Tiburtina (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Will-Erich Peuckert.

Überblick

Als Tiburtina bezeichnen wir eine angeblich von der Sibylla Tiburtina herrührende Weissagungsschrift über die letzten Kaiser, die Zeiten Gog und Magogs, des Antichrists und schließlich das Ende der Welt. Der uns vorliegende lateinische Text[1] verrät sich bereits als eine nicht eben saubere Kompilation, deren verschiedene Schichten sich mehr oder weniger deutlich erkennen lassen. Das Urteil wäre sicherer, wenn uns einmal der dem lateinischen wohl zugrunde liegende griechische Text[2] in einer kritischen Ausgabe gegeben würde. Doch können wir schon heut neben lateinischen[3], syrisch-hellenistischen[4] und chaldäischen[5] Elementen, auf welche Sackur hingewiesen hat, iranische von Art der aus dem Zamasp-Namak und Bahman-Yast bekannten bemerken[6]. Auf die durch die historischen Andeutungen gegebenen mehreren Schichten komme ich gleich.

  1. Ernst Sackur Sibyllinische Texte 1898, 115–187.
  2. vgl. ebd. 1361. 136 f.
  3. Sackur 147. 169. Ebenso 152 ff.
  4. Sackur 166 und 1663, die Bedeutung, die Syrien immer wieder in der Tiburtina zugeschrieben wird usw.
  5. Sackur 137 ff. 148 f. (154 f.?).
  6. Ich werde in meiner Volkskunde weiter darauf eingehen und verweise jetzt nur auf meine Germanischen Eschatologien: ARw. 32 (1935), 1–37.

Zeitliche Einordnung

Eine Datierung der Tiburtina ist heute nur in einem gewissen Maße möglich. Sackurs Feststellungen aus den von ihm als Einschübe gekennzeichneten Herrscherreihen dürften, von Kleinigkeiten abgesehen, treffen. Darnach ist der aus seinen ältesten Handschriften ermittelbare lateinische Text zu Konrad II. Zeit (1024–1039) im Langobardischen entstanden[1]. Auf eine völlig andere Zeitlage weist die Verheißung eines letzten Kaisers Constans hin: et tunc surget rex Grecorum, cuius nomen Constans, et ipse erit rex Romanorum et Grecorum …[2], in welchem Sackur Constans I. († 350) erkennt[3], wie er in einem andern Vaticinium[4] Konstantin der Große erkannte: et … consurget alius rex C. nomine, potens in prelio qui regnabit a. XXX et edificabit templum Deo et legem adimplebit et faciet iustitiam propter Deum in terram. Wenn ich hier einverstanden bin, so habe ich doch in Hinsicht auf Constans einige Bedenken; „Constans“ ist nicht nur ein „sprechender Name“; es fällt auch auf, daß er der einzige ist, der ausgeschrieben, nicht nur verschleiert (wie Konstantin in C.) mit seinem Anfangsbuchstaben erscheint. – In einer glänzenden Beobachtung hat Sackur einen älteren Zustand der Sibylle in einem armenischen Zeugnis der römischen Kaiserzeit nachgewiesen[5]. Endlich erkennt er in der Vision von den neun Sonnen[6] als Repräsentanten des 6. Zeitalters (1.: goldenes, 2.: silbernes, 3.: eisernes, 4.: das Christi, 5.: das der Apostel), Nero, das Tier der Apokalypse, das 3½ Jahre herrschen soll, oder wie es hier heißt: expugnabunt civitatem istam (nämlich Rom) annos tres et menses sex[7]. Als Vertreter des siebenten (expugnabunt duo reges et multas persecutiones facient in terra Hebreorum propter Deum) Vespasian und Titus[8], während der Herrscher des achten apokalyptische Züge trägt.
Es sind demnach verschiedene Daten zu erschließen, in denen die Prophetie entstanden sein kann: nach Titus, zur Zeit Constans I., endlich im 11. Jahrhundert. Wir werden am besten heute eine ältere, bereits mehrschichtige Schrift zur Zeit Constans I. annehmen müssen, welche im 11. Jahrhundert durch neue Interpolationen Gegenwartswert erhält.

  1. Sackur 135. 136 f.
  2. Ebd. 185.
  3. Ebd. 161 ff. 154.
  4. Ebd. 181.
  5. Ebd. 143.
  6. Ebd. 178 ff.
  7. Ebd. 155.
  8. Ebd. 155 f.

Nachwirkung auf spätere Prophetien

Wir müssen uns heut mit diesen Feststellungen begnügen und wenden uns der Frage des Nachwirkens der älteren Fassung zu. Ihre Benutzung durch Pseudo-Methodius[1] und Adso[2] hat Sackur bestimmt verneint[3]; „die Verschiedenheiten sind im einzelnen durchweg so groß, daß eine unmittelbare Benutzung der einen durch die andern sich ausschließt“ vgl.[3]. Das zugegeben, so ist doch andrerseits nicht zu verkennen, daß Pseudo-Methodius wie die Tiburtina den gleichen Stoff mitteilen und die gleichen Szenen kennen, so daß man daraus eine „sibyllinische Tradition“ annehmen muß, aus welcher beide schöpfen und gestalten.

  1. vgl. unten „Weissager“.
  2. vgl. oben 1, 479 ff. „Antichrist“.
  3. 3,0 3,1 Sackur 168. 170. 172.

Die Tiburtina im Mittelalter

Nach der von Sackur in die Jahre Konrad II. gelegten Entstehungszeit der heut vorleigenden lateinischen Fassungen ist die Tiburtina immer wieder nachzuweisen[1]. Sie wechselt, wie Sackur zeigte, die Anfangsbuchstaben der prophezeiten Herrscher je nach Bedarf und war so immer zeitgemäß. Dann aber „bezeichnet das 14. Jahrhundert in Deutschland eine Zeit der Wiedergeburt der sibyllinischen Prophetie der Tiburtina … Bis auf Heinrich VI. hatte letztere durch stetige Eingliederung neuer Kaiser in ihren Regentenkatalog sich fort und fort ihr Ansehen bewahrt. Zur Zeit Friedrich II., wo die Prophetien sich zumeist mit dessen Persönlichkeit beschäftigten, scheint sie eine Zeitlang in Vergessenheit geraten zu sein. In den ersten Dezennien des 14. Jahrhunderts läßt sich nun aber ihr Wiederauftauchen nachweisen“[2]. Nach mehreren, von Kampers verzeichneten Anläufen[3] glückt in den Jahren Karl IV. um 1360 die in Versen abgefaßte „Sibillen wîsag“[4]. Eine sehr lange Reihe von noch vorhandenen Abschriften[5], als deren letzte ich augenblicklich die in Peter van Zirns Schulbuch zwischen 1496 und 1500 kenne[6], beweist das dauernde Interesse an dem kleinen Epos, neben dem immer noch die ältere Prosa ihr Leben führt[7]. Der erste von Gutenberg vorhandene Druck, auch das erscheint mit aufschlußreich, ist eine Sibyllen wisag[8], und Darnedde hat jüngst daneben noch sieben Inkunabeln aufzählen können[9], zu denen er zwei Prosen stellte, so daß wir (außer den Prosen) heut 23 Handschriften, 8 Drucke des 15. Jahrhunderts und etwa 15 des 16. Jahrhunderts kennen.

  1. vgl. Kampers Kaiseridee 53 f. 54. 91. 92.
  2. Ebd. 120; vgl. auch 119.
  3. Ebd. 120 f. 121.
  4. Vogt bei PBB. 4 (1877); Lothar Darnedde Deutsche Sibyllen-Weissagung, Phil. Diss. Greifswald 1933, führt nicht darüber hinaus.
  5. Ihre Aufzählung bei Vogt, Ergänzungen bei Darnedde; nachzutragen sind weitere Prosen des 16. Jahrhunderts: vgl. Peuckert Sibylle Weiß und eine Umdichtung von 1609, die ich MschlesVk. 28 (1927), 166 ff. mitteilte.
  6. Ruth Franke Peter van Zirns Handschrift, Phil. Diss. Breslau 1932, 39 ff.; Darnedde 33.
  7. vgl. z.B. den Mirabilis liber, aus dem Kampers Kaiseridee1 einen Text edierte.
  8. Veröffentl. d. Gutenberg-Ges. 3 (1904), 1 ff.; 5 (1908), 1 ff.; vgl. auch A. Götze Frühnhd. Lesebuch; Darnedde 46 ff.
  9. Darnedde 37 f.

Die Tiburtina in der Neuzeit

Im Jahre 1516 geht durch Koebel, dessen Beurteilung Darnedde mißlungen ist[1], aus unserm Epos und mehreren Ergänzungen die Prosa „Zwölff Sibyllen Weissagungen“ hervor, zu welcher oben der Artikel „Sibylle“ zu vergleichen ist. Damit beginnt – nach jener älteren und jüngeren Redaktion der Tiburtina und nach dem Epos – der vierte Zustand der Tiburtina und ihrer Wirkung in die Breite, an welchen sich um 1817 der fünfte und heut entscheidende schließt. Wir sehen, wie durch die Tiburtina zweitausend Jahre alte und ältere Weissagungen in unserm Volk zu neuem Leben gelangten; auf ihr und auf der Schrift des Pseudo-Methodius, die gleichem Stamm entsproß, steht letztlich die Sage vom „dürren Baum“, aus ihnen sind Einflüsse in die Antichrist-, jüngste Tag-, schlafende Kaiser-, Gog und Magog- und Endschlachtsage wirksam gewesen (vgl. die betr. Artikel).

  1. Darnedde 41 ff. vgl. oben 7, 1655 ff.; Peuckert Sibylle Weiß.