Jetzt kriegen auch die Kinder der Kriegsgeneration mit was Propaganda bedeutet
Geschrieben von schlafgnom am 11. Februar 2003 10:42:58:
Als Antwort auf: Jetzige Rolle Deutschlands in der Weltpolitik geschrieben von Bonnie am 11. Februar 2003 09:19:24:
Vorbermerkung: Wer sich bei den folgenden Zeilen fragt ob das was mit Prophezeihungen zu tun hat möge bitte bis zum letzten Absatz ausharren *g*
Hi,
mittlerweile ist die Realitätsdarstellung in Medien und Politik an einem Punkt angelangt, wo ich mir die Frage stelle welche Pillen die Typen schlucken.
Zu Schröder: Klar hat er den Frieden für den Wahlkampf instrumentalisiert, und diplomatisches Geschick sieht anders aus als das was er und seine Freunde gerade machen. In der Hinsicht hat er sich aber schon früher nicht mit Ruhm bekleckert - nur stand er da offensichtlich auf der "richigen" Seite. Also hat es auch niemanden gestört.
Bereits vor Monaten gab es etliche Stimmen die warnten das Bush mit seiner "alles oder gar nichts"-Politik den Bruch des Anti-Terror-Bündnisses riskiert, und es war und ist ihm offensichtlich egal.
Egal welche politischen Grundauffassungen man hat, zumindest ein paar Punkte dürften nun wirklich JEDEM auffallen:
1. Es gibt einen Grund das UNO- und NATO-Mitglieder in der Organisation ein Stimm- oder sogar Vetorecht haben. Damit wurde bei deren Gründung ein demokratisches Grundelement verankert um zu verhindern das Einzelkämpferprogramme aus dem Ruder laufen. Wenn nun also ein oder mehrere Länder von ihrem Stimmrecht gebraucht machen ist das keine Beschädigung der Gruppe sondern ein Beweis das das System noch halbwegs funktioniert.
Wenn das einigen Leuten nicht passt sollten sie eben offen zugeben das sie mit diesem System nichts anfangen können und lieber eine NATO/UNO hätten wo EIN Land die Richtung vorgibt.2. Die Bedrohung der Türkei durch den Irak - das Thema ist so abstrus wie sonst lange nichts. Der Bündnisfall ist doch wohl dafür gedacht gewesen einem NATO-Mitglied aus der Patsche zu helfen wenn es unverschuldet angegriffen wird.
Das wäre aber nicht der Fall: Wenn sich die Türkei an einem US-Krieg beteiligt, bitte sehr. Das ist dann aber eine frei gewählte Entscheidung.
Man stelle sich mal vor Polen würde morgen Russland den Krieg erklären - und dann darauf bestehen das die NATO-Partner jetzt aber gefälligst mitzumachen haben, schliesslich sei Polen jetzt einer höheren Bedrohung ausgesetzt. Absurd, oder? Aber das es bei der Türkei-USA-Irak-Frage genau das Gleiche ist überfordert wohl so manche Possenschreiber.3. Dankbarkeit. Die aktuellen Position von Frankreich, Deutschland und Belgien werden als verletztend und undankbar beschrieben weil sie offensichtlich vergessen hätten was die USA damals für sie getan haben. Ich habe es nicht vergessen. Nur: Das Deutschland von damals war ein gänzlich anderes als heute - ebenso wie Europa und die USA nicht mehr die selben sind wie damals.
Wer behauptet die USA müssten aus "Dankbarkeit" unterstützt werden kann im gleichen Atemzug auch fordern das Ströbele hingerichet wird - als deutsches Regierungsmitglied kann das schliesslich nur ein Nazi sein. Oder hat sich vielleicht doch was verändert?4. Gefährdung des diplomatischen Friedens. Es stimmt: Das Verhältnis Deutschland-USA ist im Keller. Das ist bedauerlich, aber was wären die Alternativen? Mit dem Spruch "Entweder für uns oder gegen uns" hat Bush ja die Linie vorgegeben. Im konkreten Fall heisst das: Egal was Deutschland oder Frankreich auch tun, egal wie geschickt sie auf diplomatischen Parkett wandeln würden - solange sie den Krieg nicht unterstützen ist eine Eiszeit so oder so unvermeidbar. Für die Bushregierung ist der Irakkrieg inzwischen lebenswichtig geworden. Schliesslich hat man auch die Wiederwahl im Auge. Da sollte doch jedem klar sein, das entsprechend mit harten Bandagen gekämpft wird. Das gezielt Gerüchte gestreut, Länder gespalten und Medien beeinflusst werden. Das gab es auch schon die letzten 30 Jahre - nur hat man hier davon eben nichts negatives mitbekommen - man stand ja auf der "richtigen" Seite.
5. Kriegsnotwendigkeit. Zwölf Jahre lang hat es - ausser der Bushfamilie - keine Sau interessiert nochmal einen Krieg gegen den Irak zu starten. Sicher ist Saddam Hussein ein Engel - aber damit ist er nur einer von vielen in der Welt und das es Dikaturen gibt ist zwar bedauerlich, die Öffentlichkeit hatte sich aber damit abgefunden.
Da wird ein kleiner Bush gewählt, in New York fällt ein Haus um, und auf einmal soll alles anders sein. Die mutmasslichen Attentäter haben mit dem Irak gar nichts zu tun? Egal. Saddam Hussein hat in den letzten zwölf Jahren kein anderes Land mehr angegriffen? Schnurz. Das Land liegt am Boden und ist für die Auslebung Saddams Allmachtsphantasien gar nicht in der Lage? Who cares? US- und britische Geheimdienste sagen das auf vorhersehbare Zeit nicht die geringste Gefahr von diesem Land ausgeht? Was wissen die schon. Die USA erwägen den Einsatz von Nuklearwaffen? Toll!
Wäre das Ganze nicht aktuelle Realität sondern Unterrichtsstoff an einer Schule würden selbst versetzungsgefährdete Schüler kein Problem haben zu erkennen das die ganze Kriegsargumentation an den Haaren herbeigezogen ist. Trotzdem sind die Zeitungen - und nicht nur Bild oder die Sun - voll von Kommentaren kluger Köpfe die durch den Irak ihr Leib und Leben bedroht sehen. Teilweise sind das Leute die schon immer vor Attentaten in den USA gewarnt haben, gleichzeitig aber im Traum nicht auf die Idee gekommen wären deswegen den Irak plattzumachen. Und natürlich ist JEDER von ihnen gefeit vor jeder Art von Propaganda. Sind schliesslich Profis, gell?Vor vielen vielen Jahren bekam ich einmal ein Nostradamusbuch geschenkt, weiss leider nicht mehr wie es hiess, hab es mal verliehen und nie wieder bekommen.
Ich kann mich aber erinnern das dort im Hinblick auf WK3 ein Szenario beschrieben wurde, in dem Frankreich und Deutschland zusammen stehen und sich für die arabischen Interessen einsetzen ("Das Kamel trinkt aus dem Rhein"). Dadurch kommt es in ganz Europa zu gespalteten Positionen die u.a. schliesslich in Italien zu landesweiten Unruhen führen. Noch vor drei Jahren bin ich davon ausgegangen das so etwas schleichend, langsam und vorhersehbar passieren müsste. Deswegen wähnte ich den prophezeihten Zeitpunkt auch in ferner Zukunft. Mittlerweile muss ich überrascht zugeben: Es geht doch sehr viel schneller als ich dachte. Nichts scheint mehr unmöglich, alles ist an Surrealität kaum noch zu überbieten.Ich dachte mal: Eines Tages werden die Prophezeihungen aus dem Buch geschehen, Phantastisches wird Realität. Mittlerweile seh ich es umgekehrt: Realität wird phantastisch (und ich meine das nicht im Sinne von "toll" *g*).
schlafgnom
(den bald nichts mehr überrascht)
- Die Kamele und der Rhein Der Michi 11.2.2003 11:31 (0)
- Kamel trinkt aus dem Rhein Bonnie 11.2.2003 11:24 (0)
- Wichtiger Nachtrag/Korrektur schlafgnom 11.2.2003 10:48 (0)