Chiliasmus (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Will-Erich Peuckert.

Die Lehre vom tausendjährigen Reich (griech. xilioi = tausend; vgl. Millenium von lat. mille = tausend), auf Grund von Apoc. Joh. 20, 1 ff. Das tausendjährige Reich ist ein Zwischenreich zwischen diesem und dem zukünftigen Aion (s. Apokalypse). Die Idee des Zwischenreiches wird aus dem Parsismus hergeleitet[1], der bis ins 1. christliche Jahrhundert nur zwischen diesem und dem künftigen Aion unterschied[2]. Die Messiaszeit[3], ursprünglich der künftige Aion, wird, als man allgemein, nicht national beschränkt dachte, zur Vorzeit des neuen Aions, zum Zwischenreich[4]. Paulus (1. Kor. 15, 23 ff.) führt es ins Christentum ein; um die Mitte des 1. christlichen Jahrhunderts ist es also eingedrungen[5]. Apoc. Joh. 20 bestimmt seine Dauer auf tausend, IV. Esra 7, 28 ff. auf vierhundert Jahre. Unbestimmt von der Dauer reden syr. Baruch 29. und 40., slav. Henoch 33. III. Sibyll. 652–660 und V. Sibyll. 260–285; ums Ende des 1. Jhs. debattieren jüdische Rabbinen über die Dauer des Zwischenreiches (40, 400, 1000, 2000 Jahre usw.), und zwar wird R. Eliezer ben Hyrkanos als Gewährsmann für 400 oder 1000 Jahre genannt[6]. Im babylonischen Talmud erscheint die Idee in der 2. Hälfte des 2. Jhs.[7].

  1. v. Gall Basileia toy teoy 1926, 300 f.; Chantepie de la Saussaye Relig.-gesch.4 1, 112; 2, 252 f.; vgl. dazu Ed. Meyer Ursprung 3, 621; Bousset-Greßmann Die Rel. d. Judentums im späthellenist. Zeitalter 1926, 288 N. 2.
  2. Bousset-Greßmann 288; Volz Jüd. Eschatologie von Daniel bis Akiba 1903, 67.
  3. Marti in Orient. Studien, Festschr. zu Nöldekes 70. Geburtstag 1902, 2, 681 ff.
  4. Volz 55 ff. 62 f.
  5. Bousset-Greßmann 288.
  6. Ebd. 289.
  7. Ebd.

Chiliasmus in der ersten Christenheit

Irenäus (adv. haer. V. 33, 4) erklärt: die Presbyter, welche Johannes, den Jünger des Herrn gesehen, hätten erwähnt, daß sie von Johannes gehört, wie der Herr selber von jenen Zeiten (Millenium) ... gelehrt habe. Wir haben aber sonst nirgends einen Anhalt für diese Behauptung, Christus sei Chiliast gewesen, und Papias, einer dieser Presbyter, wird von Eusebius als beschränkt abgetan; Hieronymus nennt seine chiliastische Lehre eine jüdische deyterosis[1]. Von den ersten Jahrhunderten wissen wir aber, daß der Chiliasmus allgemeine Geltung hatte. Irenäus sagt von den Nichtchiliasten: haereticos sensus in se habentes[2]; Justin eifert gegen die Zweifler: ich und die, welche in allen Stücken rechtdenkende Christen sind, wir wissen, daß tausend Jahre sein werden[3]. Auf römischem Kulturboden hatte die Lehre sich aus den Mythen vom goldenen Zeitalter bereichert und oft recht realistische Gestalt angenommen. So erzählen Papias, Irenäus von übergroßer Fruchtbarkeit der Erde, Cerinth von Tafelfreuden und Hochzeitsfesten[4]. Die Montanisten wußten, daß Christus in weiblicher Gestalt zu ihrer Prophetin Priscilla herabgekommen sei; er habe mit ihr geschlafen und ihr offenbart, daß in Pepuza das himmlische Jerusalem herabsteigen werde[5]. Im Osten hat Origenes den Angriff gegen den Chiliasmus eröffnet; in der 2. Hälfte des 4. Jhs. gab Dionysius ihm den Todesstoß[6]. Im Westen hielt er sich länger im Glauben der breiten Masse[7], da hat ihn unter den Lehrern erst Augustin (de civitate dei 20, 7. 9) verworfen. Doch seien unter seinen literarischen Vertretern der Barnabasbrief, Hippolytus von Rom, Tertullian, Commodian, Lactantius und Victorin von Pettau wenigstens genannt[8].

  1. Leonhard Atzberger Gesch. d. christl. Eschatologie innerhalb d. vornicänischen Zeit 1896, 91; Hauck RE. s. v. C.
  2. Irenaeus Adversus haereticos V. 31, 1; vgl. Atzberger 257 f.
  3. Justin Dial. 80; Atzberger 140 f.
  4. Ebd. 257. 90 f. Irenaeus Adv. haer. V. 33, 4; Eusebios hist. eccl. III, 39; Cerinth: Cajus, der erste römische Gegner, bei Eusebios hist. eccl. 3, 28; Dionysius hist. eccl. 7, 25; vgl. Atzberger 179 f.; Rud. Knopf Zukunftshoffnungen des Urchristentums 1907, 22.
  5. Ebd. 267 nach Epiphanius Haer. 49, 1.
  6. Atzberger 398 ff., 458 ff.
  7. Vgl. bei Hauck RE. s. v. Brief der Lyoner Christen: Eusebios hist. eccl. 5, 1 ff.
  8. Atzberger Register.

Chiliasmus im Mittelalter

Zwei Formen des Chiliasmus begegnen: einmal der feste Glaube an ein 1000jähriges Friedensreich, an dessen Ende der Satan 3½ Jahre loskommt, wie Apoc. Joh. lehrt; dann die geistliche Auslegung durch Augustin und seine Nachfolger, die Christi Reich bereits in der Kirche und im römischen Reich seit Christi Geburt verwirklicht sehen. Satan ist nicht gebunden, aber beschränkt bis zur letzten großen Prüfung[1]. Beide Meinungen durchdringen sich, leben. Die ältere gewinnt besonders durch die Prophezeiungen sibyllinischer Schriften neuen Glanz[2]. Bernheim hat gezeigt, wie dies Friedensreich mit dem Friedenskaiser historisiert wird, wie der rex justus Augustins ebenso wie der rex iniquus, der bereits leibliche Antichrist (s.d.) in Leben und Glauben eine Rolle spielt[3]. Das hoffende Herz sah immer wieder den helfenden Endkaiser, – pax, justitia, heilverkündende Naturerscheinungen als Vorzeichen[4]. Der rex C., O., A., Constans der tiburtinischen Sibylle, Friedrich I. Barbarossa bei Otto von Freising, Heinrich III. bei Rudolfus Glaber, Otto der Große bei Thietmar v. Merseburg ebenso wie Heinrich II. sind als solche Friedenskönige angesehen worden und ihre Zeit galt als aetas aurea[5]. Auch dem Ludovicus der Lehninschen Weissagung (s.d.), dem Erretterkaiser der Endschlacht (s. Schlachtenbaum) folgen die guten Jahre. – Eine ganz neue chil. Lehre begegnet im 13. Jh. bei Joachim von Fiore, der auf das Zeitalter des Vaters und des Sohnes das des hl. Geistes folgen läßt, die wahre Heilszeit[6]. Die joachitische Lehre wirkt sich bedeutungsvoll im 16.–17. Jh. aus (vgl. 4.).

  1. Ernst Bernheim Mittelalterliche Zeitanschauungen in ihrem Einfluß auf Politik und Geschichtsschreibung 1 (1918), 67 ff.; Karl Grund Die Anschauungen d. Rodulfus Glaber. Greifsw. Dissert. 10; Helmut Hintz Ma.liche Geschichtsauffassung und Eschatologie in einem Apokalypsekommentar aus dem 13. Jh. Greifsw. Dissert. 1915, 84 ff.
  2. Ebd. 68, 98.
  3. Ebd. 69 f. 97 ff.
  4. Ebd. 99 ff. 103 f. 105 f. 107 ff.
  5. Ebd. 99 ff. Vgl. jüngster Tag I.
  6. Chronik Salimbenes v. Parma: Mon. Germ. SS. 32, 466. 494 = GddV. 94, 127 f. 151 f.

Chiliasmus um 1500

Zu einer die breiten Volksmassen in Deutschland ergreifenden Lehre wurde der Chiliasmus seit dem 15. und 16. Jh. Es sei vor allem an die Wiedertäufer erinnert, die beispielsweise in Münster das neue Zion aufrichten, also das 1000jährige Reich begründen wollten[1]. Die Wormser Judengemeinde erwartete für 1530 den Messias[2]. Augustin Bader aus Augsburg, ein Wiedertäufer, der sich freilich von diesen absonderte, geriet in den Bannkreis der Lehre, was nicht schwer war, da er selbst schon eschatologischen Träumen nachhing[3]. Er wußte Genossen zu finden und ihnen verständlich zu machen, daß sein jüngster Sohn zum König und Messias des künftigen Gottesreiches, er selbst als dessen Vertreter berufen sei[4].
Die Zusammenhänge zwischen den Täufern, den Pansophen und Enthusiasten des 16. und 17. Jhs. bedürfen noch der Klärung. Das ist jedenfalls sicher, daß wir die Idee von der güldnen Zeit bei Paracelsus[5] wie bei seinen Anhängern, den Pansophen, finden. Kalender und Prognostica schwatzen davon[6]. Gutman wie Sperber erwarten in Bälde das joachitische Zeitalter des hl. Geistes[7], eine Idee, die auch bei Valentin Weigel begegnet[8] und die den Rosenkreutzerschriften zugrunde gelegen hat[9], die wohl der Lilienzeit Jakob Böhmes entspricht[10].
Die Enthusiasten, die Mystiker des 17. Jhs., sind fast alle Chiliasten, wie damals überhaupt eine chil. Welle durch Deutschland gegangen ist. Comenius zeichnet die Prophezeiungen Kotters, Drabiks und der Poniatowska auf; in seinen letzten Jahren interessieren ihn nur noch eschatologische Fragen[11]. Philipp Ziegler in Süddeutschland erinnert an die Versuche der Täufer, das Reich aufzurichten[12]; der Schneider Bannier in Danzig redet vom aureum seculum, in dem alle unmittelbar von Gott belehrt werden und schrieb „spiegel oder abriß des greuels der verwüstung“[13] wie 1636 ein Königsberger Adelgreiff[14], auch der Weigelianer und Rosenkreutzer Homagius in Marburg war Chiliast[15]. Paul Kaym, der kaiserliche Zolleinnehmer in Liegnitz, schrieb zwei Bücher über den 1000jährigen Sabbat und über die 400jährige Zeit in Zion, in denen er den Beginn auf 1630 setzte[16]. Die Schriften sind aus Böhmes Widerlegungen noch bekannt[17].
Zu diesen krassen Chiliasten gesellen sich die mehr mystisch gesinnten, wie etwa Paul Nagel, dessen Richtung schon aus dem Titel einer Schrift Philipp Arnolds erhellt: Anti-Nagelio, oder daß nach dieser Welt Zustand nicht ein certum seculum, darinnen die heiligen mit Christo tausend jahr in freuden herrschen sollen, zu hoffen sey[18]. Paul Felgenhauer schrieb ca. 1627: Prodromus Evangelii aeterni seu Chilias sancti, in dem auch die allgemeine Bekehrung der Juden prophezeit wurde und ein buch Phares[19]. Der Pastor Seidenbecher in Unter-Neuborn bei Jena[20], dessen Gegner Rabhan als feuriger Mann auf der Kanzel spukte[21], verfaßte um 1660 ein Buch C. sanctus. Hohburg in Niederdeutschland (pseud. Elias Praetorius)[22] und Ammerbach in Halberstadt[23] seien noch herausgehoben.
Eine neue chil. Welle ging von den Niederlanden aus, wo die Taufgesinnten ihn gehegt hatten[24] und wo die Enthusiasten freudig aufgenommen wurden. Breckling und Gichtel gehören hierher; Gifftheil schrieb: Neue verkündigung aus Orient, oder vom aufgang des berges Sion ...[25]. Am sichtlichsten aber findet sich der Chiliasmus bei Kuhlmann aus Breslau, der in den Niederlanden berufen ward, und sich zuletzt selbst als den Sohn Gottes ausgab, seine Frau aber als die Königin des neuen Jerusalems mit einer Sternenkrone malen ließ[26]. Das sind nur einige der wichtigsten Vertreter dieser Zeit, die heut noch dumpf im Kopf der Leute lebt. Colberg hat mehr davon genannt[27].
Die evang. Kirchen lehnten den Chiliasmus schroff ab[28]. Meist genügte der Vorwurf, um einen in den Geruch der Ketzerei zu bringen, wie etwa im Fall Ammerbach (s. oben). Auch in der Literatur hatte der Chiliasmus Widersacher[29].
Der Pietismus des 18. Jhs., aus dem Enthusiasmus erwachsen, übernahm auch den Chiliasmus. Er ist z.B. Spenern arg vorgeworfen worden[30]. Die Berleburger Bibel lehrt ihn[31]. Bengel berechnete den Eintritt des 1000jährigen Reiches.[32] Endlich sei an den brandenburgischen Prediger Chimonius und seine blutrünstigen Voraussagen erinnert[33].
Vollkommen dem Ch. ergeben waren die angelsächsischen Sekten der Independenten[34], Ranter[35], und Quäker[36], die man zu einer besondern Gruppe, den Quinto-Monarchisten, zusammenfaßt. Sie sind in England seit 1642 nachweisbar; ihre größte Entwicklung fällt in die Jahre 1653–57. Gichtheil und vor allem Johannes Rothe[37] aus Amsterdam scheinen die Vorläufer gewesen zu sein[38]. Deutsche Sekten des 19. Jhs. dürften von ihnen abhängen. In Holland (vgl. oben) lehrte ihn die Bourignon[39], in Frankreich Poiret[40].

  1. H. v. Schubert in Sitzb. Heidelb. 10, H. 11, 48 ff; Louise F. Broun: vgl. Anm. 56. Klemens Löffler Die Wiedertäufer zu Münster 1923, (3) 17. 26. 31. 37. 41. 78 f. 172 und a.a.O.; Colberg Platonisch-hermetisches Christentum 1 (1710), 346 ff.
  2. Bossert im Arch. f. Reformat.gesch. 10, 142.
  3. Ebd. 138.
  4. 117 ff. 209 ff. 297 ff. Aehnlich Täufer in der Schweiz um 1836: Breslauer Bote 1836, 95. Vgl. auch die joachitische Schrift De magnis tribulationibus 1516, 39r.
  5. Vgl. Peuckert Böhme 154; Rosenkreutzer 45 ff; Paracelsus 1928, 41.
  6. Peuckert Rosenkreutzer 8 ff.
  7. Ebd. 31 ff. 41 ff. 76 f.
  8. Opel Valentin Weigel 1864, 190 f.; V. Weigel Kirchen oder Haus Postill 1618, I, 239 f.; Corrodi Krit. Gesch. d. Ch. 3. Teil, 1783, 315; Ztschr. f. hist. Theol. 14, 127 f.
  9. Peuckert Rosenkreutzer 51 ff. 71 ff. 77 ff.
  10. Ludwig Keller Waldenser (1886), 22; Peuckert J. Böhme 1924, 154 f.
  11. Ders. Rosenkreutzer 208 f.
  12. Ebd. 147 f.
  13. Gottfr. Arnolds Unparteyische Kirchen- und Ketzer-Historie 3 (1700), 96.
  14. Grässe Preussen 2, 548.
  15. Peuckert Rosenkreutzer 169 ff.; Corrodi 3, 325 ff.
  16. Peuckert J. Böhme 1924, 5.
  17. Böhme Epist. theosoph. 8, 26 ff. 59. 46. 56 f.; vgl. Bedencken über E. Stiefels Büchlein 129.
  18. Arnold 3, 55.
  19. Ebd. 3, 55.
  20. Arnold 3, 133.
  21. Elias Praetorius Spiegel der Misbräuche beym Predig-Ampt im heutigen Christenthumb 1644, 582 f. 599 f.; vgl. Corrodi 3, 130.
  22. Der alten und neuen Schwärmer wiedertäuferischer Geist in: Anabaptisticum et enthusiasticum pantheon 1702 S. 110 ff.
  23. Peuckert Rosenkreutzer 380 f.
  24. Vgl. auch Ztschr. f. Kirchengesch. 41, 36 f. 41. 42.
  25. Peuckert in Schles. Lebensbilder herausgegeb. v. d. Histor. Kommission in Schlesien 1924 ff. Bd. 3.
  26. Platonisch-hermetisches Christentum 1710 im 3. Register.
  27. Augsburger Konfession Art. 17; Helvetische Konfession c. 11. Vgl. etwa die Gegenschriften im Anabapt. pantheon: der alten und neuen Schwärmer wiedertäuf. Geist 114 f. (Ross) 116 f. (Ursinuas), da auch Aufzählung der Wiedertäufer, die Chiliasten waren; 127 (Dilfeld) Mysthriov apokatastaseos panton 1701, 88.
  28. Moscherosch Philander 4. 5. Gesicht.
  29. Ebd. der alten und neuen Schwärmer wiedertäuf. Geist 147; Jac. Wächtler Spener u. Petersen Arcana chiliasmi moderni 1695.
  30. Corrodi 3, 107 f.
  31. Erklärte Offenbarung Johannes 1746, 1104 ff.
  32. Corrodi 3, 138 ff.
  33. Anabapt. pantheon: der verschmitzte Weltmann Oliver Cromwell 21. 23.
  34. Ebd.: alte und neue Schwarmgeister-Bruth u. Quaecker-Greuel 214 ff.
  35. Ebd. 76 ff. nach Standarte und Panier an alle Nationen c. 5. Vgl. Anabapt. pantheon: erschröckliche Brüderschafft d. alten und neuen Wiedertäuffer, Quäcker ... mit den Heil- und Gottlosen Juden 8 f. Vgl. hierzu Louise Fargo Broun the Political Activities of the Baptists und Fifth Monarchy Men in England during the Interregnum 1912.
  36. Ant. Bourignon les Persécutions 121 f. am 1. Nov. 1674 = ZfKirchgesch. 41, 55 N. 2. Vgl. Anm. 46.
  37. ZfKirchgesch. 41, 59 ff.
  38. Arnold 3, 150 ff.; Colberg Das platonisch-hermetische Christentum 1710, 1, 410 nach Bourignon Licht der Welt 2, 199 ff.
  39. Ebd.
  40. Illgens ZfhistTheologie 15 H. 4, 82. 107. 116.

Chiliasmus in der Neuzeit

Der Chiliasmus spielt in den meisten neueren Sekten eine wichtige Rolle. Ich erinnere an Petersen und die Jane Leade, an die Buttlersche Rotte, die 1704 in Sayn-Wittgenstein, 1705 in Luyde bei Pyrmont ein recht fleischliches 1000jähriges Reich begründete vgl. [1], an die „Freunde Daniel Müllers“, die noch im 19. Jh. um Dillenburg saßen und diesem letzten Theosophen nachfolgten[2]. In Württemberg, dem Gebiet der ehemaligen freien Reichsstädte, war schon in der 2. Hälfte des 17. Jhs. der Chiliasmus recht lebendig[3]. Bengels Ausspruch: Wann die Jahreszahl 1800 steigt, wird es nicht weit vom Ziele sein, belebte Anfang des 19. Jh. die Hoffnungen neu. Der Pfarrer von Winzerhausen, M. Friederich, veröffentlichte 1800: Glaubens- und Hoffnungsblick des Volkes Gottes in der antichristlichen Zeit ... von Irenäus U-us, mit dem Anhang von Bengels summarischer Beschreibung des 1000jährigen Reiches. Palästina galt da Friederich als die Zufluchtsstätte im beginnenden Drangsal und als der Schauplatz der neuen Glückseligkeit. Bereits 1801 zog unter Führung der Marie Gottlieb Kummerin eine Gruppe aus, das heilige Land zu suchen[4]. Ähnliches lehrte Hahn, der Gründer einer Sekte, der Michelianer, die etwa 40 Gemeinden umfaßte[5]. Jung-Stilling hatte 1816, Bengel 1836 als Jahr chil. Begebnisse, Jung die Gegend zwischen schwarzem und kaspischem Meer als Ort des Reiches (Wiege des Menschengeschlechtes!) genannt; das machte viele, besonders aus Süddeutschland, dorthin auswandern. Sie nannten sich Zionisten; die meisten sind untergegangen[6]. Nach Palästina wollten auch die aus Württemberg stammenden grusinischen Separatisten 1843, der Judenchrist Pick 1859, Christoph Hoffmann und seine Templergemeinde 1868, Pfarrer Clöter in Bayern und die Auszugsgemeinde[7]. Die religiös erregten Jahre um 1815 waren dem Chiliasmus günstig; wir hören von einer Sekte in Hohnstädt bei Grimma, die auch nach Jerusalem wallfahrtete[8]; in Königsberg, Preußen, erwarteten Schönherrs Anhänger, die K. Mucker, Ostern 1823 das neue Reich[9]. Auch die katholische Sekte des Pfarrers Oswald in Oberwittstadt bei Boxberg war chiliastisch gerichtet[10].
Neben diesen z.T. recht kleinen Gruppen stehen die großen Sekten mit chil. Einschlag. Auf Bengel und dem span. Jesuiten Lacunza stehen die Adventisten, deren Begründer, William Miller, die Wiederkehr Christi 1844 erwartete. Durch L.R. Conradi wurde eine Gruppe der Adventisten, die Adventisten vom siebenten Tag, gegen Ende des Jahrhunderts nach Deutschland gebracht, wo sie ständig anwachsen[11]. Die Bewegung geht, soweit ich sah, meist von Städten aus, greift seltener aufs flache Land über. Conradi besonders hat die chil. mit der Adventsidee verbunden[12]. Die Vereinigung der ernsten Bibelforscher[13] baut auf diesen Gedanken der Adventisten auf. In England entstand zwischen 1820 und 30 die Sekte der Darbysten, die im Wuppertal vertreten ist[14]. Angelsächsischen Ursprungs sind auch die Irvingianer, deren Gründer Irving in „Babylon and Infidelity“ 1826 den Beginn auf 1864 festlegte; doch wurden auch andere Daten (14. Juli 1835, Weihnachten 1838, 14. Juli 1842, 1845) genannt[15]. Endlich sei an die Mormonen, die Heiligen der letzten Tage erinnert, in deren Lehre chil. Ideen hineinspielen; an die Shaker[16] und Baptisten[17] und an die aus Kalifornien stammende, in Kassel u.a. O. auftretende Pfingstbewegung (um 1905) vgl. [12]. Die Anhängerschaft, die diese Sekten finden, beruht – wie ich bei Adventisten sah – zum nicht geringen Teile darauf, daß sie den Chiliasmus lehren, der ernsthaft gesinnte Menschen sehr stark anfaßt. Die Alt-Lutheraner um Liegnitz erwarteten um 1835 den Anbruch des 1000jährigen Reiches und rüsteten sich darauf[18].

  1. Illgens ZfhistTheologie 15 H. 4, 82. 107. 116.
  2. Ebd. 4 H. 2, 275. 247 f. 256.
  3. Ebd. 11 H. 1, 77 f.
  4. Ebd. 96 f.
  5. Ebd. 103 f.
  6. Ebd. 9 H. 1, 183 ff. = Münchener N Nachrichten 6. V. 1927.
  7. Haucks RE. 3, 812 f.; Moritz Busch Wunderliche Heilige 1879, 121 ff.
  8. Ebd. 10 H. 4, 53.
  9. Ebd. 8 H. 4, 182, 213 f.
  10. Allgem. evg. lutherische Kirchenzeitung 6 (1873), 499.
  11. Haack in RGG. 1, 91 f.
  12. 12,0 12,1 Persönl. Angabe des Herrn Privatdozent Lic. Dr. Haack.
  13. Zaunert Westfalen 245; Charles T. Russel Der göttliche Plan der Zeitalter 1925, 293 ff.
  14. Hengstenbergs Evg. Kirchenzeitung 1844, 177 ff.
  15. Kolde in Hauck RE. 9, 424 ff.
  16. Illgens ZfhistTheol. 27, H. 1, 112 ff.
  17. So ist wohl zu deuten: Jos. Lehmann u. F.W. Herrmann Gesch. d. deutschen Baptisten3 1 (1923), 261.
  18. Kühnau Sagen 3, 495.

Eintritt und Ort des 1000jährigen Reiches

Über das Wann zerbrechen die Chiliasten sich gern den Kopf; einzelne Daten wurden oben angeführt. Philastrius erwartete nach Jes. 61, 2 den Tag im Jahr 365, Hippolyt 500[1]. Seit Barnabas parallelisiert man die Schöpfungswoche mit der der Welt gegebenen Zeit, und erwartet (Psalm 90, 4!) mit dem Eintritt des Jahres 6000 nach der Schöpfung das 1000jährige Sabbatreich (vgl. Weltzeitalter)[2]. Spätere Berechnungen benützten die Zahlen der johann. Apokalypse (Bengel, Jung usw.).
Das Wo ist ebenso häufig debattiert worden (vgl. 2.). Die Irvingianer nannten ihre sieben Gemeinden[3], die Mormonen das Salzseetal[4] als die Stätte, wo Jerusalem herabkommen werde. Die meisten hielten sich aber an Jerusalem, Palästina selbst (vgl. 5). Aufnahme finden – nach der Lehrmeinung der Sekten – nur die Mitglieder der Sekte[5], sonst alle Gläubigen[6], nach Poiret auch die erleuchteten Heiden (Sokrates)[7]. Dazu treten die lebend Verwandelten (I. Thessal. 4, 17). Israel wird wieder hergestellt (Oetinger). Was Cerinth, Irenaeus, Papias erwarten, siehe oben 2; die Ebioniten erwarten Tafelfreuden, Schätze, Herrschaft; die Sibyllinen von Milch und Honig fließende Bäche[8]. Die Sünde ist nicht aufgehoben, aber geschwächt; das war wohl Veranlassung für Poirets Lehre von der hermaphroditischen Fortpflanzung im neuen Reich[9]. Am Teutoburger Walde glaubt man, den Bibelforschern folgend, an das goldene Reich, in dem niemand arbeite, alle gleich seien, das Land ungebaut trägt, und die Toten wiederkommen[10].

  1. Semisch in Hauck RE. 3, 813.
  2. Barnabasbrief c. 15. Vgl. Usener Sintflut 207 f. und v. Gall Basileia toy teoy 1926, 275 ff.; Theol. Studien und Kritiken 1878. 1, 126 ff.
  3. Semisch bei Hauck 3, 814.
  4. Kolde bei Hauck 13, 475; doch vgl. ebd. 3, 814.
  5. So Irvingianer: Hauck 9, 427 und 3, 814; Mormonen: ebd. 13, 475.
  6. Semisch bei Hauck 3, 814 als Meinung der Kirchenväter.
  7. Ebd.
  8. Eusebios hist. eccl. 3, 28, 2. 5.
  9. Semisch bei Hauck 3, 815.
  10. V. 33, 3 f.; vgl. Hippolyt (ed. Bonwetsch) in Dan. p. 244, 1–10; Lactantius inst. div. VII. 24, 6–9; Zaunert Westfalen 245.

Nach der Endschlacht

Einen besondern Charakter nimmt der Volks-Chiliasmus in den Endschlachtsagen an. Es wird in einem verwüsteten, entvölkerten Lande ein goldnes Friedensreich anbrechen (vgl. Endschlacht), das der Erretterkönig (s. Schlachtenbaum[7]) heraufführen wird. Die Hoffnung auf ein solches zukünftiges „goldnes Zeitalter“ scheint den meisten Völkern ureigentümlich zu sein[1].

  1. Emil Abregg Der Messiasglaube in Indien und Iran 1928, 1 ff.