Weissagungen, byzantinische (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Will-Erich Peuckert.

Seit dem frühen Mittelalter gehen in Byzanz Weissagungen, zuweilen in der eigentümlichen Form von Bildorakeln (s.u.) um, in denen die künftigen Schicksale der Stadt, ihr Untergang, und weiter die Reihe der zukünftigen Kaiser vorhergesagt werden. Diese Literatur geht uns hier nur soweit an, als sie ins Abendland herüberschlägt. Das kann in ganz verschiedener Art geschehen; zuweilen ist ihre Wirkung gleich Null (vgl. Daniel-Apokalypse), zuweilen reicht sie sehr weit (vgl. tiburtinische Sibylle unter: Tiburtina; unten: Pseudo-Methodius; Liber de summis pontificibus usw.). Ich gebe hier nur Hinweise auf die die Fragen näher behandelnde Literatur.
Andritzopulos widmete dem Michael Zorianos eine Weissagung über den Untergang des Rhomäerreiches und den Antichrist[1].

  1. Karl Krumbacher Gesch. d. byzant. Litteratur 1897, 628.

Astrampsychos

Unter dem Namen des A., von dem wir auch ein Traumbuch kennen[1], geht eine Sammlung von xrhsmoi, die durch einen Brief an König Ptolemaeus eingeleitet wird. Der christl. Verfasser lebte nicht vor dem 5. Jahrhundert[2].

  1. Ebd. 630.
  2. Ebd. 628. – Ausgabe: Astrampsychi oraculorum decades CIII ed. Rud. Herrcher Progr. d. Joachimsgymn. Berlin 1863.

Bettlerkönig

Eine byzantinische noch nicht untersuchte Weissagung Περὶ τοῦ θρυλουμένου πτωχοῦ καὶ ἐκλεκτοῦ βασιλέως, τοῦ γνωστοῦ καὶ ἀγνωστοῦ, τοῦ κατοικοῦντος ἐν τῇ πρώτῃ ἄρκα τῆς Βυζαντίδος … nennt Krumbacher[1].

  1. Karl Krumbacher Gesch. d. byzant. Litteratur 1897, 628.

Bilderorakel

Byzanz eigentümlich sind Weissagungen in Bildern oder Bilderfolgen[1]. Nicht nur in Orakelbüchern[2] waren den Texten Bilder beigegeben; auch sonst sah man überall an Statuen, Kirchen usw. Bilder, die „dem Kundigen über die Zukunft Bescheid gaben“[3], nämlich über den Fall der Stadt und die letzten Kaiser. Eine Bilderprophetie der erstgenannten Art ist die des Kaisers Leo des Weisen, auf der die abendländische Papstprophetie der Joachiten (s. Sp. 425 ff.)[4] ruht.

  1. Hierzu H. Grundmann im Archiv f. Kulturgesch. 19 (1929), 84 ff. 82.
  2. Ebd.; Karl Krumbacher Gesch. d. byz. Litteratur 1897, 627 f. 629; Migne PGr. 107, 1121 ff.; Grundmann 84 N. 1.
  3. Grundmann 84 f. 82. 86; MG. SS. 32, 70. 612. 546 (25).
  4. Grundmann 86 f.

Daniel-Apokalypse

Die DA. weissagt die Eroberung von Byzanz und die Reihe der künftigen Herrscher[1]. Bousset sagt: Eine auf Grund älterer Weissagungen während der Belagerung von Konstantinopel 717/8 entstandene Apokalypse wird nach den glänzenden Waffenerfolgen Leo's III. auf diesen gedeutet. Unter dem Regiment seines Sohnes wird sie umgearbeitet und erweitert (ca. 741/775)[2]. 968 sah sie Luidprand von Cremona am griechischen Hofe[3]. Grundmann meint, daß sie Johann von Salisbury kannte, da er anscheinend gegen sie polemisierte[4]. Beim Kampf um Byzanz 1204 stellten nach Salimbene die Griechen sie zur Ermunterung der Truppen auf[5]. Die DA. findet sich dann, wie Bousset zeigte[6], als Interpolation im griechischen Text der Revelationes Methodii. Daneben sind weitere Daniel-Pseudepigraphen vorhanden[7].

  1. Ein Text bei Erich Klostermann Analecta zur Septuaginta, Hexapla und Patristik 1895, 115 ff.; andere Rezensionen: Karl Krumbacher Gesch. d. byz. Litteratur 1897, 628; A. Vassiliew Anecdota graeco-byzantina 1 (Mosquae 1893), XX ff. 33 ff.; Klostermann in Ztschr. f. alttestamentl. Wissenschaft 15 (1895), 147 ff. Einen armenischen Text mit Übersetzung gab Kalemkiar: Wiener Ztschr. f. d. Kunde d. Morgenlds. 6 (1892), 109 ff.
  2. Ztschr. f. Kirchengesch. 20 (1900), 280. 276. Zur Entstehung: Theodor Zahn Forschungen z. Gesch. d. neutestamentl. Kanons 5 (1893), 118 ff.
  3. Legatio (ed. Becker 1915) § 39; Klostermann 114; Grundmann im Archiv f. Kulturgesch. 19, 82 N. 2.
  4. Grundmann im Archiv f. K. 19, 83; Migne PL. 199, 434.
  5. MG. SS. 32, 23 f.; Grundmann 83 N. 4.
  6. Ztschr. f. Kirchengesch. 20, 261 ff.
  7. Klostermann 113 f.; (Traumbuch Daniels:) Krumbacher 1897, 630.

Leo-Orakel

Dem Kaiser Leo d. Weisen (886–911) wird eine Reihe von Orakeln zugeschrieben[1], darunter ein Bilderorakel (s.o.), d.h. eine Reihe von 16 Bildern der künftigen byzant. Herrscher[2]. Bousset setzt die Abfassung auf ca. 1180, und läßt die ersten zehn vaticinia ex eventu sein[3]. Die nächsten werden von ihm wie Kampers und Grundmann alten Messias-Prophetien zugeschrieben, die letztlich in der Alexandersage ihren Grund hätten[4], eine Deutung, die m.E. mit zu vielen „wenn's“ arbeitet und der Mythologisierung zu viel Raum gibt. Das letzterwähnte Leoorakel wurde durch die Joachiten Anfang des 14. Jahrhunderts zu dem bekannten Papstvaticinium (s. Sp. 425 ff.) umgearbeitet. Noch einmal erwachte es im 15. Jahrhundert (Fall Konstantinopels!) zum Leben[5], und darnach Ende des 16. Jahrhunderts[6].

  1. Karl Krumbacher Gesch. d. byz. Litteratur 1897, 628; Grundmann im Archiv f. Kulturgesch. 19 (1929), 87 N. 1; Archiv f. slav. Phil. 25 (1903), 239 ff.; Migne PGr. 107, 1121 ff. (über Leo und byzant. Orakel).
  2. Text am leichtesten zugänglich: Migne PGr. 107, 1129 ff.
  3. Ztschr. f. Kirchengesch. 20 (1900), 282 ff.; Archiv f. Kulturgesch. 19, 87 N. 3.
  4. Ztschr. f. Kirchengesch. 20, 285; Kampers in MschlesVk. 17 (1915), 140 ff.; Ders. Alexander d. Große 1901; Grundmann im Archiv f. Kulturgesch. 19, 87 f.
  5. Archiv f. Kulturgesch. 19, 88 f.
  6. Ebd. 89; Migne PGr. 107, 1159 ff.

Pseudo-Methodius

Methodius, Bischof von Olympus, später von Tyrus, der unter Diokletian den Martyrtod erlitt, schrieb angeblich im Kerker einen Sermo de regnum cantium et in novissimis temporibus certa demonstratio, der seit dem 8. Jahrhundert in lateinischen Übersetzungen umläuft, aber auch (griechisch) im Osten verbreitet ist. Aus Sackurs Untersuchungen geht hervor, daß es sich um eine aus syrischem Geist entstandene Apokalypse handelt; syrische Alexanderlegenden, die „Schatzhöhle“ leuchten deutlich aus ihr hervor. Gutschmid setzte ihre Entstehung auf 676–678, Sackur in die letzten Jahre Konstantins IV., also kurz vor 685; für eine genauere Datierung reichen die gegebenen Möglichkeiten z. Z. nicht aus.
„Man darf mit Sicherheit annehmen, daß die Weissagung von Syrern, die namentlich in früherer Zeit in Handelsgeschäften zahlreich nach Gallien kamen, aber auch noch am Hofe Karls d. Gr. bemerkt werden, nach dem Frankenreiche gebracht wurde. Der Übersetzer, ein Mönch Petrus, war offenbar ein Grieche oder Syrer …“.
Seit dem 12. Jahrhundert bezeugen nach Sackur Zitate die Bekanntschaft mit Pseudo-Methodius, der bereits Ende des 15. Jahrhunderts. in mehreren Drucken vorliegt und noch lange Zeit wirksam bleibt. Der letzte, mir bekannt gewordene, volkskundlich bedeutsame Druck datiert vom Ende des 18. Jahrhunderts.
Für unsere Zwecke kommen vor allem die letzten drei bzw. zwei Kapitel der Schrift in Frage, die das Hervorbrechen von Gog und Magog (s.d.) aus ihrem kaukasischen Gefängnis, den Kampf des letzten römischen Kaisers gegen sie, das Kommen des Antichrists (s.d.) und das Ende der Weltzeit in der abdictio (siehe dürrer Baum), das Kommen Christi zum Gericht (siehe jüngstes Gericht) beschreiben.
Eine Einwirkung von hier aus in deutsche Volksüberlieferungen – auf welchem Wege auch immer – scheint mir unzweifelhaft zu sein. Ob der Weg dabei über Adsos Epistola de ortu et tempore Antichristi ging, d.h. ob Adso aus Ps.-M. nahm, wagte auch Sackur nicht zu entscheiden. Dagegen ist der Einfluß Ps.-M. in die pseudo-ephremsche Homilie (Lamy, S. Aphraemi Syri hymni et sermones 3, 1880, 188 ff.) greifbar. Über Einflüsse in die Sibyllen-Volksbücher vgl. Peuckert.

  • Ernst Sackur Sibyllinische Texte und Forschungen 1898, 1 ff.; Peuckert Sibylle Weiß.

Theophilus

Die unter diesem Namen überlieferten Orakel sind angeblich von dem Notar Johannes Rhyzanos aus dem Lateinischen ins Griechische übersetzt worden: Ἐτεροι χρησμοὶ θεοφίλου πρεσβυτέρου Ῥωμαίων καὶ κληρικοῦ τῆς μεγάλης ἐκκλησίας τῆς παλαιᾶς Ῥώμης μεταβληθεὶς ἀπὸ Ῥωμαϊκὰ εἰς τῆν Ἐλλάδα διάλεκτον παρὰ νοταρίου κυροῦ Ἰωάννου τοῦ Ῥυζανοῦ.
In der latein. Literatur scheint der Name, wenn hier nicht an den Priester Theophilus, den Teufelsbündner, zu denken wäre, unbekannt zu sein.

  • Karl Krumbacher Gesch. d. byzant. Litteratur 1897, 629.

Tiburtina

Tiburtina, tiburtinische Sibylle s. oben Grundmann im Archiv f. Kulturgesch. 19 (1929), 774 ff.