Orakel (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Ludwig Herold.

Die bisher gegebenen Definitionen sind entweder zu weit oder zu eng. Sie umfassen einerseits alle Formen der Zukunftkündung vom einfachen ungesuchten Vorzeichen (s.d.) bis zu den kunstvollsten Arten der Aufdeckung des Verborgenen, die erlernt und nach feststehenden Methoden ausgeübt werden; andererseits nur wiederum die verschiedenen Arten des sog. „Losens“ (s. Los, losen)[1]. Weder das Wort Orakel noch die Bezeichnung Mantik[2], die beide ziemlich willkürlich angewendet werden, können dem Begriff Orakel des deutschen Volksglaubens gerecht werden. Beide sind zu weit gefaßt; schon aus diesem Grunde ist eine einfache Übernahme in ihrer eigentlichen Bedeutung untunlich. Die von ihnen umfaßten Arten der Erforschung des Unbekannten wurzeln (meist) im religiösen Glauben, ihre Ergebnisse werden als von der Gottheit gegeben hingenommen, sind ihrem Wesen nach also Weissagung[3] (s.d. u. Divination). Das Orakel des deutschen Volksglaubens aber ist nur Wahrsagung[4] (= unerlaubte Weissagung)[5] (s.d.) und hat mit Religion nichts zu tun.

  1. Vgl. oben 1, 69 ff.
  2. Das lat. Wort „oraculum“ bezeichnet nicht nur eine die Zukunft erhellende, in der Regel durch eine Mittelsperson (Priester) unter besonderen Gebräuchen erteilte Weissagung, sondern auch den geheiligten Ort, an dem diese Weissagung erteilt wurde. Diese Zukunftsdeutung erfolgt aus dem einfachen, sich von selbst zufällig darbietenden Zeichen wie auf Grund von künstlichen Weissagungsarten, die von einem mehr oder weniger ausgebildeten magischen Zeremoniell umgeben sind. Ebenso umfaßt das griechische Wort Mantik (mantikh) alle Arten der Weissagung von der bloßen Deutung eines zufälligen Zeichens bis zu den schwierigsten Formen der sog. wissenschaftlichen Magie (s.d.). Einen deutschen, alle Arten der Zukunftserkundung bezeichnenden Ausdruck haben wir ebenfalls nicht; über die german. bzw. deutschen Bezeichnungen der einzelnen Arten vgl. Grimm Myth. 2, 863 f. 866 f. 926. 929 ff.; 3, 320 ff.
  3. Grimm Myth. 2, 863 f. 926; Wuttke 3 § 3; 193 § 260; die Orakel sind den antiken Menschen eine Realität (Dieterich Kl. Schr. 404) und das Orakel ist die Antwort der Gottheit auf eine ihr vorgetragene Bitte (Wundt Mythus u. Religion 3, 459).
  4. Wuttke 3 § 3.; 193 f. §§ 260. 261.
  5. Grimm a.a.O. 2, 926.

Abgrenzung, Begriffsbestimmung, Einteilung

Der Mensch hat seit den ältesten Zeiten den Wunsch, das Dunkel der näheren oder ferneren Zukunft wenigstens für Augenblicke zu lüften und die Absichten der ihm unbekannten und über ihm waltenden Schicksalsmächte hinsichtlich seiner Person zu entschleiern. Daneben hat er, freilich weniger oft, das Bestreben, bereits geschehene, in Dunkel gehüllte Ereignisse und Geschehnisse der Vergangenheit aufzuhellen durch eine Art rückwärts gekehrter Weissagung[1], z.B. einen Dieb ausfindig zu machen. Das eigene Unvermögen, solches zu ergründen, trieb zu dem Glauben, Tiere, Pflanzen, selbst leblose Gegenstände hätten größeres Wissen in diesen Dingen als der Mensch[2]. Dieser Glaube an geheime Mittel hat keineswegs immer und von Anfang an mit religiösem Glauben etwas zu tun – ist ihm oft genug entgegengesetzt – wenn er auch vielfach in ihn mündet bzw. einen Teil der Religion bildet[3].
Die Triebfeder seiner Handlungsweise sind neben Neugierde Nützlichkeitsgründe und nicht Frömmigkeit[4]. Oft genug liegen die Orakel außerhalb jeder Religion. Daraus ergibt sich der Begriff Orakel, den Beth[5] folgendermaßen definiert: „Unter Orakel verstehen wir jeden Brauch, mit Hilfe eines außerhalb der menschlichen Willenstätigkeit erfolgten Begebnisses, das als Zeichen oder Antwort aufgefaßt wird, eine schwebende Angelegenheit zu entscheiden oder noch verhüllte Bezogenheiten und Verflechtungen von Geschehnissen zu enthüllen, um demgemäß sein Verhalten einzurichten“[6]. Diese Definition begreift auch die ungewollten, zufällig sich darbietenden Erscheinungen des Anganges, der Vorzeichen und des Traumes (s. Angang, Traum) in sich und ist somit zu weit gefaßt. Denn ein wesentliches Merkmal des Begriffes Orakel in unserem Sinne scheint uns die Absicht des Fragestellers nach Erschließung des Unbekannten, sei es, daß er aus einem erwarteten, erhofften Zeichen die Antwort auf eine mehr oder minder bestimmt gestellte Frage entnimmt oder aber dem Schicksal diese Antwort auf irgend eine Art entlockt. Diese Absicht ist auch vorhanden in Bräuchen, die nicht eigens zum Zwecke der Zukunfterforschung geübt werden; dieses Streben stellt vielmehr nur einen Teil des ganzen Komplexes dar. So schloß (schließt) man bei den Fastnachtfeuern aus der Richtung, die der vom Feuer wegziehende Rauch einschlug, auf die Fruchtbarkeit des Jahres (Eifel, Nassau)[7]. Der Teilvorgang der Zukunftserschließung dieses Abwehrbrauches kann sowohl in das Gebiet des einfachen Vorzeichens wie auch in den des Orakels im engeren Sinne eingereiht werden, da wir die Absicht einer Wahrsagung deutlich ausgedrückt finden. Oder man achtet mit bewußter Absicht auf die Träume in den Unternächten[8], auf den Traum im neuen Hause[9]. Auch hier zeigt sich deutlich, im Gegensatz zum bloßen Zufallstraum, das Bestreben nach Entschleierung der Zukunft, und damit ein Hinübergleiten des Brauches in das Gebiet des absichtlich angestellten Orakels. Noch deutlicher geht das aus folgendem Fall hervor, den Wuttke unter die sich selbst darbietenden Wahrzeichen einreiht, und der dem Angangsglauben zuzurechnen ist. Will eine heiratslustige Person wissen, welchen Vornamen der zukünftige Gatte habe, so fragt er am Neujahrsmorgen das erste im begegnende Kind des andern Geschlechtes unter zwölf Jahren um seinen Taufnamen. Dies ist der Name des künftigen Gatten (Wetterau)[10]. In jedem dieser drei Fälle wird das Schicksal absichtlich befragt, eine Zukunftskündung also erstrebt und gesucht. Daneben bieten uns diese Grenzfälle weitere Merkmale des Orakels im eigentlichen Sinne. Die Handlungen werden zu bestimmten Zeiten (Fastnacht, Unternächte, Neujahrsmorgen), an gewissen Orten (neues Haus), am bestimmten Objekt (Kind unter zwölf Jahren) vorgenommen. Weitere Merkmale geben uns die selbständigen, zum Zwecke der Zukunftkündung geübten Bräuche. Am Buchberg bei Tölz legte der Bauer in der Christnacht den Eßtisch an eine Kette vom Wagen, mit dem man ins Holz fährt, schob den Mettenblock in den Ofen und stellte Scheiter wie Runenstäbe nach der Zahl der Hausbewohner auf. Wessen Holz bis zur Heimkehr vom nächtlichen Gottesdienst umfiel, der mußte im kommenden Jahre sterben; als ein Knecht aus Mutwillen das Scheit der Bäuerin umlegte, härmte sich diese wirklich zu Tode[11]. Hier haben wir als neue Merkmale bestimmte Gegenstände, Orakel-Spender (Scheit im Zusammenwirken mit Tisch, Kette, Mettenblock) und bestimmte Bedingungen, unter denen das Schicksal zur Offenbarung veranlaßt wird. Wir müssen zur Abgrenzung des Begriffes Orakel noch einige weitere Beispiele heranziehen. Wer in der Neujahrsnacht um zwölf rückwärts aus dem Hause gehend auf das Dach schaut, dem widerfährt (im kommenden Jahre), was er sieht: ein Sarg, eine Wiege, ein Hochzeitskranz (Meckl.)[12]. Von diesem bei Wuttke zur Gattung des „Loses“ gezählten Beispiel unterscheidet sich das folgende ebendort[13] unter Zauberwahrsagekunst angeführte nur in Äußerlichkeiten. Wenn man in der Neujahrsnacht dreimal um das Haus geht, so erscheint einem der künftige Gatte oder der Tod (Tirol); ähnlich ist der ebenfalls in Tirol am Dreikönigsabend geübte Orakel-Brauch: Wer dem Mädchen, das dreimal schnell nackt innerhalb der Dachtraufe ums Haus läuft, begegnet, wird ihr Mann[14]. Welche Unterschiede sind nun zwischen diesen drei Fällen, daß man den ersten als (Zufalls-)Orakel, die beiden andern als Zauberwahrsagekunst im üblichen Sinne ansieht? Allen gemeinsam ist die Absicht der Zukunfterforschung und die geheimnisvolle (heilige) Zeit; die Verschiedenheiten sind äußerlicher Art: im Falle 1 das Rückwärtsgehen, in den Fällen 2 und 3 das dreimalige Umwandeln des Hauses, wozu im dritten Beispiel noch die Bedingung der kultischen Nacktheit kommt. Das sind magische Handlungen, die dem Orakel mit demselben Rechte zukommen. Als wesentliche Merkmale des Orakels ergeben sich somit: absichtliche Herbeiführung der Entscheidung, bestimmte (heilige, geheimnisvolle) Zeiten, geeignete Orte, wirksame Mittel (Orakelspender), bestimmte Bedingungen. Gewöhnlich finden sich in jedem Orakel-Brauch mehrere dieser Merkmale. Aus den angeführten Beispielen ergibt sich aber weiter das unmerkliche Übergleiten der einen Gattung in die andere und die Unmöglichkeit einer scharfen Abgrenzung der einen gegen die andere. Manchmal wird es unmöglich sein festzustellen, ob man einen Brauch als bloße Deutung eines zufälligen Vorzeichens, als eigentliches Orakel oder als Mantik im Sinne systematischer Zauberwahrsagekunst bezeichnen soll. Nun erfordert noch der Begriff Mantik eine genauere Abgrenzung gegen den Begriff Orakel in unserem Sinne. Bis in die Gegenwart lebendig sind Formen der Zukunftkündung, in denen ein Hahn oder eine Henne Orakel-Weiser sind. So setzen in Schwaben am Donnerstag nach Weihnachten die Mädchen eine schwarze Henne in einen von ihnen gebildeten Kreis und schläfern sie ein; auf welche sie nach dem Erwachen zugeht, die heiratet im Laufe des Jahres[15]. Diese Art der Wahrsagung ist ungekünstelt gegenüber der von dem byzantin. Geschichtsschreiber Zonaras (um die Wende des 11. und 12. Jahrh.) beschriebenen Alektryomantie (s.d.): Die Sophisten Libanios und Jamblichos wollten erkunden, wer der Nachfolger des Kaisers Valens würde. Sie schrieben die 24 Buchstaben des Alphabets (s.d.) in den Sand und legten in jeden ein Weizenkorn. Dann wurde ein Hahn herbeigebracht, den sie unter dem Gemurmel gewisser Formeln beobachteten. Zuerst fraß er das Korn in t, dann in e, dann in o und schließlich in d, und so rieten sie, der Name des Nachfolgers müsse mit teod beginnen. Und wirklich wurde nach dem Tode des Kaisers Valens Theodosius zum Augustus ernannt und 15 Jahre später Alleinherrscher[16]. Die Unterschiede zwischen unserem Hennen-Orakel und der von Zonaras überlieferten Art sind recht beträchtlich. Abweichend von dem kunst- und systemlos geübten Huhn-Orakel ist vor allem die kunstmäßige von magischem Zeremoniell umgebene Durchführung. Ob die Zauberhandlung an einem bestimmten (Schicksals-)Tage vorgenommen wurde, ist nicht ersichtlich. Vermutlich ist eine bestimmte Zeit für die Vornahme der Handlung ebensowenig erforderlich wie beim Sieblaufen (s.d. und Koskinomantie) oder dem Punktieren (s.d. und Geomantie), die zu jeder Zeit vorgenommen werden können. Solchen Wahrsagungsarten gemeinsam ist eine gekünstelte Systematik, kunstvolles Gerät, oft taschenspielerische Handhabung des Zaubergerätes und eine erlernte Methode, die sich gerne mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit umgibt[17]. Auch das Orakel kennt eine Art Beschwörungsformeln. Beim Bettstaffeltreten (s. Bett) am Andreasabend spricht das Mädchen z.B.: „Bettspond, ich trete dich, Sankt Andres, ich bitt' dich, laß doch erscheinen den Herzallerliebsten meinen, in seiner Gestalt, mit seiner Gewalt, wie er mit mir vor dem Altare steht“ (Nord- u. Mitteld.)[18]; beim Zaunschütteln (s.d.): „Erbzaun, ich schüttle dich, feines Lieb, ich bitte dich, beil, beil, Hundelein, wo mein feines Lieb wird sein“ (östl. Mitteld.)[19]. Diese hörbar gesprochenen Worte voll gläubigen naiven Vertrauens sind eher ein Gebet an eine gütige gewährende Macht, wogegen die bei mantischen Wahrsagekünsten gebrauchten Formeln, deren Wortlaut dem Unkundigen vorenthalten wird, sich als magische Beschwörungen ergeben, mit deren Hilfe der Zauberkundige dem Dämon (der Finsternis) sein Geheimnis entreißt. Nach dem bisher Ausgeführten werden wir also aus dem Begriff Orakel ausscheiden: 1. Die zufälligen, vom Menschen nicht gewollten Zeichen; 2. die kunstmäßigen Wahrsagearten auf vorwiegend antiker oder pseudoantiker Grundlage, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt (Mantik).
Und nun fassen wir unter Zugrundelegung der oben angeführten Definition Beths den Begriff Orakel wie folgt: „Unter Orakel verstehen wir jeden Brauch, mit Hilfe eines vom Menschen zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten, mit bestimmten Mitteln oder unter bestimmten Bedingungen absichtlich herbeigeführten Vorganges, dessen außerhalb der menschlichen Willenstätigkeit liegendes Ergebnis als Zeichen oder Antwort aufgefaßt wird, eine schwebende Angelegenheit zu entscheiden oder noch verhüllte Bezogenheiten und Verflechtungen von Geschehnissen zu enthüllen, um demgemäß sein Verhalten einzurichten“.
Für die Einteilung der verschiedenen Arten der Zukunftkündigung ist die Gliederung Wuttkes[20], die auch Stemplinger[21] und Hoffmann-Krayer[22] in vereinfachter Form beibehalten, die übersichtlichste, weshalb wir sie übernehmen. Wir teilen also ein: Kündung oder Erforschung des Unbekannten (Divination, Mantik[23] oder Wahrsagekunst): A. Passive Wahrsagung aus natürlichen Zeichen, ohne Zutun des Menschen, der nur die Deutung unterlegt; divinatio naturalis vgl. [23] (1. Traum; 2. Zeichen: Angang, Vorzeichen, Wahrzeichen).
B. Aktive Wahrsagung aus vom Menschen absichtlich bewirkten Zeichen, divinatio artificiosa vgl. [23]:
1. Orakel (die Tätigkeit des Menschen ist kunst- und systemlos); 2. Mantik (der Mensch handelt planmäßig nach scheinbar wissenschaftlichen Verfahren).
Eine weitere Unterteilung ist nicht angezeigt, da sich die einzelnen Arten kaum in eine systematische Ordnung und unter allgemeine Gesichtspunkte bringen lassen. Es muß eine Aufzählung der wichtigsten Orakel-Bräuche, die aber stets unvollständig sein wird, genügen. Im übrigen wird auf die Einzelartikel verwiesen. Zur Veranschaulichung diene noch folgendes Schema:

HdA Orakel.jpg
  1. Ebda. 2, 927.
  2. ZfrwVk. 1914. 254; Wuttke 193 § 260.
  3. Beth Religgesch. 59.
  4. Wuttke 193 § 260.
  5. A.a.O.
  6. Die Bezeichnung Orakel ist ein Wort der volkskundlichen Fachsprache. Das Volk bezeichnet Angang, Vorzeichen u.ä. als Zeichen (Das ist ein, kein gutes, ein schlechtes Zeichen; das bedeutet, bringt Glück, Unglück usw.) und hat auch für die bewußt geübten Orakel-Bräuche keine gemeinsame Bezeichnung. Eine größere Anzahl faßt es unter den Namen „losen, liesen“ zusammen, für andere hat es nur die den Einzelvorgang bezeichnenden Namen wie Lichtlschwimmen, Namenlöschen usw.
  7. Jahn Opfergebräuche 86 f.
  8. Dähnhardt Volkst. 1, 77 Nr. 6.
  9. Ebda. 2, 89 Nr. 365.
  10. Wuttke 209 § 289.
  11. Sepp Religion 10.
  12. Wuttke 236 § 338.
  13. 247 § 357.
  14. Heyl Tirol 752 Nr. 6.
  15. Stemplinger Aberglaube 56 = Wuttke 242 § 348.
  16. Stemplinger a.a.O.
  17. Wuttke 8 § 8.
  18. Wuttke 249 § 360.
  19. Ebda. 253 § 366.
  20. Ebda. 193 ff. 229 ff. 244 ff.
  21. Aberglaube 23 ff.
  22. oben 1, 69 ff.
  23. 23,0 23,1 23,2 Stemplinger a.a.O. 23 ff. Abschn. II; Vernaleken 317 f.

Quellen des deutschen Orakel-Glaubens

Der deutsche Orakel-Glaube geht auf germanische, aber auch viele antike Zukunfterkundungen zurück[1]. Welche von den beiden Quellen stärker floß und reichlichere Niederschläge absetzte, wissen wir heute noch immer nicht. Tatsache ist, daß bald die germanischen, bald die antiken Elemente in ihren Einflüssen über- bzw. unterschätzt wurden. Die ausgebildete Orakel-Praxis, wie sie bei den Griechen und Römern nachgewiesen ist[2], findet sich, vielleicht in geringerem Maße, auch bei den Germanen[3]. Möglicherweise hatten größere Stammesverbände auch gemeinsame Orakel-Stätten[4]. Hauptquelle unserer Kenntnis ist Tacitus[5]. Die Germanen kannten Toten-Orakel[6], Träume nahmen eine wichtige Stellung ein[7], von den Vorzeichen[8] standen in besonderem Ansehen die Pferde-Orakel[9], das Begegnen von Mensch und Tier[10], die Zukunftkündung aus dem Klange des Barditus[11]. Sie deuteten die Zukunft durch Eingeweideschau[12], aus den zuckenden Herzen der getöteten Feinde[13]. Bei den Cimbern war die Blutschau eines der wichtigsten Orakel[14]. Gleich Indern und Griechen hatten die Germanen Baum-[15], Quell- und Fluß-Orakel[16]. Eine der ältesten und angesehensten Orakel-Arten war das Los-Orakel, das meist die Einleitung zu anderen Orakeln bildete[17]. Ob das anderen indogerm. Stämmen bekannte Würfel-Orakel auch geübt wurde, ist nicht bekannt. Die Leidenschaft, mit der die Germanen das Würfelspiel betrieben, spricht nicht dagegen[18]. Endlich waren Gottesurteile[19], besonders der Zweikampf[20], eine Art Orakel, den Ausgang einer Sache, besonders einer Schlacht, zu enthüllen. Viele Weissagungsarten kamen aus der Antike, besonders der römischen Kaiserzeit, oft schon im Gewande des Christentums[21]. Die Bekehrer und ihre Nachfolger bekämpften den Orakel-Glauben der Neubekehrten, vor allem die Augurien und Auspizien[22], worunter wir aber keinen ausschließlich german.-deutschen Glauben verstehen müssen, sondern wohl vorzugsweise die dem klassischen Altertum bekannten Arten, leisteten ihm aber andererseits wieder Vorschub, wenn z.B. eine Autorität wie der hl. Augustinus den heidnischen (antiken) Orakeln unbestrittene Realität und wirklich ernste, prophetische Leistungen zuschrieb, und nur in den Urhebern der verschiedenen Zukunftkündungen den wahren Gott sieht, nicht die heidnischen Dämonen[23]. Gregor von Tours verwirft es als Aberglauben, aus dem Fluge der Vögel die Zukunft zu erforschen, berichtet aber getreulich andere Arten und nimmt das von Karl dem Großen verworfene Buch-Orakel in Schutz. Andere Theologen verteidigen das Gottesurteil, der hl. Thomas das Los-Orakel Das Stabwahrsagen, Wasser- und Feuer-Orakel waren anerkannt. So kann die Wirkung des Kampfes gegen den Orakel-Glauben nicht allzu stark gewesen sein. Der größere Teil des Volkes hielt an seinen Orakeln mit Zähigkeit fest, und die reiche Fülle von Zeugnissen für diesen Glauben seit den ältesten Zeiten bestätigt das ununterbrochene Fortleben aller Arten von Orakeln heimischer und fremder Herkunft.

  1. Stemplinger Aberglaube 1 ff. 14 f.
  2. Vgl. Cicero De Divinatione.
  3. ZfrwVk. 1914, 254.
  4. Vgl. Tacitus Germania c. 39. 40. 43.
  5. Germania c. 10.
  6. Mogk Religgesch. 49; Meyer Religgesch. 90; Fischer Altertumsk. 114 f.; v. d. Leyen Sagenbuch 13, 101. 132. 200.
  7. Mogk a.a.O.; Meyer Religgesch. 143; Grimm Myth. 2, 958 ff.; 3, 331 f.; vgl. Schrader Reallex. 872 ff.; für Griechen und Römer waren Hermes und Apollo die Verkünder des Traumes (Abt Apuleius 118 f. 170. 192 f.),
  8. Grimm Myth. 2, 944 f.; 3, 324 ff.; Beth Religgesch. 59 f.; Wundt Mythus u. Religion 3, 86; Schrader Reallex. 607; Meyer Religgesch. 143; Quitzmann 228; Widlak Synode v. Liftinae 20. 21. 27.
  9. Mogk Religgesch. 49; Grimm Myth. 2, 548 f.; 3, 189 f.; Widlak a.a.O. 20; Fischer Altertumsk. 114.
  10. Grimm Myth. 2, 941 ff.; 3, 323 ff.; Mogk a.a.O.
  11. Tacitus c. 3; Meyer Religgesch. 143.
  12. Meyer Religgesch. 143; Widlak a.a.O. 24; Wundt Mythus u. Religion 3, 86 f.; Beth Religgesch. 59.
  13. Mogk Religgesch. 49.
  14. Schrader Reallex. 609; Kronfeld Krieg 121; Widlak a.a.O. 23.
  15. Vernaleken Mythen 5 f. 319 f.; Über das griech. Baum-Orakel: Stemplinger Aberglaube 43. Vgl. Stützle Das griech. Orakel-Wesen und besonders die Orakel-Stätten Dodona und Delphi. 2. Abt. Programm Ellwangen; über die redenden Bäume der Alexandersage bei Pseudo-Kallisthenes und in der epistola Alexandr. ad Aristotelem vgl. Hertz Abhandlgn. 50. 72.
  16. Schrader Reallex. 609; Vernaleken Mythen 5 f. 319 f. Solche Jungferbrünnlein, Kultusorte wie das griech. Dodona, sind fast in allen wasserreichen Gegenden zu finden (Vernaleken a.a.O. 320).
  17. Grimm Myth. 2, 866. 929 f.; 3, 321 f.; Meyer Religgesch. 142; Mogk Religgesch. 49 f.; Schrader Reallex. 506 f.; Widlak Synode 22 f.; Fischer Altertumsk. 73; Lippert Christentum 471; Quitzmann 284; Beth Religgesch. 60; Kronfeld Krieg 122; über das Los-Orakel vgl. Tylor Cultur 1, 82; Los-Orakel der Germanen: R. Meißner Ganga til fréttar, in ZfVk. 27 (1917) 1 ff. 97 ff.; Weniger Los-Orakel bei den Germanen, in Sokrates 5 (1917), 433; Petsch Über Zeichenrunen und Verwandtes, in ZfdU. 31 (1917), 433.
  18. Vgl. Tacitus c. 24; Fischer Altertumsk. 106; über das antike Würfel-Orakel und das vielleicht daraus entstandene Buchstaben-Orakel vgl. Heinevetter Würfel- und Buchstaben-Orakel in Griechenland und Kleinasien, Festgruß des archäologischen Seminars zum hundertjährigen Jubiläum der Universität Breslau, 1921; ARw. 20 (1920/21), 157 f.
  19. Grimm Myth. 2, 927; 3, 4.
  20. Fehrle Germania des Tacitus 81; Fischer Altertumsk. 73. 120; Widlak a.a.O. 23; Schrader Reallex. 304 f.
  21. Grimm Myth. 2, 930.
  22. Stemplinger Aberglaube 1 ff.; Quitzmann 228.
  23. Vgl. Augustinus De Civitate Dei X, 32, 12 u. Lippert Christentum 252 f. Über weitere Belege s.O. 1, 78 ff. (Aberglaube) und 5, 191 ff. (Konzil).

Orakel-Spender

Orakel-Spender: Die geheimen wirksamen Mittel und Gegenstände, die dem Fragesteller als Zukunftkünder dienen, sind kaum zu übersehen. Dinge der leblosen und belebten Natur, der Mensch selbst, seine Bewegungen, seine Umwelt, die Erzeugnisse seiner Tätigkeit, Gegenstände seines Haushaltes, Gesellschafts- und Geschäftslebens, des Kultes, werden der Entschleierung des Unbekannten dienstbar gemacht[1]. Diese Orakel-Spender sind zweifacher Art: A. Solche, die dem Bereiche des Menschen entrückt sind, die er also nur deuten kann wie die Gestirne, Kometen, Wolken, Gewitter, Regen und Schnee, Regenbogen, Nebel, elektrische Lichterscheinungen usw. (s. Vorzeichen, Wahrzeichen, Wetterorakel, Himmelszeichen). B. Solche, die der Mensch deutet, sich ihrer aber auch als Mittel zur Herbeiführung von Zukunftsenthüllungen bedient. Diese allein gehen uns hier an. Zu diesen Orakel-Spendern gehören: 1. aus der Welt der freien Natur Feuer und Wasser. Das Geheimnisvolle des Wassers, die ihm zugeschriebene Gabe der Weissagung machen es besonders geeignet als Orakel-Spender. Man schöpft in der Matthiasnacht drei Eimer aus einem stillstehenden W. und gießt es jedesmal hinter sich; beim dritten Eimer sieht man über die linke Schulter und erblickt den künftigen Gatten (Westf.)[2]. Man erblickt das Bild des Zukünftigen durch Schauen in den Bach (Südb.)[3], durch Brunnenschauen[4] [5] u.a. (Brunnen, Fluß, Wasser); aus einem ins Freie gestellten Schaff Wasser, über das man eine klare Scheibe hält, kann man das Wetter des ganzen Jahres prophezeien (Tirol[6]), durch Wassermessen (s.d. und Wasserorakel) erfragt man die Fruchtbarkeit des Jahres[7]. Das Feuer und der Rauch und ihr Verhalten werden meist nur gedeutet (s. Funkensonntag[8]), dagegen wird die Asche wie auch die (Holz-)Kohle[9] (s.d.) zu Orakeln verwendet. 2. Aus dem Mineralreich finden wir Erde (s.d., kehren, Kehricht, Staub, Glücksgreifen), Sand, Kies, Steine[10], Salz (s.d. u. Salzhäufchenorakel), Lehm[11], Ton[12], Blei, Zinn (s. Bleigießen), Eisen. 3. Zahlreich sind die Orakel-Spender aus der Pflanzenwelt: Die Obstbäume und deren Früchte (s.d., Baum, Apfel-, Birn-, Kirschbaum, Nußschale, Pflaume, Zwetschke, Barbara), die verschiedenen Getreidearten, Korn, Gerste, Hafer, auch das Stroh[13], Erbsen, Bohnen, Hanf, Leinsamen[14]; Gewürz- und Futterpflanzen wie Zwiebel und Klee, bes. vierblättriger[15]; wildwachsende Bäume, Sträucher und Pflanzen, die als Nahrungsspender oder in Kult, Heilkunde und Zauber eine wichtige Rolle spielten wie Fetthenne, Hasel, Hauswurz, Weide, Palmkätzchen, auch Holzspäne und Scheiter (s. Holzscheitorakel); Blumen: Feld- und Gartenblumen, Flieder, Gänseblümchen, Kamille, Löwenzahn, Rose[16], Rosmarin, Schmiele und die aus drei-, sieben- oder neunerlei Blumen geflochtenen Johanniskränze und -Sträuße (s. Kranz, Strauß), sowie Gras (s. a. Grashalm, Halm, Halmziehen). 4. Aus dem Tierreich[17] finden wir Gans, Hahn und Henne, Hund, Pferd, Schaf und Schwein. 5. Aus dem Bereich des Menschen und seiner Umwelt: bestimmte Altersstufen, so das Kind vgl.[18][19]; Teile des menschlichen Körpers[20], z.B. Haar, Kopf (s.Totenkopf); Kleidungsstücke u.ä. wie Schuhe (s. Schuhorakel, -werfen) oder das Wickelband des Kindes[21]; Bewegungen des Menschen: Wenn vor einem Mädchen zufällig ein Bursche geht, dem sie geneigt ist, so spricht sie dreimal leise: „Bist du mir von Gott geschaffen, so greife nach deinem Hute oder Kappe, bist du mir nicht von Gott beschert, so greife du zur Erd“. Die nächste Bewegung desselben gibt das gewünschte Zeichen (Oberpf.)[22]; die Nahrung des Menschen: Brei, Mehl und daraus bereitete Speisen wie Brot, Knödel, Kuchen, Plätzchen, Wecken, Festkuchen[23], Mohnstritzel (s. a. Klöße); Ei, Talg, Wein; Gebrauchsgegenstände des Haushaltes, Geschäfts- und Gesellschaftslebens: Buch (s. a. Bibel, Gebetbuch), Besen, Geld, Ring[24], Schüssel, Schlüssel, Sichel, Spiegel, Tischtuch, Wagenrad, besonders Erbdinge, beschriebene Zettel, Kerze und Licht. Vollständigkeit in der Aufzählung ist nicht beabsichtigt und kann auch gar nicht erreicht werden. Die Zusammenstellung soll nur die Vielheit der Orakel-Spender veranschaulichen. Vgl. die Einzelartikel, ferner Dachstroh, Pferde-, Tier-, Vogel-Orakel.

  1. ZfrwVk. 1914, 255.
  2. Wuttke 251 § 363 = Kuhn Westfalen 2, 123 f. Strackerjan 1, 93.
  3. Vernaleken Mythen 331 Nr. 7.
  4. Mannhardt German. Mythen 522.
  5. Quitzmann 275.
  6. Heyl Tirol 756 Nr. 31.
  7. Wuttke 230 § 329; Grohmann 51 Nr. 322 (Braunau i. Böhm.).
  8. Vgl. Jahn Opfergebräuche 91.
  9. ZfVk. 4 (1894), 317.
  10. Kiesgreifen in Ostpreußen: Wuttke 236 § 337.
  11. Drechsler Schlesien 1, 7.
  12. Dähnhardt Volkst. 1, 84 Nr. 2.
  13. Von bes. Kraft ist das Dachstroh: Wuttke 237 § 339.
  14. Jahn Opfergebräuche 115. 279.
  15. Wuttke 244 § 352.
  16. Das dem Lichterschwimmen ähnliche Rosenblätterschwimmen: Wuttke 235 § 336.
  17. Vgl. auch Hopf Tierorakel.
  18. Wuttke 209 § 289.
  19. Grimm Mythol. 3, 428. 431.
  20. Vgl. Tylor Cultur 2, 124. 180.
  21. Wuttke 237 § 338.
  22. Ebd. 238 § 342.
  23. Zu Neujahr läuft das Mädchen mit dem ersten Festkuchen, den man aus dem Backofen zieht, auf die Straße und fragt den ihm zuerst begegnenden Mann nach seinem Namen; so wird dann auch der künftige Gatte heißen (Ungarn): Höfler Weihnacht 36 = ZfrwVk. 1914, 316.
  24. Stoll Zauberglauben 179 f.; Wuttke 255 § 368.

Orakelstätten

Außer an wirksame Mittel ist die Kündung des Unbekannten auch an bestimmte Örtlichkeiten gebunden, an denen das Übernatürliche mehr oder minder mächtig ist. Manche wie z.B. Kreuzwege sind besonders geeignet. Allen diesen Stätten kommt teils kultische, teils rechtliche Bedeutung zu. An erster Stelle ist das Haus zu nennen, dessen Teile im Orakel-Glauben eine wichtige Rolle spielen. Sein natürlicher Mittelpunkt ist der Herd, die alte Opferstätte und der Altar der Hausgemeinschaft, der später durch den das Geheimnisvolle noch stärker betonenden Ofen ersetzt wurde[1]. Diese sowie Kesselhaken, Ofentopf, Ofenloch und Rauchfang[2] (s.d., horchen, Kessel, Kamin, Schornstein) sind wichtige Orakel-Orte in den Zwölften. Weitere wichtige Teile des Hauses sind die Türschwelle, Stubentür[3], Haustür[4] und die zwischen ihnen liegende Hausflur[5] (s.d., Schwelle,. Türe); Hausgiebel, Dach[6], Dachfirst, Dachrinne und Dachtraufe und Fenster. Bedeutsam ist ferner der als Besitztumsgrenze wichtige Zaun und der von ihm eingehegte Hofraum mit Düngerstätte[7], Brunnen, Wäschestange[8]. Eine wichtige Orakel-Stätte für Ehe-Orakel ist das Bett (s. Bettstaffel), ferner die Stubenecke (s. Ecke). Außerhalb des Hausbezirkes sind bedeutsam die Kirche, Kirchentür[9], Kirchenschwelle und Kirchhof[10] (s. Friedhof); Kreuzwege[11], Grundstückgrenzen[12] (s. Grenze), Quelle[13], Bach[14], Straße(necke[15]) und Feld[16]. S.d. Art.

  1. Lippert Christentum 470. 485.
  2. Wuttke 247 f. § 358.
  3. Hängt ein Mädchen ein im Brot gefundenes Korn über die Stubentür, so heiratet es den ersten Mann, der hierauf in die Stube tritt. John Erzgeb. 30.
  4. Das Mädchen stellt sich am Mittag des Andreastages mit einem Löffel Hirsebrei an die Haustür; ißt es punkt zwölf, so ist die erste vorübergehende Mannsperson der Zukünftige. Wuttke § 364.
  5. In Sachsen soll das Mädchen um 12 Uhr in der Silvesternacht das Haus kehren, und wenn es klopft, die Tür öffnen; steht ein Mann dahinter, ist es der Zukünftige: Dähnhardt Volkst. 1, 78 Nr. 5.
  6. Das Dach gilt schon seit Burchard von Worms als Stelle, wo Geister verkehren: Grimm Myth. 2, 934; 3, 407; Heyl Tirol 753 Nr. 11.
  7. Schramek Böhmerwald 117.
  8. Die Wäschestange scheint an Stelle des Grenzzauns getreten zu sein: John Erzgeb. 141.
  9. Den „Zukünftigen“ kann man erblicken, wenn man während des Zusammenläutens in der Weihnachtsnacht „hinderschi“ die Stube wischt, an allen oder nur an neun Brunnen je drei Schluck Wasser trinkt und sich hierauf zur Kirchentür begibt (Schweiz): Manz Sargans 139 = SchVk. 3, 88; SAVk. 15, 3; 7, 52.
  10. Vernaleken Mythen 341 Nr. 38; 346 Nr. 53;
  11. Der Kreuzweg ist ebenso ein Aufenthaltsort der Toten und abgeschiedenen Seelen wie der Friedhof: Dähnhardt Volkst. 1, 86 Nr. 11.
  12. Wo drei Grundstücke zusammentreffen: Vernaleken Mythen 345 Nr. 51.
  13. Wuttke 246 § 356: Wenn man sich in der Weihnachtsmitternacht an drei Quellen, die gegen Osten fließen, wäscht, so sieht man darin den zukünftigen Gatten (Baden, Tirol).
  14. Vernaleken Mythen 333 Nr. 12.
  15. Dähnhardt Volkst. 1, 76 Nr. 4; Grimm Myth.4 3, 470 Nr. 959.
  16. Wuttke 238 § 341; Erbsenfeld: Reinsberg Böhmen 312.

Orakelzeiten[1]

Die Orakel sind vielfach an bestimmte Zeiten, Tage und Stunden gebunden, in denen das geheimnisvolle Wirken der Geister besonders rege ist (Schicksals-Zeiten)[2]. Diese Zeiten spielten seit jeher eine wichtige Rolle als Anfangs- bzw. Übergangszeiten. In ihnen haben germanische Festzeiten, heidnisch-römische Feste und christliche Elemente des Mittelalters ihren Niederschlag gefunden. Infolge ihres Zusammenhanges mit Religion und Kult sind sie besonders geeignet, dem Menschen einen Einblick in die Zukunft zu gewähren und ihm Aufschluß zu geben über sein künftiges Geschick, seine Liebes- und Eheangelegenheiten und seinen Tod, auch über Wind und Wetter, das Gedeihen seiner Feldfrüchte und den Ernteertrag[3]. Die wichtigsten Orakel-Zeiten des Jahres (vgl. die einzelnen Art.) sind: Der Advent bzw. die Advent-Sonntage[4]. Der Andreastag (30. 11.), einer der bedeutendsten Orakel-Tage (Liebe und Ehe, Beruf, Bleiben und Gehen, Tod, Fruchtbarkeit, Witterung)[5]; der Barbaratag (4. 12.) (Liebe, Glück, Fruchtbarkeit)[6]; Luciatag (13. 12.) (Fruchtbarkeit)[7]; Thomastag (21. 12.), der für das östliche Deutschland die Rolle des Andreastages übernommen hat (Liebe, Beruf[8]); die Weihnachtszeit (s. Rauchnächte, Unternächte, Zwölften) als wichtigste Orakel-Zeit des Jahres mit dem Weihnachts-, Silvester- und Dreikönigsabend (s. Silvester, Dreikönige) als Anfang, Mitte und Ende[9]; Pauli Bekehrung (25. 1.) (Liebe, Witterung[10]); Maria Lichtmeß (2. 2.)[11]; Petri Stuhlfeier (22. 2.) (vereinzelt Liebes-Orakel)[12]; Matthiastag (24. 2.) (Liebe)[13]; Fastnacht (Zeit der Aussaat, Ausfall der Ernte)[14]; die Osterzeit tritt wenig hervor; vereinzelt der Karfreitag (Ausfall der Obsternte)[15] und die Osternacht (Liebe, Ernteaussichten)[16]. Die Walpurgisnacht (Liebe)[17]; Veit (15. 6.) (Liebes-Orakel in Schwaben)[18]; der Johannestag (21. 6.) ist eine der wichtigsten Orakel-Zeiten (bes. Liebe, aber auch Leben und Tod)[19], die Orakel-Spender sind vorwiegend Blumen, Kränze und Sträuße. Michaelis (29. 9.) (bes. Getreidepreise, auch Wetter)[20]; Allerseelen (2. 11.) (Leben und Tod, in Westböhmen)[21]; der Martinstag (11. 11.) (Witterung, Leben und Tod)[22].
Die beliebtesten Orakel-Tage unter diesen sind der Weihnachts-, Silvester-, Andreas-, Thomas-, Dreikönigsabend, der Johannis- und Matthiasabend. Die Reihenfolge drückt den ungefähren Grad der Wichtigkeit aus. Nicht einbezogen sind die für die Wetterprophezeiung wichtigen Lostage (s.d., dann Wetter, Wetterorakel, -vorzeichen). – Schicksalkündende Kraft haben auch die für das einzelne Menschendasein wichtigen Höhepunkte Geburt, Hochzeit und Tod[23] sowie die Zeit der Aussaat und Ernte[24], an die sich Orakel verschiedener Art knüpfen. Die Zukunftbefragungen, welche die Dienstboten anstell(t)en, um über weiteres Verbleiben in ihrer bisherigen Stellung oder Veränderung Auskunft zu erhalten, binden sich vielfach an keine der oben erwähnten Orakel-Zeiten[25]. Am günstigsten für die Zukunftserforschung ist die Zeit zwischen Sonnenuntergang und -aufgang[26], nur vereinzelt das Zwielicht[27], meist die Mitternachtsstunde (Schlag 12), die Stunde vor Mitternacht (11–12)[28] oder nach Mitternacht (12–1 Uhr)[29]. Manche Orakel, die sonst um Mitternacht vorgenommen werden, können auch während des Aveläutens angestellt werden[30]. Die Mittagsstunde als günstigste Zeit findet sich häufig bei den Orakeln des Johannestages[31] und selten beim Bleigießen am Matthiastag[32].

  1. Grimm Myth. 1, 34 f.; Meyer Mythol. d. Germ. 323–334; Ders. Germ. Myth. 192 f.; v. d. Leyen Sagenbuch 1, 97 f. 272 ff.; Wuttke S. 56 ff. 62 ff.; Vernaleken Mythen 5 ff.; Sartori 3, 1 ff. (wichtigste Literatur über die deutsche Jahresteilung); vgl. ARw. 20, 371.
  2. Lippert Christentum 471.
  3. Sartori 3, 8.
  4. Drechsler 2, 202.
  5. Wuttke 86 § 104; Quitzmann 275; Lauffer Niederdeutsche Volksk. 87; Dähnhardt Volkst. 1, 83 ff. 2, 79; Grimm 3, 464 Nr. 847; John Westböhmen 1; Sartori 3, 10 f. (reiche Lit.).
  6. John Westböhmen 5; Sartori 3, 11 (Literatur).
  7. Sartori 3, 20; John a.a.O. 7.
  8. Wuttke 87 § 104; Lauffer a.a.O.; Quitzmann a.a.O.; weitere Lit. bei Sartori 3, 21.
  9. Wuttke 63. 66. 69; John Westböhmen 11 ff.; Sartori 3, 23 f. 29. 30. 33. 39 f. 54. 71 f. 75 (reiche Lit. Angaben).
  10. Wuttke 82 § 95; Sartori 3, 82.
  11. Sartori 3, 86; Wrede Eifeler Volksk. 97.
  12. Sartori 3, 88 = Hessler Hessen 2, 325.
  13. Wuttke 82 § 96; Grimm Mythol. 3, 461 Nr. 773 u. 774; 3, 465 Nr. 876; weitere Lit. bei Sartori 3, 90.
  14. Wrede Eifeler Volksk. 97; Sartori 3, 117.
  15. Ebda. 3, 145.
  16. Jahn Opfergebräuche 142.
  17. Reinsberg Böhmen 207; Sartori 3, 184 (weitere Lit.).
  18. Birlinger Volkst. 2, 143.
  19. Wuttke 80 § 92; Reinsberg Böhmen 312; John Westböhmen 87; weitere Lit. bei Sartori 3, 224.
  20. ZfVk. 10 (1900), 89.
  21. John Westböhmen 97.
  22. Grimm Mythol. 3, 433. 445 Nr. 341; John Westböhmen 98; Reinsberg Böhmen 503 f.; Sartori 3, 208 (Lit.).
  23. Sartori 1, 18; Hochzeit: Sartori 1, 52. 72. 103 (Lit.); Wuttke § 558 ff.; Tod: Sartori 1, 125 (Lit.).
  24. Saat: Sartori 2, 109; Ernte: Sartori 2, 81 = Jahn Opfergebräuche 162; Sartori 1, 89. 105.
  25. Sartori 2, 37.
  26. Wuttke 57 § 64.
  27. Wuttke § 364; ebda. 247 § 357 Schwartz Volksglaube 92.
  28. Grimm Mythol. 3, 465 Nr. 854.
  29. Wuttke 57 § 64.
  30. Vernaleken Mythen 346 Nr. 53.
  31. Wuttke 57 § 64; 247 § 357.
  32. Ebda. 241 § 346.

Bedingungen

Die das Leben des Menschen bestimmenden Schicksalsmächte können nur unter bestimmten Bedingungen zum Sprechen gebracht werden. Wie bei jedem Zauber zeigt sich auch in den Orakel-Bräuchen ein starkes Abweichen vom Alltäglichen. Wir unterscheiden nach Bedingungen, die sich A. auf die Mittel (Orakel-Spender), B auf die Handlung beziehen. A. Die weissagende Kraft der Orakel-Spender wird gesteigert durch eine nicht alltägliche Art der Erwerbung. Viele Dinge haben eine besondere Kraft, wenn sie ererbt sind[1]. Diebe entdeckt man am besten mit Hilfe eines Erbschlüssels[2] oder eines Erbsiebes[3] (s. Schlüssel, Sieb, Erbsachen), Erbbücher[4] sind besonders geeignet zum Wahrsagen, ebenso ein Erbzaun (s. Zaunschütteln). Man muß sie erbetteln[5] (s. betteln) oder stehlen[6] (s.d.). Das Getreide, welches das Mädchen beim Samensäen in der Andreasnacht von seinem Bette aus auf den Fußboden wirft, muß entwendet sein (Deutschböh.)[7], zu Orakel-Zwecken sucht das Mädchen im Egerland und im Saazer Kreis beim Einkauf des Bratens zu den Weihnachtsfeiertagen dem Fleischer ein kleines Stückchen Fleisch zu stehlen[8]. Werden die benötigten Dinge gekauft, so soll man nichts abhandeln[9] (s. feilschen), um die Orakel-Kraft des Stückes nicht zu vermindern. Die Dinge dürfen oft nicht mit bloßen Händen angefaßt werden[10] (s. bloß, berühren). B. Bei der Vornahme des Orakel-Brauches sind ebenfalls gewisse Bedingungen zu erfüllen. Und zwar ergibt sich eine Zweiteilung nach 1. Unterlassen, 2. gebotenem Tun. 1. Vieles muß unterlassen werden[11] (s. Tabu): Der OrakelSucher darf nicht beten[12] (s. Gebet), kein Kreuz machen und keine Kirche besuchen (s. Kreuzzeichen, Kirchenbesuch), muß sich überhaupt von allen religiösen Dingen fernhalten und darf sich den ganzen Tag nicht waschen[13] (s. waschen). Man darf nicht sprechen[14], sich nicht versprechen vgl. [12] (s.d.) und nicht lachen[15], darf beim Aufsagen eines Spruches oder Gebetes kein Wort mehr sagen vgl. [12] und darf sich nicht umsehen[16]. Am häufigsten ist das Verbot des Sprechens[17]. 2. Andererseits sind wiederum viele Dinge ausdrücklich geboten: Man muß ein Kreuz schlagen, auf einem Kreuze stehen, muß gerade, darf nicht gebückt stehen[18], muß eine geweihte Kerze anzünden[19] oder vor sich halten[20]. Um auf einem Kreuzweg die Zukunft zu erfahren, muß man einen Kreis aus Stroh oder mit einer Kette (s. Hegung, Kreis), mit geweihter Kreide oder einem geweihten Stein (s. weihen) um sich ziehen, muß mit gekreuzten Beinen (s. kreuzweise) und eingezogenem Daumen auf einem Gebetbuche sitzen vgl. [20] [21], man muß sich auf einen Besen stellen[22] oder auf einem Besen zum Hühner- oder Schafstall reiten[23], auf einem Bund Erbsenstroh[24] oder in einem Korbe sitzen[25]; sich mit dem Gesicht auf die Erde legen[26], muß den Zauberkreis Schlag 11 oder 12 betreten, dreimal im Kreise herumgehen, einmal rechts, einmal links und noch einmal und darf den Kreis vor 1 Uhr nicht verlassen vgl. [20] vgl. [21]; man muß die Sache in Teufels Namen beginnen vgl. [6], muß den Kopf verhüllen[27] (s.d.), über die rechte[28] oder linke[29] Schulter blicken, etwas mit der rechten Hand über die linke Schulter werfen[30] (s. links, rechts); man muß nach einer Sache mit geschlossenen[31] oder weggewendeten Augen[32] greifen (s. Auge), zwischen den Beinen durchsehen[33]; man muß vor Sonnenaufgang gegen Osten schauen[34], sich an drei Quellen waschen, die gegen Osten fließen vgl. [35]. Man muß um den Orakel-Spender tanzen[36] (s.d.), ihn schütteln vgl. [36] [37] [38] (s.d. und rücken, rütteln), treten[39] (s.d.), drücken[40] (s.d.), man muß die Orakel-Stätte umwandeln vgl. [41] (s. Umgang, umgehen). Vieles muß verkehrt (s.d. und umgekehrt) getan werden. Man muß sich, um einen Traum zu bewirken, verkehrt ins Bett legen[42], das Bett gänzlich verkehrt machen[43], das Eßzeug verkehrt auf den Tisch legen und den Stuhl verkehrt, d.h. mit den Füßen nach oben, daranlehnen[44]. Anderes muß rückwärts (s. rücklings, -wärts) erfolgen: Man muß rückwärts gehen[45], nach rückwärts kehren[46], Dinge rückwärts über sich werfen[47]. Sehr häufig, besonders in Liebes-Orakel, ist Nacktheit (s.d.) Bedingung[48] Viele Handlungen müssen dreimal, auch öfter vorgenommen werden (s.u.).

  1. Wuttke § 202.
  2. John Westböhmen 276; Dähnhardt Volkst. 2, 89 Nr. 371
  3. Wuttke § 369.
  4. Ebda. § 349. 368.
  5. Ebda. § 252.
  6. 6,0 6,1 Ebda. § 203.
  7. Reinsberg Böhmen 517.
  8. Ebda. 575 f.
  9. Wuttke § 352. 354; Köhler Voigtland 364; John Westböhmen 276; Drechsler 1, 47.
  10. Wuttke § 219. 335.
  11. Ebda. 218.
  12. 12,0 12,1 12,2 Ebda. 360.
  13. Vernaleken Mythen 341 Nr. 40; 350 Nr. 62.
  14. Wuttke § 360 = ZfdMyth. 3, 60.
  15. Dähnhardt Volkst. 1, 85 Nr. 7.
  16. Wuttke § 362; Vernaleken Mythen 336 Nr. 17; 337 Nr. 18.
  17. Wuttke § 219. 358 u.a.
  18. Vernaleken a.a.O. 341.
  19. Wuttke § 365.
  20. 20,0 20,1 20,2 Vernaleken Mythen 333 Nr. 12.
  21. 21,0 21,1 Ebda. 345 Nr. 50.
  22. Wuttke § 359 = Vernaleken Myth. 345 Nr. 51.
  23. Wuttke § 341.
  24. Ebd. § 359.
  25. Ebda. § 363.
  26. Ebda. § 359.
  27. Ebda. 357; Liebrecht Zur Volksk. 325.
  28. Wuttke § 361.
  29. Ebda. 363.
  30. Ebda. § 347.
  31. ZfVk. 4 (1894), 318.
  32. Köhler Voigtland 379.
  33. Wuttke § 358.
  34. Vernaleken Mythen 343 Nr. 44.
  35. Wuttke 246 § 356.
  36. 36,0 36,1 Wuttke § 252.
  37. Ebda. § 367.
  38. Ebda. § 365; DHmt. 4 (1908), 87; Erzgb.-Ztg. 21 (1900), 246.
  39. Erzgb.-Ztg. 28 (1907), 63.
  40. Peter Österreichisch-Schlesien 2, 213.
  41. 247 § 357.
  42. Wuttke § 360; Vernaleken Mythen 343 Nr. 46.
  43. Wuttke § 361 = Mühlhause Hessen 96.
  44. Wuttke § 362 = Vernaleken 30.
  45. Grimm Mythol. 2, 936; 3, 468 Nr. 928; 3, 424 Nr. 205; Wuttke § 338. 358. 366.
  46. Grimm a.a.O. 3, 451 Nr. 507 u.a.
  47. Drechsler Schlesien 1, 6 Nr. 4; Reinsberg Böhmen 575.
  48. Wuttke § 219. 249; Grimm Mythol. 3, 451 Nr. 506; 3, 470 Nr. 955; Riesengebirge in Wort u. Bild 10 (1890), 20 Nr. 201.

Zahlen im Orakel-Glauben

Auch die Zahlen spielen eine nicht unbedeutende Rolle. Am häufigsten erscheint die heilige Zahl drei, dann neun und zwölf als Steigerungen, seltener sieben. Drei: Drei Körbe Holz holt das Mädchen am Dreikönigsabend in die Küche und zählt sie (Tirol)[1], dreimal wird beim Lahmgläsleheben (Glücksgreifen) nach einem der drei Gläser gegriffen (Österr.-Schlesien)[2], an drei Brunnen muß man Wasser trinken, unter drei Brücken sich waschen vgl.[3], dreimal muß man beim Bleigießen das flüssige Blei durch den Erbschlüssel gießen (Böhmen)[4]. Vier: s.u. Anm. 169. Fünf: Man wirft fünf Brotkügelchen auf den Tisch; läßt sich durch Verlegen eines einzigen von ihnen ein Kreuz bilden, so ist die Frage, die man im Sinn hat, bejaht (Thür., Schw.)[5]. S. auch Anm. 169. Sechs: S. u. Anm. 169. Sieben: Von sieben oder neun Gartenbäumen und Sträuchern holen die Mädchen die Barbarazweige[6]. S. u. Anm. 169. Neun: Aus neunerlei Holz verfertigt das Mädchen den Kranz, den es aufsetzt, um im Bach den Liebsten zu sehen vgl. [7]; aus neunerlei Blumen wird der Orakel-Kranz am Johannestage geflochten[8], neunerlei Speisereste wickelt man vor dem Horchengehen ins Tischtuch vgl. [9], an neun Brunnen muß das Mädchen je drei Schluck Wasser trinken vgl. [10]. Zwölf: Zwölfmal tritt das Mädchen beim Bettstaffeltreten gegen die untere Bettlade vgl. [11] (s. Zahl).

  1. Heyl Tirol 753 Nr. 9.
  2. Vernaleken Mythen 355 Nr. 82; in Pr.-Schlesien nimmt man drei bis sieben Teller (Drechsler 1, 6 Nr. 5), im ehem. Österr.-Schlesien sieben (Peter Österr.-Schlesien 2, 215), in Sachsen vier bis fünf (Dähnhardt Volkst. 1, 84 Nr. 3), in Pommern sechs (Knoop Hinterpommern 178 f.), im Erzgebirge neun (Erzgeb.-Ztg. 21 (1900), 247).
  3. Wuttke § 358.
  4. Reinsberg Böhmen 12.
  5. Wuttke § 328.
  6. Ebda. § 347.
  7. Vernaleken Mythen 331 Nr. 7.
  8. Ebda. § 332.
  9. Wuttke § 341.
  10. Manz Sargans 139 = SchVk. 3, 88; SAVk. 15, 3; 7, 52.
  11. Wuttke § 361 = Mühlhause Hessen 96.

Fragestellung

Mit Hilfe der verschiedenen Orakel-Verfahren sucht der Fragesteller Aufschluß über sein materielles Wohl. Alle wichtigen Vorkommnisse im Leben des einzelnen[1] stehen im Banne des Orakel-Glaubens. Der Mensch wünscht in erster Linie für sich Auskunft über sein zeitliches Leben; in vereinzelten Fällen greift er aber auch darüber hinaus[2]. Im östlichen Mitteldeutschland wirft man am Silvesterabend eine Heringsseele an die Decke; bleibt sie da kleben, so kommt des Menschen Seele in den Himmel[3]. Doch kommen solche Fälle nicht allzu häufig vor. Die verschiedenen Orakel-Bräuche lassen sich nun in zwei Gruppen teilen: A. Orakel, deren Zweck die Enthüllung des Unbekannten nach irgend einer Richtung ist, die also den ganzen Komplex des Verborgenen, die Zukunft schlechthin, erfassen und die gewonnenen Zeichen fallweise und beliebig deuten. Zu solchen gehören viele Formen des Losens[4]. Der Ausübende ist mit dem zufrieden, was ihm das Schicksal enthüllt. B. Orakel-Verfahren mit (meist) bestimmter Fragestellung, die sich auf einzelne Vorkommnisse im Menschenleben beziehen, z.B. die Bejahung einer klar gestellten beliebigen Frage. Die wichtigsten Momente, die es wünschenswert machen, in die Zukunft zu blicken, sind: 1. Der künftige Beruf; 2. Bleiben und Gehen; 3. die Zahl der Lebensjahre und der Tod; 4. der Zustand der Seele nach dem Tode und das Schicksal eines Verstorbenen[5]; 5. Liebes- und Eheangelegenheiten; 6. zu erwartende Kinderzahl, Geschlecht der Kinder, Art der Kinderkrankheiten[6] u.ä.; 7. das Wetter; 8. die Fruchtbarkeit des Jahres; 9. die Ernteaussichten; 10. die Höhe der Getreidepreise; 11. die Aufdeckung von Diebstählen. Vereinzelt sucht man Art und Ausgang von Krankheiten[7], etwas häufiger Lotterienummern zu erforschen (s. Lotterie). Die auf Liebe und Ehe bezüglichen Orakel-Verfahren sind in der Mehrzahl[8]. S. Ehe-, Liebes-, Krankheits-, Todes-Orakel.

  1. Wuttke § 260.
  2. Stoll Zauberglaube 175.
  3. Wuttke § 342.
  4. Ebda. § 341 = Reinsberg Böhmen 572 = Vernaleken Mythen 331.
  5. Knuchel 47.
  6. Wuttke § 335. 336. 338. 343.
  7. Ebda. § 331.
  8. Stoll a.a.O. 179; vgl. Sartori 1, 52 (reiche Lit.-Angaben); von etwa 300 untersuchten Beispielen entfallen ungefähr 50% auf sie; nur etwa 1/4 davon sind eigentliche Liebes-Orakel, die andern drei Viertel müssen als Ehe-Orakel bezeichnet werden. Die Todes-Orakel machen beiläufig 21–22% aus, die ohne bestimmte Fragestellung ganz allgemein auf die Enthüllung des Unbekannten gerichteten 15%. In den Rest teilen sich alle übrigen Arten.

Orakel-Sucher

Die Fragenden entstammen beiden Geschlechtern, vorwiegend einfacheren Gesellschaftsschichten (wenigstens in der Gegenwart) und allen Lebensaltern von der Mannbarkeit aufwärts. Das weibliche Geschlecht überwiegt, was teils in der Mehrzahl der Liebes- und Ehe-Orakel, teils in der weiblichen Natur begründet ist. Aber auch junge Männer finden sich unter den Ausübenden (s.u. Anm. 255 u. 323). Orakel, die sich mit der Ergründung von Wetter, Fruchtbarkeit, Getreidepreisen u.ä. befassen, sind mehr älteren Männern, besonders Bauern, vorbehalten. Der Glaube an die Kraft der Orakel ist gegenwärtig noch vorhanden in abgelegeneren Gegenden, z.B. im Erzgebirge[1]. Aber auch hier ist schon viel zum Spiel und Zeitvertreib geworden (s.u.).

  1. Eigene Wahrnehmung.

Orakel-Arten

Wie bereits bemerkt, ist es sehr schwer, die zahlreichen Arten in eine systematische Ordnung und unter allgemeine Gesichtspunkte zu bringen. Teilen wir nach dem Ergebnis (Zweck) ein, so müssen wir das Schuhwerfen unter den Ehe- wie unter den Todes-Orakeln anführen, das Zettelgreifen unter den Ehe-Orakeln und unter denen, die auf die Frage nach dem künftigen Beruf antworten. Nehmen wir das Mittel als Einteilungsgrund, so ist das Lichterschwimmen sowohl zu den Licht- oder Kerzen- wie zu den Wasser-Orakeln zu stellen. Welche Gesichtspunkte man immer zugrunde legt, die Einteilung wird mehr oder weniger äußerlich, etwas gewaltsam sein. Bald wird der Zweck, bald das Mittel, bald die Art der Ausführung den zweckmäßigeren Einteilungsgrund bilden. Denn die einzelnen Elemente sind in der buntesten Weise miteinander verknüpft, so daß sich unzählige Varianten nach Art der Kaleidoskopbilder ergeben. Und jede Einteilung wird auch subjektiv sein. Daher ist der Zweck der folgenden Zusammenstellung, die nur einige wichtige oder interessantere Orakel-Arten herausgreift, in erster Linie auf die Vielfältigkeit, die gegenseitigen Zusammenhänge und die vielen Übergänge der einzelnen Arten ineinander hinzuweisen. Nach Möglichkeit werden dabei verwandte Arten zu größeren Gruppen zusammengefaßt. Ist der Zweck des Orakels abgekürzt angegeben, so bedeuten:

B – Beruf
D – Diebstahlsenthüllung
E – Ernteaussichten
F – Fruchtbarkeit des Jahres
G – Erkundung der Getreidepreise
Gl – Glück
H – Hochzeit (Ehe-Orakel)
L – Liebe
O – Ortsveränderung (Bleiben u. Gehen)
T – Tod
W – Wetter
Z – Zukunft im allgemeinen.

1. Beliebt und heute noch geübt ist die Zukunfterforschung durch Andreaszweige[1] (E) und Barbarazweige[2] (L.E., Hexen erkennen[3], Unschuld des Mädchens[4]) (s. Andreas, Barbara).

2. Reich an Varianten ist die Gattung der Apfel-Orakel, z.B. Apfelessen[5] (E), Apfelschalen-Orakel[6] (L.H.), Apfelschneiden[7] (T), das besser zu den Zähl-Orakeln zu stellende Apfelkernwerfen[8] (H) u.a.

3. Eine zusammengehörige Gruppe bilden die Asche- (T)[9], Mehl-(T)[10] und Salzhäufchen-Orakel[11] (F.W., Gl. T[12]), bei denen das zukunftweisende Medium verschieden, die Art der Durchführung gleich ist (s. Asche, Mehl, Salzhäufchen-Orakel).

4. Bleigießen (B[13], H[14], Z[15]) mit dem verwandten Eiergießen (Z[16]) und Wachsgießen (H)[17], die man auch zu den Wasser-Orakeln rechnen kann.

5. Eine umfangreiche Gruppe bilden die verschiedenen Blumen-Orakel, die vorwiegend Auskunft in Liebesangelegenheiten geben[18], aber auch über den künftigen Beruf[19] und schließlich metaphysisch über das zweite Leben[20] (s. Blume, Wucherblume): das Blumen-Orakel schlechthin durch Auszupfen der Blumenblätter (L)[21]; das Brautkranz-Orakel: Die Rosmarin- oder Myrthenzweige, welche Braut und Bräutigam bei der Trauung tragen, werden zu einem Kränzlein zusammengebunden und aufbewahrt; solange dieses zusammenhält, so lange leben die beiden miteinander (Karlsbader Gegend)[22]; das Liebeskränzchenbinden[23] (L); das den Wurf-Orakeln zuzurechnende Kranzwerfen (H), das geübt wird mit einem Kranz aus neunerlei Blumen[24], Quendel[25], Schmielen[26], Stroh[27] (s. Quendel, Stroh). Im Riesengebirge pflückt das Mädchen am Vorabend des Johannisfestes neunerlei Blumen und windet ein Kränzchen daraus, während sie dabei von neun bis eins zurückzählt. Weder auf dem Hin- noch auf dem Rückwege darf sie sprechen. Daheim angelangt muß sie das Kränzchen stillschweigend verstecken und des Nachts es unter das Kopfkissen verlegen, worauf sie vom künftigen Bräutigam träumt[28] (s. Kranz). Dieses Orakel läßt sich auch als Traum-Orakel bezeichnen (s.u.). In der Gablonzer Gegend wiederum bereiten heiratslustige Mädchen am Vorabend des Johannisfestes vor dem Hause ein Lager aus Blumen. Ist es am nächsten Tage (vom hl. Johannes) zerstreut, so heiratet das Mädchen noch im selben Jahre[29]. Zum Erfragen der Kinderzahl dient in Schlesien folgender Orakel-Brauch: Man nimmt (ein) Gänseblümchen, pflückt die weißen Randblüten ab, zerdrückt die gelben Scheibenblüten im Handteller, wirft sie in die Höhe und fängt sie mit der Rückseite der Hand auf. Die auf dem Handrücken verbleibende Anzahl der Blütenblätter gibt die Zahl der Kinder an[30]. Auch die verschiedenen Halm-Orakel, Halmmessen u.ä. gehören hierher (s. Halm).

6. Ziemlich reichhaltig ist die Gruppe der Brot-Orakel, die Aufschluß über Verschiedenes geben, z.B. eine beliebige Frage bejahen bzw. verneinen durch das Brotkugelwerfen[31], die Witterung des Jahres voraussagen durch Anschneiden eines frischen Brotes[32], aber auch den Tod: In der Znaimer Gegend erhält die Braut nach dem Einlaß ins Haus einen Laib Brot und ein rostiges Messer zum Anschneiden in die Hand. Ist beim Anschneiden die Rinde abgelöst, so steht ihr das Grab bald offen[33]. Andere Orakel-Verfahren mit Brot s.u. bei Wasser-Orakel (s. Brot).

7. Die Richtung des Weges, den man einzuschlagen hat, erfährt man durch das Federblasen[34], durch das Federkiel-Orakel erkundet das Mädchen, ob ihm sein Schatz treu ist[35] .

8. In Sachsen stellen die Mädchen ein ganz eigenartiges Fischblasen-Orakel an: Wenn das Mädchen wissen will, ob es einen Mann bekommt, so muß es in der Andreasnacht eine Fischblase um die große Fußzehe binden. Wenn diese am andern Morgen geplatzt ist, so bekommt es keinen, wenn nicht, so wird sie geheiratet[36] (s. Fisch).

9. Ein in bäuerlichen Kreisen wichtiges Orakel-Verfahren ist das Getreidemessen, unter welchem Namen man alle Orakel zusammenfaßt, die über den Ausfall der kommenden Ernte und über die zu erwartenden Getreidepreise Auskunft geben sollen[37]. In den Dörfern der Roßlauer Gegend erkundet man die Getreidepreise auf folgende Weise: Zwei etwa 1/2 1 Inhalt fassende braune Näpfe wurden bis zum Rande mit Getreide gefüllt, sodann umgestürzt und die darin befindlichen Körner auf den Tisch geschüttet. Hierauf füllte man die beiden Näpfe wieder mit dem ausgeschütteten Getreide. Wurde hierbei der zweite Napf nicht voll, so ward, wie man meinte, das Korn teuer, wurden dagegen beide Näpfe wieder voll oder blieb gar etwas Getreide übrig, so galt das als ein Zeichen, daß das Korn im Preise sinken werde[38]. Durch das Getreidequellen sucht man zu erfahren, welche Getreideart im nächsten Jahre am besten geraten werde[39], durch das Probesäen die beste Zeit der Aussaat[40] (s. Getreide).

10. Recht umfangreich, auch abwechslungsreich in vielen Einzelheiten ist die Gruppe der Greif-Orakel Die in dieser Gruppe zusammengefaßten Verfahren zielen meist auf Entscheidungen in Liebesangelegenheiten, geben aber auch Auskunft über die Nähe des Todes und andere Fragen. Wenn im Riesengebirge das Mädchen am Andreasabend durch die Tür in den Hausflur greift und dabei spricht: „Andreas, deas meas, gimr zo erkenna, met wam ich wa beim Priester mich genenna!“, so erscheint der zukünftige Bräutigam und reicht ihm die Hand[41]. Durch das Haaregreifen (L) sucht die Dirne zu erfahren, welche Haare der künftige Gatte habe[42]. In Schlesien übt man das Stäbchengreifen: die Mädchen nehmen drei Stäbchen mit ins Bett, ein dickes, ein beschabtes, ein dürres. Ergreift die Hand beim Erwachen das dicke, so ist der Zukünftige reich, beim mittleren hat er zur Genüge, beim dünnen ist er bettelarm[43]. Ein ähnliches Orakel ist das Zettelgreifen, auch Zettelschreiben genannt, das meist in der Christnacht geübt wird: Die Orakel-Sucherin schreibt auf mehrere Zettel die Namen mehrerer ihr geneigter Burschen, fügt einige unbeschriebene hinzu und legt sie dann unter das Kopfkissen. Beim ersten Erwachen in der Nacht oder am Morgen zieht sie einen Zettel hervor, der ihr besagt, ob sie im kommenden Jahre von dem Burschen, dessen Namen auf dem Zettel steht, geheiratet wird oder noch ledig bleibt[44]. Oder das Mädchen schreibt nur drei Zettel und wirft zwei von ihnen nach dem Auslöschen des Lichtes hinaus. Derjenige, dessen Namen auf dem zurückgebliebenen Zettel gefunden wird, „ist es“[45]. Ähnlich ist das Stern-Orakel: Das Mädchen schneidet aus Papier einen achtzackigen Stern und schreibt auf jede Zacke einen Männernamen, einen Zacken aber läßt sie unbeschrieben. Wenn sie in der Früh erwacht, reißt sie mit geschlossenen Augen eine Zacke ab. Den Namen, der auf der Zacke steht, wird ihr Gatte haben. Reißt sie die unbeschriebene Zacke ab, so heiratet sie in diesem Jahre nicht[46]. Das Zettelgreifen wird auch zur Erfragung des künftigen Berufes angestellt[47]. Das besonders in der Zeit der Zwölften geübte Schafegreifen (H)[48] wäre besser bei den Tier-Orakeln einzureihen (s.u.). Weit verbreitet ist das in den verschiedensten Variationen vorkommende Glücksgreifen (s.d.), das unter den Namen Teller-, Tassen-, Glücks-, Lumpen-, Wanderbündelheben, Tüppelstürzen oder Topfraten besonders in den östlichen Gegenden des deutschen Sprachgebietes geübt wird. Drei bis neun verschiedene Gegenstände werden einfach nebeneinander, in oder unter Tassen, Teller, Töpfe oder in eine mit Wasser gefüllte Schüssel vgl. [49]) gelegt. Der Fragesteller muß mit weggewendeten, geschlossenen oder verbundenen Augen ein-, auch dreimal nach einem dieser mit der Tätigkeit der Menschen in Beziehung stehenden Gegenstände greifen. Aus der blind gewählten Sache schließt man auf die Zukunft des Betreffenden[50] (s. greifen). Über das Holzgreifen und Verwandtes (s.u.).

11. Sehr zahlreich sind die verschiedenen Arten der Horch-Orakel, des Losens (s. horchen, losen), die meist Ehe-Orakel sind (in diesen Fällen mit bestimmter Fragestellung) oder sich allgemeiner auf die Erkundung der Zukunft im allgemeinen einstellen. a) Das Horchen geschieht oft in Verbindung mit anderen Handlungen, die gewissermaßen die die Zukunft kündenden Stimmen hervorrufen wie z.B. beim Baumklopfen[51] oder Baumschütteln[52], Bäumefüttern[53], dem (Erb-)Zaunschütteln (H)[54] (s. Ehe, Zaunschütteln), die man wie die verschiedenen Arten des Stallhorchens (H)[55] auch zu den Tier-Orakeln (s.u.) rechnen kann. Gebräuchliche Arten des Horchens sind Kreuzweghorchen oder -stehen (H[56] , T[57] , Z[58]) und das Fensterhorchen (H[59], T[60], Z[61]), das in der Kaadner Gegend in nachstehender Weise geübt wurde: das heiratslustige Mädchen machte sich unkenntlich, indem es sich ein Tuch überwarf, und schlich dann leise bis zu einem Hause, in dessen ebenerdiger Stube sich ein lautes Gespräch vernehmen ließ. An den Fensterrahmen mit dem ersten Finger der rechten Hand behutsam anklopfend sprach sie leise: „Ich klopfe an, ob ich dieses Jahr bekomme den Mann“ und lauschte hierauf, ob sie das Wörtchen „ja“ vernahm. War dies der Fall, so erwartete sie zuversichtlich, daß der Freier spätestens bis zur nächsten Fastnacht erscheinen würde. Fiel das Wörtchen „nein“ zuerst, so war für das kommende Jahr mit der Heirat nicht zu rechnen[62]. Andere Formen sind das Bach-, Brunnen- (s.u.), das Backofenhorchen (Gl, T)[63], das Hafen-, Höllhafen- oder Ofentopfhorchen (H[64], T[65]), das Horchen am Mohnstampfmörser (Z)[66]. b) Verwandt mit diesen Orakeln, wohl zum Teil aus ihnen hervorgegangen sind die zahlreichen Arten des Orakel-Schauens, bei denen es in erster Linie auf die Gesichtswahrnehmungen ankommt, das Bach- und Brunnenschauen (beide L) vgl. [67], Ofengucken (L)[68] (Z) vgl. [69]), Ofentopfschauen (H, Z), das Rauchfangschauen (H, T, Z)[70] [69], Spiegel-Orakel[71] (s.u. und Spiegel), das Kirchhoflosen (Z)[72], bei dem man, wenn man in der Thomasnacht durch einen Sarg oder einem Sargbrett, in dem ein Astloch ist, alle Toten des künftigen Jahres sehen kann. c) Eine weitere Abart bilden die verschiedenen Formen des Kehrens (s.d.), die meist nackt vorgenommen werden und vorwiegend Ehe-Orakel sind wie das Kreuzweg- vgl. [73], Hausflur- vgl. [74], Stubenkehren[75]. d) Auch gehören noch die Formen des Orakelsitzens hierher. Will man vorauswissen, wen man heiraten wird, so soll man sich in der Christnacht, wenn alle Hausgenossen zu Bett gegangen sind, eine Flasche oder ein Glas mit Wasser, eine mit Bier und eine mit Branntwein auf den Tisch stellen. Darauf setzt man sich, in ein Laken gehüllt, auf einen Stuhl in die Mitte der Stube und die zukünftige Ehehälfte wird sich unter großem Lärm zeigen. Der auf dem Stuhl Sitzende muß dabei tun, als schliefe er. Die Erschienene, welche er, falls sie ihm bekannt ist, leicht erkennen kann, tritt hierauf an den Tisch und trinkt aus einer Flasche. Trinkt sie vom Wasser, so bleiben sie im Ehestande arm; trinkt sie vom Bier, so wird es ihnen gut gehen; trinkt sie vom Branntwein, so werden sie reich. Nachdem sie getrunken hat, entfernt sie sich. Soll der die Zukunft Befragende unverheiratet bleiben, so zeigt sich ein Gerippe[76] (vgl. u. Schicksalsfrage). Will das Mädchen im Riesengebirge den Burschen sehen, welchen es zum Manne bekommt, so muß sie sich am Andreasabend in der zwölften Stunde auf jene Stelle der Ofenbank setzen, wo die Bretter ineinandergefügt sind. Dann erscheint der künftige Gatte. Er geht einige Male über die Stube und verläßt dann stillschweigend, wie er gekommen ist, den Raum. Setzt sich der Bursche an die bezeichnete Stelle, so sieht er sein Mädchen[77].

12. Eine beliebte Art der Zukunftkündung bilden die Karten-Orakel[78] (s. Kartenschlagen, Kartenspiel.)

13. Eine größere Gruppe sind die Kerzen-Orakel: Zu ihnen gehören als wichtigste: die am hl. Abend angestellten Schatten-Orakel[79] (T); die als Lichter-, Nußschalenschwimmen, -schwemmen oder Nappelfang (vorw. L,[80] aber auch T)[81] bezeichnete Art; die Leuchtenprobe (H): In Ermanglung von Nußschalen und Lichtern werden zwei Bällchen von fest zusammengedrehtem Werg genommen. Diese werden in bestimmten Abständen von zwei Personen gleichzeitig angezündet, abermals „er“ und „sie“. Gehen beide zusammen in die Höhe, so deutet das auf gemeinsamen Lebensflug[82]. Oder jede der anwesenden Mädchen reißt zwei Stückchen Werg von ihrem Rocken, legt beide an den Rand der Leuchte, bezeichnet das eine mit ihrem Namen, das andere mit dem Namen einer anderen Dirne und zündet beide an. Das Mädchen, deren Stück früher fortfliegt, wird im folgenden Jahre heiraten[83]. Auch zündete der Bursche ein Stück vom Rocken herabgerissenen Flachs an und ließ ihn fliegen. Das Mädchen, auf die es hinflog, war die Liebste des Orakel-Befragers[84] (s. Kerze, Lein).

14. Verwandt mit dem Apfelschneiden ist das Nuß-Orakel (T)[85].

15. Reichhaltig ist wieder die Gattung der Tier-Orakel: häufig angewendete Arten sind die schon erwähnten Hunde-Orakel wie Baum-, Zaunschütteln u.a. (s.O.); das Hennen-Orakel (H) vgl. [86], Gänse(rich)-Orakel (H)[87], das Schafegreifen (H) vgl. [48] u.a. (s. Gans, Hahn, Schaf).

16. Die Traum-Orakel sind vorwiegend Ehe-Orakel Die Orakel-Träume werden auf verschiedene Weise bewirkt: dadurch, daß das Mädchen einen Spiegel[88], ein Schmelkenkränzlein[89], einen aus verschiedenen Blumen geflochtenen Johanneskranz (Erzgeb.)[90] unter den Kopf legt. Das Emmentaler Mädchen kann den Liebsten im Traume sehen, wenn es vor dem Schlafengehen Käse und Brot auf den Tisch stellt[91]. Das Leinsäen[92] (s. Lein) zwingt den Liebsten ebenso, im Traume zu erscheinen, wie das Semmel-Orakel: Der Orakel-Sucher kauft am Tage vor dem hl. Abend für einen Pfennig das letzte Endstößchen Semmel. Er schneidet ein bißchen Rinde ab, bindet es unter den rechten Arm, trägt es so den Tag über und beim Schlafengehen christnachts legt er es unter den Kopf, sagend: „Jetzt hab ich mich gelegt und Brot bei mir, wenn doch nu mein fein Lieb käme und äße mit mir!“ Findet sich frühmorgens etwas von der Semmel abgenagt, so wird die Heirat das Jahr über geschlossen werden; ist sie unverletzt, so schwindet die Hoffnung[93]. Endlich ist das in der Andreas- und Thomasnacht geübte Bettstatt- oder Bettstaffeltreten (H)[94] als eines der wichtigsten Traum-Orakel zu nennen. Als verwandt schließen sich Orakel-Verfahren an, in denen der Liebste durch einen ähnlichen Zitierzauber gezwungen wird, in Spukgestalt zu erscheinen: Das Emmentaler Mädchen backt sich am hl. Abend alten Stiles ein tüchtig gesalzenes Teiglein und ißt es vor dem Schlafengehen. Wenn es nun im Schlafe recht durstig geworden ist, kommt der Zukünftige mit einem Trunke vgl. [91]. Im Erzgebirge ißt das Mädchen einen Hering und legt sich dann zu Bett. In der Nacht bringt der zu trinken, den es heiraten wird[95]. Im Riesengebirge soll das Mädchen, nachdem es sich gewaschen hat, unbekleidet und naß ins Bett gehen, dann kommt der Bräutigam und trocknet es ab[96].

17. Wasser-Orakel: Das Bleigießen und verwandte Arten wurden oben bereits erwähnt, ebenso das Bach-und Brunnenhorchen (L)[97], das Bach- und Brunnenschauen (H)[98]; zu nennen ist weiter das ebenfalls bereits angeführte Lichterschwimmen und mit ihm verwandte Arten: das Brotschwimmen (L), bei dem die weiße und braune Rinde die Verehrer des Mädchens, der Brosen das Mädchen selbst bedeuten[99]; das Pfennigschwimmen, bei dem die Nußschalen durch Schwertpfennige vertreten sind; von den drei auf das Wasser geworfenen Münzen bedeuten zwei die Eheleute und die dritte den Pfarrer[100]. Aber auch Tod kündet es[101]. Ähnlich ist das Hafer-[102] und das Blattschwimmen vgl. [103], das Holzkohlen-schwimmen[104] (alle H, L). Das Brot-oder Tonkugelschwimmen, auch Kugelauflösen genannt, ist dem oben genannten Zettelschreiben verwandt. Das Mädchen macht Kugeln aus weichem Brot oder Lehm, steckt in jede einen mit dem Namen eines jungen Mannes beschriebenen Zettel und wirft die Kugeln in eine Schüssel mit Wasser. Der zuerst auftauchende Zettel gibt den Namen des Bräutigams[105]. Beim Eheringklingen gibt man einen Ring ins Wasser und bringt dieses in Bewegung. Wie oft der Ring an das Glas anschlägt, so viele Jahre bleibt man noch ledig (Erzgeb.)[106] (s. Ringorakel). Das Wassermessen (s.d. und Wasser-Orakel) wird angestellt zur Erkundung der Fruchtbarkeit[107], gibt aber auch Auskunft über das Wachstum des Besitzes[108]. Das Sinngrünschwimmen[109] ist ein dem Glücksgreifen ähnlicher Orakel-Brauch, das Weingießen (L) wird in der Thomasnacht geübt[110].

18. Unter der Bezeichnung Wurf-Orakel werden Orakel-Bräuche zusammengefaßt, bei denen aus der Zahl der Würfe auf die Verwirklichung des gedachten Wunsches geschlossen wird. Sie sind meist Ehe-Orakel Beim Hadernwerfen wirft der Fragende mit einem feuchten Hader nach der Türklinke. Die Zahl, bei der er hängen bleibt, gibt die Zahl der Jahre bis zur Hochzeit an (Nordböh.[111]). Beim Kranzwerfen wirft man aus verschiedenem Material gefertigte Kränze (s.O. Blumen-Orakel), beim Strohwische-[112], Stecken-[113], Streuprügel-[114], Weidenzweigwerfen[115] diese Dinge auf einen Baum und zählt die Würfe, beim Münzwerfen werden Zwanzigerstücke auf Wasser geworfen[116]. Neben dem Kranzwerfen am häufigsten geübt wird das Schuh- oder Pantoffelwerfen (s. Schuh-Orakel, -werfen), das in erster Linie Ehe-Orakel ist[117], aber auch über Bleiben und Gehen[118] und Krankheit und Tod[119] Aufschluß erteilt. Nur äußerlich läßt sich das Miederfegen und das Schürzenschütteln anreihen. Die Mädchen legen die ausgezogenen Mieder oder Lätze in eine Mulde. Nun muß die Jüngste unter ihnen mit verbundenen Augen die Lätze mit der Hand drehen und hin und herfegen. Dabei spricht sie: „Latz, fege dich; Feinsliebchen, bewege dich!“ Welches Mädchens Latz aus der Mulde herausfällt, das wird binnen Jahr und Tag heiraten (Pr.-Schlesien[120]). Im benachbarten Tschechisch-Schlesien werfen die Mägde ihre Schürzen in eine Futterschwinge oder in ein Sieb und schütteln sie durcheinander. Die Magd, deren Schürze oben liegt, heiratet zuerst[121]. Ein eigenartiges Orakel ist das Bleiwerfen (L)[122] (s. Bleigießen).

19. Die Zähl-Orakel sind aufgebaut auf die Beantwortung bestimmter Fragen durch ja oder nein und auf dem Gedanken der geraden und ungeraden Zahl[123]. Manche der bereits erwähnten Orakel ließen sich auch hier zwanglos einreihen. Eines der einfachsten ist das Knopfabzählen[124]; das Apfelkernzählen vgl. [8] wurde schon genannt (s.O.), die meist geübten sind die unter den Namen Scheiteraffen, -zählen, -tragen, Holzlegen , Schleißengreifen, Spänerufen u.a. bekannten Holzscheit-Orakel[125] (s.d.). Sie sind fast ausnahmslos Ehe-Orakel Aber auch langes, glückliches Leben ist zu erwarten, wenn die Zahl der Stücke eine gerade ist[126]. Daneben geht eine zweite unter dem Namen Scheiter-, Prügelziehen usw. bekannte Form, bei der es sich um die Beschaffenheit des unter bestimmten Verhaltungsmaßregeln gezogenen Holzstückes handelt. Ist es schön und astfrei, so wird der Mann gut gewachsen, schön und brav sein, ein krummes Stück bedeutet einen krumm gewachsenen, ein ästiges Stück einen groben Mann[127]. Auch finden sich beide Arten vereinigt[128]. Das oben unter dem Wurf-Orakel genannte Steckenwerfen kann ebensogut dieser Gattung zugezählt werden wie der nachstehende Orakel-Brauch des Holzgreifens, den man auch als Orakelschauen bezeichnen kann: Geht die Magd während der Mette in die Holzkammer oder auf den Heuboden und faßt, ohne zu sprechen, soviel Holz oder Heu, als sie mit den Armen umspannen kann, so erscheint ihr der zukünftige Geliebte oder Gatte und hilft ihr (Kaaden-Saazer Gegend)[129]. Das Späneschwimmen läßt sich hier einreihen wie unter den Wasser-Orakeln. Ein auf der Zahl 100 aufgebautes Orakel ist das Schimmelzählen: Junge Mädchen zählen die an Fuhrwerke gespannten Schimmel. Der erste junge Mann, welcher der „betreffenden“ nach dem Begegnen des hundertsten Schimmels die Hand gibt, ist der „Zukünftige“, welcher die Erwählte noch in diesem Jahre heimführt (Nordwestböhmen)[130].

20. Unter die Buchstaben-Orakel[131] sind zu zählen: das Buchstabengreifen (L)[132], Namenlöschen (H, B)[133], Abarten des oben genannten Zettelschreibens[134] u.a. (s. ABC). Diese Formen leiten über zu dem Bücherstechen (H, Z) und zur Bibellotterie[135] (s. Bibel, Gebetbuch). Beim Buchstabengreifen schreiben die Mädchen die 24 Buchstaben des Alphabets mit geweihter Kreide an die Tür und greifen mit verbundenen Augen darnach; der getroffene Buchstabe ist der Anfangsbuchstabe des künftig Geliebten (Schles.)[136]. Um Glogau ist das Zettelquirlen üblich: Die Mädchen werfen beschriebene Zettel in einen Topf und quirlen sie gehörig durcheinander; wessen Name zuerst herausfliegt, den wird das Mädchen heiraten[137].

21. Andere Orakel-Arten: Das bekannte Zwiebel-Orakel dient zur Erforschung der Witterung des Jahres[138]. Auch Hochzeits-Orakel werden damit angestellt: Die Mädchen stellen vier Zwiebeln in die Winkel der Stube und geben ihnen Namen von Junggesellen; die Zwiebeln lassen sie stehen von Weihnachten bis zum Dreikönigstag. Wessen Zwiebel nun keimt, der wird sich als Freier melden; ist keine ausgeschlagen, so kommt keine Hochzeit zustande[139]. Das bekannte Gansbein-Orakel dient vorwiegend zur Erkundung der Witterung[140] des Winters, aber Gansknochen geben auch über früheren oder späteren Eintritt des Todes Auskunft (Böhmen)[141] (s. Martinsgans).

22. Orakel-Arten dieser Gruppe zeigen stark mantischen Einschlag im oben angedeuteten Sinne. Die Beispiele sind beliebig ausgewählt. Die Wahrsagung aus dem Kaffeesatz (s. Kaffee)[142], das Punktieren[143] (s. Geomantie), Spiegel-Wahrsagung mit Hilfe eines Zauberspiegels[144] (s. Katoptromantie), die Verwendung der sogen. Zauberschüssel[145], das Erbsieb und Erbschlüsseldrehen[146] zeigen in manchen Varianten vielfach soviel Kunstmäßiges, daß man sie nur bedingterweise als Orakel im definierten Sinne ansehen kann. Wie verschieden ist doch, bei sonst gleichen Elementen, das oben herangezogene Eheringklingen von dem Ringorakel: Wenn (ein Bursche oder, der häufigere Fall) ein Mädchen zu erforschen wünscht, wie lange (er oder) sie noch ledig bleiben wird, so erbitten sie sich von verheirateten Bekannten für den Abend des Andreastages einen Ehering. Diesen befestigt die fragende Person an einem ihrer Kopfhaare und läßt ihn in ein zu drei Vierteilen mit Wasser gefülltes Glas so hineinhängen, daß der Ring in der Mitte des Glases etwa 1/2 cm über dem Wasser schwebt. Der Ring beginnt nun bald Bewegungen auszuführen, die bald rascher, bald langsamer eintreten und endlich durchführen, daß er an die Wandung des Glases anschlägt. Das erfordert oft sehr viel Geduld. Schlägt der Ring bloß einmal und nachher nicht mehr, so muß die Orakel-Sucherin bis zur Heirat noch ein Jahr warten. Schlägt er aber im genauen Takt ein-, zwei-, dreimal usw., so bedeutet dies, daß die entsprechende Anzahl von Jahren bis zur Hochzeit verstreichen wird. Schlägt er trotz aller Geduld gar nicht, so daß man aus Ermüdung das Verfahren einstellt, so bedeutet es, daß man ledig bleiben wird trotz mehrerer Freier (Schweiz, Tirol)[147] (s. Hydromantie). Schließlich vgl. man noch die oben unter Traum-Orakel gegebenen einfachen Formen des Zitierzaubers mit der an Nekromantie (s.d.) streifenden Schicksalsfrage: Ein Mädchen wollte durch die Schicksalsfrage erfahren, ob ihr Liebster, von dem sie lange Jahre nichts erfahren hatte, noch treu sei. Auf den Rat eines alten Weibes stellte sie die Schicksalsfrage. Als Vater und Mutter am hl. Abend zur Mette gegangen waren, zog sie ihr bestes Kleid an und legte den Myrthenkranz, den sie schon hatte, auf ihr Haar. Darauf stellte sie auf den Tisch ein Kreuz und rechts und links daneben eine brennende Kerze. Dann kniete sie davor nieder und betete das „Veronikagebet“. Da schlug es zwölf. Ein „jacher“ Windstoß riß die Tür auf, und ein kalter Schauer kam heran. Erschrocken schaute sich die „Dirn“ um. Da sah sie ihren „Bu“ in der Tür stehen, bleich im Gesicht, mit geisterhaften toten Augen. Jach stieß sie einen Schrei aus und schlug zusammen. Bald nachher starb „sie“ (Iglauer Sprachinsel)[148]. S. die einzelnen Mantikarten, werfen, Würfel-Orakel.

  1. Peter Österreichisch-Schlesien 2, 214.
  2. Erzgeb.-Ztg. 13 (1892), 157. 244; 21 (1900), 246; 23 (1902), 280.
  3. Vernaleken Mythen 285 Nr. 4.
  4. DHmt. 4 (1908), 79 = John Westböhmen 5 f.
  5. Erzgeb.-Ztg. 13 (1892), 264; 18 (1897), 133.
  6. Peter a.a.O. 2, 213; John a.a.O. 4.
  7. Erzgeb.-Ztg. 16 (1895), 117.
  8. 8,0 8,1 Vernaleken a.a.O. 339 Nr. 29.
  9. Wuttke § 329.
  10. Ebda. § 330.
  11. Ebda. § 329.
  12. Ebda. § 180.
  13. MVerBöhm. 22 (1884), 251 f.
  14. Ebda. 6 (1868), 48; Grimm Mythol. 3, 437 Nr. 97; 454 Nr. 579.
  15. Reinsberg Böhmen 13; John Westböhmen 2; Grimm Mythol. 3, 432.
  16. MVerBöhm. 22 (1884), 251.
  17. Peter a.a.O. 2, 214.
  18. Hovorka-Kronfeld 1, 343. 344.
  19. Ebda. 1, 343.
  20. Ebda. 1, 344 = Meyer Baden 165.
  21. Wilhelm Karlsbad-Duppau 47; Wuttke § 340.
  22. Wilhelm a.a.O. 35.
  23. John Westböhmen 3.
  24. Grimm Mythol. 3, 464 Nr. 848.
  25. Peter a.a.O. 2, 214.
  26. Erzgeb.-Ztg. 16 (1895), 64. 117.
  27. Reinsberg Böhmen = Vernaleken Mythen 349 Nr. 58.
  28. Riesengebirge in Wort u. Bild 10 (1890), 20 Nr. 193.
  29. Ebda. Nr. 192.
  30. Peter Österreichisch-Schlesien 2, 214 f.
  31. Wuttke § 328.
  32. Ebd. § 329.
  33. ZföVk. 2 (1896), 168.
  34. Vernaleken Mythen 355 Nr. 84; vgl. KHM. 63 u. Bolte-Polívka 2, 37 f.
  35. Erzgeb.-Ztg. 13 (1892), 242.
  36. Dähnhardt Volkst. 2, 79 Nr. 315.
  37. Peter Österr.-Schlesien 2, 260; MVerBöh. 22 (1884), 122.
  38. ZfVk. 10 (1900), 89; Wuttke § 329.
  39. Wuttke § 329; John Erzgebirge 152.
  40. Peter Österr.-Schlesien 2, 264; MVerBöhm. 22 (1884), 121.
  41. Riesengeb. i. W. u. B. 10 (1890), 20 Nr. 194.
  42. Grimm Mythol. 3, 437 Nr. 102; Vernaleken Mythen 346 Nr. 53.
  43. Drechsler Schlesien 1, 7.
  44. DHmt. 4 (1908), 77; Vernaleken a.a.O. 330 Nr. 5.
  45. Erzgeb.-Ztg. 16 (1895), 64.
  46. ZfVk. 4 (1894), 318.
  47. Vernaleken a.a.O. 343 Nr. 46; 337 Nr. 19.
  48. 48,0 48,1 Grimm Mythol. 3, 469 Nr. 952; Wuttke § 337.
  49. Köhler Voigtland 379.
  50. John Westböhmen 2; Vernaleken a.a.O. 354 f. Nr. 81; Peter Österr.-Schlesien 2, 215; s. Anm. 146.
  51. John Westböhmen 8.
  52. Ebda. 4; Wuttke § 365; Dähnhardt Volkst. 1, 84 Nr. 4.
  53. John Westböhmen 18.
  54. Wuttke § 367; Dähnhardt Volkst. 1, 84 Nr. 4; 1, 85 Nr. 5. 6.
  55. DHmt. 4 (1908), 78; Riesengeb. i. W. u. B. 10 (1890), 20 Nr. 202; Erzgeb.-Ztg. 28 (1907), 64; Reinsberg Böhmen 550.
  56. Vernaleken a.a.O. 329 Nr. 3.
  57. Ebda. 341 f. Nr. 42; Wuttke § 359.
  58. JohnWestböhmen 8
  59. Frischbier Hexenspr. 166; Drechsler Schlesien 1, 4.
  60. John Westböhmen 3.
  61. Egerland 1 (1897), 28.
  62. Erzgeb.-Ztg. 18 (1897), 274.
  63. Wuttke § 358.
  64. Erzgeb.-Ztg. 21 (1900), 247; 18 (1897), 275. 276; John Westböhmen 4.
  65. Wuttke § 358.
  66. Heyl Tirol 754 Nr. 14.
  67. 1. Vernaleken Mythen 331 Nr. 7. 2. Mannhardt German. Mythen 522. 3. Quitzmann 275.
  68. Lippert Christentum 485; MVerBöh. 22 (1884), 252. 255.
  69. 69,0 69,1 Wuttke § 358.
  70. Erzg.-Ztg. 13 (1892), 264 (Egerland); ebda. 18 (1897), 274 (Erzgeb.).
  71. Lauffer Niederdeutsche Volksk. 87. 115; Dähnhardt Volkst. 1, 77 f. Nr. 3; 1, 85 Nr. 3.
  72. Vernaleken a.a.O. 341 nr. 38.
  73. Mannhardt German. Mythen 522.
  74. Dähnhardt Volkst. 1, 78 Nr. 5.
  75. Grimm Mythol. 3, 451 Nr. 507; Wuttke § 362.
  76. Liebrecht Zur Volksk. 325.
  77. Riesengeb. i. W. u. B. 10 (1890), 20 Nr. 200.
  78. Vgl. Wuttke § 344 f.
  79. Vernaleken a.a.O. 316 Nr. 43; Erzgeb.-Ztg. 23 (1902), 9.
  80. Peter Österr.-Schlesien 2, 214.
  81. Wuttke § 336; Erzgeb.-Ztg. 4 (1883), 106.
  82. ZfVk. 7 (1897), 316; Strackerjan 1, 105.
  83. Vernaleken Mythen 332 Nr. 11.
  84. John Westböhmen 10.
  85. Peter Österr.-Schlesien 2, 273.
  86. Stemplinger Aberglaube 56 = Wuttke 242 § 348.
  87. Grimm Mythol. 464 Nr. 847; John Westböhmen 4; Erzgeb.-Ztg. 13 (1892), 242.
  88. Dähnhardt Volkst. 1, 86 Nr. 9.
  89. Heyl Tirol 758 Nr. 41.
  90. Mündliche Mitteilg. von † Bürgerschuldirektor Michler.
  91. 91,0 91,1 SchwVk. 3, 89.
  92. Wuttke § 352.
  93. Grimm Mythol. 3, 470 Nr. 957.
  94. John Westböhmen 5. 8; Wuttke § 360.
  95. John Westböhmen 4 = Erzgeb.-Ztg. 21 (1900), 246.
  96. Riesengeb. i. W. u. B. 10 (1890), Nr. 201.
  97. Wuttke § 356.
  98. Grimm Mythol. 3, 416 Nr. 13; Vernaleken a.a.O. 331 Nr. 7.
  99. John Westböhmen 3.
  100. Köhler Voigtland 380.
  101. Grimm Mythol. 3, 461 Nr. 774.
  102. Riesengeb. i. W. u. B. 10 (1890), Nr. 198.
  103. Wuttke 235 § 336.
  104. Wuttke § 336.
  105. Drechsler Schlesien 1, 7.
  106. Erzgeb.-Ztg. 21 (1900) 247.
  107. Grimm Mythol. 3, 418 Nr. 43; 3, 470 Nr. 963.
  108. Ebda. 3, 469 Nr. 953.
  109. Ebda. 3, 465 Nr. 867; Wuttke § 333; Jahn Opfergebräuche 119.
  110. Wuttke § 356.
  111. Fiedler Heimatkunde Schluckenau 251.
  112. Wuttke § 332.
  113. Ebda.
  114. Erzgeb.-Ztg. 23 (1902), 280.
  115. Ebda. 281.
  116. Vernaleken Mythen 354 Nr. 79.
  117. Wuttke § 332; MVerBöh. 22 (1884), 251; John Westböhmen 2.
  118. Grimm Mythol. 3, 437 Nr. 101; Reinsberg Böhmen 575 = Vernaleken Mythen 349 f. Nr. 59. 60.
  119. MVerBöh. 6 (1868), 148; 22 (1884), 255; DHmt. 4 (1908), 36. 77. 78.
  120. Drechsler Schlesien 1, 8.
  121. Peter Österr.-Schlesien 2, 214.
  122. Vernaleken Mythen 341 Nr. 40.
  123. Lippert Christentum 470.
  124. Wilhelm Karlsbad-Duppau 28.
  125. Lippert a.a.O. 470; Dähnhardt Volkst. 2, 79 Nr. 315; Vernaleken Mythen 338 Nr. 24; 339 Nr. 31.
  126. Vernaleken a.a.O. 340 Nr. 35.
  127. Wilhelm a.a.O. 24; Erzgeb.-Ztg. 28 (1907), 63.
  128. Drechsler Schlesien 1, 6.
  129. MVerBöh. 6 (1868), 148.
  130. Erzgeb.-Ztg. 16 (1895), 116.
  131. Über Buchstabenzauber vgl. Wünsch Antikes Zaubergerät 46 ff.; über Buchstaben-Orakel: Pradel Gebete 70 f.; über Zusammenhang zwischen Traum-Orakel und Los-Orakel (Bücherstechen: ebda. 32 f. 70. 142; über Orakelpsalter ebda. 71.
  132. Wuttke § 333.
  133. John Westböhmen 4; Ergeb.-Ztg. 21 (1900), 246.
  134. Erzgeb.-Ztg. 21 (1900), 246; 28 (1907), 63.
  135. Wuttke § 349.
  136. Drechsler 1, 6.
  137. Ebda. 1, 7.
  138. Peter Österr.-Schlesien 2, 261; DHmt. 4 (1908), 195; Wuttke § 329.
  139. Grimm Myth. 3, 470 Nr. 956.
  140. Ebda. 3, 433; 3, 445 Nr. 341; MVerBöh. 6 (1868), 207.
  141. Reinsberg Böhmen 503.
  142. Wuttke § 344.
  143. Ebd. § 351.
  144. Ebda. § 354.
  145. Ebda. § 353.
  146. Ebda. § 368.
  147. Stoll Zauberglaube 179 f.; Wuttke § 368.
  148. Deutsche Arbeit in Böhmen 1 (1901/02), 223.

Gegenmaßnahmen, das Orakel zu vereiteln

Der Mensch will gerne das ihm durch Zukunftzeichen angedeutete Unheil abwehren. Von solchen Versuchen berichtet die Bibel[1] wie das griechische Altertum[2], die deutsche Sage[3] wie das deutsche Volksmärchen[4]. Auch im Volksglauben der Gegenwart finden sich solche Bestrebungen[5]. Allerdings beziehen sich diese Vereitlungsbemühungen mehr oder weniger auf die sich von selbst darbietenden Schicksalszeichen. In Norddeutschland geht man, um das durch Eulenruf, den Holzwurm, das Stehenbleiben der Uhr oder das Zerbrechen eines Spiegels angekündigte Unheil (Tod) rückgängig zu machen, rückwärts die Treppe hinauf[6]. Bei der Hochzeit trachtet man, diese Schicksalszeichen absichtlich zu beeinflussen, indem man z.B. das Glas, aus dem Braut und Bräutigam nach der Rückkehr von der Trauung trinken, absichtlich zerbricht[7] und so die über die Menschen waltende Macht zu einer günstigen Entscheidung zwingt. Damit aber kommen wir schon in das Gebiet des Abwehrzaubers (s.d.). Dem durch absichtlich angestellte Orakel enthüllten Unheil zu entrinnen gibt es eigentlich kein Mittel. Hier muß menschliches Wollen und Können versagen (Vgl. Anm. [8])[9].

  1. Genesis 37, 13 ff.
  2. Vgl. die. Oedipussage.
  3. Grimm Sagen Nr. 486; Wehrhan Sagen des Mittelalters 94 Nr. 102.
  4. Grimm Märchen Nr. 29; vgl. Bolte-Polívka 1, 286 ff.
  5. Wuttke § 422.
  6. Lauffer Niederdeutsche Volksk. 87.
  7. Wuttke § 338. 565.
  8. Sepp Religion 10.
  9. Vgl. noch Gunkel Genesis 402. 405 f. 407; v. d. Leyen Märchen in der Edda 21; Köhler Kl. Schr. 1, 292 ff. 543 ff.; ZfVk. 6 (1896), 163.

Orakelspiel

Früher oder später schwindet der Glaube an die zukunftkündende Kraft des Orakels. Man fragt es noch vielfach, besonders am Silvesterabend im Kreise der Familie, ohne aber seinen Aussprüchen vollen Glauben zu schenken[1]. Schließlich wird der im Ernst geübte Brauch zum Spiel[2], sobald es sich von der wichtigen Schicksalszeit losgelöst hat. So ist ohne jede symbolische Bedeutung der Brauch des Mehlschneidens. Ein Häufchen Mehl wird zu einem kegelförmigen Berg geformt, in seine Spitze wird hochkantig ein Geldstück eingefügt; ein Teilnehmer nach dem andern hat einen Teil aus dem Mehl herauszuschneiden. Der, bei dem der Berg einfällt, muß das Geld mit dem Munde herausholen, wobei durch einen Druck auf den Hinterkopf freundlich nachgeholfen wird[3]. In den Spinnstuben wurden solche Orakel-Spiele gepflegt, wie z.B. das Wintergrün- oder Perwinkelschwimmen. Burschen und Mädchen setzten jeder ein Blatt des Wintergrüns, des „Perwinkels“ auf das Wasser; diejenigen, deren Blätter zusammenschwammen und sich vereinigten, wurden nach allgemeiner Ansicht ein Paar (Vgl. oben Wasser-Orakel). Besonders wurden und werden solche Spiele gepflegt, die auf die künftige Heirat Bezug haben[4]. Die Schüsselheben genannte Form des Glücksgreifens (s. Greif-Orakel) am Weihnachtsabend wird im sächsischen Erzgebirge nur noch zu Spiel und Unterhaltung von jungen Leuten geübt. Es werden zwölf Schüsseln auf den Tisch gestellt, in denen sich die verschiedensten Dinge befinden. Mit verbundenen Augen muß der Fragende nach einer Schüssel greifen, deren Inhalt die Zukunft kündet: reines Wasser bedeutet Tod, schmutziges Wasser: nahende Teuerung, ein Läppchen: alte Jungfer, Salz: Trauer, Geld: Reichtum, Brautkranz: Hochzeit, Patenkranz: Taufe, Totenkranz: Todesfall in der Familie, goldener Ring: Glück, ein Stück altes Metall: Unglück, ein Stab: Verlassen des Hauses, die leere Schüssel: man bringt es im Leben nicht weit[5]. Das vielgeübte Ofenschauen ist als Ofenanbeten zum Gesellschafts- und Kinderspiel geworden, das Bleigießen am Silvesterabend hat dieselbe Entwicklung durchgemacht[6]. In welchem Umfange und wo heute Orakel noch im Ernst geübt werden, läßt sich hier nicht beantworten.

  1. Köhler Voigtland 169.
  2. Vgl. Tylor Cultur 1, 82 über den griechischen „Kottabos“, das Weinschleuder-Orakel, das aus einem Liebes-Orakel zum Spiel wurde; ferner ebda. 1, 83.
  3. ZfVk. 7 (1897), 316.
  4. Lauffer Niederdeutsche Volksk. 98.
  5. Dähnhardt Volkst. 2. 76 f. Nr. 307.
  6. Eigene Wahrnehmung.


S. noch Ekstase, Gottesurteil, Omen, Opferschau, Schicksalszeichen, Sortilegium, Zirkelwahrsagung.