La clef de N. 1710, 339 ff.
  10. Zur Sprachmengung: Le Pelletier 2, 4; Rösch-Faber 9 f. Anagramme usw.: Guynaud Preface; Le Pelletier 2, 4; ebd. 2, 305 ff. und in den Noten Bd. I; Kiesewetter in (Ztschr.) Sphinx 1887, 94. Ausführlich beschäftigt das Sprachliche (Jean le Roux?) La Clef de N. 1710. Schreibfehler nahm an: Joubert 84 ff. Vgl. auch Revue métapsychique 1925, 369.
  11. N. ad Caesarem filium 37 (Le Pelletier 2, 15); N. a l’invictissime, trespuissant et tres-chrestien Henry Roy de France second 28. 29 (Le Pelletier 2, 149).
  12. Max Kemmerich Prophezeiungen (1911) 349 f.; C. Loog Die Weissagungen des N., Pfullingen (1921) 9 f.
  13. Vgl. etwa Albert Kniepf Die Weissagungen des altfranzös. Sehers Michael N. u. d. Weltkrieg 19153, 23 f.
  14. Loog 118 ff. Auch Pierre Piobb Les anticipations de l’histoire selon les prophéties de N., Paris 1914, hat einen Schlüssel gefunden: Ztschr. f. krit. Okkultismus 1 (1926), 76 f. Vgl. Joh. Illig Historische Prophezeiungen 1922, 65 ff.
  15. § 8. 9 (Le Pelletier 2, 146). „Mit geistigen Augen am Sternenhimmel“ sieht auch die de Ferriëm das Kommende: Ferriëm Mein geistiges Schauen in die Zukunft 1905, 67 = Kemmerich Prophezeiungen 1911, 330 f.
  16. Vgl. auch Meyer Aberglaube 15; Wöllner (s. Anm. 17), und die Literatur im Nachweis zu Quatrein I 51; daß die Astrologie Grundlage seiner Prophetie gewesen, bestreiten Bouys Nouvelles considérations 46 f.; Loog 115.
  17. Dr. Christian Wöllner Das Mysterium des N. (1926).
  18. Ich vermag nur die Methode, nicht aber die astronomischen Grundlagen Wöllners, von denen ich nichts verstehe, als richtig anzuerkennen.
  19. K. Kiesewetter in (Ztschr.) Sphinx, Hsg. Hübbe-Schleiden 1887, 42; Max Kemmerich Prophezeiungen (1911) 347.
  20. Kemmerich Prophezeiungen 3481. Zu „lymphatiques“ der Vorrede ad Caesarem: Joubert 59.
  21. Astruc 311; Vorrede zur 8. Centurie § 27 (Le Pelletier 2, 148).
  22. (Centurie) I (Quatr.) 2. 42; Le Pelletier 1, 53 ff. 59 ff. verweist dazu auf Marsilii Ficini Ausgabe von des Jamblichus „de mysteriis Aegyptiorum“ 1607 in 18, 66. 67. 91. 171, und desselben Psellusübersetzung, de daemonibus (ebd.) 359; dazu: Wöllner 57 f. Daß er sich, wie Kiesewetter (Sphinx 1887, 42) meint, der Lecanomantie bediente, ist wohl irrtümlich aus I 2 geschlossen.
  23. 23,0 23,1 (Jean le Roux) La clef XXIX.
  24. Doppeler Fata (s.u.) 143 f.
  25. I 35 (Le Pelletier 1, 72); s. auch unten.
  26. IV 67 (Le Pelletier 2, 90); vgl. auch IX 3.
  27. Joan. Amatus Chavigneus Jani Gallici facies prior 1594.
  28. (Etienne Joubert) Eclaircissement des veritables Quatreins de Maistre Michel N. 1656; vgl. (Jean le Roux) La clef de N. 1710, XXX f.; im Exemplar der Königsberger Univ.-Bibliothek: E. Jaubert.
  29. Chevalier de Jant Prédictions tirées des Centuries de N. 1673; vgl. Le Pelletier 1, 48; (Jean le Roux) La clef XXVIII f.
  30. Jakob Fabricius Probatio Visionum 16432, 103.
  31. Baltazar Guynaud La concordance des Propheties de N. avec l’histoire depuis Henry II. jusqu’à Louis le Grand 1693, 68 ff. = Teil II; Teil III: conjectures vraisemblables: 175 ff.; vgl. zu Guynaud: (Jean le Roux) La clef XXXIV f.
  32. Prosper Marchand Dictionnaire historique 1 (1758), 171 N. 55; D(ieterich) D(obbeler) Merkwürdige Fata der Groß-Britannischen Crone (Hamburg) 17152. Dobbeler folgt der Europäische Staats-Wahrsager 1 (1742), 68 ff. Als spez. französischen Aberglauben erwähnt N.: Männling Curiositaeten 167 f.
  33. (Anonym) La Vie et la Testament de Michel N. 1789 (Le Pelletier 1, 48); Théodore Bouys Nouvelles considérations puisées dans la
    clairvoyance instinctive de l’homme sur les Oracles, les Sibylles et les prophètes et particulièrement sur N. 1806.
  34. Oben 5, 1212.
  35. Le Pelletier, dessen Deutungen von 1559 bis 1859 reichen und in die Zukunft (Antichrist usw.) langen. Haynauer Stadtblatt 29. 3. 1862: In Paris ist in den letzten Wochen der Andrang zur kaiserlichen Bibliothek so groß gewesen, daß der Eintritt verboten wurde. Der Grund dieses Verbotes dürfte jedoch weniger in dem übergroßen Zudrange selbst als in der Ursache desselben zu suchen sein, denn, wie Berichte sagen, will alles die dort befindliche vielberühmte Prophezeiung des alten N. lesen, worin geweissagt ist, daß Napoleon III. nur 10 Jahre regieren und im Jahre 1862 in der Nähe von Paris werde ermordet werde. Sein Vetter, sagt die Prophezeiung weiter, wird den Sohn des Kaisers umbringen und sich der Regierung bemächtigen, worauf ein schrecklicher Krieg folgt. Ganz Europa wird sich in Waffen gegen ihn erheben, Paris wird von den fremden Mächten belagert, dann erobert und geplündert werden.
  36. N. und dessen wunderbare Prophezeiungen bis in das Jahr 3979. Nach Eugen Bareste von Dr. C. Herrmann. (1840) Leipzig. (Univ.-Bibl. Bonn O 503); (Brans) Minerva 193 (1840).
  37. K. Kiesewetter in (Ztschr.) Sphinx 1887, 1, 100; vgl. Kniepf (unten) 10 f.; Bayr. Hefte 2 (1915), 72158.
  38. Kronfeld Krieg 134 f. 31; A. Reiners Prophetische Stimmen und Geschichte über den Weltkrieg 1916, 51 ff.; (Reinh. Gerling) Der Weltkrieg 1914/15 im Lichte der Prophezeiung (1914) 21 ff. 39 ff.; Grobe-Wutischky Der Weltkrieg 1914 in der Prophetie 1915; dazu Zentralbl. f. Okkultismus 12 (1918/9), 455 f., wo Grobe-Wut. die Deutung der Quatreins II 75 und X 98 zurücknimmt; Neue metaphys. Rundschau 21 (1914), 234 ff. 242; Albert Kniepf Die Weissagungen des altfranzös. Sehers N. und der Weltkrieg 19153; dazu zustimmend Zentralblatt f. Okkultismus 10 (1916/7), 426 f.; dagegen: Anton
    Seitz in (Ztschr.) Der Fels 10 (1914/5), 408 ff.; Illig Hist. Prophezeiungen 68 f.; Gabriel Langlois Les prophéties relatives à la guerre de 1914–15. 1915, 9 f. (führt an II 40; III 76; VI 83; VIII 4; VIII 60; X 18); Joanny Bricaud La guerre et les prophéties célèbres 1916, VI1. Doch vgl. Bohn in Ztschr. f. krit. Okkultismus 1 (1926), 76 f. über Charles Nicoulland, Nostradamus Les prophéties. Paris 1914.
  39. Martin Karpinski Unsere Zukunft im Lichte der Weissagungen 1921, 12 (Ideen aus seinen Centurien kehren nach Grobe-Wutischky in den Weissagungen der Thalia Helladus Leipzig 1920 wieder, vgl. auch Joh. Illig Historische Prophezeiungen 1922, 60); Prophezeiungen über Deutschlands Zukunft (1920), 7 (Untergang Englands nach X 100); Deutschlands Zukunft. Weissagungen f. d. Jahre 1921 bis 1930. Nach okkulten Quellen; Pansdorf Lübeck 1921 (Deutschlands Aufstieg); – auf die Nachkriegsjahre nehmen auch Loog, Rösch-Faber und Wöllner (s.o.) Bezug.
  40. Bruno Noah in Breslauer Neueste Nachrichten 30. 12. 1928.
  41. Le Pelletier 2, 214.
  42. Vgl. unten: II.
  43. 1724. 1730 ff. 2363 ff.
  44. Bejahend: Sphinx 1887, 40 ff.; ablehnend: Karl Kiesewetter Die Geheimwissenschaften 1895, 336.
  45. Joh. Illig Historische Prophezeiungen 1922, 63 ff.
  46. Die genaueren bibliogr. Angaben in den Nachweisen unten.
  47. (Jean le Roux) La clef de N. 1710, 237 ff.
  48. Mercure de France 1724; vgl. Anm. 43.
  49. Vgl. dazu Wöllner 40 f., der „immer“ interpoliert, wozu kein Anlaß vorliegt.
  50. Wöllner 37 f.
  51. Ebd. 55.
  52. Ebd. 61 f.
  53. Chavigny 4; Bareste-Herrmann 74 f.; Le Pelletier 1, 91 f.; Kiesewetter in Sphinx 1887, 45 f.; Kemmerich Prophezeiungen 354 f.; Rösch-Faber 6 f.
  54. (Brans) Minerva 193 (1840), 447, wohl nach der „Relation nouvelle et très-curieuse de l’ouverture du tombeau de N.“ in: Curieuses et nouvelles
    prédictions de Michel N., pour sept ans, depuis l’année 1852, jusqu’ à 1858 inclusivement; augmentées de l’ouverture du tombeau de N … Toulouse, chez Monnemaisons et Fages, im Auszug bei Charles Nisard Histoire des livres populaires2 1 (1864), 209 ff.
  55. Ebd. 210. Ein Verbot, sein Grab zu öffnen, erkennt Chavigny 5 in seiner Grabschrift „Quietem posteri ne invidetote“, die er übersetzt: O posteres, ne tovchez à ses cendres …; vgl. Guynaud 27 f.
  56. Joubert 39 ff.; Daniel Georg Morhof Polyhistor 1688, 95 (Druck von 1714, 94); Europäischer Staats-Wahrsager 1742, 70 f.; Bareste-Herrmann 64 f.
  57. Peuckert Wolf und Lamm in (Ztschr.) Schlesische Monatshefte 6 (1929), 149 ff., wo sich auch die verschiedenen Gestalten der Sage finden.
  58. Antti Aarne Der reiche Mann und sein Schwiegersohn FFC. 23, 48.
  59. Doch vgl. einen Buchtitel wie: Henry Busse, Jeder sein eigener Nostradamus (Politische Weltastrologie) Hamburg (1933).
  60. Geschichte der menschlichen Narrheit 7 (1789), 153.

Fälschlich zugeschriebene Prophetien

Fälschungen der Verse Nostradami sind immer wieder aufgetaucht. Schon die Sixains von 1605 hat Adelung als solche angesprochen[1], wogegen sie Le Pelletier für echt gehalten hat und demzufolge auch in seine Ausgabe aufnahm[2]. In dieser begegnet aber nicht und ist erst später aufgetaucht:

En mil six cent octante huit
Albion sera delivrée
D’une emprise mal digerée,
Qui ne produira aucun fruit;
Et par un accident étrange
Poissons se nourriront d’Orange[3].

Als Fälschung bezeichnet Adelung auch den Quatrein VIII 19[4], den freilich Le Pelletier in älteren Auflagen gefunden haben will, und der deshalb nicht erst durch Consinot, der sich als Fälscher bekannte, entstanden sein kann. Die folgenden beiden Vierzeiler finden sich nicht in den Présages, wohin sie zu gehören scheinen; die Echtheit ist also auch recht fraglich:

Quand Roi Napolitan, conjoint Hispan, Gaulois grandir voudra,
Le fols Genois secours, Roi Catholique mort,
Naples, Milan, par glaive, fer et feu saccagera,
Sardan, Angl’ et Germain triomphera jusque dans Genes port.

Lors dix et sept et cent et six quarante Batard Crapauds assistera,
Par tout Brabant, Hainault, Flandres grand deconfort,
Peuple affoibli, force atirail, par feu, par fer, villes ruinées verra,
Lis, Aigle et Harpe auprès Lion tardif sera d’accord[5].

Adelung bezog beide auf Genua. In Deutschland wurde besonders die folgende Strophe bekannt:

Quand des Germains l’Aigle ancien tombera,
De son Plumage chacun plumes tirera;
D’ença discorde entre eux toujours sera,
Tant que d’Ouest la paix volera.

die man auf das Jahr 1740 bezogen hat[6]. Im Krieg von 1914–18 machte der folgende Quatrein viel von sich reden:

Albion, rogue de la mer
Alors qu’ira montagne de l’air
Cloche en canon, navire en cloche
Dis que la dernière heure approche[7].

Im Jahre 1887 schrieb man N. zu:

Wenn Adalbert den Herrn am Kreuz erhöht,
Der mit Marcellus aufersteht,
Und St. Johann Fronleichnam hält,
So ist noch das End der Welt[8].

d.h. wenn Fronleichnam auf Johannistag usw. fällt, eine Prophetie, die auch sonst begegnet[9]. Von andern Fälschungen ist nur andeutend die Rede, so daß 1870 ein Quatrein die Herrlichkeit Napoleon III. auf genau 17 3/4 Jahre begrenzte[10]. All diese Versuche bezeugen, deutlicher als andere Erklärungen, das Ansehen, in welchem N. immer gestanden hat und noch heute steht.

  1. Geschichte der menschlichen Narrheit 7 (1789), 153.
  2. Anatole Le Pelletier Les oracles de Michel de Nostredame 2 (1867), 237 ff.; vgl. oben Anm. 9.
  3. Adelung 7, 155, bezogen auf das Gerücht, daß Wilhelm III. 1688 verunglückt sei.
  4. Ebd. 154 f.
  5. Ebd. 156 f.
  6. Ebd. 156; Heinr. Christian Friedr. Schenck Der Wunder Gottes im Winter II. und letzter Teil 1742, 11; Sammlung einiger Weissagungen, die auf die Umstände gegenwärtiger Zeit zu deuten scheinen … Anno 1741.
  7. Kronfeld Krieg 134 f.; Gerling 24 f.; Kemmerich Prophezeiungen 356; Grobe-Wutischky 46 f.; Kniepf 24.
  8. Kiesewetter in (Ztschr.) Sphinx 1887, 47; vgl. die Artikel: Spielbähn; jüngster Tag.
  9. Oben 4, 861.
  10. Kiesewetter in Sphinx 1887, 47; Kemmerich Prophezeiungen 356 f.