Komet (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Viktor Stegemann.

Der Inhalt der Kometenprognosen

Keine Erscheinung des gestirnten Himmels hat seit den ältesten Zeiten, und man kann wohl sagen, bei allen Völkern, neben den Finsternissen (s.d.) solche Macht auf das Gemüt des Menschen ausgeübt wie das Aufleuchten der Kometen. Die Eigentümlichkeit der äußeren Formen, die verhältnismäßige Seltenheit der Erscheinung, die scheinbare Eigenwilligkeit der Bahnen, die verschiedenartige Farbigkeit dieser Himmelserscheinungen ließen die Menschen die besonderen Ereignisse des Daseins dem Einfluß auch dieser Gestirne zuschreiben. Da die Kometenerscheinung bei den meisten eher Gefühle des Schreckens als der Freude auslöste, sind es die Unglücksfälle des Lebens, die auf die Kometen zurückgeführt werden, und zwar fast ohne Ausnahme Unglücksfälle, die das Leben der Allgemeinheit heimsuchen. Von den wohl noch heute in weiten Kreisen des deutschen Sprachgebietes verbreiteten Vorstellungen[1] sei das Wesentliche hier zusammengestellt. Kometen verkünden

a) Unglückszeiten, insbesondere
1. Unheil (Oldenburg[2], Braunschweig[3], Voigtland[4]);
2. Weltuntergang (Westböhmen[5], Deutschland[6]);
3. Krieg und Elend (Schlesien[7], Österreichisch-Schlesien[8], Tirol[9], Zürcher Oberland[10], Sächsisches Obererzgebirge[11], Voigtland[12], Waldeck[13], Schwaben[14], Pfalz, Baden, Nassau[15], Oldenburg[16], Braunschweig[17], Mecklenburg[18], Böhmerwald[19], sowie bei den Wenden in Deutsch-Schlesien[20] und den Deutschen in Pennsylvania-U.S.A.[21]);
4. Hungersnot und Teurung (Elsaß[22], Schwaben[23], Böhmerwald[24], Schlesien[25], Voigtland[26], Baden[27], Zürcher Oberland[28]);
5. Krankheit, Pest (Braunschweig[29], Böhmerwald[30], Westböhmen[31], Schlesien[32], Elsaß[33], Pfalz[34]);
6. Königstod (Mecklenburg[35]);
7. Überschwemmung (Elsaß[36]);
8. Katzensterben (Westfalen, zum Kometen des Jahres 1668[37]);
9. Mäusejahr (Pfalz[38]);
10. Raupenfraß (Pfalz[39]);
11. Komet vertreibt die Heringe (Schonen, zum Kometen des Jahres 1313[40]);
b) Glückszeiten
12. Glück und Frieden (Luserne in Tirol, wenn der Komet weiß erscheint[41]);
13. Gutes Weinjahr (Deutschland[42]);
c) Naturwunder
14. formt auffällige Hühnereier (Deutschland[43]);

Dazu sei ausdrücklich bemerkt, daß die Kometen auch heute noch vielfach als Künder und Vorboten großer weltstürzender Ereignisse im allgemeinen, d.h. ohne deutliche Erwartung bestimmter Vorkommnisse, aufgefaßt werden (s. die folgenden Abschnitte).

  1. Für die Lebendigkeit der Kometenfurcht noch i.J. 1910 ist charakteristisch, was F.S. Archenhold Kometen, Weltuntergangsprophezeiungen u. der Halley'sche Komet (Berlin, Treptow-Sternwarte 1910) S. 55 f. über eigene Erlebnisse beim letzten Besuch des Halleyschen Kometen berichtet.
  2. Strackerjan 2, 107.
  3. Andree Braunschweig 404.
  4. Köhler Voigtland 385.
  5. John Westböhmen 234. Vgl. für Italien: Strafforello Errori 1 ff.
  6. Urquell 4 (1893), 160.
  7. Ebd. 1892, 108; Drechsler 2, 135.
  8. Peter Österr.-Schlesien 2, 258.
  9. Zingerle Tirol 119 Nr. 1065.
  10. Messikommer 1, 189.
  11. Spieß Sächs. Obererzgebirge 18 Nr. 186; John Erzgebirge 249.
  12. Köhler Voigtland 385.
  13. Curtze Waldeck 413 Nr. 206.
  14. Meier Schwaben 507 Nr. 388.
  15. Kleeberger Fischbach 46; Meyer Baden 515.
  16. Kehrein Nassau 253 Nr. 23.
  17. Strackerjan 1, 20, 23.
  18. Andree Braunschweig 404.
  19. Bartsch Mecklenburg 2, 202.
  20. Schramek Böhmerwald 249.
  21. Schulenburg Volkstum 167.
  22. Fogel Pennsylvania 103 Nr. 430.
  23. Elsäss. Mtschr. 1 (1910), 90.
  24. Meier Schwaben 2, 507.
  25. Schramek Böhmerwald 249.
  26. Urquell 3 (1892), 108; Drechsler 2, 135.
  27. Köhler Voigtland 385.; Meyer Baden 515.
  28. Messikommer 1, 189.
  29. Andree Braunschweig 404.
  30. Schramek Böhmerwald 249.
  31. John Westböhmen 234.
  32. Urquell 3 (1892), 108.
  33. Elsäss. Mtschr. 1 (1910), 90.
  34. Kleeberger Fischbach 46.
  35. ZfVk. 5 (1895), 431.
  36. Elsäss. Mtschr. 1 (1910), 90.
  37. Meyer Aberglaube 13.
  38. Kleeberger Fischbach 46.
  39. Ebd. 46.
  40. Arch. f. Fischereigeschichte 6, 223.
  41. Zingerle Tirol 119 Nr. 1067.
  42. Boll Sternglaube4 51; Hovorka-Kronfeld 2, 148. 498.
  43. ZfVk. 27 (1917), 31 f. für die Gegend von Hamburg i.J. 1911. Vgl. F. Archenhold Alte Kometeneinblattdrucke Nr. 23: das Bild zeigt den Komet von 1702 über Neapel; rechts Abb. eines zu Rom gelegten Kometeneis mit Bild eines Kometen, Sternen und sonstigen Zeichen. Dazu Bemerkungen und weitere Bilder bei Archenhold Kometen, Weltuntergangsprophezeihungen und der Halleysche Komet (Berlin, Treptow-Sternwarte 1910) S. 49 f. 53. 87 f.

Geschichte des europäischen Kometenvolksglaubens

Die geschichtlich ältesten Beobachtungen der Kometen sowie deren Ausdeutung zu mantischen Zwecken findet man wie stets in der Geschichte der Gestirnbeobachtung bei den Babyloniern. Man scheint hier die Kometen freilich nur im Zusammenhang mit Sternstellungen untersucht zu haben, wie es ähnlich auch mit Meteoren, Blitzerscheinungen, Stürmen u.a. geschah. Die Deutungen sind also astrologisch (s.u. Abschn. III).
Von ägyptischen oder jüdischen Beobachtungen der Kometen ist meines Wissens nie etwas bekannt geworden.
Früh hingegen begegnet Kometenglaube in der Antike[1]. Dem Volksglauben der älteren Zeit dürften die Kometen als von Zeus gesandtes Wunderzeichen erschienen sein, wie der Meteor in der Ilias[2]. Kometen sind hier im allgemeinen Künder des Unheils, zunächst meteorologischer Natur; sie verursachen Stürme und Trockenheit (Aristoteles)[3], beim Untergang Regengüsse (Poseidonios[4]). Bei Seneca steht, der Komet sei die Ursache der ein Jahr lang anhaltenden Regengüsse und Stürme[5]. Ebenfalls werden Springfluten, ja selbst Erdbeben[6] im griechischen Vorstellungskreis auf das Erscheinen der Kometen zurückgeführt. Neben den meteorologischen stehen die politischen Prognosen. Hungersnot und Krieg und Tod verkündend, wird der Komet zu einem den Griechen furchtbaren Zeichen, mit dessen Aufleuchten am Himmel in der Folgezeit alle umstürzenden politischen Vorgänge verbunden werden[7]. Der Komet des Jahres 372 v. Chr. verkündete „den Spartanern ihre Niederlage (371 Leuktra) und den Verlust ihrer Hegemonie über Griechenland“[8]. Viele Ereignisse des 1. vor- und nachchristlichen Jahrhunderts verbindet auch römischer Glaube mit den Kometen[9]. Die Ereignisse der Bürgerkriege, Pharsalus und Aktium, die Varusschlacht, die Einnahme Jerusalems und andere, werden mit Kometen zusammengebracht[10]. In dieser Zeit taucht die Idee auf, den Kometen als den Todesvorboten großer Männer aufzufassen. Bekannt sind die Kometen, die auf den Tod des Augustus, Claudius, Nero, Vitellius, Vespasian u.a. wiesen[11]. Der Glaube hält sich bis ins späte Altertum. Auch Justinians Ende soll ein Komet der Welt angezeigt haben[12]. Hingegen ist antikem (wie deutschem) Kometenglauben die Vorstellung, daß ein anderer Mensch durch die Erscheinung des Gestirns seinen Tod geweissagt erhalte, im allgemeinen fremd; wenn dieser Gedanke an den Kaisern haftet, so erklärt sich das aus ihrer Stellung als der für das politische Leben des Imperium Romanum verantwortlichen Männer. Endlich sind der Antike die Kometen Krankheitskünder; allgemein herrscht die Ansicht, sie bringen Pest oder sonstige Seuchen[13]. Die Nachricht, daß mit dem Erscheinen eines Kometen der Beginn einer neuen Weltperiode angezeigt werde, ist vereinzelt überliefert als Deutung der Kometenerscheinung vom Jahre 44 v. Chr. durch den Mund eines etruskischen Haruspex[14]. An einer anderen Stelle aus etwas späterer Zeit wird mit dem Erscheinen der Kometen ähnliches erwartet[15], und viertägiges Leuchten des Kometen Typhon soll Zerstörung und Vernichtung des Weltganzen nach sich ziehen[16]. Hier wirken auf die Kometenvorstellungen zweifellos die eschatologischen Ideen der letzten Jahrzehnte des 1. Jahrhunderts v. Chr. ein. Es ist daher kein Wunder, wenn der Gedanke hernach bei christlichen Schriftstellern ernstlich erwogen wird[17] und seitdem zu den stereotypen Kometenprognosen gehört. Das Gesamt der politischen Prognose faßt eine Bemerkung des Bischofs Synesios von Kyrene anschaulich zusammen: „Unglücksfälle für das ganze Volk, Versklavung von Völkern, Aufstände von Städten, Untergang von Königen, nichts Kleines, nichts in mäßigen Grenzen sich Haltendes, sondern alles schlimmer als das Schlimmste“[18]. Daher konnte Claudian auch zu dem im Jahre vor der Schlacht bei Pollentia (402) erscheinenden Kometen sich äußern, daß man niemals ungestraft am Himmel einen Kometen erblicke[19]. Der Gedanke der Furcht beherrschte seit Jahrhunderten die Massen.
Gegen diese Fülle des Unheils, das die Kometen dem antiken Menschen verkünden, kommen die wenigen Glücksprophezeiungen nicht an. Dreimal wird einem großen Menschen das Aufleuchten des Kometen als gutes Vorzeichen gedeutet; dem Korinther Timoleon, dem König Mithridates von Pontus und dem Kaiser Augustus[20]. – Die günstig lautenden Ernteprognosen entstammen babylonischer Astrologie[21] (s.u. III).
Von den in der Antike umgehenden und in mehr oder minder kurzen Abhandlungen überlieferten Kometenvorstellungen ist das ganze deutsche Mittelalter samt den anliegenden Gebieten abhängig. Von sich aus sind die Germanen zu keinem Kometenglauben gekommen. Erst die Verbreitung römischer Kultur, dann die Beschäftigung mit antiker Astrologie im 10. Jahrhundert vermittelt diese Vorstellungen und ihre die Menschheit quälenden Ängste auch dem Norden. Die Prognosen erscheinen in derselben Form, wie wir sie im Bereich der römischen Kaiserzeit kennen gelernt haben. Ihre schriftliche Fixierung auch in Werken mittelalterlicher Geschichtsschreibung sorgte dann für die Tradierung.
Neue Momente treten also nicht auf. Es mag in diesem Zusammenhang genügen, eine Stelle aus Liudprands Antapodosis (V 2 p. 131, 9 ed. Becker) anzuführen, die sich auf einen Kometen des Jahres 939 in Italien bezieht: „sed et in Italia octo continuis noctibus mirae magnitudinis cometa apparuit, nimiae proceritatis igneos ex sese radios fundens, subsecuturam non multo post famem portendens, quae magnitudine sua misere vastabat Italiam“. Zur weiteren Orientierung über die Tradierung des antiken Glaubensgutes sei auf die Zusammenstellungen bei R. Boese, Superstitiones Arelatenses S. 18. 25. 39. 52. 73 und bei A. Schultz, Das höfische Leben der Minnesänger 1, 127 ff. (für die Zeit von 1100–1315) verwiesen[22]. Für das englische Mittelalter ist die antike Tradition im Kometenaberglauben nachgewiesen von Th. O. Wedel in seiner in den Yale studies erschienenen Arbeit „The mediaeval attitude toward astrologie particulary in England“. Der Verfasser bezeichnet Isidorus von Sevilla als Ausgangspunkt der mittelalterlichen Überlieferung (Revolution, Pestilenz[23]); der erste mittelalterliche Gelehrte, der die Tradition fortsetzt, ist der von Isidor abhängige Beda[24], bei dem beispielsweise die Sarazeneneinfälle in Gallien von 729, ferner der Tod Osrics und Egberts mit Kometenerscheinungen kombiniert werden[25]. Übrigens hat sich der Glaube an böse Kometenwirkungen bis heute in England erhalten[26]. Frankreich[27] und Italien[28] machen von diesen Anschauungen keine Ausnahmen.
So gelangt die Kometenmantik unwidersprochen zu den Menschen der Renaissancezeit. Vielleicht kann man zwischen den antiken und mittelalterlichen Vorstellungen einerseits, denen der Renaissance anderseits insofern einen Unterschied erkennen, als die Bevölkerung wenigstens von Süd- und Mitteleuropa die Kometenerscheinung seit der Renaissance als Ankündigung einer Strafe Gottes für ihre Sünden auffaßt – daher der Vergleich des Kometen mit einer Zuchtrute oder ähnlichem (s.u.) in der Hand Gottes[29] –, während eine Anschauung, die den Kometen mit der strafenden Gottheit verbindet, aus dem Altertum und Mittelalter nicht bekannt zu sein scheint. Das Sündengefühl vor allem des ausgehenden 15., sowie des 16. und 17. Jahrhunderts mag die in diesen Jahrhunderten gegenüber den vorhergehenden Zeiten gesteigerte Kometenfurcht erklären[30]. Die Aufklärung hat hier keine nachhaltige Wirkung zur Behebung der Kometenfurcht auszuüben vermocht, und bis auf unsere Tage ist die im wesentlichen antike Kometenmantik nicht ausgestorben[31]. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts sogar hören wir auch unter den Gebildeten durchaus ernsthaft das Kometenphänomen mit seinen Folgen diskutiert; Napoleon bezog die später zu zitierenden Verse aus Shakespeares Caesar auf sich[32], wohl im Zusammenhang mit der Erscheinung des Kometen von 1812. Auf Grund derselben Erscheinung denkt der dänische Geschäftsträger in Petersburg, Madrid und London, Joh. G. Rist in seinen Lebenserinnerungen düster der Zukunft: „Die Zeichen der Zeit standen also zum Kriege. Der Komet wies nach Nordosten, und wir erwogen unablässig das Für und Wider des großen Kampfes, der unabänderlich schien“[33].
Die Strafe Gottes vollzog sich nach der Annahme der vorausliegenden Jahrhunderte durch Heraufführung des Weltuntergangs[34]. Seitdem die Berechnung der Kometenbahnen und die Entdeckung periodischer Kometen gelungen war (Ende des 17. Jahrhunderts durch Dörfel und Newton)[35], begann die Weltuntergangsidee wieder aufzuleben. Ihr neuer Schöpfer war der Engländer Whiston, der auf Newton und Halley gestützt in dem Kometen von 1680 den Urheber der Sintflut und des Jüngsten Gerichts fand, das er für diesen Kometen auf das Jahr 2255 festlegte, dessen Kommen er aber bei jedem Kometen als möglich bezeichnete. Gottsched wird ein Hauptverfechter der Idee in Deutschland[36]. Jedesmal, wenn ein Komet die Erdbahn kreuzte, packte die Gemüter das Entsetzen ob dem, was kommen würde. Charakteristisch für das schnelle Einwurzeln dieser Ideen in weiten Kreisen der Völker ist der Vorfall mit dem Vortrag des Franzosen Lalande im Jahre 1773. Es verbreitete sich damals in Paris das Gerücht, der genannte Astronom gedenke der Akademie eine Arbeit vorzutragen über die Kometen, die der Erde sehr nahe kommen. Wegen Überfülle an anderen Stoffen konnte der Vortrag nicht gehalten werden. Nun hieß es plötzlich, Lalande habe den Zusammenstoß eines Kometen mit der Erde und deren Untergang auf den 12. Mai nachweisen wollen, was von der Polizei, um eine Panik zu vermeiden, verboten worden sei. Die darauf folgende Bestürzung war ungeheuer; weder Lalandes Erklärungen über den wahren Sachverhalt noch die Verbreitung seines Vortrags durch Druck konnten der Angst Abbruch tun; sie verlor sich erst, als der unglückselige Maitag ohne Störung vorübergegangen war[37]. 1832 lebte die alte Furcht nochmals auf, weil in dem Jahr nach den Berechnungen des Astronomen Olbers der Bielasche Komet am 29. Oktober die Erdbahn kreuzen sollte. Die furchtsamen Gemüter beachteten gar nicht, daß dies in 11 Millionen Meilen Entfernung von der Erde stattfand[38]. 1857 verbreitete ein müßiger Kopf ähnliche Ideen und fand noch immer Gläubige. Es sollte der große, schon 1264 und 1556 beobachtete Komet wiedererscheinen und den Weltuntergang bringen; indes die Berechnung war falsch, der Komet blieb aus[39]. Nur selten begegnet der Gedanke, daß eine Kometenerscheinung eine entscheidende Wendung zum Besseren bringen könne; eine Schrift des Jahres 1834 faßt den Kometen so auf[40]. Auch unsere Gegenwart kennt nur den Unheilskünder, der Krieg, Teurung usw. im Gefolge hat. Mit dem Beginn des Weltkrieges ward ein Komet in Zusammenhang gebracht[41].
Neben diesen Vorstellungen taucht seit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts noch jene auf, daß der Komet gute Weine hervorbringe[42]; vielleicht erklärt sich die Idee aus den meteorologischen Theorien, die die Astrologie der Renaissance entwickelt hat (s.u.). Man möchte vermuten, daß solcher Glaube auch in den vorhergehenden Jahrhunderten schon verbreitet war, wenn auch kein Beleg dafür vorhanden ist.

  1. Der folgende Abschnitt ist Referat aus W. Gundel Kometen bei Pauly-Wissowa 11, 1, 1145; doch zitieren wir die Stellen nach jener Arbeit auch hier, weil vielleicht nicht jedem Besitzer dieses Lexikons Pauly-Wissowas Realencyklop. zugänglich ist.
  2. Il. IV 75: Boll denkt an einen Meteor (nach Gundel PW. a.a.O), manche antike Kommentatoren (z.B. Dio Cass. 78, 30, 1) an einen Kometen, so auch Gundel a.a.O. und Boll Sternglaube4 89.
  3. met. I 7, 8.
  4. Schol. in Arat. 1083 = p. 544 M und 1093 = p. 546 M, weitere Zitate bei Gundel ebd. Sp. 1146, 44; vgl. Gilbert Die meteorol. Theorien des griech. Altertums 652.
  5. Nat. quaest. VII 28, 2; vgl. Ptol. Tetr. II 10 ed. Melanchthon, Basel 1553, p. 102.
  6. Springflut: Aristot. met. I 7, 10; Erdbeben: Senec. nat. quaest. VII 16, 2, 2. 82; Pausan. VII 24, 8.
  7. Gundel a.a.O. Sp. 1147, 20 ff.
  8. Diodor XV 50.
  9. Material bei Gundel de stell. appell. 233 ff. (141 ff.).
  10. Pharsalus: z.B. Lucan. I 528; Actium: Man. I 914 (vgl. Dio 50, 8, 2), Varusschlacht: Man. I 898 ff.
  11. Augustus: Cass. Dio 56, 29; Claudius: Suet. Claud. 46; Nero: Tac. ann. XIV 22; Sen. Oct. 231 ff.; Vitellius: Cass. Dio 65, 8, 1; Vespasian: Cass. Dio 66, 17, 2; Suet. Vesp. 23; daselbst auch des Kaisers geistreicher Witz über die Unmöglichkeit einer Beziehung des Kometen zu ihm: da einem Kahlkopf der Haarstern nichts weissagen könne, gelte das Zeichen dem Partherkönig, der langes Haupthaar trüge.
  12. Georg. Cedren. hist. comp. bei Migne PGr. 121, 638.
  13. Manil. I 180; Schol. Luc. I 529; Corp. gloss. lat. V 182; Isid. orig. III 70, 10.
  14. Der Haruspex hieß Volcanius, vgl. Baebius Macer bei Serv. Dan. zu Verg. Bucol. 9. 46.
  15. Man. I 903; Sil. Ital. I 464; Orac. sibyll. III 796.
  16. Kampester bei Laur. Lydus de ost. p. 45, 1.
  17. Joh. Damasc . de fide orthod. II 7; Orig. c. Cels. I 59 p. 373.
  18. Enc. calv. ed. Migne PGr. 66 p. 1185, 73, vgl. Plin. h. n. II 92.
  19. de bell. Goth. 243: ‚et nunquam caelo spectatum impune cometen‘.
  20. Timoleon: Diod. 16, 66, 3; Mithridates: Justinus 37, 2, 1 ff.; Augustus: Plin. n. h. II 93; Verg. Eclog. 9, 48; vgl. Gundel s. v. Kometen in Pauly-Wissowa Sp. 1186, 44 ff.
  21. s. Gundel a.a.O. 1150, 22 ff., wo auf Jastrow Rel. d. Bab. u. Ass. II 2, 696, 1 verwiesen wird.
  22. Zur weiteren Behandlung vgl. Gundel bei Boll Sternglaube4 187.
  23. S. 28. Isid. de rer. nat. 26, 13 (Mign. P.L. 83, 1000).
  24. Beda de rer. natur. 24 (Migne P.L. 90, p. 243 A) zitiert Isidor wörtlich.
  25. Beda histor. Ecclesiastica 4, 12; 5, 23. 24.
  26. Fischer Angelsachsen 22.
  27. Sébillot Folk-Lore 1, 51 ff.; 4, 441.
  28. Strafforello Errori 1 ff.
  29. Vgl. z.B. Junctinus Adnotat. in cometis (= Speculum astrologiae, Lugduni 1583) II, 1225 b; Luther bei Klingner Luther 95, zit. auch ZfVk. 27 (1917), 19, seine „antiken“ Anschauungen in den Briefen über den Kometen von 1531 bei A. Warburg Heidn.-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeit (= Sitzungsber. Heid. Ak. d. Wiss. 1919 phil.-hist. Klasse 26 S. 69 A. 134); weitere Zitate für die allgemeine Verbreitung der Anschauung z.B. Gundel in HessBl. 1908, 89 u. ö. (meist Belege aus dem 17. Jahrhundert) und weiter u.
  30. Diese Furcht geht so weit, daß man in dieser Zeit plötzlich „entdeckt“, was Komet heißt. Man verstand nämlich nicht, wie in der Antike stets richtig geschehen war, die Bezeichnung Komnths, stella crinita (danach die deutsche Übersetzung „Strobelstern“) von der Erscheinung des Gestirns, sondern hörte schon aus dem Namen „Komet“ mit Zittern das kommende Unglück heraus, denn er nannte sich gleichsam den „comitem et socium rerum fatalium“ oder auch „comoediam“, denn mit seinem Aufleuchten „ist eine Newe Comoedi am Himmel“ (Gundel de stell. appell. 141 ff. [233 ff.]).
  31. Vgl. u. die Tabelle, Abschn. IX und Hovorkas Belege; über den Kampf der Aufklärung gegen den Kometenglauben s. Abschn. III.
  32. Caesar II 2, 30, weiter unten Sp. 148 zitiert; Napoleons Äußerung vgl. Gundel in HessBl. 7 (1908), 111.
  33. Zitiert nach ZfVk. 27 (1917), 13 f.
  34. Vgl. o. Anm. 12.
  35. Über die moderne wissenschaftliche Kometenforschung orientiert kurz der Artikel „Kometen“ in H. Gretschels Lexikon der Astronomie (Leipzig, Bibliogr. Institut) S. 259 a ff.; Heß (Titel s. Anm. 59) S. 309.
  36. Heß a.a.O. 310 f.
  37. Ebd. S. 258 b; Gundel in HessBl. 7 (1908), 108.
  38. Gretschels Lexikon d. Astronomie s. v. 258 b.
  39. Ebd.
  40. Gundel in HessBl. 7 (1908), 114.
  41. s. die Tabelle in Abschn. IX.
  42. Gundel in HessBl. 7 (1908), 107; ders. bei Pauly-Wissowa s. v. Sp. 1150, 35, wo auf die Verse Vergils Ecl. 9, 46 ff. verwiesen ist, die mit dem sidus Iulium das volle schöne Ausreifen der Traube verbinden. Doch dürfte dies kaum Voraussetzung der modernen Anschauung geworden sein.

Behandlung der Kometen in der Astrologie

Neben dieser Kometenmantik gibt es astrologische Kometologie. Sie ist erheblich komplizierter, da sie nicht nur die Erscheinung des Kometen als solche erörtert, sondern seine Stellung in den Tierkreisbildern, zu den Planeten und Örtern des Tierkreises beobachtet und ausdeutet (s. Horoskopie Sp. 359 ff.) sowie seine Farben für die Prognosen berücksichtigt. Der Einfluß dieser Art von Vorhersage auf die Entstehung des Volksglaubens war, da in ihren Voraussetzungen zu kompliziert, natürlich wesentlich geringer als der der einfachen Kometenmantik. Dafür war vielleicht die Wirkung dieser viel differenzierteren Prognosen auf die unglücklichen Erwartungen der Menschen in den einzelnen Jahren stärker. Das scheint mir deutlich aus der Haltung der Menschen um 1500 hervorzugehen, die, nach den damals ungemein reichlich verbreiteten astrologischen Prognosen zu urteilen, ständig in Ängste über ihre Schicksale versetzt wurden durch Ankündigungen, in denen zu einem ganz erheblichen Teile gerade Kometen (die Prognosentitel sprechen fast immer von dem erschroeklichen Cometen oder ähnlich)[1] Ausgangspunkt der Unglücksprophezeihungen waren.
Schon bei den Babyloniern wurden die Kometen auch unter astrologischen Gesichtspunkten interpretiert[2]. Zu einem Kometen in der Ekliptik wird Preiserniedrigung und Aufruhr notiert. Erreicht ein Komet den Jupiter, schießt er über ihn hinweg, und verschwindet er im N. oder S., dann folgen Gedeihen der Ernte und feste Preise. Holt Merkur den Komet ein, gedeihen Korn und Sesam. Ferner beachtet man die Himmelsrichtung, die der Komet nimmt. Verschwindet er nach N. aufwärts, tritt auf der Erde Frost ein, ist er mit dem Kopf gen Himmel gerichtet, bringt er in diesem Jahre Regen, weist sein Kopf aber zur Erde, tritt Hochflut ein; beide Weissagungen sind für Babylon günstig. Auch die Farbe ist wichtig: ein feuriger Komet bringt zerstörenden Regen, ein feuriger Komet, in dem drei sichtbare Sterne stehen, läßt auf Pest schließen. Griechische Überlieferung verschiedener Astrologen über die Kometen bei den Babyloniern läßt erkennen, daß es um das 4. Jahrhundert v. Chr. in Babylonien Systeme der astrologischen Kometenmantik gibt, die vielleicht auf die spätägyptische Astrologie des Nechepso-Petosiris (so Gundel), sicher auf die astrologische Interpretation der Kometenerscheinungen bei den Griechen eingewirkt haben[3].
Wie in der Horoskopie werden auch in der astrologisch bestimmten Kometenmantik die für die arabische wie mittelalterlichrenaissancische und nachrenaissancische Astrologie maßgebenden Grundlagen im Hellenismus gelegt. Wir fassen zur Orientierung in einem kurzen Bericht zusammen, was W. Gundel (bei Pauly-Wissowa) aus der antiken Überlieferung ermittelt hat[4]:
So wenig wie in der Antike in den Fragen der Horoskopie ein Vorgehen nach einem einheitlichen System erreicht worden ist (s. Horoskopie Sp. 373), so wenig in der Ausdeutung der Kometenerscheinungen. Gleich in der Stellungnahme zu einem von Kometen angekündigten Ereignis war man sich nicht klar: die einen nahmen an, daß Kometen nur Böses verkünden könnten, während andere Astrologen die Kometen in gute und böse teilten[5]. Wenn die Kometen als von den Planeten erzeugt angenommen werden oder je ein Komet einem Planeten zugewiesen erscheint, dann muß man entsprechend den Planeten (s.d.) auch die Kometen in gute und böse teilen (s. a. Horoskopie Sp. 364). Demnach sind Jupiter- und Venusk.en gute, Mars- und Saturnk.en unglückliche Boten; Merkur scheidet aus[6]. Die Zuweisung bestimmter Kometen zu den einzelnen Planeten geschah nach ihrer Farbe und Form[7]. Die diesbezüglichen naturwissenschaftlichen Forschungen der griechischen Philosophie sind auf die Astrologie von weitreichendem Einfluß gewesen[8]. Die Astrologen legten Listen an, in denen nach den genannten Prinzipien die Zuweisung vorgenommen wurde; aus diesen als wissenschaftlich zu bezeichnenden Arbeiten wurden dann für den Volksgebrauch einfache Tabellen mit Prognosen excerpiert[9].
Ein anderes System faßt die Kometen nur als Unglückskünder auf. Die Art des Unglücks gewinnt man aus der Beobachtung des Planeten, der vom Schweife des Kometen getroffen wird. Der Komet erscheint als selbständiger Himmelskörper[10]. Die Folgen werden unkompliziert ermittelt. Aspekt zu Jupiter kündet Aufruhr am Königshof, zu Venus Tod der Frauen, insbesondere der Königinnen an. Marsaspekt hat Krankheit und Tod unter den Kriegsleuten im Gefolge, Saturnaspekt Verderben der Früchte und Hungersnot, Merkuraspekt deutet auf Vertragsbruch und Verleumdungen[11]. Sonne und Mond scheiden aus, da der Komet sie nicht „überleuchten“[12] kann.
Um die Weltgegend zu ermitteln, die im Gefolge der Kometenerscheinung heimgesucht wird, beobachtet man Bahn und Erscheinungsort am Himmel und bestimmt, welcher Komet erschienen ist[13]. Nicht jeder Komet verkündet an jeder Stelle des Himmels dasselbe. Daneben existiert freilich auch noch ein einfacheres System, nach dem ein Komet im Osten Asien, ein solcher im Westen Europa bedroht[14]. Andere wieder sind mit rein meteorologischer Auswertung der Erscheinung nach der Himmelsrichtung zufrieden. Im Norden verkündet ein Komet Trockenheit, im Süden Stürme, im Osten Hungersnot, im Westen gute Ernte[15]. Astrologischer gedacht ist die Forderung der Berücksichtigung der Sternbilder, durch die der Komet seinen Lauf nimmt. Von den nur wenigen Nachrichten seien genannt: ein Komet in der nördlichen Krone bringt den Persern Aufruhr, im Kopf einer der Schlangen Giftmord, der Komet Hippius im Bootes Frost, Stürme und äußere Feinde[16]. Bei den beiden zuletzt erwähnten Kombinationen wird die Deutung aus den Praesagien der Astrologen zu den Sternbildern gewonnen, die sich ihrerseits aus dem Katasterismus oder den zu den Zeiten ihres Aufgangs und Untergangs gemachten Witterungsbeobachtungen (s. Sternbilder) ergeben[17]. Ebenfalls wurden Kometen im Tierkreis auf ihre Wechselwirkungen hin untersucht: Listen fehlen indes. Ein Hephaistionzitat notiert zu einer Kometenerscheinung in den Fischen Morde in Syrien und Ägypten und kündet sonstige Übel für diese Länder, z.B. lange Zeiten des Aufruhrs; mit nach Norden gerichtetem Schweif ergeben sich bei Stellung des Kometen im Schützen Kummer und Mißernte an Baumfrüchten[18]. Fordert man die Berücksichtigung der gesamten, hier einzeln vorgeführten Ausdeutungswege, so erhält man die Methode der Kometeninterpretation, nach der die wissenschaftliche Astrologie des Ptolemaios vorging[19]. Seine Vorschriften decken sich mit denen, die die Astrologie auch bei der Deutung etwa des Sirius und der Finsternisse (s.d.) anzuwenden pflegte; wegen der ungeheuren Nachwirkung des Ptolemaios sei einiges von seinen Vorschlägen wörtlich zitiert: „Acht gegeben werden muß für die Betrachtung der allgemeinen Verhältnisse auch auf die zu Körpern verdichteten Erscheinungen der Kometen, sowohl wenn sie bei Finsternissen als auch sonst zu irgendeiner beliebigen Zeit aufleuchten, so auf die sogenannten Balken- oder Trompeten- oder Faßk.en oder wie sie sonst gestaltet sein mögen. Sie nämlich vollziehen die Ereignisse, die durch Mars erzeugt werden und durch Merkur, wie Kriege, Hitzeperioden, große Unwetter und alles, was mit ihnen zusammen noch eintritt. Die Orte, denen sie ihre Ereignisse auferlegen, zeigen sie sowohl durch die Grade des Zodiaks an, in denen die Kerne selbst aufflammen, als auch durch die Neigungen des Schwanzes in Entsprechung der ganzen Form. Durch die Form der ganzen (Kometen-) Erscheinung ..... offenbaren sie dann die Art und den Gegenstand, den das Unglück treffen wird. Durch die Dauer ihres Aufflammens belehren sie uns über die zeitliche Ausdehnung der Ereignisse, durch die Stellung zur Sonne über den Beginn derselben. Denn erscheinen sie morgendlich, so geben sie schnell eintretende Ereignisse, abendlich glühend, langsamere kund“[20]. Listen solcher Interpretationen existieren, in ihnen sind alle Motive der antiken Kometenmantik erhalten. Die Quellen gestatten auch die Möglichkeit, die Entstehung dieser astrologischen Kometenmantik zu erkennen. Der meteorologische Untergrund ist babylonisches Erbe, das später mehr und mehr mit politischen Prognosen überbaut wird, in denen eine hellenistische und römische Stufe aus manchen Modifikationen der historischen Weissagungen deutlich zu machen ist[21].
Endlich führt die Beobachtung der Kometenerscheinungen in den einzelnen Monaten des Jahres zusammen mit Finsternissen zur Aufstellung von Kalendern, die den Weissagungen zugrunde gelegt werden[22]. So mögen gerade auch manche historische Notizen in anderen Listen entstanden sein. Über Beobachtung der Kometen im Horoskop liegen aus dem Altertum keine Notizen vor (doch vgl. das Ps. Ptolemäische Centiloquium Nr. 99, p. 229 in Melanchthons Ausg. der Tetrabiblos von 1553).
Auf diesen Grundlagen begann das arabische Mittelalter seine ausgedehnten, von der Renaissance und den Folgezeiten fortgesetzten Arbeiten. Wie in Art. Horoskopie (Sp. 377 f.) gezeigt wurde, waren die ersten Kommentatoren griechischer Astrologie die Araber, die auch die Kometenmantik weiterbildeten. Wir erwähnen sie hier, weil die Arbeiten der Renaissanceastrologen wiederum ohne sie nicht denkbar sind, von denen vor allem Abumasar und Haly Abenragel häufig zitiert werden[23]. Behandlung ihrer Fragestellungen ist noch nicht möglich, da bisher jede speziellere Arbeit zur arabischen Astrologie aussteht. Die antike Tradition allein mag ein Zitat aus Abumasar in einer römischen Hs. aufweisen, das die Anschauung einer Kongruenz zwischen Planetengröße und Größe des verkündeten Ereignisses vertritt und die Ansicht, daß Kometen schlechte Ereignisse nach sich ziehen, tradiert. Der Text heißt: „Er (Abumasar) erkannte, daß jeder Komet jedesmal ein schlechtes Vorzeichen ist, und daß die Kometen große Begebenheiten bewirken, und daß die Begebenheiten der Kometengröße entsprechen. Denn wenn der Komet groß ist, bewirkt er große Begebenheiten, wenn er aber klein ist, sehr geringfügige“[24].
Was im abendländischen Mittelalter über die Kometen gedacht und niedergeschrieben worden ist, gehört fast ausschließlich dem Gebiet der Mantik an (s. Abschn. II); die wenigen wissenschaftlichen Kometologien[25]), die etwa in der Zeit um 1300 entstanden sind, ahnen schon den Geist der beginnenden Renaissance, sind aber wohl Bildungsgut einzelner Geister geblieben, wenn sie auch später nicht ohne Nachwirkung waren (s. Abschn. IV).
Die antiken Versuche wissenschaftlicher Begründung der Zusammenhänge zwischen den Kometenerscheinungen und den Folgen für die Erde nahm erst die Renaissance in Italien in weitem Umfang wieder auf; die Arbeiten ihrer Hauptvertreter wie Bonattis und Cardanus' vor allem haben die hauptsächlich zwischen 1480 und 1620 blühende volkstümliche Kometenprognose beeinflußt. Statt Namen und Werke zu nennen, sei es gestattet, die Art der neuen Forschung an den Arbeiten eines Mannes ausführlich klarzulegen. Wir wählen Hieronymus Cardanus (Gerónino Cardano, 1501–1576). Dieser, Arzt und pantheistischer Naturphilosoph extrem-aristokratischer Ausschließlichkeit, bezog in seine Betrachtungen über den Zustand der irdischen Dinge auch die Astronomie und Astrologie ein, die er nach den Theorien des Seneca, Ptolemaios und der Araber studierte; so wurde er gezwungen, sich auch mit der Kometentheorie zu befassen. Ausgehend von Versuchen, das Wesen der Kometen als nicht zur Sphäre der Elemente gehöriger Gebilde zu erklären (s. weiter u. Abschn. IV), kommt er zu wesentlich spezielleren Erklärungen über die Art der Kometeneinwirkung, als sie bisher gelungen waren. Wenn auch hier die traditionellen Verkündigungen wiederholt werden, die etwa den Kometen als Künder von Krieg, Seuche und Fürstentod ansehen, so erscheint doch bei Cardanus alles in einem anderen Licht und wird in einem anderen Geist vorgetragen, insofern er den Versuch macht, die Art der Kometenwirkungen aus dem Wesen der Gestirne, ihrer Substanz möchte man fast sagen, zu verstehen und nicht zu tradieren. Seine Erklärungen zur Tetrabiblos des Ptolemaios sind ein Werk von großem Format und keine Paraphrase, wie etwa der Kommentar des Piacesen Georgius Valla[26], und wir haben ein Recht, aus ihnen wie aus einigen anderen seiner Schriften einige Stellen anzuführen.
Wichtig ist der Grundsatz, daß der Komet keine causa efficiens, sondern ein signum ist[27]. So sind die auf seine Erscheinung folgenden Ereignisse auf natürliche Ursachen (nach Cardanus auf Luftverdünnung) zurückzuführen, die gleichzeitig oder besser kurz vorher auch sein Aufleuchten bedingen. Alle „calamitates“ werden aus der Luftverdünnung erklärt, die die wahre causa sei; die Erscheinung des Kometen, der ständig vorhanden ist, kündet somit den Menschen lediglich die Luftverdünnung an, aus der sich das Unglück ergibt. Wie Cardanus sich dessen Äußerung im Leben der Natur und der Menschen erklärte, mögen seine eigenen Worte dartun: „Inde fit, ut siccessente aere maria multum agitentur tempestatibus et ventorum flatus persaepe maximi succedant et nobiles ac principes, qui curis vigiliis odoratisque cibis tum vinis potentibus siccantur, mortem oppetant. contingunt et hac causa et aquarum imminutio et piscium mors et sterilitas et legum mutationes et seditiones et regnorum subversiones. quae omnia ab immodica tenuitate ac siccitate aeris fiunt“[28]. In der Schrift de rer. var. ergänzt er diese Erklärungen, daß zuweilen auch eine große Dürre folgen würde, weil die dünne und trockene Luft, die Dämpfe, aus denen der Regen entstünde, nicht behalte: „es trocknen auch die Wind gar sehr; derhalben wann kein Regen ist, kommen auch etwann ein unfruchtbar Jahr, um der Ursach willen auch ein Sterben“, von dem der Reihe nach Fürsten, Volk und Adel ergriffen werden. Besonders interessant ist die ebenda versuchte Begründung, daß mit der Kometenerscheinung Aufruhr usw. verbunden sei. „Daher kommt es auch, daß sich die Feuchtigkeiten von wegen der subtilen Luft in Gallen verändern, daß Aufruhr und Krieg entstehn, denn was gar zu dünn ist, das ist auch trocken“[29]. Die Erklärung der Aufruhrneigung ist also physiologisch. Der Aufruhr ist eine Sache des Temperaments, dieses eine Äußerung des jeweiligen Gallenzustandes, der besonders reizbar wird, wenn die Luft verdünnt ist[30]. Hier ist deutlich, wie Cardanus den Kometen, der ja ebenfalls nur bei verdünnter Luft sichtbar wird, als ein signum kommenden Unheils auffaßt. In ähnlicher Weise flaut das Unheil mit zunehmender Luftverdickung wieder ab, womit auch die Kometenerscheinung verschwindet[31]. Kommt indessen ein zweiter Komet nach einiger Zeit in die Sicht, qui vel contraria sit natura vel vi sua aliud agendo evertat prioris decreta, so werden nur die Gefahren aufgehoben, die mit der Luftverdünnung bei der Erscheinung des ersten Kometen entstanden sind. Dasselbe ist der Fall, wenn eine Finsternis oder eine Konjunktion entgegengesetzter Natur an den dem Kometen entgegengesetzten Orten eintritt[32]. Aus solcher Methode der Untersuchung ergibt sich die Möglichkeit der seit der Renaissance versuchten, vorher unbekannten, unendlich detaillierten Kometenprognose.
Dies letzte Zitat weist auf die Annahme verschiedener Natur bei den Kometen, wie im Altertum auch angenommen wurde. Hier ist nun freilich von Cardanus auf eine natürliche Erklärung verzichtet. Die Natur der kommenden Ereignisse läßt sich spezieller deuten aus der Form, der Farbe und der Dauer der Kometenerscheinung. Wie Cardanus sich die Sympathie zwischen der Form und Farbe (letztere deutet auf planetarische Einwirkung, denn jeder Komet erscheint mit einem Planeten verbunden[33]) und den irdischen Vorgängen denkt, ob z.B. dadurch die Luft besonders qualifiziert oder der jeweilige Planet zur Einwirkung gezwungen wird, bleibt unerklärt. Dabei ist für den Interpreten der Kometenerscheinung diese Beobachtung von besonderer Wichtigkeit, denn nicht jeder Komet bringt Unheil. Ausdrücklich wird einer hervorragend weißen (exacte candidus) Kometenerscheinung Jupiternatur zugeschrieben[34], was ein Vorzeichen guter Ereignisse ist: denn so hat die Kometenerscheinung „heilbringende und fruchtbare Winde“ im Gefolge, freilich gelegentlich auch Unglück[35]. Interessant ist die Begründung dafür, daß Kometen neben Unglück auch Glück im Gefolge haben können: calamitas unius est fortuna alteri[36]; doch überwiegt das Unheil. Auch der Form nach teilt Cardanus die Kometen, von denen er im Lib. de errat. stellis a.a.O. neun aufzählt, den Planeten zu; sieben bringen Unglück; aber ‚Argentum‘ (weiße Farbe!) und ‚Rosa‘ sind günstige Zeichen. Ersterer „significat mutationem regni et vitae, quae licet bona sit“; doch offenbart sich auch bei ihm gewaltsame Umformung des Daseins, denn „fiunt cum multa perturbatione“. Dazu freilich Überfluß an Getreide und mäßiges, heilsames Klima[37]. Auch ‚Rosa‘ bezeichnet eine mutatio in melius, mit einer Sonnenfinsternis zusammen sogar „wunderbare Erfolge“.
In der Frage der Gegend, die von der Kometenerscheinung Böses zu gewärtigen hat, wird die Lehre des Ptolemaios (II 8 s.o. 102) vorgetragen. Der Erscheinungsort am Himmel entspricht den Orten der Erde[38]: „es zeiget die Spitz den Ort an, über welchen dieser Jammer kommen wird“. Die Größe des Kometen ist Anzeichen der Größe des Ereignisses, wie bei Abu-Macsar schon gelehrt wird[39]. Ebenfalls wird entsprechend die Lehre von der Dauer des Kometen interpretiert, wobei Cardanus erklärt, daß die Nachwirkung einer solchen Erscheinung sich nicht auf ein Jahr, sondern auf Jahrzehnte, ja sogar auf Jahrhunderte erstrecken würde. Dafür ein Beispiel: Der bei Christi Geburt erschienene Stern ist ein Komet gewesen, der nur darum als Stern bezeichnet worden sei, weil er sehr schön war und den Sternen ähnlich, die in der Nacht aufleuchten. Dieser Komet wurde Künder der Unruhen, die die Ausbreitung des Christentums nach sich zog: „tot exilia, tot martyres, inde regnum pacis constituendum atque salutis, cuius quidem author atque rex Christus in ipso cometae fulgore natus est, quod cometes in oriente apparuerit, verumtamen effectus ipsius, scilicet praedicatio, legis promulgatio, seditio populi, conturbatio, persecutiones, exilia, mortes, bella, regna nomine Christiano inchoata vix post triginta annos initia habuere et ad hanc usque diem perseverant“, wobei freilich wieder eine Schwierigkeit der natürlichen Erklärung sich zu ergeben scheint, insofern als unmöglich die Luftverdünnung von solcher Dauer gewesen sein kann, es sei denn, daß Cardanus annahm, daß die Kometen, die einander folgten, einander ablösten[40].
Schließlich wird ebenfalls wie in der Antike (s.o. Sp. 101) sorgfältig beachtet, mit welchen Sternbildern der Komet erscheint. Bei der Leier stehend kündet er „der Edlen und Wollüstigen Abgang“, bei der Krone „der Könige Abgang“, bei den Schlangen und dem Skorpion Pestilenz, bei den Trigona Schaden für die Weisen[41].
Auch im Horoskop läßt Cardanus den Kometen nicht außer acht, wie sich aus seinem Comment. in Ptol. a.a.O. p. 212 b (mit einem Beispiel aus Haly) ergibt. Hier ist die antike Lehre vermutlich erweitert. Darüber noch einige Angaben aus den Darlegungen eines andern Astrologen dieser Zeit, nämlich aus der Schrift ‚Adnotationes in cometis‘ des Franciscus Junctinus (*1523 zu Florenz, † 1580 zu Lyon, Karmeliter und Doktor der Theologie), die sich am Ende des 2. Bandes seines Speculum astrologiae finden (erschienen zu Lyon 1583); aus ihnen erhellt speziell diese Einbeziehung der Kometen in die Horoskopiepraxis dieser Zeit deutlicher als aus Cardanus.
Vornehmlich gilt die Beobachtung der etwaigen Stellung eines Kometen im Horoskopos (über die Bedeutung dieses Hauses vgl. Horoskopie Sp. 355): „Cometa si apparuerit in horoscopo nativitatis vel fundationum alicuius loci vel alterius radicis ..., significat mortem nati vel destructionem illius rei, cuius ascendens fuit illud signum“[42]. In gleicher Weise sind Kometen von starker Einwirkung, wenn sie im MC (vgl. Horoskopie Sp. 356) stehen, und zwar mit dem Tierkreisbild zusammen, das einem Menschen die „Dignitates“ gekündet hat (vgl. Horoskopie Sp. 356): „elevato in dignitatum periculum imminebit“[43]. Für genaue Interpretationen der Wirkung eines Kometen im Horoskop ist wie bei der Planeteninterpretation die Qualität des Tierkreiszeichens maßgebend, in dem der Komet erscheint (vgl. Horoskopie Sp. 360): „cum cometae in signis terreis fiunt, sterilitates portendunt ob siccitatem, cum in aqueis ob imbrium abundantiam et sterilitates et pestes, in areis ventos ad seditiones et pestilentiam etiam, sed non semper tamen, in igneis autem bella“[44].
Daneben ist wieder die planetarische Natur des Kometen maßgebend wie bei Cardanus: ein Komet etwa „de natura Saturni“ beschließt dem Lebewesen melancholische Krankheiten, Katarrhe, Schwindsucht, viertägiges Fieber, Epilepsien, Schlafsucht, Krebs, Lepra usw.: „kurz gesagt, chronische Krankheiten, qui sicuti longi sunt et lenti“[45], ganz der planetarischen Natur des Sterns entsprechend (vgl. Horoskopie 364 und Planeten).
Erhebt sich ein Komet über einen Planeten, so ergeben sich die Prognosen wiederum aus der Planetennatur; als Autoren solcher Prodigien nennt Junctinus Araber, vor allem Abenragel. Über dem Saturn stehend bezeichnet der Komet „infirmitates magnas et fortes“, über dem Jupiter den Tod bedeutender Leute usw.[46].
Sodann werden Beobachtungen über das Verhältnis der Wirkung zwischen Komet und Tierkreiszeichen als jeweiligem Erscheinungsort des Kometen ohne Rücksicht auf die hervorragenden Punkte im Horoskop und die planetarische Natur des Kometen für notwendig erachtet: für diese Fälle legt Junctinus Listen vor, wie sie seit der Antike für Beobachtungen der Beziehungen zwischen Planeten und Tierkreisbildern, Fixsternen und Tierkreisbildern in Gebrauch sind. Auch hier ist die Interpretation stets mit der Natur und dem vorgestellten Wesen des Zeichens übereinstimmend: „si apparuerit in signo Cancri aliqua ex stellis cometis, significabit multitudinem locustarum destruentium messes et casum vermium in frumentum et in arbores ac paucitatem frugum et multitudinem vermium in eis“[47].
Endlich ist für die Prognose der schnell oder langsam eintretenden Wirkung des Kometen seine östliche oder westliche Stellung zu beobachten[48]: steht der Komet im Osten, tritt die Wirkung schnell ein, im Westen langsam und zögernd (wie bei Ptolemaios, s.o. Sp. 103). Auch Quadratur und Trigonalaspekt zu einem der Fixsterne ist zu beachten[49].
Eine Notiz über den Saturnk.en im Horoskop der Welt (Thema mundi) sei wegen des Zusammenhangs mit verwandten antiken Ideen besonders erwähnt; die Prognose ist wie die der meisten mit Saturn[50] zusammenhängenden Prognosen übel: „dabit perniciem multorum, famem ac pestem, exilia, inopiam, angustias, luctus, terrores et brutis hominum usui aptissimis detrimenta … significat igitur tempestates adversas, nubes densas, caligines, nivium magnam vim, ventos validissimos, naufragia, piscationis iacturam etc.“[51].
Erklärungen physikalischer Natur über die Entstehung der Kometenwirkungen treten bei Junctinus gegenüber den Tatsachen der Wirkung ganz zurück. Dagegen ist gegenüber Cardanus ein anderes Moment in der Diskussion über das Wesen der Kometen wahrzunehmen: Für Junctinus sind die Kometen Zeichen der göttlichen Regierung in der Welt. Mit dieser Vorstellung wird Junctinus zu der These geführt, daß die Erscheinung der Kometen am Himmel nicht auf Zufälligkeiten beruht[52]. Kometenverachtung ist demnach nicht nur Zeichen der Unkultur (barbaries), sondern nimmt auch jede Frömmigkeit: „sind doch die Kometen Zeichen (signa), die richtigen und frommen Meinungen über Gott in uns zu befestigen, so daß wir urteilen, daß es sich um Zeichen handelt, die von der Gottheit eingesetzt sind, bestimmt, die Menschen zu mahnen, von Gott Hilfe zu erflehen“[53]. Die Idee des Kometen als göttlichen Zeichens, zur Erscheinung gebracht, um die Menschen zur Buße aufzurufen, dürfte bei Junctinus aus der allgemein verbreiteten Volksansicht über die Bedeutung der Kometen stammen, die seit dem 14. Jahrhundert im Abendland, vor allem in Deutschland, umgeht (s.u. Abschn. IV). Wie Melanchthon die Bedeutung der Astrologie dahingehend umschrieb, daß sie dem Menschen die Erforschung von Gottes Willen und die Buße ermögliche, also ein Weg zum wahren Christentum sei, so auch bei Junctinus: Abbitte verhütet die bösen Einwirkungen[54]. Der Komet steigert die Gottgläubigkeit: Solent cometae futurorum malorum magna ex parte … praenuntii, sequentibus annis vaticinari horrenda, ut admoneantur pii Deum precibus flectere, quo in dignationem suam avertat[55]. Indessen sei abschließend bemerkt, daß auch nach der Kometenlehre des Junctinus manche Kometen gute Wirkungen im Gefolge haben[56].
Den Gedankengängen des Cardanus verwandt hat in der Neuzeit Kepler sich über Unglücksfälle und ihre Entstehung in Verbindung mit einer Kometenerscheinung geäußert[57]. „Wenn etwas Seltsames entweder von starken Konstellationen oder von neuen Bartsternen am Himmel entstehet, so empfindet solches und entsetzet sich gleichsam darob die ganze Natur und alle lebhaften Kräfte der natürlichen Dinge. Diese Sympathie mit dem Himmel gehet sonderlich diejenige lebhafte Kraft an, so in der Erden stecket und deren innerliche Werke regiert, davon sie gleichsam entsetzet, an einem Ort, nach dessen Qualität, viel feuchte Dämpfe auftreibet und herfürschwitzet, daraus langwieriger Regen und Gewässer und damit, weil wir aus der Luft leben, allgemeine Landseuchen, Hauptwehe, Schwindel, Catarrh (wie Anno 1582), auch gar die Pestilenz (wie Anno 1596) entstehet“. Durch eine erhitzende Einwirkung des Kometen auf die Kraft des Erdbodens werden im Innern der Erde dürre Dämpfe erzeugt und pulverisierte Stellen, die schließlich angehen und mit Macht einen Ausgang suchen, wodurch „ein Erdbeben verursachet wird“[58]. Der Unterschied zwischen der Anschauung des Cardanus und der Keplers ist freilich der Sache nach wesentlich, insofern Kepler die Kometen als wirkend auffaßt und eine gleichsam psychische Reaktion der Erde bei der mit dem Aufleuchten des Kometen einsetzenden brennenden Wirkung annimmt, auf die auch die Gemüter der Menschen reagieren. Denn die Menschen haben nach Kepler verborgene auf den Himmel aufmerkende Kräfte, „so durch solche im Himmel von neuem einkommende Cometensterne gleichermaßen verunruhigt und bestürzet werden“, was nicht nur zu Krankheiten führe, sondern auch zu starken „Affektionen Ursach gebe“[59]. Kepler belegt die Beeinflussung des Menschen mit einem Beispiel: Der König Sebastian von Portugal habe 1577 einen zu schnell und hitzig eingeleiteten Krieg gegen die Mohren unternommen, der ihm das Leben gekostet habe. Dies Unglück sei ihm nur widerfahren, weil der Komet des Königs Natur verborgenerweise so erhitzet habe, daß er seine Ratgeber nicht hörte. Indessen lassen sich dergleichen Affektionen überwinden, wenn man die Kraft zur Einsicht aufbringe, denn solche Affektionen reizten wohl, zwängen aber nicht. Diese Reizung des menschlichen Gemüts gleichwohl ist für Kepler die Erklärung dafür, daß im Gefolge von Kometen Kriege die Menschen heimzusuchen pflegen[60]. Im übrigen unterscheiden sich seine Anschauungen über die Bedeutung der Kometen auch darin von Cardanus, daß seine Kometenlehre auf einen religiösen, dem Junctinus angenäherten Ton gestimmt ist. Dies ist also ein bisher unbekanntes Moment in der Kometologie, in deren Geschichte Junctinus und Kepler demnach einen neuen Abschnitt trotz ihrer den Renaissancegelehrten verwandten physikalischen Anschauungen einleiten. Auch bei Kepler sind die Kometen von Gott an den Himmel gestellt. Sie sollen die Menschen an ihre Sterblichkeit erinnern und verkünden, daß über kurze Zeit ein großer Teil von ihnen von „dieser Welt abgefordert werden solle“[61]. Der Komet gibt die Anzeige, daß die ganze Welt, auch der Himmel vergänglich sei, so daß die Menschen um so weniger Ursache hätten, über die Vergänglichkeit ihres Ichs sich zu beklagen, wenn sie sähen, daß auch der Himmel dieses Schicksal mit ihnen teile[62].
Hier ist der Kometenglaube Teil einer bestimmten Form christlicher Religiosität, die in einem ganz extremen Sündenbewußtsein wurzelt und vornehmlich das 16. und 17. Jahrhundert charakterisiert. Diese Auffassung des Kometen bedingt auch ein anderes, an dem gleichfalls Kepler teilhat, das massenhafte Prognostikonschreiben jener Zeit. Durch Interpretation der Kometenerscheinungen muß man in den Willen Gottes einzudringen suchen[63]. Wir führen die Prognostiken des 16. und 17. Jahrhunderts hier an, weil sie auf den wissenschaftlichen Arbeiten des Bonatti, Cardanus und anderer neben den Arbeiten der Araber fußen[64] und somit der wissenschaftlichen astrologischen Kometologie zugehören und nicht der traditionellen abergläubischen Kometenmantik. Keplers Prognostiken geben das beste Beispiel ab. Ergänzend sei zur Verdeutlichung der religiösen Stimmung auch dieser pseudowissenschaftlichen Literatur ein instruktiver Satz aus einer Kometenprognose des M. Paulus Nagelius von 1620 zitiert. Nach ihm sind die Kometen „Postboten des großen gewaltigen und erschrecklichen Gottes, des Herrn Zebaoths“, die man beachten muß, „denn die Zeit steht vor der Tür“, und „und daß deswegen gar hohe Zeit sei, vom Schlaf der Sünden aufzustehen und sich von Herzen zu dem Höchsten zu bekehren“[65]. Ähnlich ist überall in den Prognostiken dieser Zeit neben die wissenschaftliche Deutung der Wirkung die Erklärung über die Notwendigkeit der Erscheinung gestellt, versucht aus theologischen Spekulationen über den religiösen Zustand der Welt. Diese Kometenprognose ist durch ein neues, Mittelalter und Renaissance zusammenfassendes Denken charakterisiert.
In diesem Augenblick indes setzte der Einfluß des aufklärerischen Denkens ein, dessen religiöse Betrachtungen über den Zustand der Welt überzeugend Standpunkte herausstellten, denen das astrologische Denken unterlag. Die ersten Zweifel begegnen schon am Ende des 16. Jahrhunderts bei Tycho Brahe. In dem 1602 erschienenen Werke „Astronomiae restauratae progymnasmata I. de admiranda nova stella anno 1672 exorta“ (Prag 1602), das gegen die in einem Schreiben an den Landgrafen Philipp v. Hessen aus Tübingen von Philipp Apianus ausgearbeitete astrologische Ausdeutung der genannten Kometenerscheinung gerichtet ist, wird S. 543 der Satz aufgestellt: „nec tamen ea, quae post Cometarum procreationem in terris eveniunt, ab his omnia dependunt, cum procul dubio alias habeant causas“[66]. Auch in den kleinen Schriften des erwähnten Nagelius ist der Kampf aufklärerischer Geister gegen die Kometologen bereits gestreift und verdammt[67], ohne Aussicht auf Erfolg für die folgende Zeit, die diesen Wahn bei den Gebildeten erledigt. Wissenschaftliche astrologische Kometenforschung – für den unbewiesenen Aberglauben gilt dies nicht – gibt es, so weit ich sehe, von da an bis zur Gegenwart nicht mehr. Wo ihre Gedanken noch einmal begegnen, wie bei dem Franzosen François Vincent Raspail (19. Jahrh.), der, Arzt, Chemiker, Journalist und Politiker in einer Person, in einer „Meteorologie“ von Kometeneinfluß auf die Vorgänge im irdischen Leben spricht, sind sie der Tradition entnommen und wenig interessant[68]. Auch die moderne Astrologie hat im wesentlichen, nach den Handbüchern zu urteilen, Kometeninterpretation aufgegeben. Nur bei Tiede finde ich den Satz, daß auch heute noch in einem Horoskop ein Komet, namentlich in der Nähe der Spitze eines Ortes stehend, als Unheilsverkünder für die dem betreffenden Orte unterstehenden Verhältnisse angesehen werde[69]. Indes, den aus dem Mittelalter den Menschen des 15. und 16. Jahrhunderts überkommenen Volksglauben hat die Arbeit der Renaissancegelehrten, deren Ergebnisse den Prognostiken weiteste Verbreitung sicherten, vor allem in Deutschland nur gestärkt. Es sind gerade darum die genannten Jahrhunderte die Jahrhunderte gesteigerter Kometenfurcht, von der zumal bei den bestehenden religiösen Spannungen selbst ein Mann wie Luther nicht frei war. Schon in Abschn. II wurde bemerkt, daß die Aufklärung der abergläubischen Kometenangst des Volkes nicht Herr zu werden vermochte. Gerade die Astrologie machte mit ihren detaillierten Untersuchungen die Allgemeinheit der differenzierten Auslegung der Kometenerscheinungen geneigter; ihre Ergebnisse wurzelten sich im Volke tief ein und verdichteten die schon bestehenden mantischen Vorstellungen um ein Erhebliches. So scheinen auch die detaillierten Vorstellungen, die in unserer Gegenwart über die Kometeneinwirkung im Volke verbreitet sind, nicht so sehr auf die antike und mittelalterliche Kometenmantik, sondern auf die astrologischen Renaissanceforschungen zurückzugehen, nur der Untergrund dieser Angst vor der eben nicht alltäglichen, physikalisch der damaligen Zeit unerklärbaren Kometenerscheinung ist mittelalterlich-antik. Das wird sofort deutlich, wenn man die oben Abschn. I zusammengestellten modernen Glaubensvorstellungen mit den geschichtlichen Ausführungen vergleicht.
Unter den Werken der Aufklärung, die den wissenschaftlichen Kometenaberglauben ad absurdum führten, stehen zwei an erster Stelle; sie seien hier noch genannt, weil mit ihnen die moderne Erforschung „cometischer Art“, wie Paracelsus sagt, beginnt, die doch ohne die astrologischen Irrwege, die derselbe wissenschaftliche Geist der Wahrheit ging, nicht denkbar ist. Sie schließen gleichsam die Geschichte des wissenschaftlichen Kometenaberglaubens. Das erste Werk ist Stanislaus Lubienieckis monströses Theatrum cometicum. In ihm sucht der Verfasser durch Veröffentlichung von Beobachtungen der ganzen Welt über die Kometen von 1664 und 1665 deren wahres Wesen zunächst zu ergründen, um dann in einem zweiten Teile eine „Historia omnium cometarum“ zu versuchen, ausgesprochen mit der Absicht aus den geschichtlichen Überlieferungen seit den Urzeiten nachzuweisen, daß auf jede Kometenerscheinung schlechte und gute Ereignisse gefolgt sind, woraus der Schluß gezogen wird, daß ein Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen und den Kometenerscheinungen nicht vorhanden sein könne. Die Sammlung umfaßt die Beschreibung von 415 Kometen und zeugt von einer ungeheuren historischen Belesenheit ihres Verfassers und dessen Talent in der darstellerischen Bewältigung des Stoffes[70]. Die Antriebe zu dem zweiten Werk, den Pensées diverses sur une comète des französischen Aufklärers und Philosophen Pierre Bayle, liegen tiefer. Bayle macht hier den Versuch, den Kometenaberglauben, der ihm anläßlich der Erscheinung des großartigen Kometen von 1680 so mächtig vor die Augen trat – ganz Frankreich, auch die Gebildeten, war ihm anheimgegeben[71] –, aus metaphysischen Ansichten über das Wesen Gottes und seine Beziehung zur Welt als unsinnig zu erweisen. Auch bei ihm begegnet der Gedanke, daß Kometen ebenso wie das Schlechte auch das Gute bringen müßten, wenn man ihnen überhaupt einen Einfluß auf die Welt zugestehen kann, was verneint wird. Außerdem widerspricht die Existenz der Kometenmacht dem Wesen Gottes, der selbst Götzendienerei befürwortet haben würde, wenn er die Kometen als Mächte der Unglücksweissagung zugelassen hätte[72]. Mit diesen Werken war im wesentlichen die bisherige Methode der Kometeninterpretation überwunden[73], wenn auch dafür manch anderer Unsinn auftauchte, wie Chr. Gottl. Semlers These, daß auf den Kometensternen vernünftige Einwohner sich befinden möchten[74]. Doch lassen diese Theorien die Beeinflussung des Menschen durch die Kometen im wesentlichen endgültig aus dem Spiel.

  1. z.B. Jac. Heerbrand Von dem erschröcklichen Wunderzeichen (1621) (G. Stemplinger Aberglaube 29); ferner: Auslegung Peter Creutzers.... vber den erschrecklichen Cometen (1521) Abb. des Titelblatts bei Hellmann Beiträge zur Geschichte der Meteorologie 1 (1914) (= Veröff. d. Kgl. Preuß. meteorol. Inst. Nr. 273), S. 108. Weitere Titel gleichen oder ähnlichen Wortlauts findet man auf den von F. Archenhold herausgegebenen Alten Kometeneinblattdrucken (1925), vgl. Nr. 9. 14. 20 [Überschrift], Nr. 12. 15. 16 [1. Textzeile], und bei Ludendorff Die Kometenflugschriften des XVI. und XVII. Jahrhdts. in Ztschr. f. Bücherfreunde 12 (1908/09) Bd. 2 S. 505.
  2. Vgl. Gundel bei Pauly-Wissowa s. v. Kometen Sp. 1154, 28 ff. Die Zitate bei Jastrow Rel. d. Babyl. und Assyr. II 2, 696, 1.
  3. Gundel a.a.O. 1154, 67 ff. 1155, 52 ff.
  4. Ebd. 1156–1163.
  5. Ebd.
  6. Plin.an einer verlorenen Stelle, vgl. Serv. Aen. X 272.
  7. Vgl. die Liste bei Lydus de ostent. p. 31, 3 ff.
  8. Boll Sternglaube4 50. 54 u. den Art. Horoskopie Sp. 363 f.
  9. z.B. CCA VIII 174 ff., dazu vgl. Gundel bei Pauly-Wissowa Sp. 1157, 63 ff.; vgl. 1174 ff.
  10. s. Lyd. de ost. Xp. 28 ff., vgl. 31, 4: oy ta ayta de apoteloysi, kaka de pantes.
  11. So Gundel bei Pauly-Wissowa Sp. 1156, 54 ff.
  12. Lyd. p. 30, 11:perilampai, d.h. mit seinem Schweife verhüllen kann (vgl. ebd. p. 29)
  13. Stellen bei Gundel in Pauly-Wissowa Sp. 1158, 13 ff.
  14. Lydus 30, 14.
  15. Procl. in Tim. 34 A.
  16. Plin. n. h. II 93. 96; zu Komet Hippius s. Lydus de ost. p. 39, 4 ff.
  17. Vgl. Griech. Kalender herg. v. Fr. Boll 4 (= Sitzber. Heid. Akad. 1914 phil.-hist. Kl. 3. Abb.) S. 22 ff. Zum Bootes ebd. p. 27 (Aufgang des Arktur am 22. Febr. in cod. V) und V. Stegemann Astrologie und Universalgeschichte (= Stoicheia IX) 71 und Boll Sternglaube4 55 f.
  18. Heph. v. Theb. ed. Engelbrecht I 22 p. 91, 2 ff. 90, 20 f. Zur Art der Interpretation von einer Kombination eines Gestirns mit einem Tierkreisbild vgl. Boll Sternglaube 53 f.; Beispiel einer Tierkreisbildauslegung s. v. Horoskopie Sp. 360 f.
  19. Vgl. Gundel in Pauly-Wissowa Sp. 1159, 25 ff.
  20. Die Stelle Tetrabl. II 8 p. 90 Mitte ed. Melanchthon, Basel 1553.
  21. Gundel bei Pauly-Wissowa Sp. 1159, 46 ff.
  22. ebd. Sp. 1162, 19 ff.
  23. z.B. bei Cardanus im Comm. in Ptolemaei de astror. iudic. (= opera ed. Sponius Lugd. 1663 tom. V) p. 212, 6 ff.; de subtil, (op. tom. III) p. 420 a; bei Junctinus z.B. Spec. astrol. II 1128 a. u. b. 1129 a; in Prognostiken z.B. in Practica Teutsch auf das Jahr 1557 (Heidelberg Universitätsbibl. in Q 75182) cap. 1. 2.
  24. CCA V 1 150, 25 ff.
  25. z.B. die des Albertus Magnus, vgl. ausführlich über sie u. Sp. 126.
  26. Commentatio in sec. Ptol. apotelesmaton librum § 90, abgedruckt in Pruckners Ausgabe des Firmicus Maternus Basel 1583.
  27. de subtil. (= opp. III p. 420 b).
  28. ebd.; vgl. de rer. var. I 1 (= opp. III p. 2 b).
  29. Zitiert nach der alten Übersetzung von de rer. var.: Cardanus Offenbarung der Natur übers. v. Huld. Fröhlich v. Plawen (Basel 1591) S. 4 = opp. III p. 2 b.
  30. Ebd. „Daher kommt es auch, wenn sich die Flüchtigkeiten von wegen der subtilen Luffts in Gallen verändern, daß Aufruhr und Krieg entstehen: denn was gar zu dünn ist, das ist auch trocken“.
  31. de rer. var. I 1.
  32. Comm. in Ptol. de astr. iud. II textus LIV (= opp. V p. 212 a).
  33. Ebd. p. 210 b.
  34. Ebd. p. 209 a.
  35. Ebd. 210 b.
  36. lib. de septem stellis erratic. (opp. V) p. 427 b.
  37. Ebd. p. 428 a.
  38. Comm. in Ptol. p. 211 a; de rer. var. XIV 70 p. 276 b.
  39. Probl. nat. sect. I. § 7 = opp. III p. 627 b.
  40. Comm. in Ptol. 211 b.
  41. de rer. var. XIV 70 (= opp. III 276 b).
  42. Junctinus a.a.O. (vgl. Anm. 23) 1127 b.
  43. Ebd.
  44. Ebd.
  45. Ebd.
  46. 1128 b.
  47. 1129 a; die Liste reicht bis 1131 a.
  48. Ebd.
  49. 1125 b § 14. Junctinus zitiert hier den Ptol.; auf welche Stelle er sich bezieht, weiß ich nicht (auch die des Centiloquiums Nr. 99 kommt nicht in Betracht); in dem oben Sp. 102 ff. angeführten Zitat steht nichts von solchem Quadratur- und Trigonschein.
  50. V. Stegemann Astrol. und Universalgeschichte (Stoicheia IX) S. 90 ff.; Boll Sternglaube4 147 z. S. 58. Vgl. die iran. Verwendung des Thema mundi bei Junker Über die iran. Quellen der hellenistischen Aionvorstellung (= Vorträge d. Bibl. Warburg I [1921/22]) S. 165–171.
  51. 1127 b.
  52. 1124 b: cometae sunt testimonium, quo significatur, hanc totam naturam ab aliqua mente gubernari, itaque eius modi impressiones non temere fiunt in aere neque existent casu.
  53. 1126 a § 21.
  54. 1125 b.
  55. 1126 a § 21.
  56. 1126 b § 11. freilich mit Berufung auf andere Autoren.
  57. Die Astrologie des Joh. Kepler, eine Auswahl aus seinen Schriften von H.A. Strauß S. 84 (Bericht über den Cometen von 1607).
  58. Ebd.
  59. Ebd.
  60. Ebd. S. 85.
  61. Ebd. S. 86.
  62. Ebd. S. 87.
  63. So wird es in einem Prognostikum von 1620 deutlich ausgesprochen, daß alle diese Dinge dem Leser beschrieben werden, damit er sich in die Zeit schicken möge. Der ganz verstockten Welt soll geoffenbart werden, daß die Zeit sehr kurz ist und das Unglück sehr nahe und Gottes Strafe und Rute allzeit hinter ihnen her sei .... (Prognost. astrol.harmonicum .... Ausführliches Prognosticon über drey oder mehr Jahr beschrieben / von 1620 an zu rechnen etc. ...... durch M. Paulum Nagelium. Cap. III. Von Cometen).
  64. So wird Cardanus zitiert in einem Prognosticon a strologicum auf das Jahr Jesu Christi 1599 (Heidelberg Univers.-Bibl. in B 263115) cap. 1 p. 6 und cap. 4 p. 20. Einfluß der Araber Abenragel und Abu Macsar in Practica Teutsch auf das Jahr 1557 (Heid. Univ.-Bibl. in Q 75182) cap. 1. 2.
  65. Forts. der Anm. 57 zitierten Stelle.
  66. ZfVk. 27 (1917), 27 f. mit den Belegen.
  67. Complementum astrologiae und ausführliche Erklärung der fünfjährigen Prognostici. 1619 z. Hall gedruckt ...... durch M. Paulum Nagelium (Hall in Sa. 1620) verteidigt in cap. 4 den Kometenglauben gegen zwei Spötter, nämlich den Schulrektor Hebenstreit in Ulm und den Arzt Dr. Is. Habrecht in Straßburg. – Vgl. für den Fortgang dieses Streites Heß (Titel s. Anm. 59) S. 306 ff.
  68. Behandelt von G. Hellmann Beiträge zur Meteorol. (vgl. Anm. 38) Bd. 2, 291.
  69. H. Tiede Astrol. Lexikon (Astrol. Bibl. XIV) s. v. Kometen S. 164 a unten.
  70. Der entscheidende Satz p. 2 der Einltg. des II. Teils: .... toties dixi et aliquo modo probari et demonstrari, cometas non tantum mala sed et bona pronuntiare, sive haec et illa apparitionem sequi, hoc non pluribus probandum et exemplis ad oculos demonstrandum favente deo mihi proposui. – Über Verfasser und Werk orientiert am besten die Vita des St. Lubieniecki (1623–1675) in Biogr. universelle ancienne et moderne, Paris 1820, Bd. 25.
  71. Die Ausgabe des Textes in Soc. des textes français modernes VII (1). VIII (3) (Paris 1911. 1912). Bd. I behandelt Introduction VI quellenmäßig die Aufregung in Frankreich und Bayles Stellungnahme zu ihr.
  72. Vgl. Bd. I, vor allem § 9 I. Raison, § 16 II. Raison, § 17 III. Raison, § 57 VII. Raison.
  73. Vgl. z.B. die Untersuchung Christ. K. Müllers, der in seiner Tübinger Diss. von 1714 die These verfocht, daß die Kometen wohl physikalische Veränderungen hervorbrächten, aber keine bösen Zeichen seien, vgl. ZfVk. 27 (1917), 28.
  74. ZfVk. 27 (1917), 29.

Das Wesen der Kometen im Aberglauben

Die Gedanken über die Art und Weise, wie jene im Gefolge der Kometenerscheinungen beobachteten Ereignisse auf Erden eintreten, ergeben sich aus den Vorstellungen, die man sich vom Wesen der Kometen machte. Seit die griechische Wissenschaft mit der Untersuchung des Wesens der Kometen begonnen hatte, kann man im Abendland bis in das 18. und 19. Jahrhundert hinein zwei in ihrer Darstellung des Wesens der Kometen unterschiedliche Gruppen von Erklärungsversuchen wahrnehmen: eine mythologische, für die der Komet ein göttliches Wesen ist oder der wesentliche Bestandteil eines solchen, und eine wissenschaftliche, die den Kometen aus natürlichen Ursachen entstanden denkt. Für die mythische Auffassung ist das im Gefolge des Kometen wahrgenommene Unglück böse Tat jenes göttlichen Wesens, dessen Wille oder Laune entsprungen; die Wissenschaft erklärt die Folgeerscheinungen aus den natürlichen Bedingungen und Veränderungen, die mit der Kometenerscheinung verbunden sind. Im deutschen Mittelalter und der Neuzeit begegnen beide Vorstellungskreise oft miteinander gemischt; wir stellen sie aus Gründen der Übersichtlichkeit getrennt dar, ohne indessen die Gewaltsamkeit dieses Verfahrens gegenüber der wahren Situation zu bestreiten.[1]

Kometenmythologeme

Durch das ganze Mittelalter und noch in einem Teil der Neuzeit ist im Volke die Anschauung verbreitet gewesen, der Komet – das Volk kennt nur einen Kometen[2] – sei ein Drache[3] Die Seltenheit der Erscheinung erweckt im naiven Volksglauben in Verbindung mit dem Erlebnis von der Größe des Gestirns den Eindruck des Wunderbaren und Besonderen. Es ist ein Tier, größer als die anderen Himmelstiere, die man etwa in Meteoren oder Sternschnuppen verkörpert sieht. Dabei wird das Gestirn entweder selbst als das Untier gedacht oder als dessen Erscheinungsform, aus der heraustretend es hernach auf die Erde herabschießt und Unheil anrichtet. In mannigfacher Weise werden in den Kometenlisten die Drachenerscheinungen der Kometen beschrieben. Da sieht man die Gestalt eines Drachen im Feuerkreis des Kometen sichtbar werden, aus dem zwei Zungen hervorschießen; der Komet von 999 leuchtet „wie eine Fackel“ am Himmel auf und „zwitschert wie ein Blitz“[4], und nachdem diese Erscheinung vergangen ist, gewahren die Menschen eine Schlange am Himmel mit großen Köpfen und Füßen. Gelegentlich wird diese Schlange als gewunden geschildert, „welche sich bald ausstrecket, bald in Rundungen sich zusammenwand“. Bilder und Beschreibungen noch des 16. Jahrhunderts leben in denselben Vorstellungen; man ist sichtlich bemüht, durch Differenzierung der Beschreibungen der Kometenerscheinungen in Drachengestalt den Eindruck des Grausigen zu steigern. Im Jahre 1681 ist ein Mann überzeugt, daß der Komet von 1541 sich am Ende seiner Erscheinung in die Gestalt eines Drachens verwandelt habe, vor dessen Rachen die Figur eines Menschenkopfes und an dessen Schwanz eine blutige Flamme gesehen worden sei[5]. Diese Drachen sind die Verursacher des irdischen Unglücks, indem sie Erde und Mensch durch ihre tierische Kraft schädigen, sei es, daß sie blutgierig die Menschen fressen wollen oder daß sie auf die Erde herniederfahrend Bäche austrocknen, Äcker abweiden und, zum Himmel zurückfahrend, ein großes Sterben hinterlassen[6].
Eine andere auf Grund gewisser Voraussetzungen des antiken Aberglaubens bei den Kirchenschriftstellern[7] entstandene und mit der Verbreitung des Christentums nach dem Norden Europas gewanderte Vorstellung ist die des Kometen als eines der höchsten Engel Gottes[8]. Sie wird entwickelt aus der Ansicht, daß der bei Christi Geburt erschienene Stern ein Komet, und zwar ein Engel gewesen sei. Daneben findet sich auch die Anschauung, daß der Komet der Satan sei; hier waltet wieder der Glaube an das Schreckliche vor, das Kometenerscheinungen zeitigen: der Satan ist ja imstande, Sturm, Blitz und Erdbeben hervorzubringen.
Ganz anderer Art ist die ebenfalls sporadisch schon in der Antike wahrnehmbare Anschauung vom Kometen als Boten der Gottheit. In diesem Falle ist der Komet nicht ein nach eigenen Entschließungen handelndes göttliches oder dämonisches Wesen, sondern eine Kundgebung des höchsten Gottes, dem allein die Macht über das ganze Weltgeschehen zukommt. Die im Komet (?) der Ilias[9] schon begegnende Vorstellung, daß der Komet ein Wunderzeichen ist, bestimmt, den Griechen und Trojanern ein schweres Ereignis zu künden, wird (freilich wohl nach einer von der Ilias unabhängigen Überlieferung) von den christlichen Schriftstellern ebenfalls tradiert[10]. Nach ihnen ist der Komet ein Stern, den Gott jedesmal neu erschafft, um den Menschen schwere Ereignisse zu melden. Die Kometen haben keinerlei Gemeinschaft mit den andern bei der Erschaffung der Welt verfertigten Himmelsgestirnen. Auch diese Idee tritt uns in den Kometenschriften des 16. und 17. Jahrhunderts in immer neuen Variationen entgegen, die weit über die ursprüngliche Einfachheit der Idee hinausgehen. Wir sahen (o. Sp. 112 f.), daß sie auch bei wissenschaftlich eingestellten Menschen wie Kepler ernstlich erwogen wird, wenngleich Kepler sich von dem reinen Aberglauben darin entfernt, daß er die Wirkung der Erscheinung hernach naturwissenschaftlich zu begreifen versucht, während die meisten Praktikenschreiber, die denselben Grundgedanken in ihren Schriften propagieren, sich mit der Aufzeigung der Wirkung begnügen und diese demnach auf Gott als Ursache zurückzuführen scheinen. Für die Menschen, die diese Ansicht vertreten, sind Gottes Regungen die Ursache des Kometen. Sein Zorn gegen die Menschen über deren Sünden veranlaßt ihn, den Kometen zu senden zur Offenbarung dessen, daß „Er noch lebe, daß Er noch über uns sei und daß Er noch alles sehe, was die machen, die auf dem Erdboden wohnen“[11]. Aus der Form, die Gott den Kometen gibt, entsteht die Vorstellung der Zornrute und Zornflamme oder -fackel (auch Gottesrute, Gottes brennender Besen, Christrute, Himmelsrute, Racheschwert genannt[12]); aus der Aufgabe, die Menschen auf ihre furchtbaren Sünden aufmerksam zu machen, um sie zur Buße aufzurufen – daß Gott in seinem Zorn doch gnädig sein will, ist ebenfalls in all diesen Kometenprognostiken stereotype Wendung[13] –, entwickelt sich die Kometenbezeichnung Bote Gottes, Himmelsprophet, Herold Gottes, Postbote Gottes und ähnliche Benennungen[14]. Die Macht dieses Gesandten des Herrn („himmlischer Ambassadeur“) schildert eine Schrift von 1681: „Ist Gott gerecht, so müssen auf große Sünden große Strafen einbrechen. Man mag ihn nicht länger anhören, wenn er mit freundlichen Lippen predigt, darum muß er Kometen, Pest und Cartaunen zu Predigern beruffen und mit einer so feurig-langen Zungen Rache, Blut und Tod über die Gott vergessende Welt ausschreyen“[15].
Ob man auch in dieser Deutung den Kometen als Engel oder als ein bloßes Feuer aufzufassen habe, war im Christentum lange Zeit hindurch eine ungelöste Frage. Die Gestalt des Kometen ließ sich äußerlich nicht mit der traditionellen anthropomorphen der Engel vereinigen. So entstand die Vorstellung, daß der Komet ein Feuer sei, das ein Engel auf Befehl Gottes entzünden müsse und an den von Gott angewiesenen Platz zu stellen habe, eine Auffassung, die die mittelalterliche Idee von den Sternen als von Engeln getragenen Flammenzeichen nahelegte, und die auch im Volksglauben vieler anderer Völker ihre Entsprechung findet. Dabei ist eigentümlich, daß die Kometenengel an ihre Sterne gefesselt sind und erst mit dem Jüngsten Gericht die Erlösung finden. Die im 16. Jahrhundert gelegentlich erwähnte Auffassung, daß Kometen auch Gutes bringen könnten, wird nunmehr so aufgefangen, daß gute Kometen von guten Engeln, schlechte von Teufeln getragen werden[16]. Indessen geht neben dieser Auffassung vom Wesen der Kometen eine andere, materielle her: Gott, der im Himmel wohnt als seinem Hause, schaut durch verborgene Fenster auf die Erde und sieht der Menschheit Sünde. Um sie zu warnen, zündet er eine blutigrote Fackel am Himmelsfenster an[17]. Diese steckt oben am Himmelsfenster fest und hängt fahnenartig aus dem inneren Gottesraum heraus. Die Materie, aus denen Gott diese Lichter bildet, existiert seit der Schöpfung, sie ist der Urmaterie entnommen, derselben, aus der die anderen Gestirne gebildet sind. In einer Schatzkammer werden diese Sterne aufgehoben, zu gegebener Zeit hervorgeholt und brennend aus dem Himmelsbau drohend herausgesteckt, um, wenn sie lange genug gebrannt haben, wieder eingeholt und bis zur nächsten Verwendung in jener Vorratskammer aufgehoben zu werden. Auch die Idee der jedesmaligen Neuschöpfung der Kometen durch Gott blieb nicht unwidersprochen. Wissenschaftliche Untersuchungen hatten schon im Altertum darzutun versucht, daß die Kometen aus derselben Materie bestünden wie die übrigen Sterne. Unter Einwirkung dieser Lehren[18] mag die Idee entstanden sein, daß Gott auch die Kometen schon am ersten Schöpfungstag erschaffen habe; sie unterscheiden sich von den übrigen Himmelslichtern nur dadurch, daß sie im Himmel aufbewahrt werden, um im Augenblick höchster Notwendigkeit in der unteren Welt abgebrannt zu werden. Andere waren geradezu der Ansicht, daß nach der Erschaffung die Kometen dazu prädestiniert seien, von selbst zu gewissen Zeiten zu erscheinen, indem sie, die sonst dunkel unter den Sternen umherliefen, nach Gottes Willen dann aufleuchteten. Hier scheinen antike Lehren eingewirkt zu haben vgl. 175).
Die Auffassung des Kometen als einer von Gott geschaffenen Fackel dürfte ihre Entstehung der materialistischen Erklärung vom Wesen des Kometen verdanken. Schon in der Antike waren Lehren verbreitet, nach denen Kometenerscheinung nichts anderes war als ein auf Grund natürlicher Ursachen am Himmel brennendes Feuer, das aufhört zu leuchten, wenn der Brennstoff aufgezehrt ist (s.u.). Von dieser Auffassung rühren sicher die Bezeichnungen Fackel, Lampe, Kerze und ähnliche her. Das Christentum verband dann diese Vorstellung mit Gottes Schöpfermacht, was zu den beschriebenen Ansichten über das Wesen des Kometen führte, die sich neben der anderen von den Kometen als selbständigen göttlichen Wesen behauptet mindestens bis ins 18. Jahrhundert hinein. Wieweit heute noch solche Vorstellungen verbreitet sind, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wissenschaftliche Erklärungsversuche

Die Vorstellungen des mittelalterlichen deutschen Volksglaubens und damit auch der Kirchenlehrer wurden mit dem erwachenden wissenschaftlichen Bewußtsein, das die natürliche Ursache der Erscheinungen erkennen will, bezweifelt. Seit dem 13. Jahrhundert werden im Abendland Versuche gemacht, über das Wesen der Kometen Näheres zu erfahren. Diese Versuche fußen auf den wissenschaftlichen Voraussetzungen, die die Araber auf Grund der Kometentheorie des Aristoteles geschaffen haben, und auf Aristoteles selber. Es ist also nötig, auf diese Theorien kurz einzugehen. In seiner Meteorologie setzt Aristoteles über das Wesen des Kometen folgendes auseinander[19]: Man muß annehmen, daß in der Luft über der Erde trockene und heiße Ausdünstungen sich ansammeln, die von der Erde aufsteigen. Diese Dunstmassen geraten in die Wirbelbewegung des Kosmos, die sie mit um die Erde herumführt. Hat dieser Luftzunder eine bestimmte (eykratos) Mischung und fällt auf ihn ein Feuerfunken, so entzündet sich das Gemisch und brennt ab. Steigen von der Erde weiterhin Dünste der beschriebenen Art auf, dann hält das Brennen an und es entsteht ein Komet; seine Form entspricht der Form der Ausdünstungsfläche. Aristoteles scheidet dabei zwischen dem auf allen Seiten gleichen Kometen, den er komnths nennt, und dem pogonias (Bartkometen), bei dem die Ausdünstung in die Länge gezogen ist. Dabei gibt es sublunarische Kometen, die von selbst entstehen, und supralunarische, die mit einem Planeten oder Fixstern zusammen erscheinen, den sie gleichsam hofartig umgeben. Die Hitze der Ausdünstungen trocknet die Luft und absorbiert die Feuchtigkeit, so daß kein Regen entsteht; Häufigkeit der Kometen bewirkt also große Trockenheit, verbunden mit vielem Wind, und umgekehrt. Die Kometen erscheinen meist am Pol und am Äquator; ihre Seltenheit im Tierkreis erklärt Aristoteles mit der Aufzehrung der heißen Dünste durch die Sonne.
Über die arabischen Kometentheorien müssen wir uns vorläufig noch bei Albertus Magnus orientieren; sie sind von ihm behandelt im I. Buch der Schrift De Meteoris[20]. Albertus selbst steht zu diesen Theorien sehr positiv[21]. Er zitiert Avincenna, Al-Gazali, Omar(?) und Abu Macsar, die er als Zeugen seiner eigenen, freilich nicht originalen, da ganz aristotelisierenden Ansicht anführt. Nach Avincenna besteht der Komet aus langsam dahinziehendem brennendem Rauch, der, da er sich schnell herumwendet, eine Zeitlang mit dem Feuer herumgerissen wird[22]. Und Al-Gazali erklärt, daß das Feuer, wenn es auf den Rauch Einfluß gewonnen hat, diesen von seiner Schwärze reinige, worauf sich der ganze Rauch in Feuer verwandle. Dabei könne nur eines eintreten: entweder werde der Rauch feurig oder es entstehe reines Feuer. Ist der Rauch langsam dahinkriechend, kann er auch in Flammen aufgehen. Aber da er sich nicht schnell wendet, bleibt er eine Zeitlang und erscheint dann als Komet. Er hat in jedem Fall an der Bewegung des Himmels teil. Denn da die Feuerteile den Höhlungen des Himmels entsprechen, werden sie mit herumgerissen infolge der engen Verbindung. Indem nun dieser Dunst mit dem Himmel herumgeschleudert wird, nimmt er drei Gestalten an: entweder ist er eine Flamme oder aber dickschwarz und brennt wie eine Kohle: dieser Komet erscheint rot. Die dritte Erscheinung ist dampfig; infolge zu großer Dichtigkeit der Materie erlischt das Feuer, und nur eine Raucherscheinung bleibt übrig. Dem Auge ist diese Erscheinung deutlich als schwarze Löcher am Himmel, die von der Bevölkerung „Himmelsdurchlöcherung“ genannt werde[23]. Dazu bemerkt dann Omar(?)[24], daß die Drehung des brennenden Dunstes in der unteren Sphäre Beweis für die Feuerdrehung (also des Äthers) sei. Diese Bewegung ergebe sich als von der natürlichen des Sternenhimmels unabhängig; aber auch die Kometen würden, da Sterne aus dem brennendem Rauch, meist in der Abenddämmerung erscheinen, woraus ihre Sternenähnlichkeit, nicht Sternenidentität hervorgehe[25].
Albertus' eigene Stellungnahme zu diesem Problem ist nicht nur durch die ausdrückliche Billigung dieser Ideen gekennzeichnet[26], sondern auch dadurch, daß er mit ihnen die „unwissenschaftlichen“ des christlichen Schriftstellers Johannes Damascenus widerlegt (ebenfalls die „falschen“ der alten griechischen Naturphilosophen und Senecas[27]). Aus den stolzen Einleitungsworten des 5. Kap. vom 3. Traktat des 1. Buches der Meteora spricht das Bewußtsein des Forschers, der mit den auch bei Gebildeten herrschenden Meinungen des Aberglaubens abrechnet – interessant, weil hier zum ersten Male im deutschen Sprachgebiet die auf den Kometen sich beziehenden Ansichten der Kirche angegriffen werden, ein Angriff, der freilich sehr spät erst wiederholt wird[28]. Vorläufig scheint freilich der einzige Erfolg dieser Untersuchungen zu sein, daß man die Kometenwirkungen nicht mehr von Gott abhängig sein läßt, sondern aus natürlichen Ursachen abzuleiten unternimmt. In den Worten „his omnibus falsitatibus exclusis … dabimus veram sententiam de comete“[29] kündet sich trotzdem das erwachende wissenschaftliche Bewußtsein der Renaissance an, das den Menschen in der Moderne zum Kenner und Beherrscher aller Ursachen und Wirkungen in der Welt machen sollte, erhebend in dem Gefühl der Sicherheit und niederschmetternd in der Erkenntnis von den verheerenden Folgen, die sich ergeben aus der damit notwendigen Zerstörung der einfachsten metaphysischen Bindungen, die dem Volk in dem zumal durch die Kirche geheiligten Aberglauben lebendig waren, der sich zum guten Teil vor allem an die Sterne band. In ihm wurde trotz falscher Einzelvorstellungen ein Gefühl metaphysisch gebundener Verantwortung für das eigene Tun wachgehalten, was heute ins Schwinden gekommen zu sein scheint[30].
Albertus erklärt den Kometen fast wie Aristoteles als dichte irdische Ausdünstung, deren Teile fest aneinanderliegen und die von dem unteren Teil der Wärmeregion allmählich zu ihrem oberen emporsteigt, wo sie die in konkaver Form über der Zone des Aër gelagerte Feuerzone berührt, sich ihr entlang verteilt (wohl weil sie an diese gleichsam wie an eine Decke anstößt) und entzündet. Den Unterschied in der Leuchtkraft des Sterns und des Schweifes erklärt er aus der größeren Dichtigkeit der irdischen Ausdünstungen an bestimmten Stellen; die Dauer der Erscheinung ist abhängig von der Dauer der Ausdünstung, deren Ansammlung als ein „thesaurus“ (Kraftquelle) bezeichnet wird. Diese Erklärung hat die merkwürdige Definition des Lichtes als brennender Ausdünstung zur Grundlage; weil der Komet eine Lichterscheinung ist, muß auch er aus entzündetem Rauch bestehen[31].
Aristoteles ist hier als Ausgangspunkt überall zu erkennen; auch bei dem anderen Naturtheoretiker des Mittelalters, Konrad von Megenberg, wird man die fast kanonische Stellung seiner Meteorologie gewahr. Der Zusammenhang mit den Ideen des Albertus Magnus erklärt sich aber auch daher, daß Megenberg auf den Arbeiten des Thomas Cantimpratensis (schrieb ca. 1230–1244 ein Buch de natura rerum) fußt, der ein Schüler des Albertus war[32]. Megenberg bezeichnet den Kometen als eine Flamme oder ein Feuer, das im obersten Luftreiche brennt. Nach ihm zieht die Sonne irdischen Dunst aus der Erde und wässrigen aus dem Wasser; beide Arten von Dunst steigen in die Luft auf, weil sie dieselbe Leichtigkeit haben. „Ist der Dunst reichlich vorhanden, so wird die Flamme groß, und wenn gleichzeitig von der Erde aus viel Materie nachströmt, so dauert die Flamme lange und erscheint uns in der Nacht als ein am Himmel stehender Stern“. Von der Flamme selbst gehen Funken aus; der Komet verbreitert sich nach dem Teil der Erde büschelförmig, woher ihm der ihn unterhaltende Dunst zuströmt[33]. Der von Aristoteles behauptete Zusammenhang zwischen Kometen und Planeten wird ausdrücklich bestritten und mit Aristoteles selbst widerlegt. Bei Megenberg werden die als selbstverständlich eintretenden Folgen der Kometenerscheinung ebenfalls natürlich erklärt. Die Frage, wieso der Stern Streit und Blutvergießen bedeute, beantwortet er folgendermaßen: „Zu Zeiten entzieht die Kraft der Gestirne den Menschen die Lebensgeister und läßt das leichte Blut aus dem Menschen ausdünsten. Wenn aber ein Mensch trocken und hitzig ist, neigt er zum Zorn und Streit. Beweis: Leute hitziger Gemütsart werden, wenn sie fasten, unmutig und zornig“. Die aus dem letzten Satz erhellende halb wissenschaftliche, halb fabulierende Betrachtungsmethode offenbart auch die weitere Erklärung zu der gelehrten Behauptung, der Stern zeige den Tod der Fürsten mehr an als den der armen Leute. Das kommt nämlich nach Megenberg daher, daß die Fürsten einen größeren Namen haben und ihr Tod weiter durch die Lande schalle[34] Die mit dem Kometen von 1337 verbundene Heuschreckenplage in Süddeutschland ist nach ihm so entstanden, daß die Kraft der (sic!) Gestirne das wüste Land in Preußen (der Kopf des Kometen stand beim großen Bären, der Schweif war Deutschland zugekehrt) und an einigen Stellen in Ungarn, wo Sümpfe und Moor sich befanden, seiner feineren Flüssigkeit beraubte und die groben Bestandteile zurückließ. Aus diesen sei eine Feuchtigkeit oder ein Samen entstanden, der jene Heuschrecken hervorgehen ließ[35].
Eine Einwirkung solcher gelehrter Diskussion auf weitere Kreise der Gebildeten, wie sie in der Renaissance und der Neuzeit allgemein wird, ist in dieser Zeit nicht festzustellen, wo man ihr aber begegnet, zeigt sich, daß man den Erklärungsversuchen des großen und schrecklichen Phänomens großes Interesse entgegengebracht hat. So liest man bei dem Spruchdichter Meister Boppe (tätig von 1275–1287) im Anschluß an Albertus, der Komet sei kein Stern, sondern entzündeter Dunst[36]. Eine Kemptener Chronik, die freilich erst 1506 geschrieben ist, betont ausdrücklich an einer Stelle, an der von Kometen die Rede sein soll, daß man zur Erklärung des Phänomens Aristoteles' Meteorologie nachschlagen solle; die Chronik sei nicht der Ort für eine Diskussion, ob der Komet als Planet oder Stern aufgefaßt werden müsse, was er seiner Natur nach sei, woher er entstehe und „wie es ein wesen umbin hab mit seinen umbständen“[37]. Es ist nicht undenkbar, daß in Chroniken des eigentlichen Mittelalters sich verwandte Diskussion finden läßt.
Aus den vielen Ansichten der Renaissanceastrologen heben wir wieder die Ideen des Cardanus heraus, über dessen Methode und Bewußtsein oben (Sp. 104 f.) gesprochen wurde, wo von den seit der Renaissance üblich werdenden Differenzierungen in der Interpretation der Kometenerscheinungen die Rede war. Da ebenda an einer Aufzählung an sich nichts gelegen sein konnte, mußte daselbst schon, diesen Ausführungen vorgreifend, dargestellt werden, wie jene Differenzierungen entstanden. In seinen Ansichten über das Zustandekommen der Wirkungen der Kometen berührt sich Cardanus, wenn seine Sprache auch viel klarer ist, mit den Ideen des Megenberg, was an der gemeinsamen antiken Grundlage liegt, der vor allem die physiologischen Erklärungen verdankt werden. In der Ansicht über die Natur der Kometen geht Cardanus indessen seine eigenen Wege; die Abweichungen von den bisherigen Anschauungen, auch von Aristoteles, sind erheblich. Seine Ansichten berühren sich weitgehend mit den so wenig gewürdigten Senecas, für den vor allem die Körperhaftigkeit der Kometen feststand (quaest. nat. VII 22 ff., dazu Gundel bei Pauly-Wissowa s. v. Kometen, Sp. 1172 f.). Denn auch nach Cardanus ist der Komet ein Körper am Himmel, der keinesfalls der elementaren Sphäre der sublunaren Zone angehören kann[38]. Sein Aufleuchten erfolgt entweder in den Sonnenstrahlen, wobei Bart und Schwanz von hindurchdringenden Strahlen hervorgerufen werden, oder aber, was wahrscheinlicher ist, der Stern erscheint, wenn die Luft austrocknet und die Sicht freigibt[39]. Es steht Cardanus, wie erwähnt, fest, daß die Kometen bei heiterem Himmel sichtbar werden[40]. Die Dunsttheorie wird ausdrücklich bestritten, denn im Äther gebe es keine Materie, die sich entzünden lasse[41]. Die aristotelische Drehungstheorie wird ebenfalls abgelehnt, da manche Kometen bei uns drei Monate lang an derselben Stelle sichtbar gewesen seien; so viel Materie sei nicht vorhanden, daß sie drei Monate an ein und derselben Stelle brennen könne, da eine Flamme nur existiere, wenn immer neue Materie ihr zugeführt werde; Materie aber gebe es im Äther selbst nicht[42]. Vgl. auch Junctinus, Tycho Brahe, Gemma und Apianus[43], die, ebenfalls von antiken Voraussetzungen ausgehend, immer wieder das Problem zu lösen unternahmen (übrigens auch noch Hevelius[44]); sie alle hier zu behandeln, geht nicht an, da es sich hier nur um Darlegung der prinzipiellen Betrachtungsmethoden handeln kann[45].
Eine besondere, freilich ohne Nachhall gebliebene Erklärung fand der mit Cardanus gleichzeitige Paracelsus. Seine religiöse Haltung läßt ihn sich insofern an die früheren christlichen Erklärungen anschließen, als nach ihm die Kometen neugeborene Sterne sind, die nicht „in der ersten Schöpfung fürgenommen sind, sondern die Gott selbst aufstellt, Als der Stern Christi“ usw.[46]. Freilich scheint diese Aufstellung einmalig; hernach war die Erscheinung praedestiniert. Sie denkt sich Paracelsus nicht materiell, sondern lebend als „ein Compositum von Geistern“[47]. Ihre Entstehung erklärt er aus dem Wunsch der Dämonen, die unseres Glückes Zukunft, Unglück, Tod, Sterben, Krieg und Teuerung wüßten, uns solches drohende Unheil zu eröffnen: „so formieren sie einen Stern, den sie aus dem Himmel nehmen und machen aus ihm ein Figur und ein Gestalt, die fremd und seltsam ist anzusehen und führt den in Lüften den Weg, hoch oder nieder“, über oder unter dem Monde, je nach der Absicht, die die Geister kundgeben wollen. Als Fata des Menschen – jeder Stand, Herren, Geistliche usw. hat seine Geister, die sein Fatum ausmachen[48] – verkehren sie mit begnadeten Sterblichen, den Magiern; der Geist wird in ihnen mächtig, so daß die Magier aus dem Kometen nicht dem Inhalt nach allgemein die Zukunft bestimmen können, sondern auch den Menschen, den das Unglück ereilen wird. Auch gibt es Kometen, die von mehreren Geistern erschaffen worden sind; deren Macht reicht weiter, ihr Stand ist höher, ihr Aussehen schrecklicher. Einen Kometen als Boten eines Ereignisses, das die ganze Welt betrifft, müssen alle Geister schaffen, so wie der Stern Christi als Künder des Heilands der Welt von allen Geistern erschaffen worden ist[49].
Von Keplers Kometentheorie war ebenfalls schon in Abschnitt III die Rede, aber seine Ideen von den von Gott an den Himmel gestellten Gestirnen schließen ihn nicht aus der Reihe der wissenschaftlichen Kometentheoretiker aus. Ist er in seiner Ansicht über das Zustandekommen der Wirkungen der Kometen dem Cardanus verwandt, in der Inbeziehungsetzung der Erscheinung zu Gottes Willensübermittlung und Mahnung an die Menschen zur Buße Kind seiner religiös so sehr gespannten Zeit[50], so hat er mit seiner Kometentheorie doch bereits der Moderne vorgearbeitet, deren Forscher in seinem (und Newton's) Gefolge, freilich erst sehr viel später im 19. Jahrhundert, ernstlicher der Frage der physikalischen Beschaffenheit der Kometen nachzugehen begannen. Für den Historiker des Aberglaubens ist Kepler der letzte, dessen wissenschaftliche Erklärung hierher gehört, da von Newton an die Aufklärung siegt und der Zusammenhang von Kometenerscheinung und -wirkung für die Wissenschaft wegfällt. Kepler äußert den Gedanken, daß „himlische, vberall durchgängige … Lufft“ die Kometen aus ihr selber zu „gebären“ vermöchte. Verdichtet sich die Luft an einer Stelle, so daß die Sonnen-und Sternstrahlen nicht gut zur Erde hindurchdringen können, dann entsteht der Komet, der seiner Natur nach erleuchtet sei und mit Sternbewegung begabt. Die Sonnenstrahlen, die durch die Kometenmasse hindurchdrängen, würden von der Materie etwas entführen und so den Kometen „bleichen, waschen, saigern, durchtreiben vnd endlich gar vertilgen“. Diese „Entführung“ der Kometenmaterie, der vielleicht nicht zu Unrecht manche modernen Forscher gefolgt sind, führt nach Kepler zur Bildung der Kometenschweife, die sich von der Sonne entfernen. „Denn es (ist) vnmüglich, daß der Sonnenstraalen sonst solten in der klaren reinen himlischen Lufft hinder dem Cometen sichtbar werden … Ingleichen es vnmüglich ist, daß der Sonnenschein sich in der freyen himlischen Lufft krümmen sollte, wie etlicher Cometen Schwäntze krump erscheinen, denn des Liechts Fahl vnd Straalenschüsse gehen in einer rechten Lini“. Der Kometenkopf kann so schnell daherrasen, daß er die Materie, die die Sonnenstrahlen austreiben, weit hinter sich läßt. Die Krümmung entsteht durch Druck der Sonnenstrahlen[51]. An Kepler schließen die Untersuchungen des Danziger Brauereibesitzers und Astronomen Hevelius an, in dessen Werk vor allem die Bilder der Kometenformen (s. Abschn. VIII) interessieren. Auf Darlegung seiner Theorien muß hier verzichtet werden[52]. Noch eine freilich nicht sehr verbreitete Theorie sei hier erwähnt, die wir aus einem Zitat des Paracelsus kennen, und die uns wieder von den dargestellten ernsten Bemühungen um die Aufhellung des Kometengeheimnisses in das Reich der blühenden mythischen Phantasie zurückführt, von wo wir in diesem Teil ausgingen. Diese Theorie entstammt einer magischen Lehre (Ort und Zeit ihrer Aufstellung sind unbekannt), die zeigt, daß und wie der Magier Kometen hervorrufen kann, die mit den von Gott gesandten gleich mächtig sein sollen. Danach sind die Kometen aus Ausdünstungen der Planeten gebildet[53]. Eine von Longomontanus aus Paracelsus zitierte Stelle erklärt diese Kometenschöpfung durch Zauberer, die zu dem ausgesprochenen Zweck hervorgerufen wird, die Menschen zu schädigen, freilich ausdrücklich anders. Der Zauberer, heißt es da, vermöge aus den Planeten Samen auf den Stern Venus herabträufeln zu lassen, die davon schwanger werde und den Kometen gebäre. Da die Sterne rein und keusch seien, müsse ein solches gewaltsames Produkt der Welt Ehebruch, Unzucht, Krieg, kurz alles Übel bringen[54].
Kometenerklärung gehört zusammen mit Kometenbeschreibung. Im Altertum und frühen Mittelalter verhältnismäßig kurz und unpräzise, wird sie mit dem beginnenden Hochmittelalter deutlicher und nimmt vom 15. Jahrhundert an in der Ausführlichkeit bedeutend zu. Cardanus verwendet genaue arabische und deutsche Beschreibungen von Kometenbeobachtungen[55], aus denen er ebenso wie aus seinen eigenen Beobachtungen seine Schlüsse über das Wesen der Erscheinung zu ziehen versucht. Damals kam es nur wenigen ernsten Forschern auf diesen Zweck einer Kometenbeschreibung an; die meisten trugen ihr eigenes Entsetzen in die Beschreibung und machten sie dadurch für wissenschaftliche Zwecke unbrauchbar. Wie schwer es war, hier immer klares Denken zu bewahren, beweist gerade Cardanus. Auch bei ihm begegnet die Lehre vom Zusammenhang zwischen den den Menschen mißfallenden Formen und Farben der Kometen und den unheilvollen Ereignissen, die die Beobachtung der Erscheinung nur um der Folgen willen sinnvoll sein läßt[56]. So wird die Darstellung auch bei diesem Schriftsteller mehr oder weniger Allegorie, je nach dem Gemütszustand ihres Verfassers; die meisten bei ihm sich findenden Beschreibungen sind daher auch nicht zu brauchen und haben trotz der besten Absichten des Verfassers den Aberglauben mehr gefördert als die Wissenschaft[57]. Die Prognostikonschreiber oder Sammler entwerfen in ihren Büchern immer ein Bild des Grauens, das die gewaltige Erscheinung, nach Form, Farbe und Größe versuchsweise dargestellt (häufig mit ganz stereotypen Wendungen), in den Gemütern jener Zeit hervorrief[58]. Ähnlich verhält es sich mit den Autoren der Einblattdrucke. Doch sind die in dieser Literatur enthaltenen Abbildungen z.T. tatsächlich erste Grundlage für die wissenschaftliche Kometendarstellung geworden[59], wie auch heute für die Forschung nach den früheren Erscheinungsjahren der Kometen diese Beschreibungen noch ihren Wert haben, was man schon mit der Aufklärung im 17. Jahrhundert erkannte. Freilich sind die chinesischen Beobachtungen, da weniger mythisch, brauchbarer[60].
Über eine Verwechslung der Kometenerscheinung vom Jahre 1527 mit dem Nordlicht s. unter Nordlicht.

  1. Über die Vorstellungen in fremden Erdteilen wird hier nicht gesprochen: Man vgl. z.B. Gundel Sterne und Sternbilder Index s. v. Kometen; ferner ZVfVk. 27(1917), 34 f.; Andree Parallelen 113; Stern Türkei 1, 388.
  2. Gundel in HessBl. 7 (1908), 79.
  3. Ebd. 81–83. Das Zitat über den Kometen von 999 wird ergänzt durch eine Notiz aus einer ostländischen Chronik (zitiert bei Eisel Voigtland 259): Anno 999 erschien „eine große Schlange in der Luft, so mit aufgesperrtem Rachen Feuer von sich blies und hatte grüne Füße“. – Daß noch im 16. Jahrhundert diese Vorstellung umging, beweist u.a. Lycosthenes (Prodigior. ac ostentor. chronicon Basel 1557) mit seinen Beschreibungen der Kometen von 1499 und 1543 (auch zitiert bei Gundel a.a.O.).
  4. Wunder Gottes in der Natur bey Erscheinung des Kometen, Frankf. 1744, S. 89 f. (zitiert von Gundel a.a.O.).
  5. Serlin Cometologia, Frankf. 1681, 88 (zitiert von Gundel a.a.O.)
  6. Wunder Gottes usw. S. 122 (zitiert bei Gundel a.a.O.).
  7. S. Anm. 17.
  8. Gundel a.a.O. 85.
  9. Vgl. Anm. 2.
  10. z.B. bei Johannes Damascenus.
  11. M.C. Neumann Des Noah Regenbogen und der itzt brennende Comet, Breslau 1681, S. 29 (bei Gundel a.a.O. S. 89 A. 1)
  12. Gundel a.a.O. 90 oben.
  13. Ebd. a.a.O. 91.
  14. Ebd. unten; „Postbote Gottes“ s. Text zu Anm. 65.
  15. Theophilus Antiscepticus Verwerffung des Cometen-Gespötts 1681, S. 65.
  16. Gundel a.a.O. S. 92 f.
  17. Ebd. a.a.O. S. 94.
  18. Gundel (a.a.O. 95, I) denkt an Anaximenes, vgl. Diels Frg. d. Vors. I, 23, 22; vgl. Zeller Gr. Phil. I7, 324 ff.
  19. Aristotel. meteor. I, 7; vgl. Gundel bei Pauly-Wissowa 1164; O. Gilbert Die meteorologischen Theorien usw. 646; Zahlfleisch Zur Meteorol. des Aristoteles (= Wien. Stud. XXVI, 1904, 55 ff.). Nicht unwichtig auch M. Pingré Cométographie ou traité historique et théorique des comètes, Paris 1783, tom. I, 47–50.
  20. Lib. I Meteororum tractat. III = Albertus Magnus opp. omnia ed. A. Borgnet (Paris 1890) vol. IV, 499 ff.
  21. a.a.O. cap. V, p. 502 b Borgn.
  22. a.a.O. p. 503 a Mitte: stella quae dicitur caudata, fit ex fumo spisso ignito, qui quia cito convertitur, aliquandiu circumvolvitur cum igne.
  23. In der Physica (a.a.O. p. 503 a Mitte). Der merkwürdige Schlußsatz heißt: „Aliquando autem cum eo ignis extinguitur propter nimiam materiae grossitiem, et remanet fumosum: et tunc apparet sicut carbo niger et extinctus: et ideo est, quod foramina nigra in coelo videntur, quod a vulgo vocatur coeli perforatio“.
  24. Albertus zitiert (p. 503 b): „Alphagranus autem in Astronomia sua“. Alphagranus sicher Kontamination aus dem Beinamen des arab. Astronomen und Astrologen Omar ibn al-Farruhan (ca. 800 in Bagdad).
  25. a.a.O. 503; die Schlußfolgerung stammt von Albertus, nicht von Omar.
  26. Darlegung a.a.O. 502 b/503 a. Zustimmung zu den arabischen Ausführungen p. 504 a: ratio etiam huic sententiae suffragatur, quia constat quod flamma non est nisi fumus accensus: est autem cometes flamma quaedam, ut apparet in visu: ergo fumus est accensus.
  27. a.a.O. cap. 1–4 und 6.
  28. Über das Mißverstehen der Arbeit und Forschergesinnung des Albertus vgl. s.v. ‚Aberglaube‘ 1, 76.
  29. a.a.O. cap. V Anfang.
  30. Mit dieser Äußerung ist nicht die Behauptung aufgestellt, daß die Erhaltung derartiger Phantastereien, wie sie sich im Volksglauben über den Kosmos offenbaren, zur Erhaltung der Menschen dienen würde: Die von der Aufklärung geschaffene Situation ist nicht mehr aufzuheben. Aufklärung ist Bekenntnis zum Willen, aus eigener Kraft das Leben zu tragen; aber die Allgemeinheit hat die Stärke nicht und wird zur seelischen Leere geführt. Alle geschichtliche Betrachtung der kosmologischen Volksvorstellungen führt immer zu dieser trüben Einsicht; den Versuch, das metaphysische Gefühl darzustellen, scheint mir eine sehr wesentliche Aufgabe der Volkskunde, eine Erhellung, die zur Besinnung über die Neuschöpfung metaphysischer Bindung zwänge.
  31. a.a.O. p. 504, vgl. Anm. 26.
  32. ZVfVk. 27 (1917), 18.
  33. Megenberg Buch der Natur 59.
  34. Ebd. 60.
  35. Ebd. 60.
  36. v. d. Hagen Minnesänger 2, 379, auch zitiert ZVfVk. 27 (1917), 17 f.
  37. Alemannia 10 (1882), 49.
  38. de rer. var. I 1 (opp. III, p. 1 b).
  39. de subtilit. (opp. III p. 420 a).
  40. de rer. var. I 1 (opp. III p. 2 b).
  41. de subtil, (opp. III p. 420 a).
  42. de rer. var. I 1 (opp. III p. 1 b).
  43. Junctinus berichtet Speculum astrol. II p. 552 b die Kometentheorie nach Albertus Magnus, teilweise mit wörtlichen Zitaten; ebd. p. 1124 a/b betrachtet er die andern Theorien in referierender nicht originale Ideen vertretender Form. Über Tycho vgl. Text zu Anm. 66. Die anderen Stellen bei D. Cornel. Gemma De naturae divinis characterismis Antwerpen 1575, Lib. II. Eine weitgreifende Übersicht über antike, mittelalterliche und neuzeitliche Kometentheorien mit eigener Stellungnahme bei Riccioli Almagestum novum Bononiae 1651, VIII 5 (= Bd. II, 29 ff.). Über die meisten handelt Pingré a.a.O. 1, 63–88.
  44. Hevelius Cometographia, Gedaniae 1668. Über seine Ideen Pingré a.a.O. 1, 118 ff.
  45. Diskussion über Cardanus' Theorie siehe bei Pingré a.a.O. 1, 70 ff.
  46. Paracelsus ed. Huser, Straßb. 1616 Fragm. Astronom. Bd. II, p. 516 b, vgl. 483 a.
  47. Meteor. I de in opp. Bd. II p. 99 258; auch abgedruckt in Schriften Theophrasts von Hohenheim genannt Paracelsus ausgew. u. herg. von Hans Kayser (in „Der Dom“) Leipzig 1921, S. 365 f. Nr. 247.
  48. Gundel in Hess-Bl. a.a.O. S. 99; vgl. Paracelsus (s. Literaturverz.) 148; = opp. Bd. II p. 37; vgl. p. 127.
  49. Gundel a.a.O. – Dazu noch einige Einzelheiten: Komet mit langem Schwanz bedeutet langen Handel, mit breitem Schwanz breiten, weitläufigen Handel, mit Schwanz, der ein Ende nimmt, frisches und fröhliches Ende (Paracelsus 148; die Stelle opp. Bd. II p. 37)
  50. S. o. Text zu Anm. 61 und 62.
  51. Kepler Ausführlicher Bericht von dem newlich im Monat Septembri vnd Octobri diss 1607. Jahrs erschienen Haarstern … Kepl. op. ed. Frisch vol. VII 25 f. (zitiert auch in Gretschels Lexikon der Astronomie s.u. Kometen S. 268 f.).
  52. Vgl. Anm. 43.
  53. Paracelsus opp. omnia X, p. 415 f.
  54. Astron. dan. opp. S. 6. Auf den Zusammenhang mit der Anm. 53 zitierten Stelle machte Gundel HessBl. a.a.O. S. 100 aufmerksam.
  55. Comm. in Ptol. de astror. indic. zu Ptol. II 9, text. LIII. = opp.Vp. 209 b. werden Regiomontanus' Beobachtungen zitiert, ebd. sind p. 212 bf. Haly's Beobachtungen verwertet.
  56. Lib. de sept. erratic. stellis: De cometis (opp. V, p. 427 b).
  57. Das beweisen Stellen wie de rer. variet. XIV 69 (opp. III, s. 274 a) und XIV, 70 (ebd. 276 b).
  58. Vgl. Lycosthenes Prodig. zu Jahren 1223, 1240, 1241, 1255, 1531, 1532, 1533 usw.; Eisel Voigtland 259 Nr. 651; Lubienitz Theatr. cometic. Teil II z.B. zum Jahre 1000 und 1180.
  59. s. Abschn. VIII; dazu W. Hess Himmels- und Naturerscheinungen in Einblattdrucken des XV-XVIII. Jahrhunderts (= ZfBücherfreunde N.F. II 1 [1910]), S. 2. 316 f.
  60. Hind-Mädler Die Kometen Lpz. 1854, 3; Gretschels Lexikon d. Astronomie s.u. Kometen 259 a.

Abwehrmaßnahmen

Im germanischen Himmelsbild sind Kometen nicht bekannt. Da infolgedessen auch von einem Einflußglauben, besonders mit bösen Folgen, keine Rede sein kann, gibt es keine heidnischen Abwehrmaßregeln gegen den Kometenschrecken. Diese werden vielmehr erst mit dem christlichen Mittelalter aus den oben dargelegten historischen Gründen notwendig. Die nicht astrologischen Abwehrriten sind unseren freilich sehr spärlichen Nachrichten zufolge indes keine Schöpfung der Antike, wenn auch Gundel mit Recht, wie mir scheint, annimmt, daß derartige primitive Bräuche, wie sie in der Antike zur Abwehr des Siriuseinflusses in Übung waren (Waffenklirren und Opfer[1]), in alter Zeit auch gegen den Kometeneinfluß angewandt wurden, da Kometenfurcht der Antike etwas Geläufiges war[2]. Erst bei Synesios ist von einem Wegopfern des Kometeneinflusses durch die Zeichenschauer die Rede[3].
Das Mittelalter ging mit Mittagsläuten gegen den Kometeneinflusses vor; wenn Papst Calixtus III. den Kometen von 1456 in den Bann tat, was neuere Forschungen freilich als Legende erwiesen zu haben scheinen, so stellt das eine gegen den Kometendämon (Drache, Teufel) gerichtete Handlung dar[4]. Doch sind auch aus dieser Zeit die Berichte über Abwehrmaßregeln nicht eben häufig, und die Zeremonien dienen z.T. weniger der Kometenvertreibung, als dem Schutze des eigenen Besitzes, den man dem Kometeneinfluß entziehen will. So ist es z.B. zu verstehen, wenn einmal berichtet wird, man solle das Haus, über dem der Komet sichtbar sei, mit Weihwasser einsegnen[5]. In diesem passiven Verhalten liegt die Anerkennung der Kometenmacht und der Glaube an die verhältnismäßig sicher eintretenden Folgen eingeschlossen. Religiöser Trost hilft eben über die Ansicht von der Konsequenz der natürlichen Entwicklung nicht hinweg.
Erst mit dem Augenblick, in dem die Auffassung vom Kometen als einem Boten Gottes Anerkennung findet, werden Riten zur Abwehr des drohenden Unheils sinnvoll, da die Wirkung nicht mehr von der Erscheinung des Gestirns, sondern von Gottes freiem Willen abhängig ist. Freilich können sich diese Riten nicht gegen den Kometen richten, etwa indem man diesen bannt oder sonstwie zu vertreiben sucht, sondern indem man durch Buße vor Gott seine Sünden ablegt, da er die Ursache der Erscheinung des Kometen und seiner im Weigerungsfalle des Menschen eintretenden Folgen ist: Man muß Gott versöhnen und durch Selbsteinkehr erwirken, daß er das Zeichen seines Zornes wieder in den Himmel hineinholt. Bußtage, Gebete und Predigten dienen dieser Selbstbesinnung des Menschen auf seine Sündhaftigkeit[6]; sie vermögen mindestens die von Gott in Aussicht genommenen Strafen zu mildern, von denen das drohende Weltende die härteste war[7]. Wir zitieren hier eine behördliche Anordnung über die Abwehr der Kometenverkündigung aus der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt; sie enthält Anweisung anläßlich des Kometen von 1618:
„Nachdem wegen dez in jungst verruckter Zeitt, gesehenen Comet undt Sterns, so ohne Zweiffell Gottes Zorn undt straff antreuwen und verkundiegen thutt, bey den Benachbarten Bussepredigt undt Bethstundte ahngestelt undt im Busseckerthall auch unsere sundte zu bereuwen, solche seiner Almacht ab: undt das er unser gnediger gott und vatter sein, undt nit mit uns nach unserm Werth undt verdinst handeln will, zu bitten, hochvonnothen, So ist hirmit unser ernster befelch bey vermeidung hoher ohnnachlessiger straff, daß Morgen Freytags vor Mittag, alle Man undt weibs Persohnen, Als Menner weyber Kinder undt gesindt im Busseckerthall, sich zum Gehor Gottliches wordts verfügen, dasselbe mit Andacht anhoren, die sündte bereuwen, selbiege Gott abbitten, undt hinfuhro ein Christliches ohnstraffliches leben fuhren sollen“ (folgt Siegel und Unterschrift)[8].
Zu dem Kometen von 1680 berichten ältere Zeitungen, daß die österreichische Regierung in Wien in den Erblanden die Einstellung aller Art von Vergnügungen anordnen wolle, um Gottes Zorn zu besänftigen: so wurden unter anderem nächtliche Schlittenfahrten und andere Nachtspiele verboten, ferner „daß in dero Erbländern alles üppige und ruchlose Wesen gänzlich abgeschaffet und wöchentlich gewisse Fest- Buß- und Bettage gehalten werden sollen“[9].
Christliche Kirchengebiete schlossen an ihr Bekenntnis der Betrübnis und Bußfertigkeit des Sünders die flehentliche Bitte, Gott möge sie in seinem Zorn und gerechten Eifer nicht strafen; bei dem Gedanken an das mit der Erscheinung womöglich verbundene jüngste Gericht überkommt den Menschen nochmals die Furcht vor seiner sündigen Torheit; dies steigert die Intensität seiner Bitte[10]. Anderseits nimmt gerade manche Predigt des 17. Jahrhunderts aus dieser Verbindung von Kometenmacht und Weltuntergang die Hoffnung auf Erlösung von den Übeln der Welt, freilich meist nicht, ohne im Gebet den Ton der Angst vor eigener Strafe zu verbergen[11]. Erst mit der Mitte des 19. Jahrhunderts schwand diese Idee, da der Weltuntergang niemals trotz der Prognosen eingetreten war, und mit ihr die Notwendigkeit der religiösen Kometenabwehr[12].
Ein interessanter Abwehrbrauch der gesteigerten religiösen Empfindung des 16. und 17. Jahrhunderts ist die Prägung von Kometenmedaillen[13]. Ein solches auf der Zürcher Stadtbibliothek befindliches Stück zeigt auf der Vorderseite einen Kometen mit der Unterschrift: „A. 1680 16. Dez. 1681 Jan“. Auf der Rückseite stehen die Worte: „Der Stern droht böse Sachen – Trau nur Gott – wirds wohl machen“[14]. Vielleicht wurden diese Medaillen als Amulett gegen persönliche Bedrohung durch Kometen getragen[15].
Auf sicher magischen Voraussetzungen fußt der ZVfV. 21 (1911), 292 ff. mitgeteilte russische Schutzbrief wider den Kometen Halley, der 1910 in Samara von einem mönchisch gekleideten Menschen an die Bevölkerung verteilt wurde und eine Verfluchung des Kometen enthält.
Die astrologische Kometenabwehr ergibt sich aus der Ansicht von den natürlichen Vorgängen, die seine Erscheinung und ihre Folgen bedingen. Von einer Aufhebung der natürlichen Kausalzusammenhänge konnte daher keine Rede sein; ein derartiger Gedanke mußte angesichts solcher Naturkräfte lächerlicher Wahnwitz sein. So entwickelt man in der Renaissance die Idee, den Körper gegen die allzu verheerende Einwirkung der Kometen gleichsam präservativ zu schützen, wie z.B. „ihn vor die Colera wohl zu purgieren und andere praeservative durchs Jahr zu gebrauchen“, ferner, „sich vor jedem Zorn zu hüten oder doch bald davon abzulassen“[16]. Da gemäß den seit dieser Zeit verfeinerten Untersuchungen die durch Unmäßigkeit im Essen und Trinken sowie im Liebesgenuß geschwächten Körper durch die die Kometenerscheinungen begleitenden Naturvorgänge besonders gefährdet sind[17], wird vor allem davor gewarnt oder „ungeheure“ Vorsicht angeraten. Von den besonderen Mitteln, die die Astrologen, wie zu vermuten steht, ihren Delinquenten empfohlen haben, ist selten die Rede. Mit Kräutern, in denen siderische Kräfte wirksam sind, kann man allerdings den Einfluß der Sterne bannen: Gestirneinfluß wird durch Gestirneinfluß bekämpft. Die astralischen Krankheiten sind mit Hilfe „der bequemen Influentzen dess Gestirns zu praeservieren, die Kräuter und andere Arzteneyen mit Hilfe dess Gestirns in ihren Kräften zu erhöhen und vermehren, sonderlich aber der Chymia sich befleißigen“[18]. Anderseits verlangt der Astrologe Junctinus Gebete zu Gott als Abwehr, da für ihn die Kometen Zeichen sind[19].
Näheres ist über die Geschichte der „astrologischen Kometenabwehr“ bisher nicht ermittelt.

  1. Gundel in Pauly-Wissowa s. v. Sirius Sp. 336, 34 ff.
  2. Ders. s. v. Kometen Sp. 1163, 8 ff.
  3. Synes. calv. encom. = Migne P. Gr. 66, p. 1185, 73: kai panentes de teras eisi ponnron, oys oi teratoskopoi kai oi manteis ektyontai.
  4. Gundel in HessBl. 7 (1908), 102; Stemplinger 28. Literatur in: Zfkath. Theolog. 28 (1904), 404. Dagegen auf Grund einer [mir unzugänglichen] Arbeit von J. Stein Calixte III et la comète Halley (Roma 1909), Heß [Titel s. Anm. 59] S. 319 f. Danach ist wohl Stemplinger S. 28 f. zu revidieren.
  5. Schlossar in Germania 36, 389, verwertet bei Gundel a.a.O.
  6. Literatur sind alle Kometenprognostiken, Flugblätter, -schriften mit Kometengedichten (s. Abschn. VI). Vgl. die Zitate, in denen die Prognostikontitel angeführt sind, ferner Gundel HessBl. a.a.O. 113 f. und die Texte zu den Bildern bei Hess Himmels- u. Naturerscheinungen (s. Anm. 59).
  7. Gundel a.a.O. 113 f.
  8. Mitgeteilt HessBl. 9 (1910), 198 f.
  9. Behandelt von Lauffer in ZVfVk. 27 (1917), 22 f. Die Stellen bei E. Buchner Das Neuste von gestern 1, 140 ff.
  10. So bei Garthius s. Gundel a.a.O. 113.
  11. Ebd. S. 114 aus einer Kirchengebetsordnung für die Stadt Rotenburg o. T. von 1690. s.o. Text zu Anm. 38.
  12. Gretschel Lexikon der Astron. s. v. Kometen 258 a; ZVfVk. 27 (1917), 24. – Eine Abb. bei G.F. Chambers The story of the comets (Oxford 1909) 103.
  13. Archenhold Kometen usw. S. 50; Münzen mit Kometenbildern von 119 v. Chr. -1650 n. Chr. in Nr. 3491 der Leipziger Illustrierten Zeitung vom 26. III. 1910, 990.
  14. ZVfVk. 27 (1917), 24: Vermutung Archenholds a.a.O.
  15. Gundel a.a.O. 106 mit den Literaturangaben.
  16. Vgl. Cardanus oben Text zu Anm. 28 Vgl. de rer. var. I, 1 (= opp. III 2 b) „dann (d.h. bei Kometenerscheinung in heiterer Luft) erfolget der schwachen Leuten Tod (die sich nicht üben: die in schweren Sorgen stehen: die sich scheuterhaften Speisen gebrauchen: die viel der Liebe pflegen: die bald krank werden: die sich zu Alter nahen: und wenig schlafen“ (zitiert nach der Übersetzung von der rer. var. (vgl. Anm. 29) S. 4).
  17. Vgl. Cardanus, oben Text zu Anm. 28.
  18. Von Gundel a.a.O. zitiert aus J. Magirus Discurß von den Cometen … Franckf. 1665 am Ende.
  19. s. Text zu Anm. 54.

Kometenenflugschriften, Kometenengedichte

Lebte bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst, wie es scheint, der Kometenaberglaube mündlich oder in Handschriften[1] tradiert fort, wie das Wissen von den Folgen der Finsternisse, Meteorfälle usw., wobei man nicht den Eindruck besonderer Interessiertheit der Allgemeinheit an diesen Phänomenen gewinnt, so ist das ganz anders, seit der Kometenglauben durch gedruckte Flugschriften verbreitet wurde. Nicht nur der eindringlich warnende Ton der Prognostiken, sondern schon die zahllose Menge von Kometenflugschriften, die fast alle dem 15.–17. Jahrhundert angehören, läßt auf die große Bereitschaft der Aufnahme bei der Bevölkerung in diesen Zeiten schließen, auf die wir oben des öfteren hinweisen mußten. Diese Bereitschaft dürfte auch schon der dem 15. Jahrhundert vorausliegenden Zeit eigen wesen sein. – An der Abfassung dieser Flugschriften sind Deutsche, Italiener, Franzosen und Spanier beteiligt; gerade Deutschland ist in ihrer Erzeugung sehr produktiv gewesen[2].
Diese Flugschriften sind hervorgegangen aus Holzschnitt, Kupferstich und Buchdruck[3]. Sie sind teils Einblattdrucke, teils dünne Heftchen, letztere meist in Quartgröße. Die ersteren führen die Erscheinung bildlich (s.u. Abschn. VIII) mit oder ohne einen Text vor (nur mit Text versehene Einblattdrucke sind sehr selten), der die Erscheinung und ihre Wirkung mehr oder minder kurz beschreibt. Über die Darstellungen wird in Abschn. VIII gesprochen; der Text pflegt die kometomantischen oder astrologischen Deutungen zu enthalten, über die in den vorigen Abschnitten gehandelt worden ist.
Die Flugschriften sind umfangreicher und enthalten meist ausführlichere Angaben über die Erscheinung. Oft schließt sich Diskussion über das Wesen des Kometen an, wobei meist die aristotelische Erklärung nicht selten unter ausdrücklicher Zurückweisung anderer Ansichten vorgetragen wird. Ein besonderer Abschnitt befaßt sich mit der Ausdeutung, wie auf den Einblattdrucken, nur ausführlicher. Endlich pflegen eine Menge Bußmahnungen zu folgen, deren Inhalt ebenfalls oben besprochen worden ist[4].
Für die Zahl der zu den einzelnen Kometen in dem bezeichneten Zeitraum herausgegebenen verschiedenen Einblattdrucke fehlen Zusammenstellungen. Für die Flugschriften sind solche gemacht. Danach lassen sich zu nachstehenden Kometen, gleich oder später veröffentlicht, folgende Flugschriften nachweisen (Angaben in Zahlen, wobei freilich die Zahl der wirklichen Veröffentlichungen meist einige Prozent höher anzusetzen ist)[5]:

Erscheinungsjahr der Kometen Anzahl der veröffentlichten Flugschriften Erscheinungsjahre der Flugschriften
1472 3 1472, 1474, 1556
1492 1 XV. Jahrh.
? 1 1500
1506 3 1506
1527 3 1527?
1531 5 1531; 1532
1532/33 10 N.B. Bei Ludendorff fehlen von hier an Angaben über die Erscheinungsjahre, so daß ich annehme, daß alle ihm bekannt gewordenen Flugschriften in dem Erscheinungsjahr des Kometen herauskamen.
1556 10
1572 über 20
1577 etwa 60
1604 etwa 20
1607 etwa 12
1618 etwa 120
(3 Ken)
1652 30
1661 20
1664/65 130
1680 etwa 130

Für die folgenden Jahrzehnte fehlen mir Angaben, doch dürfte die Zahl der Flugschriften des 17. Jahrhunderts kaum überboten worden sein.
Der festgestellten Steigerung des religiösen Gefühls entsprechen die gegenüber den bescheidenen Titeln des 16. Jahrhunderts aufgemachten breiten Überschriften in den Prognostiken des 17. Jahrhunderts. Lautete der Titel der Ausgabe von 1472 „Thuracensis philisti (sic! statt physici, gemeint ist der Zürcher Arzt Schleusinger) Tractatus de cometis incipit“[6], ferner der Titel der Paracelsusschrift zum Kometen von 1531 „Usslegung des Cometen erschynen im hochgebirg zu mitten Augsten Anno 1531“[7], liest man im 17. Jahrhundert z.B. „Johann Procopius, Komhtodikaioloprosiasia. Oder Kometenbutzer. Das ist: EIne glaubwürdige Copey Articulierter unnd rechtmäßiger Klag desz guten, unschüldigen Cometen, welcher im 1618. Jahr erschienen … dem Gott Apollini durch ermeldetes Cometen wohlbestellten Anwalt … übergeben. Gedruckt in Parnassischer Buchdruckerey, 1619“[8]. Freilich, Autoren wie Kepler, bleiben auch in dieser Zeit mit ihren Titeln immer schlicht[9], aber für die Masse der Flugschriften besteht dieser Unterschied der Ankündigung.
Auch auf Einblattdrucken kann man einen ähnlichen Unterschied zwischen der Mode des 15. und 16. Jahrhunderts einerseits und der des 17. anderseits feststellen[10]. Indes liegt es in der Natur dieser Blätter, wenn die Überschriften hier immer etwas kürzer und präziser lauten.
Druck und Papier pflegen bei diesen Ausgaben schlecht zu sein; der Text ist meist in Prosa gegeben. Indessen fehlt es nicht an Kometengedichten, die meist auf den Einblattdrucken, zuweilen auch in den Flugschriften begegnen. Einige Beispiele dieser primitiven und doch für die Zeit so anschaulichen „Poesie“ müssen hier eingerückt werden, um diese Quelle des Aberglaubens deutlich zu machen. Sehen wir von den weiter unten besprochenen, den Kometenglauben ironisierenden Gedichten ab (s. Abschn. VII), so lassen, sich fünf Gruppen solcher Versifikationen unterscheiden, nämlich: 1. Gedichte, die einfach und allgemein auf kommende Gefahr hinweisen:

Kein Komet ist je gesehen
Drauff nicht böses ist geschehen[11].

2. Gedichte, die die acht auf Kometenerscheinungen folgenden Unglücke aufzählen:

Achterley vnglück ein Comet
Bedeut, wann er am Himmel steht:
Gross wind, gewessr, vnfruchtbarkeit,
Pestilentzisch seuch vnd grossn neid,
Erdbeben vnd eins Fürsten end,
Darzu endrung im Regiment[12].

3. Gedichte, die zur Buße und Milderung von Gottes Zorn auffordern:

Als die GOttes Feuer-Ruthen
Die Cometen zeigen an
sieht bereit ein jeder Mann
Bey so hartem Krieges-Wuthen.
 
Jener, der vor wenig Jahren
uns viel Böses hat gedrau't
den man weit und breit geschau't
Lies uns leider ! viel erfahren.
.........................................
.........................................
 
Demnach ist es hoch vonnöthen
daß man solches wohl betracht
und auf GOttes Drauung acht
Uhren seind sie, die Cometen.
 
Die uns allzeit sehr erschrecken.
Dann sie weisen wenig Guts
doch ihr Christen gutes Muths!
Lasst uns so das Ziel verstecken:
 
Last mit Beten uns zusammen
tretten, wie uns mahn't bereit
unsre liebe Obrigkeit
So wird GOttes Zornes-Flammen
 
Sich von uns in Gnaden wenden
und die krause Feuer-Ruth
wider unsrer Feinde Wuth
Kehren, und uns Friede senden[13].

Ein anderes Gedicht ist kürzer und weniger zuversichtlich:

Schau, ein neuer Schreck „Comet“
Uns am Himmel vorgestellt;
Als ein Gottes Straff-Prophet,
wo man nicht zu füssen fällt.
Mit gesamter Herzens-Buss,
Gott, der da erzürnet ist,
Anderst er sonst straffen Muss,
Merck, erkenns, mein guter Christ[14].

4. Gedichte, die das Abwendungsgebet der Gefahr enthalten:

Lass Himmel dies Gestirn und deinen Zorn verschwinden
Und stelle deine Raach und unsre Straffen ein:
Sol aber der Comet doch was gefährliches würken,
So schütte Deinen Grimm auf Tatarn und auf Türken[15].

5. Die Vorstellung von dem Kometen als einem lebenden Wesen (s.o. Sp. 120) läßt einen Dichter den Kometen redend einführen und ihn seine Verzweiflung über die menschlichen Sünden und die menschliche Arroganz also äußern:

Ach mein Gott, nimm mich nun hin,
Decke mich mit einer Wolke,
Ich genug gespottet bin
Von dem armen Sündenvolke!
Ob ich gleich die müde Nacht
Hab mit eilen zugebracht:
Könt ich doch den Sünderhauffen
Nicht ereilen und erlauffen.
Ob gleich meiner Fackel Strahlen
Fast den Himmel zugedecket,
Ob ich gleich sie oftermahlen
Angezündt, und aufgestecket
Meiner Rechten ungeheur
Anzusehen foller Feur.
Könt es doch den blinden Augen
So gar nicht zur Busse taugen[16].

Vielleicht sind die ironisierenden Spottgedichte, die im folgenden Abschnitt behandelt werden sollen, ein Ausfluß dieser Kometenpoesie und als eine Art Persiflage dieser volkstümlichen Verse zu werten.

  1. Darüber unten Abschn. VIII, Sp. 150.
  2. Vgl. H. Ludendorff Die Kometenflugschriften des XVI. und XVII. Jahrhunderts = Zf. Bücherfreunde 12 [1908/09], 2, S. 501 ff. Einen interessanten Einblick zum Anteil der Nationen an den Flugschriften liefert Hellmanns Behandlung der Literatur, die auf J. Stöfflers böse Prognose für das Jahr 1524 (s. Horoskopie Sp. 381) in allen europäischen Liedern erschien Beiträge zur Metorologie 1 (1914), 17. 22 f.
  3. Darüber spricht ausführlich W. Hess a.a.O. (s. Anm. 59) S. 10 ff.
  4. Vgl. das Büchlein von Janus v. der Gastow Eyn kürten Bericht von dem Comet oder neuen Stern, der allhie in Hamburg im Jahr Christi 1652, den 11. Dec. am Abend gesehen … und noch wird gesehen. Beschreibung und Excerpte in ZVfVk. 27 (1917), 24 f. Ferner Kurtze Beschreibung deß Cometen oder Strobelsterns, welcher im Hewmonat dieses 1596. Jars am Himmel ist gesehen worden (Univ. Bibl. Heidelberg, beigebunden an B 2631, 15).
  5. Die Zusammenstellung nach den in dem Aufsatz von Ludendorff (Anm. 227) gemachten Angaben.
  6. Ludendorff a.a.O. 502 a.
  7. Ebd. S. 502 b.
  8. Ebd. S. 505 b.
  9. S. Anm. 51.
  10. s. die Abbildungen bei Hess a.a.O.
  11. Vom Jahr 1665; Ludendorff a.a.O. 506 b. Zweifellos liegt hier eine Verdeutschung vor von Claudians bekanntem Vers (s.o. Anm. 19) oder dem späteren griechischen Sprichwort oydeis komnths ostis oy kakon perh (über seine Entstehung aus einem Zitat des Synesios vgl. Gundel bei Pauly-Wissowa s. v. Kometen Sp. 1149, 4 6 ff.; eine deutsche Übersetzung auf einem Einblattdruck von 1664 bei F. Archenhold Alte Kometeneinblattdrucke Nr. 15). Deutsch auch: „Die Kometen-Schreckpropheten“ ZVfkV. 27 (1917), 21, 26.
  12. v. Jahre 1579, Ludendorff a.a.O. 506 b; ähnliche Verse mit der Aufzählung des „achterley Unglückes“ ebd. und ZVfVk. 27 (1917), 26. Ferner F. Archenhold Alte Kometeneinblattdrucke Nr. 11 und ders. Kometen, Weltuntergangspr. usw. S. 46.; eine lateinische Fassung ebd. Nr. 3; eine andere Hess a.a.O. S. 303.
  13. v. Jahre 1675, s. Hess a.a.O.; Zf. Bücherfreunde N.F. II, 1 (1910), Abb. 12, S. 81. Ähnliche Mahnung enthält das Gedicht auf Abb. 13 S. 83 (vom Jahr 1677). Vgl. das Gedicht von 1661 (ZVfVk. a.a.O. 21), das eine Mischung von Gruppe 2 und 3 darstellt.
  14. ZfBücherfreunde N.F. III, 2 (1912), Abb. 1, S. 329 auf einem Flugblatt auf den Kometen von 1680 (gesehen in Nürnberg).
  15. v. Jahre 1672, Ludendorff a.a.O. 506 b; ähnlich äußert sich der Verfasser des Flugblatts Abb. 15, S. 87 bei Hess a.a.O. (vom Jahre 1687).
  16. Gundel in HessBl. 7 (1908), S. 93 in einer Schrift von 1681.

Kometenglaube in der neueren Literatur

Dem heutigen Gebildeten sind alle diese Anschauungen meist bekannt aus den mehr oder minder ausführlichen Zitaten in der dichterischen Literatur der Renaissance- und Neuzeit, von der ein Teil freilich den Glauben zu ironisieren versucht. Da die Verwendung des Motivs in der dichterischen Literatur nicht nur Beleg für die Konstanz des Aberglaubens ist, sondern wenigstens zum Teil auch Beleg für den Kampf aufgeklärter Geister (s.o. Sp. 115) gegen die Kometenfurcht, seien abschließend einige Stellen ausführlicher hier angeführt, wobei die neuste Zeit zuerst zu Wort kommen soll[1].
Am bekanntesten ist Schillers Zitat aus der Kapuzinerpredigt[2]:

Den Kometen steckt er wie eine Rute
Drohend am Himmelsfenster aus.

Ironisch behandelt derselbe Dichter den Wahnglauben in dem Gedicht „Rousseau“[3]:

Neu und einzig – eine Irresonne
Standest du am Ufer der Garonne
Meteorisch für Franzosenhirn.
Schwelgerei und Hunger brüten Seuchen,
Tollheit rast mavortisch in den Reichen;
Wer ist schuld? – Das arme Irrgestirn.

Dazu vergleiche man Goethes Spottgedicht „Drohende Zeichen“[4]:

Tritt in recht vollem klaren Schein
Frau Venus am Abendhimmel herein,
Oder daß blutrot ein Komet
Gar rutengleich durch Sterne steht,
Der Philister springt zur Tür heraus
„Der Stern steht über meinem Haus!
O weh! Das ist mir zu verfänglich!“
Da ruft er seinem Nachbar bänglich.
„Ach seht, was mir ein Zeichen dräut!
Das gilt fürwahr uns arme Leut!
Meine Mutter liegt am bösen Keuch,
Mein Kind am Wind und schwerer Seuch',
Meine Frau, furcht' ich, will auch erkranken,
Sie thät schon seit acht Tag' nicht zanken;
Und andre Dinge nach Bericht!
Ich furcht', es kommt das jüngste Gericht“.

Der Franzose Rabelais ironisiert den Volksglauben Frankreichs in ähnlicher Weise[5]. Bei Hebel wird erzählt, daß einst eine Hexe einer schwäbischen Gräfin aus einem Kometen ein Unglück vorhergesagt habe. Der Dichter bemerkt dazu: „wird aber hoffentlich nichts geglaubt haben. Denn selbiger Wandelstern mit seinem silbernen Haar hatte nichts mehr zu bedeuten, sondern sollte in Berlin und Polen das große Kriegsunglück und die blutigen Schlachten ankündigen, kam aber zu spät, wie manchmal ein Feuerreiter, wenn das Häuslein schon verbrannt ist“[6]. Bestimmtes Interesse hat hier auch ein Gedicht von Friedrich dem Großen; in ihm spielt der König selbst geistreich mit den Vorstellungen, die zum Kometen des Jahres 1743 im Volke umgingen. Wir führen auch von diesem Gedicht einige Verse an, da es weniger bekannt ist; seine Überschrift lautet:[7] An Jordan über den Kometen, der 1743 erschien.

Bebst du noch immer Jordan? Schreckensbleich
Macht Hektor dich, der grausige Komet?
Zerstörte ihn der Himmel doch sogleich
Eh' diese Welt durch ihn zugrunde geht!
Um dich, ach, wäre es mir herzlich leid –
...........................................................
...........................................................
Drum wünscht ich sehr, daß dieses Ungeheuer,
daß dieser ungeziemliche Komet
Mit seinem langen Schweif aus Höllenfeuer
Dich zu versengen sich nicht untersteht. –
Doch müßt' ich scheiden, stürbe eine Seele
Nicht ohne Wildheit und nicht ohne Fehle.
Du weißt ja, daß ich, noch ein junger Fant,
Systeme umzustoßen mich erfrechte.
................................................................
................................................................
 
Du weißt auch, daß mit frevlerischer Hand
Ich mehr als einen greulichen Panduren
Zur Hölle und zum Teufel heimgesandt
Beim mörderischen Kampf in Schlesiens Fluren.
Wenn Hektor, dieser gräßliche Komet,
Auf mich Erbärmlichen nun niederbricht,
Sein Feuer auf mein schuldig Haupt entlädt –
Ja, meiner Treu, so Unrecht hätt' er nicht.

Übrigens sind Shakespeare und Grimmelshausen[8], die noch großenteils den kosmologischen Ideen der Renaissance huldigen, in ihren Anspielungen ernster. Neben dem bekannten Wort der Calpurnia im Caesar[9]:

Kometen sieht man nicht, wenn Bettler sterben:
Der Himmel selbst flammt Fürstentod herab

steht Glendowers überzeugte Äußerung zu Percy Heißsporn im Heinr. IV. (I. Teil)[10]:

als ich zur Welt kam, war
Des Himmels Stirn voll feuriger Gestalten
Und Fackelbrand;

und Bernardos Worte beim Beginn seines Berichts im 1. Akt des Hamlet lassen deutlich das Unheilbringende der Erscheinung fühlen[11]:

Die allerletzte Nacht,
als eben jener Stern, vom Pol gen Westen,
In seinem Lauf den Teil des Himmels hellte,
wo er jetzt glüht, da sahn Marcell und ich usw.

Auch die Erinnerung an das sidus Iulium bei Caesars Tod, dessen einige Verse weiter gedacht wird, ist von der gleichen Empfindung des Respekts vor kommenden Unordnungen im Dasein getragen. Die Erinnerung an die künstlerische Verwendung des Motivs durch Tolstoi in „Krieg und Frieden“, wo der Dichter die düsteren Empfindungen des Volkes bei dem Erscheinen des Wunderzeichens von 1812 angesichts des drohenden Krieges mit Napoleon wirkungsvoll der freudig gehobenen Stimmung Pierres – aus seiner seelischen Individualität begründet – entgegensetzt, soll die literarischen Zitate beschließen[12].

  1. Die Hinweise bei Lauffer ZfVk. 27 (1917), 30. 14.
  2. Wallenst. Lager 8, 27 ff.
  3. ZVfVk. a.a.O. 30.
  4. Gedichte Parabolisch Nr. 13.
  5. Gerhardt Franz. Novelle 113. 117.
  6. Mitgeteilt von Birlinger in Alemannia 1 (1873), 292 aus Hebels Schriften GA VIII 214.
  7. Übersetzt v. G.B. Volz (Die Werke Friedrichs des Großen in deutscher Übers. Berlin 1914, Bd. X, Dichtungen S. 76.
  8. Stellen bei Amersbach Grimmelshausen 2, 72. Grimmelshausen erklärt zwar die Deutung von Himmelserscheinungen einschl. der Kometen für verwerflich, „wann die Deutung die Schranken der natürlichen Ordnung überschreitet“. Trotzdem aber kündige Gott zuweilen Ereignisse mit Himmelszeichen an. „Kometen bringen Tod der Herren, wie man aus langen Erfahrungen weiß“. Im Ewigen-Kalender S. 144 Sp. 2 zeigt ein Komet die Eroberung Jerusalems durch Chosroe's II Ferôz (614) an. Doch bemerkt Grimmelshausen andererseits ironisch: „Aber es gibt auch gestorbene Herren ohne Kometen, deren Tod Krieg nachfolgt und fallen Kriege ein ohne großer Herren Tod“.
  9. Caesar II 2, 30.
  10. Heinr. IV. A, III 1, 14 ff.; Ackermann Shakespeare 82.
  11. Hamlet I 1, 117 ff.
  12. Bd. II Ende.

Bildliche Darstellung der Kometen in der kometomantischen und älteren astronomischen Literatur

HdA Kometentypen.jpg

Allgemeines

Neben dem Prosatext und dem Reim halfen bildliche Darstellungen der verschiedenen Kometenarten, den Menschen des Mittelalters und der Neuzeit die Kometenfurcht lebendig zu halten. Die Ikonographie dieser Bilder ist noch ungeschrieben. Das reichlich vorhandene Material aber, interpretiert im Zusammenhang mit den überlieferten Vorstellungen der Antike, die bis Lubienitz Ausgangspunkt der Kometensystematisierung sind, dürfte die bisher gewonnenen Vorstellungen vom kosmischen Denken und Fühlen jener Menschen des Mittelalters und der Neuzeit, von denen oben die Rede war, aufschlußreich ergänzen. Lediglich in diesem (ergänzenden) Sinne ist die folgende vorläufige Materialsammlung und Problembesprechung aufzufassen und gedacht: als Ausgangspunkt für Forschungen auf diesem unbearbeiteten Gebiet[1].

Das Material

Die hier zu erwähnenden Bilder der Neuzeit finden sich zunächst in den kosmographischen. Werken der Zeit. Wir verwenden die Materialien aus 1. D. Cornelius Gemma de naturae divinis characterismis (Antverpiae 1575) lib. II (die Kometenbilder finden sich auf S. 120); 2. Hevelius Cometographia (Gedaniae 1668; die Tafeln mit den Kometenformen S. 445. 446. 448; ab S. 452 folgen Bilder mit eigenen und zeitgenössischen Beobachtungen); 3. St. Lubienitz Theatrum cometicum (Leyden 1667 und 1681), Teil II. Neben Beobachtungsdarstellungen der Zeitgenossen enthält das Werk mehrere Tafeln mit schönen, für die Ikonographie wichtigen Bildern historischer Kometenerscheinungen. Von Ricciolis Almagestum novum (Bononiae 1653), auf dessen Abbildung zu 112, 2. p. 196 Gundel bei Pauly-Wissowa s. v. Kometen Sp. 1180, 12 verweist, ist mir keine illustrierte Ausgabe zu Gesicht gekommen; auch auf die: in Edward Sherburne The Spere of Manilius (London 1675) 188 ff. enthaltenen Kupfertafeln (s. Gundel a.a.O. Sp. 1145, 25) mit Kometenbildern kann ich nur hinweisen, da ich sie: ebenfalls nicht habe einsehen können.
Die kometomantische Literatur ist hauptsächlich vertreten durch Lycosthenes' Prodigiorum ac ostentorum chronicon (Basel 1557); 7 verschiedene Typen begegnen, durch sein ganzes Werk hindurch verteilt als Illustrationen zu registrierten Kometenerscheinungen. Neben Lycosthenes treten die Einblattdrucke; einige dreißig sind veröffentlicht. Das Hauptwerk schuf F. Archenhold Alte Kometeneinblattdrucke (Verlag der Treptow-Sternwarte, Berlin-Treptow 1925), von dem bis jetzt eine Mappe mit 25 Drucken vorliegt. Einige andere Drucke sind reproduziert in F. Archenhold. Kometen, Weltuntergangsprophezeihungen und der Halleysche Komet (Berlin-Treptow, Sternwarte 1910). Weiteres, auch koloriertes Material findet man bei W. Heß Himmels- und Naturerscheinungen in Einblattdrucken des XV. bis XVIII. Jahrhunderts (Abd. 3. 11. 12. 13. 15. 17. 25) = Zeitschr. f. Bücherfreunde N.F. II, 1 und 2 (1910/11) 1 ff. und bei P. Gulyás 4 Einblattdrucke über den Kometen vom Jahre 1680 = dieselbe Zeitschr. N.F. III 2 (1912), 328 ff. Eine Abbildung aus einer französischen Hs. des 16. Jahrhunderts und 1587 findet man bei A. Warburg Heidn. -antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeit (= Sitzungsbericht d. Heid. Ak. d. Wiss., phil. hist. Kl. Jahrg. 1916, 26. Abb. S. 69). Auch die Prognostiken enthalten auf ihren Titeln zuweilen Kometenbilder (vgl. ebd. Taf. I von einem Progn. aus d. Jahre 1521 und Strauß Der astrol. Gedanke i. d. deutschen Vergangenheit S. 74 f., wo man Bilder von Progn. von d. Jahren 1531 und 1532 findet). Große Materialien besitzen die Petersburger Sternwarte zu Pulkowa und die Crawford-Bibliothek der Sternwarte zu Edinburg. Dazu vgl. Ph. Carls Repertorium, München 1864. (Diese Angaben entnehme ich H. Ludendorffs Aufsatz Die Kometenflugschriften des XVI. und XVII. Jahrhunderts (= Ztschr. f. Bücherfreunde XII, 2 [1908/09] S. 501). Ein Katalog der in der Bibliothek zu Bamberg, der Staatsbibliothek in München und der Graphischen Sammlung in München enthaltenen Einblattdrucke bei Heß a.a.O. S. 390 ff., die Blätter der Treptow-Sternwarte beschreibt Archenhold Kometen usw. 79 ff.

Die Tradition der Formen

Die Voraussetzungen der Typenaufstellung von Kometenerscheinungen der N.Z., wie sie in diesen Bildern versucht ist, sind zunächst bildliche Darstellungen der vorausliegenden Epochen. Aus eigenen Anschauungen sind mir keine bekannt. Die wohl älteste Darstellung findet sich auf der Tapete von Bayeux[2]: man sieht den Kometen von 1066 (Schlacht bei Hastings, Tod König Haralds von England!), der von erregten Menschen betrachtet wird. Handschriften des M.A.s illustrieren zuweilen ihre Beschreibungen der Himmelskörper, darunter auch die der Kometen. Solche Bilder finden sich z.B. in einer Hs. des XII. und in einer des XV. Jahrhunderts[3]. Letztere enthält eine Reihe von Bildern, die Kometen in Verbindung mit Tierkreiszeichen zeigen. Diese Bilder sind wichtig zur Erkenntnis dessen, wo und wann zuerst die in den späteren Prodigienwerken, etwa bei Lycosthenes, auftretenden differenzierten Bildtypen entstanden sind; ferner, von wo sich ein Teil der auf Einblattdrucken und Prognostiken verwendeten Bilder herleitet.
Es ist wohl anzunehmen, daß diese Kometenbilder, in der N.Z. mit der gleich zu besprechenden antiken Kometographie immer wieder verglichen und korrigiert, letztlich auf antike Vorlagen zurückgehen, wie es auch bei den Sternbildertypen der Fall ist (s. Sternbilder). Leider sind außer einigen Darstellungen auf Münzen des Mithridates und des Augustus keine antiken Bilder überliefert[4]. Da man aber schon im Altertum den Standpunkt vertrat, daß die Form des Kometen von Einfluß auf das Ereignis sei, hat man die Formen, die wissenschaftlich untersucht und beschrieben waren (s.o. Sp. 102), sicher auch bildlich veranschaulicht.
Die antiken Autoren, die sich in den neuzeitlichen Diskussionen über die möglichen Kometenformen einer besonderen Autorität erfreuen, sind Aristoteles (met. I 7) und Plinius (n. h. II 22, 89). Die bei Aristoteles aufgestellte Einteilung der Kometen in Bartk.en und Schweifk.en (s.o. Sp. 125), an deren Stelle die spätere Antike (so auch Plinius) auf Grund anderer voraristotelischer Forschungen (Gundel a.a.O. Sp. 1174, 49 ff.) viel mehr Formtypen aufführte, taucht wieder auf, und zwar nicht nur in zünftiger Literatur, wie bei Hevelius (er scheidet die Kometen in 1. Cometae oder Crinitae, 2. Caudatae oder Barbatae[5]), sondern auch auf Flugblättern, wobei die mir bekannten Texte freilich die barbatae als Sondertyp der caudatae behandeln[6].
Neben Aristoteles' Zweiteilung wird aber die z.B. bei Plinius vorliegende differenziertere Einteilung nicht aufgegeben, aber der Versuch gemacht, sie mit der Zweiteilung des Aristotelischen Systems in Einklang zu bringen.
Wohl typisch für den Einfluß der antiken Formsystematisierung der Kometen ist der Brief Melanchthons an Camerarius über den Kometen von 1531 (Warburg Heidn.-antik. Weissagung S. 68), in dem er mitteilt, einige versuchten, den Kometen als zur Klasse der xipias des Plinius gehörig zu bestimmen, und den Adressanten um Ausdeutungen bittet. Hier herrscht also noch deutlich die Notwendigkeit, um der Interpretation der Erscheinung willen ihre Formbestimmung vorzunehmen. Dazu bot aber die Antike die ausgedehnteste wissenschaftliche Voraussetzung. Auch in der beginnenden wissenschaftlichen Ikonographie der Kometen also ist, wie in ihrer Art- und Wirkungsbestimmung, die Nachwirkung der Antike unverkennbar, so daß von der neuen Formbestimmung zweifellos auch der Aberglaube wieder Nahrung erhielt, da seine eigenen Voraussetzungen erneut diskutiert und bestätigt wurden.

Der Orientierung wegen sei die Aufteilung des Hevelius a.a.O. S. 439 kurz dargelegt. Zu den cometae gehören der diskeys, pitiths, ippeys, argyrokomhs et Hircus, zu den caudatae lampadias, keratias, akontias, xipias, logkihgs, Veru seu Pertica, tetragonia. Auf den S. 439 ff. beigegebenen Tafeln werden die Typen dann noch wieder untergeteilt und die verschiedenen Formen eines Typus abgebildet: so werden z.B. bei den Hornk.en nochmals cornuti und tubiformes unterschieden.
Indes ist in der Kometenikonographie die Verbindung zu den Ideen der Alten und der Anschluß an sie längst nicht immer so deutlich wie im Falle Hevelius, dessen Zeichnungen, so phantastisch sie auch z.T. sind (vgl. auch Heß a.a.O. 320), immerhin ein Gefühl für wirkliches Aussehen dieser Himmelskörper – Hevel hatte mehrere Kometen selbst beobachtet und gezeichnet – spüren lassen. Es waren aber auch vollkommen stilisierte und erstarrte Typen verbreitet, die an unmittelbar vorausliegende Darstellungen anschlossen. Solche Kometenbilder, die ohne eigene Beobachtung und mit starker Neigung, die Kometen mit den auf sie folgenden Schrecknissen zu veranschaulichen, gezeichnet sind, begegnen in der für die Gefühlserweckung der Menschen viel wichtigeren kometomantischen Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts. Mit Beispielen unwissenschaftlicher, vollständig erstarrter antik-mittelalterlicher Tradition hat man es z.B. in Lycosthenes' Prodigia zu tun. Ja selbst bei Hevelius ist noch erstarrtes Formmaterial der Vergangenheit neben dem auf wirklicher Beobachtung beruhenden Material verwendet, doch ist es in seinen schlimmsten Auswüchsen auf ein erträgliches Maß zurückgeführt.
Wie die Geschichte dieser erstarrten Typen ist, müssen erst eingehende Forschungen lehren; es ist aber anzunehmen, daß auch über diese pseudowissenschaftlichen Zwischenträger manche Formanschauung etwa zu Hevelius oder Lubienitz kam, so daß ein Vergleich und Interpretationsversuch früherer Typen mit Hilfe von Hevelius' Klassifizierungen durchaus berechtigt erscheint.

Die Kometentypen bei Lycosthenes

Da unter den Werken der kometomantischen Literatur Lycosthenes' Prodigia zur vorläufigen Aufstellung solcher Formtypen das meiste hergeben, sollen zunächst seine 7 Formen hier kurz erläutert und in den Zusammenhang mit Hevelius. einerseits, mit antiken Beschreibungen andererseits gestellt werden. Verwandte Bilder aus den Einblattdrucken und Prognostiken ziehen wir gleich mit in die Betrachtung hinein. Dabei setzen wir die Einteilung der Kometen in jene 2 großen Gruppen auch hier voraus.
Unter den 7 sich in den Werken des Lycosthenes ständig wiederholenden Kometenbildern sieht man weitaus am häufigsten die Figur des Caudata, des Kometen, der nach der Beschreibung der Alten hinter seinem Stern einen breiten Schweif herzieht.
Dieser Komet weist bei Lycosthenes. zwei Typen auf: Der erste (Typus I) zeigt einen (hier und auch sonst meistens sechsstrahlig wiedergegebenen) Stern, den ein Strahlenkranz kreisförmig umgibt; von dem Stern geht, sich ständig stark verbreiternd, der Schweif aus, indem er den Strahlenkranz durchbricht; Stern und Schweif liegen waagerecht (Fig. 1).

Der zu den Bildern gehörige Text nennt diese Erscheinung „cometes“. Diesem Ausdruck, den die Wissenschaft seit Aristoteles für den auf allen Seiten gleichmäßig umstrahlten Kometensterns verwendet (s.o. Sp. 125), widerspricht der Bildertypus; er paßt vielmehr nur zu dem Aristotelischen Typus des pogonias (s. ebd.), den man später caudata bzw. barbata nennt. In Einblattdrucken entspricht diesem Typus etwa der Komet vom Jahre 1680 (hier z.T. ohne Kranz um den Stern; Archenhold a.a.O. Blatt 19, 20 [Fig. 2], 21; vgl. Gulyás a.a.O. Abb. 1 [Fig. 3]); ein Einblattdruck, der die Kometenerscheinung von 1682 vorführt (Blatt 22 [Fig. 5]), bezeichnet in seiner unter dem Bilde gedruckten Erläuterung im Gegensatz zum Kometen von 1682 den Kometen von 1680 als caudata. Lycosthenes' Bezeichnung cometes ist also nichts anderes als Fixierung der allgemeinsten Vorstellung von dem Himmelskörper; er verwendet das Wort, wie das antike komnths (cometa) auch verwendet wurde. Sein erster Typus aber ist Stilisierung einer bestimmten Erscheinungsform (vgl. dazu die dem Typus I verwandten Abb. des Kometen von 1521 bei Warburg a.a.O. Tafel I und Abb. 72 bei Strauß a.a.O.).

Der zweite Typus (II) zeigt denselben Stern ohne Strahlenkranz mit schräg aufwärts gerichtetem und anders geformtem Schweif. Der Schweif ist unmittelbar hinter dem Stern fast doppelt so breit wie bei dem Typus I. Er nimmt auf etwa seiner halben Länge noch erheblich an Dicke zu, um dann bis zum Ende wieder sehr zusammenzuschrumpfen (Fig. 4).

Man möchte wohl auch diesen Kometen zunächst für einen caudata halten; die Unterscheidungsmerkmale gegen den Typus I fallen scheinbar nicht ins Gewicht. Lycosthenes nennt auch ihn cometes, einmal stella crinita, was bei Plinius II 22, 89 und Hevelius (S. 439) dasselbe bedeutet. Doch könnte der letzteren Bezeichnung in diesem Falle wirklich einmal unterscheidende Bedeutung zukommen: denn auf dem oben erwähnten Einblattdruck (Archenhold 22) wird der Komet von 1682 ebenfalls als crinita bezeichnet. Das Bild hat mit Lycosthenes' Typus II das Anschwellen des Schweifes nach der Mitte und ein borstenartiges Abstehen der Haare gemeinsam. Dies eben bezeichnet die Beschreibung jenes Einblattdruckes als charakteristischen Unterschied zwischen den caudatae und crinitae: er muß crinita genannt werden, heißt es in dem Text, „zumal dessen Schweiff gleichsam wie eitel krause Zäsern von sich wirffet“. Freilich hat die Einblattzeichnung um den Stern einen Lichtkranz, der bei Lycosthenes fehlt; doch scheint, wie bei Typus I, die Form des Schweifes wichtiger. Auch der bei Strauß a.a.O. Abb. 71 (Fig. 7, vgl. das Bild des Kometen von 1107 nach Lubienitz Fig. 6) abgedruckte Komet eines Prognostikons (ebenfalls ohne Strahlenkranz) dürfte ein crinita sein.
Die Bezeichnung dieses Kometentypus als cometes bei Lycosthenes ist aber nur zufällig richtig. In seiner Beschreibung der Kometenerscheinung von 354 v. Chr., die er mit dem Typus II illustriert, schildert er den cometes als einen, in quo tubae effigies in hastam mutata est, d.h. ein Trompeten-Komet sich in einen Lanzen-Komet gewandelt hat [wo er diese Beschreibung her hat, weiß ich nicht; die Worte verraten deutlich Plinius a.a.O., wo es aber in den guten Hs. vom Kometen Hircus[7] [!] heißt: semel athuc tubae effigies mutata in hastam est]. Tubiformes und hastiformes erwähnt Hevelius als Unterarten der caudatae, deren wesentlichstes Merkmal nach jenem Einblattdruck, die zunehmende Verbreiterung des Schweifes mit wachsender Entfernung, in Lycosthenes' Typus II nicht erfüllt wird. Auf die Bezeichnung cometes bei Lycosthenes ist also in keinem Fall etwas zu geben.

Als Typus III bezeichne ich folgenden bei Lycosthenes häufig abgebildeten Kometen: einen sechsstrahligen Stern umgibt ein Strahlenkranz derart, daß er sich auf der Vorderseite eng um die Strahlen des Sterns herumzieht, auf der anderen mit sich immer mehr vergrößerndem Abstand; dabei erscheinen die Strahlen des Kranzes, je weiter sie sich von dem eigentlichen Kern entfernen, um so mehr in die Länge gezogen (Fig. 8). Aus Lycosthenes' Text ist über die Gattung des Kometen nichts zu entnehmen. Die Tatsache, daß der Strahlenkranz von dem Kern sich nach hinten in den Schweif fortsetzt, erinnert an die comatae oder crinitae; aber bei dem als Typus II beschriebenen crinita fehlt gerade der Lichtglanz vor dem Stern (wie auch bei manchen Einblattdrucken, die Typus I zeigen). Es muß derselbe Typus sein, der bei Hevelius als Coniformis des Acontias erscheint (Fig. 14, vgl. Fig. 13); am ehesten paßt der sogenannte barbata, den der Verfasser des genannten Einblattdruckes (Fig. 5) ausdrücklich von dem caudatae und crinitae trennt und dessen Beschreibung, die Kometen hießen barbatae oder „Bartsterne, wann sie einige Strahlen oder Scheinung vor sich herauswerffen“, gerade das Vorhandensein des Kranzes vor dem Stern als unterscheidendes Merkmal auch des III. Typus bei Lycosthenes hervorhebt. Genau den gleichen Typus zeigt der Einblattdruck Nr. 8 bei Archenhold (Fig. 9), auf dem der Komet von 1580 über Nürnberg abgebildet ist; vielleicht gehören auch Abb. 73 bei Strauß a.a.O. und Heß Nr. 3 hierher (Fig. 11 und 10).
Der IV. Typus, der ebenfalls recht häufig bei Lycosthenes begegnet, ist wohl ein caudata (Fig. 12). Er unterscheidet sich von den 3 besprochenen Typen durch das Fehlen der 6 Sternstrahlen um den Kern; dessen Licht strahlt vielmehr in einer der Schweifmaterie ähnlichen Masse aus. Der Schweif ist vom Anfang an breiter als bei Typus I. Da der Kern des Kometen unverhältnismäßig groß ist, könnte man an den ippeys der Alten denken, den Hevelius freilich den comatae oder crinitae zurechnet. Die Alten erwähnen die schnelle Veränderung seiner Gestalt: nach Kampester reißt er bald eine lange Lichtfurche hinter sich her, bald zieht er sich zu einem Ring zusammen, nach Hephaistion zieht der Komet die Strahlen wie Haare hinter sich her, nach Plinius wirft er sie wie eine Pferdemähne zurück. Damit läßt sich dieser Typus IV schon zusammenstellen; Aufdeckung von Zwischengliedern dürfte aber erst Sicherheit bringen. Vielleicht ist trotz des langen Schweifes auch der Komet von 1687 bei Heß a.a.O. Abb. 15 mit dem Typus IV des Lycosthenes zusammenzustellen. Ein ippeys dürfte sicher auf Abb. 11 bei Heß zu sehen sein, doch ist hier ein anderer Zeichenstil verwendet, da es sich um eine astrognostische Darstellung handelt.
Der Typus V ist ebenfalls bei Lycosthenes nicht selten: er ist der Schwertk., wie die Zeichnung deutlich erkennen läßt (Fig. 15). Auch er gehört nach Hevelius' Aufstellung zu den caudatae: Seine Formen des xipias sind dem Bild des Lycosthenes verwandt. Doch ist er bei Lycosthenes formal selbständig; ebenso macht Hevelius (Fig. 17) einen Unterschied zwischen ihm und dem Lanzenk.en; nach antiken Auffassungen ist er aber dem Balkenk.en verwandt, wird sogar gelegentlich geradezu als solcher beschrieben. Auf den Einblattdrucken werden keine Schwertk.en abgebildet, wohl aber in einer französischen Hs. um 1587, die im Besitze der Bibliothek Warburg ist. Das Bild zeigt im Vordergrunde einen Palazzo, in der Ferne verliert sich die Landschaft in einen Berg: über allem sieht man in Wolken einen oval gerundeten Lichtschein mit Strahlen, in dessen Längsachse ein sorgfältig gezeichnetes Schwert abgebildet ist (vgl. Fig. 16). – Das charakteristische Merkmal der Schwertk.en ist nach antiker Auffassung das Fehlen der Strahlen; sie haben vielmehr einen nebelartigen, bleifarbenen, an die Form des Schwertes erinnernden Schimmer.
Typus VI bei Lycosthenes ist der Balkenk.: zu der nur selten verwendeten Abb. (über einer Flußlandschaft schwebt ein brennender Balken, rechteckig, bohlenartig) stimmt meist die Beschreibung: z.B. im Jahre 1556 seien „trabes duae ignitae“ gesehen worden (Fig. 18). Bei Hevelius ist er vielleicht der Tetragonia genannte Komet, den er zu den Caudatae rechnet. Auch im Altertum bezeichnet wenigstens Manilius die viereckige Form als wesentliches Kennzeichen der trabs. Vom akontias oder logkiths (merkwürdigerweise trennt Hevelius akontias, logkiths und Pertica, um Unterschiede der Speerk.en zu erreichen), später Veru seu Pertica, mit denen er in der Antike für identisch erklärt worden zu sein scheint, ist er bei Hevelius getrennt, die freilich auch zu den caudatae gehören. Anscheinend also ist für Lycosthenes noch die antike akontias-logkiths-Vierecksk. verbindende Anschauung vorauszusetzen. Aber schon Gemma macht mit seinen beiden Abb. des Balken- und Lanzenk.s auf den Unterschied aufmerksam: der Balkenk. ist bei ihm ein dicker, niederbrennender Baumstamm, während der Lanzenk. viel dünner und länglicher erscheint (Fig. 19. 20). Die emporzüngelnden Flammen waren das wesentlichste Merkmal dieser Kometen: die Antike betont die Gleichmäßigkeit der Flamme, die an keiner Stelle unterbrochen sei und deren Licht vibriere, was wohl Ausgangspunkt der realistischen Darstellungen bei Lycosthenes und Gemma ist. Auf den mir bekannten Einblattdrucken kommt ein Balkenk. nicht vor.
Der Typus VII, öfters verwendet und als fax ardens in caelo beschrieben, stellt das Bild einer schräg aufwärts gerichteten Fackel dar (Fig. 21). Es ist ein Rutenbündel in Strahlen, dessen oberes Ende brennt. Die Zuweisung ist unsicher. Hevelius rechnet ihn unter die comatae, bemerkt aber, daß er von einigen als barbata aufgefaßt werde, d.h. bei Hevelius als caudata. Eine antike Stelle, die den Kometen als „brennenden Baum“ beschreibt, hilft eher das Bild des Lycosthenes erklären; bildliche Analoga in der anderen Literatur fehlen. Vielleicht ist das Bild des Lycosthenes überhaupt aus der Vorstellung, die die antike Beschreibung der fax wachrief, künstlich geschaffen worden. Bei Hevelius werden 3 Bilder mit Formtypen des lampadias gezeigt, die mit Lycosthenes verglichen werden können; aber auch ihre Tradition ist unklar.

Weitere Kometendarstellungen besonderer Art

Die mir bekannten Einblattdrucke zeigen im allgemeinen caudatae, barbatae und crinitae, besonders caudatae mit wunderbaren massiven und die ganze Bildbreite füllenden Schweifen. Zwei neue Darstellungen treten hinzu, die aber beide eigentlich nicht als Typus angesprochen werden können, da sie einmalige Beobachtung wiederzugeben scheinen[8].
Bei Heß a.a.O. Abb. 17 = Archenhold Nr. 4 (Fig. 22) sind zwei Kometensterne in der bekannten sechsstrahligen Form gezeichnet, von deren einer Spitze, etwas sehr dünn angefügt, ein nach rechts stark gebogener Schweif ausgeht, der bei dem ersten Stern spitz ausläuft, beim zweiten wesentlich verbreitert erscheint. Es wird sich bei der Wiedergabe dieser in Worms 1540 beobachteten Erscheinung um einen Kometen mit sehr schnell sich änderndem Schweif handeln[9].
Das zweite Bild (Fig. 23) zeigt einen Kometen mit zwei Schweifen (Heß Abb. 12). Diese Darstellung hat in der mir vorliegenden Literatur eine Entsprechung bei Archenhold, Kometen, Weltuntergangspr. usw. Abb. 11 und 18; bei Archenhold, Einblattdrucke Nr. 11 in einer astrognostischen Darstellung ist zwar ein Komet mit sich teilendem Schweif dargestellt, doch handelt es sich, wie mir scheint, in beiden Fällen um (wenn auch stilisierte) Wiedergaben wirklicher Beobachtung (vgl. Hevelius a.a.O. Fig. H [n. S. 444] Nr. 19; dazu Archenhold, Kometen usw. Abb. 14).
Besonderer Beachtung bedürfen noch manche Bilder in der Kometographie des Stanislaus Lubienitz. Neben den „naturgetreuen“ Wiedergaben der Schweifsterne (vgl. z.B. den schönen Stich im II. Teil auf der Tafel hinter S. 370) finden sich als Illustrationen der historia omnium cometarum einige Bilder mit den mythischen Formen der Drachen. Der Ursprung dieser Bilder liegt nicht in der antiken Wissenschaft; der Komet als Schlange ist christlich (s.o. Sp. 120). Wo für Lubienitz' Darstellungen der Ursprung zu suchen ist, bedarf der Untersuchung; um das Jahr 1000 ist derDrachenk. gängige Vorstellung auch nach einer osterländischen Chronik, in der zum Jahre 999 bemerkt ist: es erschien „eine große Schlange in der Luft, so mit aufgesperrtem Rachen Feuer von sich blies und hatte grüne Füße“. Dies wird erklärt als Vorbedeutung „der giftigen List der Römer widder Otto III.“[10]. Auch Lubienitz bildet zum Jahre 1000 einen Drachenk.en ab (Teil II, Tafel nach S. 172, s. Fig. 24): der Stich zeigt ein vom Himmel herabspringendes teuflisches fledermausartiges Ungeheuer. Der Komet des Jahres 1080 war ebenfalls ein serpens: über dem abendlichen (s. Text des Lubienitz II S. 222) Horizont zieht waagerecht, seinen Leib in der Mitte einmal ringelnd und den Schwanz drohend emporrichtend, ein Drache mit aufgesperrtem Rachen und herausschießender Zunge dahin, den ihn bestaunenden Menschen Entsetzen einjagend (s. Fig. 25). Welches Verhältnis Lubienitz zu diesen Darstellungen hatte, ist mir nicht klar geworden; für die ikonographische Behandlung der Kometen scheinen sie als mittelalterliche Typen aber doch von Wichtigkeit.

Kometen in astrognostischen Einblattdrucken

Neben den rein auf das Visuelle gerichteten Darstellungen der Himmelskörper in der kometomantischen Literatur, deren Bilder sich als typisch zu erweisen scheinen und bei denen der schreckerregende Anblick in der zeichnerischen Wiedergabe viel wichtiger als die Veranschaulichung der wirklichen Form war, gibt es unmittelbar nach Beobachtung angefertigte Zeichnungen der Kometen, eingetragen in den Bereich der Sternbilder, in denen die Kometen gesehen wurden. Solche astrognostischen Einblattdrucke haben für Forschungen zur historischen Astronomie größeren Wert als die genannten anderen Bilder (s.o. Sp. 134), wenn der erklärende Text auch noch ganz dem Aberglauben zugehört, da diese Darstellungen bestimmt sind vom Willen zur Vermittlung wahrer Anschauung. Aber auch für die Kometenikonographie dürften sie nicht wertlos sein, da auf diesen Bildern, ebenso wie denen des Hevelius, die nach eigener Beobachtung gezeichnet sind, wirklich Geschehenes in einer zeichnerischen Deutung und Formung vorgeführt wird, die zwar schon weit von der Typenüberlieferung des 16. Jahrhunderts entfernt ist, aber doch eben immer noch zeichnerische Umformung darstellt und Vergröberung echter Erscheinung ist, die der Mensch meist durch Vereinfachung herbeiführt und die einmal auch Voraussetzung jener erstarrten Typen des Lycosthenes war. Am deutlichsten läßt vielleicht Abb. 13 bei Archenhold die Entstehung des Crinita vom Typus II erkennen, Abb. 14 und 15 die der caudatae vom Typus IV und I. Auch Lubienitz Abb. des Kometen von 1665 (Teil II, Tafel nach S. 370) über Hamburg kann vielleicht die Entstehung des Typus IV erklären helfen.

Daß die Darstellungen in den Einblattdrucken ihre Geschichte haben, ist unabweisbar. Sie nach dem wenigen bekannten Material näher zu untersuchen geht nicht an. Eines aber scheint sich zu ergeben: es macht sich trotz aller Tradierung fester Formen von der Renaissance bis ins 18. Jahrhundert doch ein Wille zur Darstellung wirklicher Beobachtung bemerkbar, ein „Los von der systematisierenden antiken Tradition“, deren Herrschaft im 17. Jahrhundert die Errechenbarkeit der Kometen-Bahnen wirklich brach und die Erkenntnis, es mit regelmäßig wiederkehrenden Weltkörpern zu tun zu haben, die so einfach nicht klassifiziert werden können[11].

Typische Züge auf den Bildern der Einblattdrucke

In die Behandlung der bildlichen Darstellung zum Kometenaberglauben gehört auch eine Besprechung sonstiger typischer Züge auf den Bildern. Wir deuten hier nur einiges an. Die Bilder sind teilweise symbolisch und veranschaulichen so die zu erwartenden furchtbaren Geschehnisse, so Untergang des Papsttumes (Archenhold Nr. 1 = Heß Abb. 20) oder des Türkischen Reiches (Archenhold Nr. 2) oder Krieg (Strauß a.a.O. Abb. 72). Oder man sieht eine Stadt in der Ferne, über der der Komet leuchtet; Felder und Wege dehnen sich im Vordergrund, wo erregte Menschen diskutierend und gestikulierend mit oder ohne Fernrohr zum Himmel schauen. (Diese Bilder schildern so eine seelische Gestimmtheit: nämlich die furchtsame Haltung gegenüber der Zukunft). Endlich sind wichtig die Bilder, die eine Uhr vorführen: entweder als Mahnung, daß es an der Zeit ist, Buße zu tun (vgl. das Gedicht o. Sp. 145), oder als Hinweis auf das Ende der Welt (so das interessante Blatt Archenhold Nr. 10 zur Kometenerscheinung von 1618): als Komposition vielleicht von einer fatalistischen Ergebenheit und Bekehrsucht diktiert[12].

  1. Letzter Hinweis auf die Notwendigkeit einer Kometenikonographie von Gundel in Boll Sternglaube4 129 f.
  2. ZfVk. 27 (1917), 17.
  3. Saxl Verzeichnis astrolog. und mytholog. Hss. des lat. Mittelalters in röm. Biblotheken (= Sitzungsb. d. Heid. Ak. d. Wiss. 1915, phil.-hist. Kl. 6. 7) S. 26 f. 58.
  4. Augustus A Catalogue of Coins of the Rom. republic i. the Brit. Mus. II 29 (Tafel LXII 4) und Index III s. v. Comet; vgl. Tafel LXVIII 3. 4 (Komet über Augustus' Kopf).
  5. S. 439.
  6. Archenhold Alte Kometeneinblattdrucke Nr. 22; Gulyás a.a.O. S. 330 Nr. II. Dazu Heß a.a.O. II 2 S. 318.
  7. Über ihn vgl. Gundel bei Pauly-Wissowa s. v. Komet Sp. 1179, 22 ff.
  8. Einen gänzlich erstarrten Typus älterer (ob mittelalterlicher?) Herkunft zeigt Archenhold Nr. 1 (= Heß 303; zur Geschichte dieses Blattes vgl. Heß 397 Nr. XII); es handelt sich um einen cometes im allgemeinsten Sinne des Wortes; Klassifizierung ist unmöglich. Ich übergehe ihn, wie auch die merkwürdige Darstellung des Kometen von 1664 nach Beobachtungen in Untersteiermark (Archenhold Nr. 12).
  9. Heß a.a.O. unter der Abb. 17.
  10. Eisel Voigtland 259 Nr. 651.
  11. Die moderne Auffassung der Kometen wird dargelegt bei F.S. Archenhold Kometen, Weltuntergangsprophezeihungen und der Halleysche Komet (Berlin Treptowsternwarte, 1910) 14 ff.
  12. Zur Geschichte dieses Blattes vgl. Heß a.a.O. S. 397 Nr. XII.

Übersicht über bedeutendere Kometenerscheinungen während des Mittelalters, der Neuzeit und der Gegenwart mit den ihnen zugeschriebenen Folgen und den wesentlichen Quellen, bzw. Hinweisen

Für den Nachweis der Kontinuität des behandelten Kometenaberglaubens dürfte eine Zusammenstellung der wichtigeren Kometenerscheinungen mit kurzem Hinweis auf die Auslegung und die beschreibenden Quellen für Fortsetzung der geschichtlichen Kometenforschung nicht unwesentlich sein. Für die Antike hat die mitgeteilten Erscheinungen Gundel in seinem Artikel „Kometen“ bei Pauly-Wissowa, Sp. 1183 ff. zusammengestellt, worauf hier verwiesen sei. Da unsere Arbeit sich vor allem mit dem Aberglauben zu beschäftigen hatte, wurde bei der Ausarbeitung dieser Liste im Gegensatz zu Gundel hier auf Vollständigkeit keinerlei Wert gelegt, da die prinzipiellen Deutungen veranschaulicht werden sollen.

Man vergleiche dazu noch folgende z.T. rein astronomische Kometenlisten: 1. A. Schultz Das höfische Leben 1 (Leipzig 1889), 127–140 (Wetternachrichten u. Kometenerscheinungen für die Zeit von 1100–1315); 2. O. Viviani Kometenverzeichnis, gegen 1530 in Brescia gedruckt (mir nur bekannt aus Ludendorff a.a.O. S. 504 a unten); 3. Antonius Miraldus Cometographia, Paris 1549; 4. St. Lubienietz Theatrum cometicum, Amsterdam 1668 (Neudruck Paris 1680) Teil II, der die Beschreibung und Folgendarlegung von 415 Kometen enthält (von der Sündflut aus 1664); 5. O. Riccioli Almagestum novum, Bononiae 1651, p. 34 f.; 6. M. Pingré Cométographie ou Traité historique et théorique des comètes, Paris 1783, Bd. I.p. 244 ff.; 7. Mädler-Klinkerfues Der Wunderbau des Weltalls oder Populäre Astronomie, 7. Aufl. Berlin 1879, S. 325–380.

Erscheinungsjahr Deutung und mit der Erscheinung verbundene Folgen Quellen oder Hinweise
531 Pest in Konstantinopel Zonaras XIV 6
571 Pest in Gallien Gregor. v. Tours IV 31
581 Seuche in Gallien Gregor. v. Tours V 41
596 Auftreten Mohammeds Grasser;[1] vgl. Stemplinger, Abergl. 29
614 Chosroes II. Ferôz erobert Jerusalem vgl. Amersbach, Grimmelhausen 2, 172
687 Tod des byz. Kaisers Konstantin V. barbatus; Slavenkrieg Justinians II. Nach einer Kometenbeschreibung von 1596 der Heidelberger Universitätsibl. (angebdn. an B 2631 15)
729 Einfall der Araber in Gallien, Tod Osdrics und des hl. Egbert Beda, de rer. nat. 24
800 Kaiserkrönung Karls d. Großen Riccioli, Alm. nov. II 34 Grasser vgl.[1]; vgl. Meyer, Abergl. 13
814 Tod Karls d. Großen
912 Kaiser Ludwigs Tod; Tyrannei der Ungarn Eisel, Sagenbuch 259 Nr. 651
939 Hungersnot in Italien 940 Liutprand v. Crem., Antapososis V 2
1000 Lubienitz, Theatr. comet. II. 172
1017 Kais. Heinr. II. kämpft mit Polen; Empörung in England, Dänemark und Norwegen; Sterben Kometenbescheibung von 1956, s. z. J. 687
1031 Weltuntergang E. Sakur, Die Cluniazenser 2, 214
1066 Schlacht bei Hastings; schwere Erkrankung Kaiser Heinr. IV. Tapeten von Bayeux[2], vgl. ZVfVK 27 (1917), 17; Kronfeld, Krieg 150
1165 Tod Malcolms v. Schottland Cardanus, comm. in Ptol. (=opp. V) p. 214 a
1180 »gravissimae clades« Lubienitz II p. 222
1211 »Hunnen« in Europa Lycosthenes, Prodigia p. 430
1214 Tod Wilhelms von Schottland Cardanus a.a.O.; vgl. Lycosthenes p. 432
1223 König Philipp stirbt vor Mantua am Fieber Kronfeld 150
1240 »Hunnen« in Polen Lycosthenes p. 435
1260 bewirkt 1264 den Tod Papst Urbans IV. und den Übergang des regnum Siciliae an die Anjou Cardanus p. 211 b, vgl. HessBl. 7 (1908), 111[3]
1271 Schottland durch Feuer und Sturm verwüstet Cardanus p. 214 a
1301 Ermordung König Albrechts von Österreich (1308) Grassner vgl.[1]; vgl. Meyer, Abergl. 13
1337 Heuschreckenplage in Deutschland; Seeschlacht von Sluys 1340, Schlacht von Crécy 1346, Tod König Johanns von Böhmen in ihr (Ausbruch des hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich); Pestilenz, Empörung im röm. Reich wegen der Kirchenbannung Ludwigs des Bayern Megenberg, Buch der Natur S. 60; Archenhold Nr. 6
1402 Tod Galeozzo Viscontis in Genua; Tamerlan siegt über Bajazet Kronfeld a.a.O. 150; Archenhold Nr. 6
1409 Kaiser Sigismund von den Türken in Ungarn besiegt, Verbrennung von Huß (1415) und Hieronymus v. Prag (1416) Archenhold Nr. 6
1444 Ludwig von Frankreich kämpft in Deutschland und wird von den Schweizern geschlagen; Ladislaus in Ungarn von den Türken besiegt Kometenbeschreibung von 1596, s. z. J. 687
1456 Türkengefahr Stemplinger 28; Kepler op. VIII ed. Frisch 131
1477 Tod Karls des Kühnen Grasser vgl.[1]
1506 Tod Philipps I. von Spanien Kometenbeschreibung v. 1596 s. z. J. 687
1527 Soliman plündert Ofen; Karl V. stürmt Rom; Heuschreckensterben in Italien und Deutschland Ebd. – z. J. 1526 »Türken vor Wien« Archenhold Nr. 6
1530 Florenz unterworfen (»in servitutem redacta«) Cardanus p. 214 a
1531 Erdbeben in Lusitanien; Fürstentod. – Wiedertäufer in Münster Ebd.; vgl. Kometenbeschreibung von 1596, s. z. J. 687, und Melachthons Brief an Carion (Warburg[4]) S 8, 74)
1532 Überschwemmung in Friesland, Seeland und Flandern Cardanus 214 a; eine Hamburger Chronik, vgl. ZVfVk 27 (1917), 19
1533 Hungersnot in Deutschland; Erdbeben und Stürme in der Rheingegend Cardanus a.a.O.; vgl. Archenhold Nr. 6
1534 Regengüsse über Polen, Steinbrücken in Krakau vernichtet Cardanus a.a.O.
1538 Geburt eines Kalbes mit 2 Köpfen in einem Dorfe bei Rom Kronfeld a.a.O. 150
1556 Abdankung Karls V. und sein Tod 1558; Sultan Mohammed stirbt. – Dürre, Empörung im Deutschen Reich Lycosthenes p. 653; Cardanus, de rer. var. XIV 69 (= opp. III 275 a); Melanchthon, Brief (s. ZVfVk. 27 (1917) 20); vgl. HessBl. 7 (1908), 111[5]
1572 Unglück und Schaden in Deutschland, Niederland, Frankreich und Polen Archenhold Nr. 6
1577 1578 wird König Sebastian v. Portugal von den Mohren in Afrika geschlagen und fällt Kepler, Ausführlicher Bericht von dem .....diss 1607. Jahr erschienenen … Cometen p. 28 (= Strauß[6] 85)
1582 Landseuchen, Schwindel, Catarrh; Kölnischer Krieg, Tod Ludwigs von der Pfalz, Religionsänderung in der Pfalz Kepler a.a.O. (= Strauß 84); Kepler bei Strauß, Der astrol. Gedanke in der deutschen Vergangenheit 75)
1596 Niederlage von Erlau, schwed. Krieg Kepler, Ausführlicher Bericht p. 38 (= Strauß vgl.[6] 89) (vgl. Strauß, Der astrol. Gedanke in der deutschen Vergangenheit S. 77)
1607 Ermordung Heinr. IV. von Frankreich vorausgesagt (1610) Grasser (vgl.[1]; vgl. Meyer, Abergl. 13
1618 Dreißigjähriger Krieg; Pestilenz Grasser vgl.[1]; Nagelius, Prognostikum astr. (von 1620 an zu rechnen), s.o. A. 146; Oldenburger Chronist Winkelmann (vgl. Strackerjan, Oldenburg 1, 2)
1664/65 »Veränderung und Confussionen« Kronfeld 150 f.; Bußordnungen Herzog Eberhards v. Württemberg (vgl. ZVfVk, 27 (1917). 21)
1668 Katzensterben in Westfalen Wolf, Über Cometen und Cometenaberglauben, Zürich 1857, S. 9
1680 Erregung in Frankreich und Deutschland in Erwartung großer Gefahren P. Bayle, Pensées diverses éd. soc. d. textes franç. modernes (Paris 1911) Bd. I Introduction VI[7]; vgl. ZVfVk. 27 (1917), 22 f.; Zeitungsnotize[8]. – J. Krebs, Chronik der Stadt Zeitz, Zeitz 1837, S. 353, 372
1743 Zweiter schlesischer Krieg von 1744 Kronfeld 152; vgl. Friedrichs des Großen Gedicht an Jordan (o. Sp. 148).
1811/12 Napoleons Zug nach Rußland und Untergang in Moskau; gutes Weinjahr Tolstoi, Krieg und Frieden II Ende; Kronfeld 152 A. 1; Rist, Memoiren = ZVfVk. 27 (1917), 13 f.[9]. – Hess-Bl. 7 (1908), 107
1831 (Nordlicht!) Kriegserwartung Stemplinger 29; vgl. »Der Heidemann« v. Droste-Hülshoff
1834 Kommendes Weltgericht, Vernichtung des Antichrist Vgl. HessBl. 7 (1908), 114
1858 Ankündigung des franz.-österreichischen Krieges von 1859; gutes Weinjahr Strackerjan 1, 21; HessBl. 7 (1908), 107
1870 Deutsch-franz. Krieg Stemplinger 29
1910 Kriegserwartung, Krankheiten Kronfeld 150; vgl. ZVfVk. 21 (1911), 292 f.
1911 Ital.-türk. Krieg Kronfeld 152
1913/14 Weltkrieg, gutes Weinjahr Kronfeld 7. 148
1915 Weltkrieg Kronfeld 154
  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 J. Grasser (Pfarrer zu St. Peter in Basel) Christliches Bedenken vber den Erschrockenlichen Cometen 1618 [Predigt].
  2. vgl. Spalte 151.
  3. Vgl. Annal. Placent. Ghibell. 1264 bei Schultz Höfisches Leben der Minnesänger 1, 127 A. 1.
  4. A. Warburg Heidn.-antike Weissagungen zu Luthers Zeit (= Sitzb. Heid. Ak. d. Wiss. 1919, phil.-hist. Kl. 26).
  5. Ausführlichere Prognosen der Zeit abgedruckt bei R. Wolf Über Cometen und Cometenaberglauben, Zürich 1857, S. 21; Riccioli Almag. nov. II 34; Gundelmacht hier HessBl. 7 (1908), 111, A. 1 auf das Ausschreiben dieser Weissagungen bei mehreren Autoren aufmerksam.
  6. 6,0 6,1 Die Astrologie des Johannes Kepler. Eine Auswahl aus seinen Schriften herg. v. H.A. Strauß, München u. Berlin 1926.
  7. Gewährt einen vorzüglichen Einblick in die Stimmung in Frankreich und die über die Kometenerscheinung geführte Diskussion. Man beachte vor allem die ebd. zitierte Stelle aus Des Maiseaux Vie de Bayle ed. de la Haye (1732), 1, 63, die die Fruchtlosigkeit von Bayles Schrift über den Kometenwahn erzählt: „on lui répondoit toujours que Dieu montre ces grandes Phénomènes, afin de donner le tems aux pecheurs de prévenir par leur pénitence les maux qui leur pendent sur la tête“.
  8. Berliner Dienstagischer Mercurius 1681, 4. Woche, Zuschrift aus Neapel vom 30. Dez. 1680; Berliner Sonntagische Fama 1681, 2. Woche, Zuschrift vom 2. Jan. aus Wien, alles zitiert nach Eberh. Buchner Das Neueste von gestern 1, 140 f.
  9. Von O. Lauffer a.a.O. zitiert nach der gekürzten Ausgabe in der „Hamburgischen Hausbibliothek“ I. II. (1908) 2, 121. 125.