Goldenes Zeitalter (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Wolfgang Stammler.

Überblick

Der Gedanke vom goldenen Zeitalter ist ein allgemeiner Menschheitstraum. Er ist über die gesamte bewohnte Erde in den verschiedensten Zeiten und Gegenden verbreitet[1] und gliedert sich in drei Zweige: Einmal wird das goldene Zeitalter geschildert, das in der Vorzeit war, und die jetzige böse Zeit im Gegensatz dazu beklagt; oder das goldene Zeitalter wird als in der Zukunft kommend herbeigesehnt und an bestimmte Voraussetzungen sein Erscheinen angeknüpft; oder schließlich wird beides verbunden und das einst gewesene goldene Zeitalter als dereinst wiederkehrend bezeichnet. Die Anschauung von einem goldenen Zeitalter reicht also hinein in jegliche Eschatologie, in die Messias- und Kaisersage wie in die Lehre von den Weltaltern, und es kann nicht wundernehmen, daß die religiöse Bewegung der Chiliasten im 17. Jahrhundert auch diese Idee aufgriff und lebhaft propagierte, wenn auch im christlichen apokalyptischen Gewande[2].

  1. Eine allgemeine Übersicht bei Kampers Kaiseridee 3 f., 177. Unbrauchbar für geschichtliche Untersuchungen E. Pfleiderer Die Idee eines goldenen Zeitalters, ein geschichtsphilosophischer Versuch mit besonderer Beziehung auf die Gegenwart ausgeführt 1877.
  2. F.U. Calixtus De chiliasmo cum antiquo tum pridem renato tractatus. Helmstädt 1692.

Das goldene Zeitalter im Altertum

Wie das Endziel alles religiösen Strebens die Ankunft des Messias und die Heraufkunft des ewigen Friedenszeitalters überhaupt ist[1], so wurde schon in Babylon das goldene Zeitalter unter der Herrschaft eines Idealkönigs erwartet, genauer sogar für Assurbanipals Regierung derartiges in bestimmte Aussicht gestellt. Als der Assyrer Sargon II. Babylon zerstörte und ein neues Weltreich mit Ninive als Mittelpunkt schaffen wollte, ließ er sich als neuer Adape verherrlichen, als Wiederkehr des wunschlos glücklichen Urmenschen[2]. Und auch in Ägypten will man Spuren einer solchen Hoffnung auf ein goldenes Zeitalter finden[3]. Ebenso wird bei den Iraniern Yima als König des goldenen Zeitalters gepriesen[4], und die Messiashoffnung der Juden braucht nur angedeutet zu werden.

  1. Petersen Muncker-Festschrift (1916) 249 ff.
  2. Jeremias Religgesch. 42 ff. 47.
  3. Ebd. 74.
  4. Usener Sintflut 202.

Das goldene Zeitalter in der Antike

Die Griechen setzten ein goldenes Zeitalter unter Kronos an, das durch die Empörung des Zeus zerstört worden war, und unter Peisistratos erhoffte das Athenische Volk ein neues goldenes Zeitalter nach Kronos’ Muster. Die Römer übertrugen diese Vorstellung auf den Saturnus; und wie bereits die griechische Komödie das goldene Zeitalter mit Schlaraffenzügen ausgestattet hatte, so wurde die Zeit Saturns in Italien verherrlicht als die Zeit eitel Friedens und Segens, wo Wein und Honig überfloß. Mit Saturns Tode endete das goldene Zeitalter; doch zur Erinnerung begingen seitdem die Römer das Fest der Saturnalien in ausgelasssener und schwelgerischer Weise[1].

  1. E. Hübner Das g.Z. 1879; H.E. Graf Ad aureae aetatis fabulam symbola. Diss. Leipzig 1884; Roscher Lex. II, 1, 1457 ff.; IV, 433 ff.; Rohde Psyche 1, 92 ff. 106. 315; Ders. Kl. Schr. 2, 21; Usener Sintflut 202 ff.; Frazer 12, 288; dt. durch Helen v. Bauer 1928, 847; Albers Das Jahr 316; Wissowa Religion 206.

Das goldene Zeitalter im Islam und anderen Erdteilen

Ebenso herrscht im Islam die Hoffnung auf ein goldenes Zeitalter Der Imam Mahdi soll die mit Ungerechtigkeit erfüllte Welt nach Mohammeds Weisung dereinst in eine Welt der Gerechtigkeit verwandeln[1]. Und um nur noch ein ganz entferntes Beispiel zu nennen: Auch die Arunta in Australien glauben an ein einst gewesenes goldenes Zeitalter, das sie Alcheringa nennen[2].

  1. W. Knieschke Die Erlösungslehre des Islam 1910; Jeremias Religgesch. 107.
  2. Reuterskiöld Speisesakramente 63.

Das goldene Zeitalter bei den Germanen und in der europäischen Volkssage

Auch der germanische Mythus wußte um ein goldene Zeitalter. Beständiger Friede herrschte, weder Menschen noch Götter kannten Laster. Erst als Frodi die Riesinnen in seine Gewalt brachte und auf der wundertätigen Mühle Gold mahlen ließ, brach das Glück zusammen. Alles Unglück wurde in die Welt gebracht, wie das Gold geschmolzen und verwertet wurde. Da erwachten die Leidenschaften der Götter und Menschen, Gier nach Besitz ergriff ihre Herzen, der Friede verschwand, Streit und Neid hielten ihren Einzug. Und erst wenn das jetzige Göttergeschlecht im letzten Kampf der „Götterdämmerung“ seinen Untergang gefunden hat, wird ein neues erscheinen, und dieses wird das ehemalige goldene Zeitalter wieder heraufführen, wird Friede, Eintracht und Fruchtbarkeit in alle Ewigkeit begründen. So lauten die Erzählungen der „Edda“, in denen zweifellos Beeinflussung durch orientalische und antike Anschauungen steckt[1].
Nach Finnland wirkten die germanischen Mythen auch in diesem Motiv hinüber, mit leiser Verschiebung nach der Schlaraffenseite hin: Zu Ukkos Zeit wurde Gold in den Mühlen gemahlen (d.h. es war wertlos), von den Eichen troff Honig, in den Flüssen floß Milch[2]. Es ist das alte Götterland mit den alten Götterspeisen Milch und Honig, die aus der Bauernkultur heraus vergöttlicht wurden[3] und sich bis nach dem dunklen Norden retteten.
In ebenso unwirtlicher und dem Ackerbau unholder Gegend, den Schweizer Alpen, hat sich am zähesten und verbreitetsten die Sage vom goldenen Zeitalter gehalten. In den verschiedensten Teilen, vorzüglich des Berner Oberlandes, wird erzählt, daß da, wo jetzt die starren Eisfirnen in die Lüfte ragen und die Gletscher alles bedecken, einst fruchtbares Land und blühende Siedlungen gewesen seien. Bäche und Seen seien mit Milch erfüllt gewesen, die Berge hätten aus Honig bestanden. Die Käse (oder Honigwaben) wären so groß gewesen wie Stadttore, und was dergleichen Schlaraffenmotive mehr es gibt. Als indes die Bewohner infolge des beständigen Reichtums übermütig wurden und sich an Gott versündigten, sei plötzlich zur Strafe die ganze Herrlichkeit im Nu versunken und dafür die jetzige Einöde eingetreten[4].
Ähnliches erzählte man sich auch vom Rosengarten in Tirol[5], und ebenso hören wir aus Frankreich derartige Überlieferungen[6]. In mitteldeutschen Gebirgen hielt man den Glauben an ein kommendes goldenes Zeitalter fest, mitunter mit der Kaisersage (s.d.) zusammen. Wenn die Zwerge erwachen – und das geschieht, sobald ihnen der Bart dreimal um den Tisch gewachsen ist –, kehrt die glückliche Zeit zurück[7].

  1. Über das gullaldr der „Edda“ vgl. Grimm Myth. 580 f.; Simrock Mythologie 49 ff. 618.
  2. Grimm Myth. 581.
  3. Usener Sintflut 202 ff.; Ders. Kl. Schr. 4, 402 f.; Wyß Milch 45 f.
  4. Lütolf Sagen 267; Herzog Schweizersagen 2, 1 f.; Kohlrusch 157 ff.; Rochholz Sagen 2, 204 f.; Ders. Naturmythen 223 ff.; Ders. Glaube 1, 3 ff. = Germania 7 (1862), 385 ff.; Vernaleken Alpensagen 1 ff. (reichste Sammlung); Wyß Reise 1, 148; 2, 416; Herdi Käse 18 f.
  5. Quitzmann Baiwaren 198.
  6. Sébillot Folk-Lore 1, 217; 4, 426.
  7. Schönwerth Oberpfalz 2, 316; Witzschel Thüringen 2, 34 Nr. 25; Sepp Altbayer. Sagenschatz 622 Nr. 170.

S. auch s. Kaisersage, s. Schlaraffenland.