Franz Sales Handwercher

Handwercher.jpg

Franz Sales Handwercher kam am 1792 auf einem Einödhof im niederbayrischen Loitersdorf bei Oberhausen an der Vils zur Welt. In einer streng katholischen Familie aufwachsend reifte in ihm der Wunsch, Priester zu werden. Durch die Widrigkeiten zur Zeit der Säkularisation gezwungen, als Klöster und Priesterseminare geschlossen wurden, besuchte er das Gymnasium in Regensburg. 1811 legte er in Straubing die Reifeprüfung ab. Danach studierte er in Landshut Philosophie und Theologie als Schüler der späteren Regensburger Bischofs Johann Michael Sailer. 1816 empfing er seine Priesterweihe. Seinem väterlichen Freund Professor Sailer hatte er es zu verdanken, daß er bereits 1819 zum Professor am Progymnasium in Landshut berufen wurde. Nachdem Sailer 1821 nach Regensburg ging, übernahm Handwercher die Pfarrei in Tegernbach bei Pfaffenhofen an der Ilm. 1827 wechselte er nach Hohenegglkofen, 1836 nach Oberschneiding bei Straubing, wo er bis zu seinem Tode im Jahr 1853 blieb. Hundert Jahre nach seinem Tode wurden seine Gebeine in die Oberschneidinger Pfarrkirche überführt. Zum Gedenken an sein Wirken in der Pfarrei wurde der Platz, an dem sich die Kirche befindet, in Pfarrer-Handwercher-Platz benannt.

Er starb als weithin bekannter Seelsorger im Rufe der Heiligkeit. So soll er durch Auflegung der Hände und Anrufung Jesu Krankheiten zu heilen in der Lage gewesen sein. Er soll zudem die Fähigkeit zur Zukunftsvorhersage besessen haben. Viele kamen von weither, weil sie sich von ihm Linderung ihrer Leiden und Auskunft über ihre Zukunft erhofften. Im Jahre 1830 soll er an 15 aufeinanderfolgenden Sonntagen frühmorgendlich um vier Uhr Visionen erlebt haben, von ihm als „Geistesmitteilungen“ bezeichnet, die er in Versform niederschrieb.

Wolfgang Johannes Bekh – Das dritte Weltgeschehen, 1980[1]

1. Sonntag: Gottesgeißel

  1. Als ich heimkam von der Kirche
    Sank ich auf mein Lager nieder.
    Doch das Schreien um Erbarmen
    Hallte in der Seele wider.

  2. Plötzlich sah ich neben meiner
    Wunderhold ein Knäblein liegen,
    Das die Seele lächelnd einlud,
    An sein Herz sich anzuschmiegen.

  3. Und ich sprach: „Du liebes Kindlein,
    Kannst dich über uns erbarmen?“
    Und es ging vom Mund des Kindes
    Süßer Hauch: „Ich will erbarmen!“

  4. Plötzlich an des Kindes Stelle
    Lag ein Mann von dreißig Jahren,
    Und es trieb mich an mit Flehen
    Ihm sogleich zu offenbaren. -

  5. „O fürwahr, du bist derselbe,
    Der als Kindlein dagewesen,
    Willst du helfen, willst du retten,
    Ach, dann werden wir genesen.“

  6. Weg war Mann und Kind! Urplötzlich
    Tobt ein Sturmwind in dem Hause,
    Aus den Angeln fliegt die Türe
    Auf mit donnerndem Gebrause.

  7. Und ich hörte eine Stimme
    Ins erstaunte Ohr mir fließen:
    „Sieh, ich habe aufgeschlossen
    Und es kann kein Mensch verschließen.“

  8. Aber durch die Kammertüre,
    Die der Sturmwind aufgelassen,
    Sah ich plötzlich in die Stube
    Strömen dichte Menschenmassen.

  9. Alle schauten sie zum Himmel.
    Eine sprach zur andern: „Siehe!“
    Ich jedoch stand auf vom Lager,
    Sank zu Boden auf die Knie.

  10. „Gott“, so sprach ich, „ist erschienen.
    Unwert bin ich, nur die Riemen
    Seiner Schuhe aufzulösen,
    Ihm, dem Preis und Ruhm geziemen.“

  11. Aber in derselben Stunde,
    Wo im Geiste dies geschehen,
    Ward ein schrecklich Feuerzeichen
    An dem Firmament gesehen.

  12. Ähnlich einem Tafeltuche
    Hing es nieder von den Sternen,
    Und es ward herabgelassen
    Aus des Himmels tiefsten Fernen.

  13. Aus dem Tuche steigen Nebel
    Auf samt Rauch und Feuerflammen
    Und es wickelt wie ein Balken
    Plötzlich sich das Tuch zusammen.

  14. Eins der Enden von dem Balken
    Hat ein Kronenreif umfangen,
    Doch am andern Ende sah man
    Eine Geißel Gottes hangen.

  15. Lange sah man diesen Balken
    Waagerecht am Himmel glühen
    Und die Geißel hochgeschwungen
    Feuerfunken niedersprühen.

  16. Endlich sah man noch den Balken
    In ein Schlachtschwert sich verändern,
    Welches blutrot aufgehoben
    Über Städten hing und Ländern.

2. Sonntag: Gericht ohne Erbarmen

  1. In des Jammers Hause sah ich
    Über tausend erdenfarb’ne
    Schmerzverzehrte Menschen stehen
    In dem weiten Krankensaale.

  2. Mitten in dem Saale sah ich
    Einen Mann zu Stuhle sitzen,
    Dessen Augen gleich der Sonne
    Voll erhab’ner Würde blitzen.

  3. Solche Majestät des Wesens
    War mir vorher nie erschienen;
    Ich erkannte: diese Hoheit
    Kann nur Gott zur Hülle dienen.

  4. In der Stirne tiefen Falten
    Schien ein Adlerzorn zu liegen;
    Ernst und Strenge schien die Milde
    Seines Herzens zu besiegen.

  5. Auf das Knie gesenket wagt’ ich
    Seine Knie zu umklammern.
    Seine Füße sanft zu küssen
    Und zu ihm hinauf zu jammern:

  6. „O erbarme dich, Erbarmer!
    Sieh des Elends ganze Größe!
    O erbarme dich, Erbarmer!
    O errette, o erlöse!“

  7. Aber langsam neigt der Hehre
    Sein erhab’nes Haupt bei Seiten;
    Durch den Wink des Auges sah ich
    Mein Gebet mit „Nein“ bescheiden.

  8. Nochmals wag ich meine Bitte,
    Aber mit der Hand zurücke
    Weist der Hohe majestätisch.
    Und er sprach mit ernstem Blicke:

  9. „Meine Rechte hab’ ich zürnend
    Auf die Länder ausgestrecket;
    Ein Gericht ist angesetzet,
    Das die Erdenvölker schrecket.

  10. Meinen Weizen will ich worfeln;
    Säubern will ich meine Tenne;
    Doch die Meinen will ich sammeln,
    Wie die Küchlein lockt die Henne.

  11. Will ein neues Reich mir stiften
    Und darein die Treuen setzen,
    Die in Buße meiner harren
    Und den Glauben nicht verletzen.“

3. Sonntag: Großes Sterben

  1. „Was soll werden?“, war mein Denken,
    Als der Geist in Schlaf mich stürzte
    Und ich schaute eine Blume,
    So die Luft mit Weihrauch würzte.

  2. Während ich am Farbenschmelze
    Hochentzückt mein Aug’ erbaue,
    Neigt der Blume Haupt sich plötzlich,
    Wie berührt von gift’gem Taue.

  3. Und es welkt die Blumenkrone,
    Dorrt wie Heu und sinkt zur Erden,
    Wird zu Staub und wenig Erde
    Und ich hörte: Das soll werden.

  4. Jetzo werd ich abberufen
    Und ich ging zum Hospitale,
    Und ich stand im Priesterkleide
    Mitten in dem Krankensaale.

  5. Jammer spricht hier aus dem Auge
    Von den Hunderten Elenden;
    Ach an Wärtern fehlt’s und Priestern,
    Allen Hilf’ und Trost zu spenden.

  6. Viele kämpfen ihren Tod’skampf
    Mit verzehrtem Blick und Leibe,
    Rollen in des Schmerzes Zucken
    Ihren Körper gleich der Scheibe.

  7. Schaurig rasseln durch die Straßen
    Unablässig schwarze Karren,
    Und man wirft hinab die Leichen
    Ehe sie noch ganz erstarren.

  8. Und bei fernen Leichenzügen
    Singen dumpf die Grabgefährten:
    „Miserere mei Deus!“
    Und ich hörte: „Das soll werden!“

4. Sonntag: Der Turm der Kirche unzerstörbar

  1. Eine Kirche sah ich stehen
    Und ich stieg hinauf im Turme;
    Plötzlich scheint der Turm zu schwanken,
    Wie ein Tannenbaum im Sturme.

  2. „Ach der Turm stürzt!“ rief ich ängstlich.
    Und ich ließ in banger Eile
    Von der Spitze mich hernieder
    An dem nächsten Glockenseile.

  3. „Dieser Turm wird nimmer stürzen
    Vor der Welt und Zeiten Ende!“
    Also sagte mir ein Starker:
    „Siehe an die Fundamente!

  4. Aber jetzo ward ein Quader
    Aus des Turmes Kranz gelöset;
    Dieses hat dem ganzen Baue
    Solches Zittern eingeflößet.“

  5. Und ich sah den Grund gefestet
    In des Berges Felsenadern,
    Einen Wald von Säulenbogen,
    Pfeilern aus den stärksten Quadern.

  6. Unzählbare Eisenstangen
    Klammern sich von Stein zu Steine,
    Alle Fugen sind verkittet
    Zu unlösbarem Vereine.

  7. Also war der Bau geschirmet
    Von unsichtbaren starken Stützen,
    Daß kein Stein gefunden wurde,
    Den nicht tausend andere schützen.

  8. Hochverwundert mußt’ ich rufen:
    „Dieser Turmbau wird bestehen.
    Ehe seine Zinnen stürzen,
    Wird das Erdenrund vergehen.“

  9. Bald erkannt’ ich drauf den Quader,
    Welcher damals los sich machte;
    Denn es starb zur selben Stunde
    Pius, so genannt der Achte.

5. Sonntag: Verwüstung der Kirchen

  1. Mitten in den Strom des Niles
    Trugen mich des Geistes Flügel
    Über eine öde Insel,
    Rings umwogt vom Wasserspiegel.

  2. Wellen kommen, Wellen schwinden,
    Schlagen an die Bank von Sande.
    Traurig steht der rote Ibis
    In dem schwanken Rohr am Strande.

  3. Zwischen Schilfen und Papyrus
    Rauscht das Nilpferd ungestaltet;
    Und so sonnt das Krokodil sich,
    Das den gelben Rachen spaltet.

  4. Linkshin - Lybia, die Wüste -
    Rechts - Arabias Felsenmassen -
    Ich allein im breiten Strome
    Schrecklich einsam und verlassen.

  5. Und die Stimme in dem Innern,
    Die da billigt und verklaget,
    Schreit: „Ist nirgendwo ein Ausweg?“
    Und ihr ward darauf gesaget:

  6. „Sieh, der Weg ist in den Bergen,
    Dornig, alpenvoll, uneben;
    Durch die Mitte der Gefahren
    Führt der eine Weg zum Leben.

  7. Über Schlangen, Basilisken,
    Krokodil und Löwenrachen
    Sollst du schreiten unverzaget
    Und der Hölle Trotz verlachen.“

  8. Von dem Abhang eines Berges
    Bin ich gegen Tal gestiegen,
    In der Kirche meiner Pfarre
    Dem Gebete zu obliegen.

  9. Neben einem Gottesacker
    Führten mich vorbei die Schritte,
    Und ich sah die Seelenkirche
    Offen in der Gräber Mitte.

  10. Ein paar hundert Schritte tiefer
    Lag die Kirche in dem Tale;
    Da verließ mich der gewohnte
    Kirchenweg mit einem Male.

  11. Eine Straße, wohlbekieset,
    Vielbefahren, schnurgerade,
    Von der Baumallee beschattet,
    Sah ich statt dem alten Pfade.

  12. Also kam ich bis zur Kirche,
    Da ich öffnen will die Türe
    Sinkt sie schwankend aus den Angeln,
    Wie ich sie nur leis berühre.

  13. Da ich nun das Innere schaute,
    Hat sich mir das Herz empöret:
    Betstühl’, Kanzel und Altäre
    Sind gestürzet und zerstöret.

  14. Drinnen sieht man niemand beten;
    Heu und Stroh erfüllt die Hallen,
    Kaufmannsgüter sind darüber
    Aufgetürmt in schweren Ballen.

  15. Dieses Haus, dereinst gegründet,
    Daß es Gott zur Wohnung diene,
    Ist verwendet nun zum Zollhaus
    Und zum Warenmagazine.

  16. Und ich seufzte: „O wie schrecklich
    Ist das Heiligtum zertreten!
    Ausgeraubt ist Gottes Wohnung.
    Ach, hier kann ich nicht mehr beten.“

  17. Heimwärts auf demselben Wege
    Schritt ich, ganz von Gram erfüllet;
    Da begegnet mir ein Fremder,
    In ein schwarz’ Gewand verhüllet.

  18. In den Falten des Gesichtes
    Schien ein finstrer Groll zu hausen,
    Frech und herrisch ist die Stirne
    Und sein Aug’ erreget Grausen.

  19. Er durchbohrt mich mit dem Blicke
    Aus dem wilden Feuerauge.
    Ha! Mir war als ob der Hölle
    Abgrund mir entgegenhauche.

  20. Wie beim Anblick der Medusen
    Starren mir wie Stein die Glieder;
    Und beflügelnd meine Schritte
    Kam ich zu dem Kirchhof wieder.

  21. Sieh! Die ganze Kirchhofsfläche
    Gleich dem frischen Ackerfelde;
    So durchfurchten seine Rasen
    Der Verstorbenen Gezelte.

  22. Neben frischen Leichenhügeln
    Sah ich viele Gräber offen:
    Gott! Erbarme dich der Seelen,
    Deren Leib der Tod getroffen!

6. Sonntag: Weltjahrmarkt – Nur gebeugte Knie helfen wider Satan

  1. In dem Innern einer Kirche
    Sah ich Männer, Kinder, Greise;
    Alle lasen in der Bibel,
    Deuchten all sich klug und weise

  2. Aber ich nach meinem Brauche
    Las im Römischen Breviere;
    Und es fragten mich die andern,
    Welch’ Erbauungsbuch ich führe.

  3. Höchlich staunten alle Leute,
    Daß ich noch in diesem Buche
    Voller Formeln, längst veraltet,
    Meines Geistes Nahrung suche.

  4. Doch ich blieb bei meiner Lesung
    Und es trieb mich an, inwendig,
    Daß ich sprach: „Der Buchstab’ tötet,
    Einzig macht der Geist lebendig.“

  5. Jetzo hör’ ich zu mir sagen:
    „Komm, ich will die Welt dir zeigen!“
    Und ich ging mit einem Manne
    Durch die Stadt. - In tiefem Schweigen.

  6. In der Häuser langen Reihe
    Zeigte mir der Mann das seine,
    Führte mich in seinen Hausgang
    Und dort ließ er mich alleine.

  7. Hinter einer Gartentüre,
    Die geöffnet wird nach innen,
    Nahm ich Stellung, um die Aussicht
    Auf die Straße zu gewinnen.

  8. Sieh! Ein Markt war aufgeschlagen:
    Zahllos sah ich Tisch und Buden,
    Sah die Käufer und Verkäufer,
    Männer, Weiber, Trödler, Juden.

  9. Alle Früchte dieser Erde
    Sah ich aufgetürmt zu Haufen;
    Aller Länder Fabrikate
    Sah ich kaufen und verkaufen.

  10. Was als Stoff zur Kleidung dienet;
    Wolle, Linnen, Pelz und Seide;
    Was im Abgrund wird gewonnen:
    Waffen, Silber, Gold, Geschmeide;

  11. Was dem Auge wohlgefällig,
    Was von künstlichem Gebilde,
    Was dem Ohre süß und lieblich,
    Was dem Fühlen weich und milde;

  12. Was den Gaumen nur erlustigt
    Von Getieren, Vögeln, Fischen,
    Von Gewürzen, Kräutern, Weinen,
    Fand ich auf den Händlertischen.

  13. Aller Menschen Tagsgeschäfte
    War ein Markten, Treiben, Dingen,
    Um Gewinnste zu erkaufen,
    Um Gewinnste zu erringen.

  14. Plötzlich sah ich wilde Tiere,
    Wohlbewehrt mit Zahn und Krallen,
    Tiger, zottig, schwarz und grausam,
    In des Volkes Menge fallen.

  15. Tausend von den Käufern, Händlern,
    Sah ich von der Tiere Bissen
    Mitten in dem Marktgedränge
    Angefallen und zerrissen.

  16. Zitternd in dem Herzensgrunde
    Sah ich auf der Tiger Toben.
    Sieh! Da kommen schon die Tiger
    Gegen mich dahergeschnoben.

  17. Und sie dräuen, grimmig, wütend,
    Mit den Zähnen mich zu schnappen;
    Und sie drängen mit den Tatzen,
    Mir die Türe aufzutappen.

  18. Mit gebeugtem Knie sucht ich
    Fest die Türe zuzudrücken;
    Und ich zog zugleich das Messer,
    Um als Wehre es zu zücken.

  19. Auf der Tiere Köpfe schlug ich
    Mit der Waffe viele Male;
    Doch es war als träf die Klinge
    Einen Helm von stärkstem Stahle.

  20. Solche Feinde zu verwunden,
    Kann das Messerlein nichts nützen;
    Doch es retten mich die Knie,
    So die Türe unterstützen.

  21. Dadurch konnten diese Tiger
    In das Haus hinein nicht dringen,
    Gleich den Käufern auf dem Markte
    Mich zu töten, zu verschlingen.

  22. Während ich noch schwach und zagend
    Kämpfe mit der Tiere Grimme,
    Hört ich in dem Haus inwendig:
    „Ruhig!“ rief des Hausherrn Stimme.

  23. Nun erhob sich große Stille;
    Jene Tiger sah ich nimmer;
    Doch der Hausherr nahte,
    Lud mich freundlich in das Zimmer.

  24. „Zeit zum Essen ist soeben;
    Sei auf Fastenkost geladen;
    Doch, gehorchst du nicht der Kirche,
    Dann ersätt’ge dich mit Braten!“

  25. Ich erklärte ihm dagegen,
    Daß ich mich der Kirche füge,
    Daß die Fastenkost vom Tische
    Jenes Hausherrn wohl genüge.

  26. Unterm Mahle sprach derselbe:
    „Unnütz war zum Schutz dein Messer,
    Doch die tiefgebeugten Knie
    Dienten dir zur Rettung besser.

  27. Nie mehr wird den Feind besiegen,
    Wer mit solchen Waffen streitet,
    Die er sich nach eig’ner Einsicht
    Aus der eig’nen Kraft bereitet.

  28. Satan, stets nach Beute brüllend,
    Darf nur dann dich nicht antasten,
    Wenn du fleißig Leib und Seele
    Waffnest mit Gebet und Fasten.“

7. Sonntag: Aller Gottesdienst erloschen

  1. Eines Hochamts ernste Feier
    Hatt’ ich eben übernommen
    Und ich war im heiligen Amte
    Bis zur Präfation gekommen.

  2. Sieh! Die Präfation des Festtags
    War im Meßbuch nicht zu finden.
    „Warum säumst du in dem Amte?“,
    Lärmt man in der Kirche hinten.

  3. Und ich gab darauf zur Antwort:
    „Weil die Präfation ich suche.“
    Doch soviel ich immer blätt’re,
    Find’ ich keine in dem Buche.

  4. Jetzo hört’ ich eine Stimme:
    „Schaue aufwärts an die Wände!
    Siehe! Siebenhundertachtzig
    Schrieben dort verborg’ne Hände!“

  5. „Ziehe ab!“, so hat die Stimme
    Nun zum zweitenmal geschrien;
    Eine Zahl ward angeschrieben;
    Von der ersten abzuziehen.

  6. Und ich las: „Einhundertsechse“
    Und es ruft die Stimme wieder:
    „Also lange liegt auf Erden
    Aller Gottesdienst darnieder!“

8. Sonntag: Schwanken der Kanzeln

  1. Große Menge füllt die Kirche
    Und es herrschet tiefe Stille,
    Daß dem Volk verkündet werde
    Christi Wort und Gottes Wille.

  2. Da ich jetzt zur Kanzel trete,
    Scheint die Kanzel sich zu neigen.
    Jemand rief: „Die unt’re Kanzel wankt;
    Zu der höh’ren mußt du steigen!“

  3. Auf die höh’re Kanzel stieg ich,
    Welche am erhöht’sten Orte
    Angebracht war in der Kirche,
    Zu gehorchen jenem Worte.

  4. Da beginnt auch diese Kanzel
    Zu erzittern und zu beben;
    Und dieselbe Stimme hört ich
    Sich zum zweitenmal erheben:

  5. „Auch die höh’re Kanzel wanket;
    Nötig ist es, daß nun eine
    Neue Kanzel an dem Eckstein
    Dieses Tempelbaues erscheine.“

9. Sonntag: Beichtstühle in die Wüste entführt

  1. Vor der Kirche eines Klosters
    Standen Stühle in dem Freien;
    Es bereiten sich zum Beichten
    Dichtgedrängte Menschenreihen.

  2. Wohl mit Beichtigern und Priestern
    Sind versehen alle Stühle;
    Ich saß auch in meinem Beichtstuhl
    Im dichten Volksgewühle.

  3. Plötzlich sah ich alle Beichtstühl’
    In dem Luftzug sich erheben.
    Leicht wie Federn, ob den Köpfen
    Der erstaunten Menge schweben.

  4. Auch mein Stuhl war ausgerissen;
    Doch erfassend Baumesäste
    Konnt ich retten mich vom Schwindel
    Und gewann der Erde Feste.

  5. Fürchtend dacht ich: diese Stühle,
    Die da flattern gleich den Blättern,
    Könnten stürzend aus den Lüften
    Viele aus dem Volk zerschmettern.

  6. Und die Büßenden erdrücken,
    Die genaht voll Heilsverlangen.
    Sieh, da ist ein Sturm vom Herren
    Von den Himmeln ausgegangen.

  7. Und es wurden alle Stühle
    Samt den Priestern, die drin saßen,
    Dorthin, wo sie niemand schaden,
    In die Wüste fortgeblasen.

10. Sonntag: Wolkenbruch über Bayern

  1. Auf das Feld war ich gegangen,
    Um der Arbeit nachzuschauen;
    Und mein Baumann war beschäftigt,
    Habersamen auszubauen.

  2. Schwarze Wetterwolken sah ich
    Ganz Europa rings umschleiern;
    Doch der Himmel strahlte heiter
    Einzig auf dem Lande Bayern.

  3. Doch auf einmal hat auf Bayern
    Sich das Wolkenmeer ergossen
    Und der Sturmwind kam geflogen
    Und es fielen schwere Schlossen.

  4. Obdachsuchend vor dem Sturme,
    Der hereinfuhr mit Gebrause,
    Ging ich in dem nächsten Dorf
    Zu dem ersten Bauernhause.

11. Sonntag: Die Erde, ein Schutt- und Ruinenhaufen

  1. Auf dem höchsten Berg der Erde
    Lag ich betend auf den Knien;
    Durch Marien, Jesu Mutter,
    Hat mein Herz zu Gott geschrien.

  2. Wüst lag unter mir die Erde
    Und wie weithin herrscht mein Auge,
    Dampft ihr Grund wie Vesuvs Krater
    Von inwend’gem Brandesrauche.

  3. Der zerklüftet’ schwarze Boden
    Ist verkohlet und verglaset;
    Über diesem Haufen Schutte
    Hat ein Wirbelwind geraset.

  4. Zahllos sah ich die Ruinen
    Von den Städten in dem Lande,
    Kirchen, Häuser ohne Dachung,
    Lodernd von dem innern Brande.

  5. Durch die Öffnungen der Fenster
    Glüht es wie ein Höllenrachen;
    Hinter schwarzen Eisengittern
    Wild die roten Flammen lachen.

  6. Ich verließ nach langem Beten
    Dann des Berges Haupt, das kahle,
    Stieg durch Reste eines Waldes
    Nieder zu dem nächsten Tale.

  7. In den Trümmern eines Dorfes
    Da betrat ich Hausruinen,
    Wo ich einen Mann erschaue;
    Sonst ist niemand mir erschienen

  8. „Ach, wo bin ich?“, war mein Erstes.
    „Tausend Meilen wohl vom Orte,
    Wo du nach dem Leibe wohnest,“
    Waren des Gefragten Worte.

  9. „Welches Unglück?“, fragt ich weiter,
    „Ist in diesem Land geschehen?“
    „Ach, so hast du“, war die Antwort,
    „Nicht das Schreckliche gesehen?“

  10. „Alle Städte und Fabriken,
    Die einst blühten, sind verödet;
    Die darinnen sich genähret,
    Sind zerstreuet und getötet.“

  11. Ich gewahrte einen Wandschrank;
    Öffnend fand ich dicke Bände
    Mit der Handschrift alter Mönche
    Auf ergrautem Pergamente.

  12. Da ich nach dem Inhalt frage
    Dieser staubbedeckten, alten
    Schriften, die man hier verwahrte,
    Hab als Antwort ich erhalten:

  13. „Inkunabeln von Franziskus
    Sind’s, dem Freund der Seraphinen;
    Diese kann man jetzo brauchen,
    Denn es ist die Zeit erschienen.“

12. Sonntag: Europäischer Satanskampf gegen die Kirche

  1. Ganz Europa war ein Lager
    Von dem größten Kriegesheere;
    Und es sammeln sich die Scharen
    Gleich dem Sande an dem Meere.

  2. Alle Völker waffnen wilde
    Schreckens-Revolutionen,
    Um die Männer zu bestreiten,
    Die auf einem Berge wohnen.

  3. Denn in eine Felsenfeste
    Haben sich zurückgezogen
    All die wenigen Getreuen,
    Die dem Baal das Knie nicht bogen.

  4. Die des Osterlammes Siegel
    Klar auf ihrer Stirne tragen
    Und, wohin das Lamm auch gehe,
    Ihm stets nachzufolgen wagen.

  5. Die am alten Felsen halten,
    Hoffnungsvoll nach jenen Worten:
    „Daß den Felsen nicht erschüttern
    Werden alle Höllenpforten.“

  6. Und ich schaue, wie die Feinde
    Aus den Völkern Streiter warben;
    Und ich sah bei jedem Stamme
    Seine Fahnen, seine Farben.

  7. Einen sah ich, der vor allen
    Heißergrimmt im Hasse wütet
    Und zum Sturme anzufeuern
    Seine Scharen nicht ermüdet.

  8. Furchtbar deckt ihn schwarze Rüstung;
    Seine Kraft ist ungeheuer;
    Rauh ist jedes seiner Worte
    Und sein Blick und Schwert ist Feuer.

  9. Stolz, unbändig ist sein Streitross,
    Trauerfarbig und geflügelt,
    Das er schnaubend durch die Lüfte
    Gegen unsere Festung zügelt.

  10. Wütend schlägt er mit dem Schwerte
    An der Festung Eisengittern,
    Daß die Mauern wie die Herzen
    Der gerechten Christen zittern.

  11. Doch in Kraft des Namen Jesu
    Stellt ich mich dem Feind entgegen,
    Hielt ihm vor den Namen Jesu
    Und des heiligen Kreuzes Segen.

  12. Und ich sah ihn nebst dem Rosse
    An dem Felsenberg zerschellen,
    Sah ihn fallen gleich dem Blitze
    In den Abgrund seiner Höllen.

13. Sonntag: Restauration der Kirche

  1. Auf der Spitze eines Berges
    In der Mitte grüner Auen
    Sah ich einen neuen Tempel,
    Eine neue Kirche bauen.

  2. Von dem Plan des ganzen Tempels
    War erst das Portal vollendet.
    Welches gleich der Sonne leuchtend,
    Jedes Menschen Auge blendet.

  3. Herrlich wölbt sich das Gebäude
    Wie ein klarer Regenbogen;
    Offen sind die weiten Pforten,
    Daß hinein die Völker wogen.

  4. Seine Mauern sind von Golde,
    Hell, geschliffen und polieret,
    Auch mit vielen Edelsteinen
    Und mit Perlen reich gezieret.

  5. Arm sind alle Erdenschätze
    Vor dem Wunderwerk der Zeiten,
    Nichts Salomonis Tempel gegen
    Dieses Baues Herrlichkeiten.

  6. Und ich dachte hochentzücket:
    „Welche Kirche wird dies werden!
    Ach, ist diese Wohnung Gottes
    Nicht zu herrlich für die Erden?!“

14. Sonntag: Christus herrscht

  1. Von demselben Tempelbaue,
    Den ich sah zum ersten Male,
    Unvergleichbar herrlich strahlend,
    Sah ich wieder das Portale.

  2. Durch die offenen Flügeltore
    Sah ich jetzt zum Hochaltare;
    Dorten, ausgespannt am Kreuze,
    Hing das Opferlamm, das wahre.

  3. Seine Stirne ist mit Rosen,
    Nicht mit Dornen mehr umbunden;
    Kränze schmücken seine Arme,
    Herrlich strahlen seine Wunden.

  4. Jesus löst vom Kreuz die Arme
    Mit den blühenden Girlanden
    Und er schenkt von seinen Wunden
    Süße Düfte auf die Landen.

  5. In dem Himmel wie auf Erden
    Ihm die Knie alles bieget
    Und ich höre eine Stimme:
    „Jesus Christus hat gesieget.“

15. Sonntag: Alles eins im Glauben

  1. Wieder sah ich Berg und Kirche
    Mit dem herrlichen Portale;
    Doch der Weg hinauf war steiler,
    Als die beiden ersten Male.

  2. Zu dem goldenen Portale
    Reihen Hallen sich und Mauem,
    Fest aus gold’nem Guß gefüget,
    Um Jahrtausende zu dauern.

  3. Herrlich in der Himmelswölbung
    Hat die Kuppel sich erhoben
    Und das Kreuz, das Welt
    Und Satan überwunden, steht hoch oben.

  4. Meine Augen überraschen jetzt
    Drei Tempel in dem einen,
    Die vereint und doch geschieden
    Als ein Ganzes mir erschienen.

  5. Links ist Gott des Vaters Tempel.
    Rechts der Tempel von dem Worte;
    Mitten strahlt des Geistes Kirche
    In dem heiligen Gnadenorte.

  6. In den dreien Kirchen sah ich
    In anbetendem Vereine
    Mit den Engeln und den Heil’gen
    Die andächtige Gemeinde.

  7. Alle Gläubigen und Frommen
    Jeden Ranges, jeden Standes,
    Jeden Alters und Geschlechtes,
    Jeden Weltteils, jeden Landes.

  8. Alle Gläubigen und Frommen
    Jeden Ranges, jeden Standes,
    Jeden Alters und Geschlechtes,
    Jeden Weltteils, jeden Landes.

  9. Wer zum Geist ruft, ehrt den Vater;
    Wer den Sohn ehrt, dient dem Geiste:
    Niemand kann zu einem flehen,
    Der nicht Dreien Ehrfurcht leiste.

  10. Zur Monstranze wählt die Jugend
    Sich des Waldes schönste Fichte;
    Und es strahlt im grünen Zelte
    Jesu Herz in mildem Lichte

  11. Und es wirft die hellsten Strahlen
    Auf die Lande nah und ferne
    Und erquickt mit seiner Wärme
    Auch des Himmels weit’ste Sterne.

  12. Hochentzückt von dem Gesichte
    Sank ich auf die Tempelstufen
    Und in Preis und Dank ergossen,
    Hat mein Herz zu Gott gerufen:

  13. „O wie fromm ist diese Jugend!
    O wie fromm die ganze Herde!
    O wie herrlich ist die Wohnung
    Meines Gottes auf der Erde!“

Quelle

  1. Bekh, Wolfgang Johannes: Das dritte Weltgeschehen. Pfaffenhofen 1980.

Literatur

  1. Weigl, Pfarrer A. M.: Blicke in die Zukunft von Segensfahrer Handwercher. Altötting 1973.
  2. Ramsauer, Josef. Das soll werden. Straubing 2007.