Pfarrer Thomas

Wolfgang Johannes Bekh – Bayerische Hellseher, 1976[1]

„Was schnell ist, wird schneller werden. Jahrhunderte dauerte es, bis die Mächte des Verderbens ihr Weltreich aufrichten konnten. Wenn aber die Mächte der Finsternis, die sich ‚Mächte des Lichtes’ nennen, zur Verbrennung der Welt ansetzen, wird es nicht mehr Jahrhunderte, sondern nur noch Jahre dauern. Bis zuletzt versteht es die Dunkelheit, sich hinter dem Licht zu verstecken. Dieses Licht wird am hellsten leuchten, bevor alles Licht erlischt. Ganz am Schluß, bevor die Tage so finster wie Nächte sind, werden die Nächte zu Tagen gemacht.
Die Welt wird ärmer an Dingen und reicher an Abfall. Die Berge ausgedienter Dinge wachsen, die Abfallberge wuchern zwischen den Häusern, türmen sich über die Häuser hinaus. Was an Abfall, Schmutz und Schutt aufgetürmt ist, wird keine kommende Zeit aufräumen können.
Am allermeisten dauern mich neben den Kindern die Dinge. Wenn es nur eine Verweltlichung wäre, aber es ist eine Entwirklichung, die sie bedroht. Und sie geht rasch; sie eilt der Zeit, in der wir über sie sprechen, voraus. Zu spät werden es die Menschen inne, daß nur derjenige, der die Gestalt bewahrt, überwintert. Sich den Dingen anschmiegen und mit ihnen atmen - was ist dagegen Zeitgewinn? Angesichts der unvorstellbaren Zeiträume, die uns umgeben, zählt er nicht. Barfuß laufen, wie wir es als Buben getan haben: Welche Erdberührung! Die Feldwege waren krumm und die Steine hart. Der Klang der Hirtenflöten - welcher Jubel des Herzens! Der Mensch ist bescheiden genug, selbst einer verminderten Schönheit, wenn sie von den Jahren weiter beschädigt worden ist, mit glänzenden Augen nachzutrauern. Als die Wirklichkeit zur Verzierung geschmälert worden war, trauerte er. Dann galt es auch von den Verzierungen Abschied zu nehmen. Der Glaube kann Berge versetzen, aber es bedarf auch des Menschen, der Wunder versteht und sie annimmt.
Es gibt Mächte, vor denen Gußeisen zu Staub zerfällt. Es ist weder der Wurm, noch die Fäulnis, noch der Rost. Was jetzt zerfällt, ist aus Glas, aus Stein, aus Erz.
Nicht nur die Nächte werden zu Tagen gemacht, auch das Böse wird für Gutes ausgegeben. Jede Blume wird entblättert, ob es die Schönheit einer Waldwiese, ein klarer Bergbach, ein unschuldiges Kind ist. Der Schädel an der Pforte der Scham ist der Tod, der sich aus dem Schoß des Schuldigen drängt.
Ich sehe ein Weib mit glänzenden Haaren, mit weichen Wimpern, mit glatter Haut, mit weißen Zähnen, mit üppigem Leib - sie verliert ihre gelockte Perücke und ihre künstlichen Wimpern. Ihre schminke bröckelt ab. Das Gebiß fällt ihr aus dem Mund. Stäbe von Fischbein, die unter ihre Brusthaut genäht sind, eitern heraus. Die Stöckelschuhe brechen zusammen. Die Raute der Fruchtbarkeit ist kein Sinnbild mehr. Der geöffnete Mutterschoß ist verfault – ein Totenschädel quillt heraus. Die Jungfrau Maria trug ihr Kind an der Brust. Brüste, die ein Garten unfruchtbarer Lüste sind, verdorren. Es schwellen die Leiber, brechen zu Geschwüren auf, beginnen zu schwären, verkrusten, vertrocknen, zerfallen zu Staub.
Ein Schlagwort wird heißen: ‚Schneller, höher, weiter!’ Aber dem Tod wird nur die Seßhaftigkeit entgehen. Der Acker der Lebendigen wird mit dem Fleisch der Toten gedüngt. Vorher zerspringt eine Glocke. Dann kommt die pfarrerlose Zeit. Krippen werden im Ofen verheizt und Meßgewänder zu Tischdecken verarbeitet. Zuerst wird die Raute verlacht, und dann das Kreuz. Missionäre werden verspottet und aus dem Land gewiesen. Die früher selbst Missionäre sein wollten, werden am lautesten spotten. Die pfingstliche Sprache kommt ab, der irdische Leib Gottes zerfällt in seine Sprachen. Keiner versteht mehr den anderen.
Ich sehe einen Kapitän. In der Sturmnacht, die das Einlaufen seines Schiffes in den Hafen verhindert, schneidet er sein Ankerseil durch.
Es wird viele Gescheite geben und wenig Gute. Den vielen kleinen Untergängen wird der große folgen. Sieben Menschen werden arbeiten müssen, damit einer genug hat. Dem Überfluß am Unnötigen wird ein Mangel am Nötigen gegenüberstehen. Es wird Häuser geben, in denen die Speisen bis zur Decke aufgehäuft sind. In denselben Häusern werden die Leichen bis zur Decke gestapelt sein. Das Geld ohne Himmelmutter, ohne zweiköpfigen Reichsadler und ohne zwiegeschwänzten Leu wird nichts mehr wert sein. Hochhäuser und Massensiedlungen werden leerstehen.
Auf Bauwut folgt Bauzerstörung. Auf Lichterflut folgt Dunkelheit. Auf Lärm folgt Stille. Wolken ballen sich. Blitze zucken. Auf den Krieg folgt Hunger und Krankheit. Keine Lampe brennt mehr. Die Nächte sind wieder Nächte. Wer fliehen kann, wird fliehen. Die Entfernungen werden groß sein. Man wird wieder nach Fußstunden rechnen.
Ich kann keine Freude für das empfinden, was kommt. Ich bin alt. Aber mich dauern Menschen, die jung sind. Durch das, was kommt, müssen alle hindurch. Große Mächte mit ihren Spracheselsbrücken werden alle Grenzen festlegen und befestigen. Es wird aber nichts nützen.
Dann kommt das Neue. Die Räume werden größer und kleiner. Heimat und Reich sind keine Gegensätze mehr. Die Sprachen kommen wieder zu Ehren und eine geistliche Sprache wird Brücke sein über die Sprachen der Welt. Vieles wird wiederkommen, was vergangen geglaubt war. Ich sehe eine Krone über zwei Kronen. Das gesetzmäßige Königtum ist wieder Schutz gegen die Unordnung.

EMANUEL“

Quelle

  1. Bekh, Wolfgang Johannes: Bayerische Hellseher. Pfaffenhofen 1976.