Re: @Hotel Noir: Industrialisierung, geistiges Wachstum und Widdowson
Geschrieben von HotelNoir am 03. Oktober 2003 11:34:23:
Als Antwort auf: @Hotel Noir: Industrialisierung, geistiges Wachstum und Widdowson geschrieben von Andreas am 03. Oktober 2003 10:49:12:
Hi Andreas,
>Hallo HotelNoir
>Ich sehe nicht ganz, worauf Du hinauswillst. Erst kritisiest Du die eurozentrische Sicht Widdowsons und welches Leid mit der Vorherrschaft des Westens für andere verbunden ist. Nun, wie ich gezeigt habe, dass Widdowson kein Eurozentrist ist, dass unsere Kultur den anderen nicht überlegen und auch nichts Besonderes ist wie viele glauben und er Verständnis für die Erbitterung der anderen Völker aufbringt, greifst Du das Detail mit dem etwas ungeschickt gewählten "Hitler-Waigel-Vergleich" (er hat keinen expliziten Vergleich vorgenommen, ich schreibe das so der Einfachheit halber!). Dass es in diesem Kapitel gar nicht um "Schuld" sondern um die Zukunft der EU angesichts der immer noch sehr starken Resseniments unter den europäischen Nationen geht, verschweigst Du wohlweislich.Ich gebe zu ich gehöre auch zu denjenigen, die schlecht Englisch verstehen. Ich verlasse mich auf Deine und die Kommentare anderer Foris. Ich weiss nicht ob ich die Gesamtübersicht habe oder nur ein paar Nebensächliche Details von der Geschichte. Ich schildere auch bloss meine daraus resultierende Wahrnehmung ohne Anspruch damit recht zu haben. Vom Stil her ist mir die Widdowson-Sache eher suspekt, weil sie relativ einfache Wahrheiten in komplizierte Modelle packt. Ich meine den Vergleich Yugoslawien-Europa z.B. wird doch an jeder anspruchsvolleren Politrunde angesprochen.
Es ist auch eine bekanntes Modell, die ich schon in der Schule gelernt habe, dass eine Gesellschaft sich entwickelt, irgendwann ihren Zenith erreicht und dann hinten absackt. Gibt ein Fachwort dafür, hab ich aber leider vergessen. Es ist in meiner Wahrnehmung bis jetzt viel warme Luft. Schade natürlich, dass ich zuwenig gut Englisch kann, die Sache genauer zu studieren. Die Verwendung des Begriffs Dark Age finde ich nach wie vor problematisch, weil er geprägt ist durch die Vedanta. Müsste wenn schon doch Euro-Dark-Age heissen, das wär weniger verfänglich.
>Die industrielle Revolution hat uns ein fabelhaftes Wohlstandsniveau beschert. Doch es scheint, als sei der Innovationsschub an einem Ende angelangt und wolle es sich der Westen auf den Loorbeeren gemütlich machen. Anstatt mit der Atomenergie zu experimentieren, die Ozeane nach Rohstoffen auszubeuten und in den Weltraum vorzudringen, schalten wir Atomkraftwerke aus und führen Kilometerpauschalen in Städten ein. Ja ich weiss, jetzt käme der Hinweis auf die grausame Einstellung des Westens gegenüber der Natur. Doch war die industrielle Revolution etwa nicht "grausam" und wo wären wir heute, wenn wir in der Vergangenheit so gedacht hätten? Heute erscheint vielen diese Art zu denken nichts anderes als zivilisiert, doch wir übersehen, dass sie langfristig ein Hindernis für wirklich grosse Innovationen darstellt.
Da stimme ich teilweise zu. Doch es hat auch seinen Sinn das wir Europäer Kulturpessimisten sind, es ist ein Ausgleich zum Optimismus der Amis. Damit Evolution, Fortschritt stattfinden kann, muss eine gesundes Fundament gelegt sein. Gäbe es nur die Optimisten wäre die Entwicklung zu schnell und zu wenig nachhaltig.
>Als im 18. Jahrhundert im englischen Dorf Ironbridge die Eisenindustrie zu produzieren anfing, schlossen in Nordchina die letzten Eisenhütten, die für damalige Verhältnisse grosse Mengen an Metall hergestellt hatten. Als Europas Seefahrer nach Asien vordrangen wurde der chinesische Seehandel auf Anordnung der chinesischen Bürokratie unterbunden. Im Nachhinein kann man die Abneigung der chinesischen Elite an praktischen Fragen des Handels und des Schiffbaus und stattdessen ihre regressive Konzentration auf Philosophie vielleicht vergleichen mit der selbstzerfleischenden Selbstzufriedenheit vieler heutiger Westler und ihrer Konzentration auf das "geistige Wachstum".
>Ob dies gut oder schlecht ist, sei dahingestellt, was entscheidend ist, ist die Parellelität gewisser Vorgänge und Denkweisen in unserer Zivilisation mit den historischen Abläufen in untergegangenen Reichen. Widdowsons Gedanken sind ganz sicher nicht konventionell. Vielmehr sind sie unkonventionell und unbequem und nicht leicht in die politische Ecke zu stellen. Die Grünen stören sich an ihm, weil er die restriktiven Schutzmassnahmen zum Schutze Umwelt und noch viel mehr die Greenpeace-Mentalität als letzten Endes fortschrittshemmend betrachtet, während bürgerliche und rechtskonservativen Kreise die Nase rümpfen werden, dass er grosses Verständnis für die Verbitterung der Dritten Welt aufbringt und Christentum und Demokratie nicht als Grund für unsere momentane Vorherrschaft ansieht. Allen gemeinsam dürfte schliesslich das Unbehagen darüber sein, dass er der Überbringer schlechter Nachrichten ist.Und trotzdem ist er in Dogmen gefangen, wenn er z.B. Greenpeace und Grüne NUR als fortschrittshemmend deklariert. Er glaubt die Mainstream-Wissenschaft sei das einzig wahre und sieht nicht das Potential alternativer oder sogar spiritueller Techniken. Doch diese beiden Zweige werden früher oder später zu einer Symbiose gelangen, und erst das ist wirklicher Fortschritt. Es reicht nicht die gängigen Schemen von links und rechts zu überwinden, das tun heute alle, die sich von Politikern nicht mehr manipulieren lassen.
Grüsse HotelNoir
>Gruss
>Andreas
- Re: @Hotel Noir: Industrialisierung, geistiges Wachstum und Widdowson Andreas 03.10.2003 12:31 (2)
- Re: @Hotel Noir: Industrialisierung, geistiges Wachstum und Widdowson HotelNoir 04.10.2003 09:31 (1)
- Re: @Hotel Noir: Industrialisierung, geistiges Wachstum und Widdowson Andreas 04.10.2003 12:05 (0)