Überlegungen zum WK III
Geschrieben von Andreas am 18. März 2003 00:07:35:
Badland Warrior und wohl nicht wenige andere scheinen überzeugt, dass mit dem Anbeginn des Irak-Konflikts uns auch der Dritte Weltkrieg bevorsteht. Ich möchte diese Vermutung nun nicht "abmurksen", sondern mit Fragen und Bemerkungen auf ihren Gehalt abklopfen.
Zunächst einmal ist wohl zu definieren, was ein Weltkrieg ist. Bei Betrachtung der beiden letzten Weltkriege liegt die Antwort nahe, dass es sich bei einem Weltkrieg um ein kriegerisches Ereignis grössten Ausmasses handelt, welches sich zwar geographisch nicht überall und nicht gleichzeitig abspielt, jedoch alle grösseren Mächte und eine Vielzahl kleiner Staaten involviert.
Ohne unzulässige Vereinfachungen zu ziehen, darf die Feststellung wohl erlaubt sein, dass die letzten beiden Weltkriege aus dem Bestreben der Weltgemeinschaft resultierten, das Hegemonialstreben Deutschlands, welches die internationale Ordnung in gefährlichem Masse zu destabilisieren drohte, einzudämmen. Unter Umständen könnten auch die Napoleonischen Kriege in die Reihe der Weltkriege eingereiht, ja der Kalte Krieg als "Kalter Weltkrieg" bezeichnet werden.
Im vorliegenden Falle fragt sich nun, ob die Irakkrise das Potential birgt, dass sich einige oder gar ein Grossteil der übrigen Mächte gegen den "Herausforderer" USA wenden. Diese Frage ist widerum eng mit der Frage nach dem Kräfteverhältnis und der Frage, wie stark sich die übrigen Mächte durch die Handlungen der USA bedroht fühlen, verknüpft.
Es wird wohl niemand ernsthaft bestreiten wollen, dass die Vereinigten Staaten zur Zeit die mit Abstand leistungsfähigste Militärmaschinerie verfügen. Allein mit ihren 13 Flugzeugträgern mit je mindestens 75 Flugzeugen verfügen sie über eine stärkere Schlagkraft als die Lufstreitkräfte Deutschlands, Frankreichs und Englands zusammen, wage ich einmal zu behaupten. Das Marine Corps stellt im Grunde eine eigene kleine Armee mit eigenen Flugzeugen und Booten dar und über alledem schweben in grossen Höhen die stählernen Vögel des eistigen Strategic Bomber Command. Selbst wenn die Ereignisse in Vietnam, im Kosovo 1999 (US Luftwaffe vs serbische Armee) und in Somalia Zweifel an der Fähigkeit der amerikansichen Streitkräfte, jeden Gegner in seinem Feld zu schlagen, aufkommen liessen, so steht doch zumindest fest, dass die Amerikaner in der Lage sind, innert kürzerer oder längerer Frist in einer konventionellen Auseinandersetzung jede militärische Macht derart zuzurichten, dass sie für die amerikanischen Streitkräfte geschweige denn für die USA selbst keine wirkliche Bedrohung darstellen.Ich denke, dessen sind sich auch Russland und China bewusst - die beiden Mächte, denen man es noch am ehesten zutrauen würde, dass sie es einzeln oder vereint gegen Amerika aufnehmen könnten. Doch bei der Abwägung der Kräfte in Zusammenhang mit der jetztigen Krise geht es nicht nur darum, wer in einer 1:1- Situation dem anderen stärker zusetzen könnte. Denn es ist ja nicht so, dass sich Russland, China und die USA auf einem Schlachtfeld gegenüberstehen. Es geht um den Begriff der "Force Projection Capability". Ich gehe - mich anlehnend an Angaben auf einschlägigen Internetseiten - davon aus, dass weder China noch Russland die Fähigkeit besitzen, eine solche Streitmacht in derart kurzer Zeit über ähnliche Distanzen zu verschieben, wie es die USA nun jüngst geleistet haben. Keines der beiden Länder besässe zudem die Frühwarnflugzeuge, Versorgungsflotten und Schiffe, um ihre Truppen langfristig zu unterstützen. Eine direkte Konfrontation im Golf zwischen den Grossmächten halte ich daher für praktisch ausgeschlossen. Für ebenso unrealistisch ist m. E. der Versuch einer russischen oder chinesischen Invasion der USA selbst anzusehen.
Weder für das erste Szenarion noch für das zweite, noch unwahrscheinlichere ist die Bedrohungslage wohl ernst genug: Es geht um den Irak und damit um den Nahen Osten. Damit ist zwar eine wichtige Region tangiert, doch dies bildet aus chinesischer oder russischer Sicht noch keinen ausreichenden Grund für das Eingehen eines Krieges mit den USA, welcher in einer katastrophalen Niederlage enden könnte. Eine direkte amerikanisch-russische Konfrontation wäre wohl dann möglich, wenn die USA über die Türkei in Richtung Tschetschenien einmarschieren oder Taiwan besetzten würden. Obwohl Nordkorea immer wieder als möglicher Auslöser für eine regionale Katastrophe im südostasiatischen Raum genannt wird, sehe ich persönlich die Lage nicht so dramatisch. In vielem ist die Lage Nordkoreas mit derjenigen des Irak von heute vergleichbar: Das Land verfügt zwar über gefährliche Waffen, ist jedoch vollkommen heruntergewirtschaftet und sein Herrscher würde beim geringsten Fehlverhalten (Aggression) riskieren, eine vernichtende Niederlage einzufahren, was seine heikle Position schwächen könnte. Trotzdem: Gerade weil autoritäre Herrscher überaus unberechenbar sind und weil Nordkorea an eine atomare und ideologisch verwandte Grossmacht angrenzt, ist Nordkorea im Auge zu behalten.
Zusammenfassend würde ich sagen: Die für eine antiamerikanische militärische Aggression in Frage kommenden Grossmächte haben weder ein ausreichendes Interesse (Bedrohung ihrer Sicherheit) noch die Fähigkeit, die USA militärisch herauszufordern. Damit aber kann die kritische Masse, welche es für einen globalen Grosskonflikt braucht, nicht erreicht werden, weshalb ich die These vom bevorstehenden Dritten Weltkrieg fürs erste verwerfe.
Viel eher sehe ich eine zunehmende Verzettelung der USA und durch die Erstarkung anderer Mächte eine zusehends anarchische internationele Ordnung heraufkommen. In Südostasien könnte sich mit dem Erstarken Japans in nicht allzuferner Zeit eine ähnliche Situation zusammenbrauen wie wir sie aus dem Europa vor dem Ersten Weltkrieg kennen. Der indisch-pakistanische Konflikt scheint nicht in unter der Kontrolle der Hegemonialmacht USA zu sein. Die Anstrengungen zahlreicher Regionalmächte, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen, laufen auf Hochtouren.
Was den vieldiskutierten Russeneinfall angelangt, so stehe ich diese Prophezeiung zwiespältig gegenüber. Einerseits erscheint sie gerade in der jetztigen Situation, da die US-Truppen Europa verlassen und da eine direkte Kollision zwischen Russland und Europa unwahrscheinlich ist, verführerisch. Andererseits könnte die Vorbereitung eines solch gewaltigen Unternehmens den westlichen Geheimdiensten kaum verborgen bleiben und Russland würde trotz der jüngsten Spannungen zwischen F-D und den USA einen amerikanischen Atomschlag riskieren. China wird sich in der Taiwanfrage wenn überhaupt vernünftigerweise erst dann aus der Deckung wagen, wenn sie die USA zu schwach oder zu abgelenkt wähnen, wovon zur Zeit nicht die Rede sein kann.Trotz aller amerikanischen Überlegenheit scheint für mich klar zu sein, dass die USA das zweiundzwanzigste Jahrhundert nicht mehr als unumschränkte Supermacht beginnen werden. Eher früher denn später werden die wirtschaftlichen Realitäten dieses Land einholen so wie einst das Britische Weltreich zwischen 1900 und 1960 durch finanzielle Schwierigkeiten auf den Rang einer Mittelmacht zurückgedrängt wurde. Kreuzten einst Dutzende von britischen Handels- und Kriegsschiffen stolz die Weltmeere, so verbleiben der Royal Navy heute ein paar Kreuzer, Atom-U-Boote und drei Flugzeugräger (zwei grössere als Ersatz sind in Planung). Bereits der Vietnamkrieg führte mit seinen enormen Kosten zur Aufhebung des Dollar-Gold-Standards und die letzten Jahrzehnte sahen ein astronomisches Wachstum der US-Verschuldung. Die Stationierung von Zehntausenden von Truppen im Nahen Osten wird nicht billig werden, von diesem Abenteuer werden allenfalls amerikanische Ölfirmen profitieren, während der Steuerzahler einmal mehr zur Kasse gebeten wird oder aber der Schuldenberg weiter anwächst. Die Ausgaben für das Homeland-Defense-Ministerium sowie für das ultrateure reaktiverte Star-Wars-Projekt, welches gedanklich in gewisser Weise mit der chinesichen Mauer, den römischen Wällen vor Germanien und Schottland vergleichbar ist, wird ein weiteres dazutun. Ich denke, die USA sind sich deshalb ihrer wirtschaftlichen Schwäche nicht bewusst, weil sie militärisch eben immer noch ohne Konkurrenz sind. Sollte auf diesem Feld eines Tages ein Rückschlag erfolgen, so wird das Vertrauen in die "US-Wirtschaftslokomotive" spürbar und rasch zusammenbrechen. Diese Abwärtspirale könnte auch durch innere Unruhen beschleunigt werden, wobei ich die inneramerikansichen Verhältnisse viel zu wenig kenne. Tatsache ist jedoch, dass die Heterogenisierung der Gesellschaft durch Zuwanderung aus Mexiko weiter ansteigt und das soziale Konfliktpotential durch die wachsende Ungleichheit eher wächst denn abnimmt.
Alles in allem erwarte ich also keinen Weltkrieg. Für die Zukunft sehe ich zusehends die Gefahr von regionalen, durch die Supermacht USA nicht kontrollierbaren Konflikten, die unter Unständen wegen der Verbreitung von ABC-Waffen sehr blutig verlaufen könnten. Im Windschatten solcher Ereignisse werden einzelne Mächte wie etwa China, Russland oder auch Japan versuchen, zu wirklicher militärischer Stärke zu gelangen, um eines Tages eine direkte Konfrontation gegen die USA antreten. Im Laufe der Umwälzungen ist der Russeneinmarsch durchaus denkbar, jedoch halte ich persönlich den jetztigen Zeitpunkt auf Grund der Stärke der USA noch für zu früh.
Gruss
Andreas
- Das wird immer noch im Himmel entschieden franke43 18.3.2003 08:10 (0)
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