Blutregen (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Viktor Stegemann.

Unter Blutregen (auch Wunderregen, Staubregen usw. genannt) ist ein meist rötlich gefärbter Staubfall zu verstehen, der sich aus Kieselsäure, Tonerde, Eisen- und Kupferoxyden in feinsten Teilen zusammensetzt. Er ist ein Verwitterungsprodukt der Sahara, wo er durch ungeheuere Winde in einer Ausdehnung von ca. 10 Breitengraden aufgewirbelt und im westlichen Küstengebiet Afrikas niedergeschlagen wird. Durch hohen Luftdruck wird zuweilen ein Teil dieser Staubmassen in hohe Regionen emporgehoben, hier von andern von Süden nach Norden streichenden Winden mitgerissen und über Südeuropa, gelegentlich auch über Nordeuropa abgelagert, zuweilen mit Regen untermischt, aber auch trocken. Nach Verdunstung des Wassers bleiben vom Staubregen die Staubsubstanzen in rötlicher oder gelblicher Farbe zurück. Diesem durch Passatstaub gebildeten Blutregen steht der durch Tiere hervorgerufene Blutregen gegenüber, der dadurch hervorgerufen wird, daß Bienen und Schmetterlinge beim Ausfliegen bzw. Auskriechen aus der Puppe einige Tropfen Blut lassen. Ferner veranlaßt das massenhafte Auftreten der Blutalge sowie der Wundermonade roten Flüssigkeitsfall[1].
Der Blutregen ist als Prodigium von allen antiken Völkern, den Arabern und den Völkern des abendländischen Mittelalters anerkannt worden. Vor allem den Römern galt, wie aus der zu vielen Jahren römischer Geschichte von Livius gegebenen Prodigienliste hervorgeht (XXII 1; XLIII 13), der Blutregen – meist übrigens mit Meteorfall und Erdbeben verbunden – als Wunderzeichen des Himmels, das entweder den Zorn der Gottheit ankündigte oder Krieg bzw. ein anderes Unglück als dem Staate drohend ansagte (vgl. die Prodigien bei Caesars Ermordung: Ovid. Met. XV 788: saepe inter nimbos guttae cecidere cruentae).
Die erste Nachricht von einem Blutregen in Deutschland stammt aus dem Jahre 640. Auch in Deutschland wurde Blutregen im allgemeinen als böses Wunderzeichen Gottes aufgefaßt. Mit Weihungen und frommen Stiftungen suchte man den Zorn Gottes zu versöhnen. Da so die Kirche diesen Wunderzeichen Beachtung zu schenken scheint, wird der an den Blutregen anknüpfende deutsche Aberglaube auf antiken Einfluß zurückgehen und mit der Christianisierung nach Deutschland gekommen sein. Auch für die Deutschen bezeichnete Blutregen vor allem kommenden Krieg. Als Guis nach Spanien auszog, regnete es Blut, wie wir in den Chansons de geste lesen. Erasmus Franziscus „Luftkreys“ berichtet zum Jahre 1668, daß auf den in dieser Zeit beobachteten Blutregen der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich gefolgt sei. – Ob die Verse in Schillers Wallenstein: „Und aus den Wolken blutigrot, hängt der Herrgott den Kriegsmantel runter“ hierher gehören, bezweifle ich; ich möchte sie lieber auf das Krieg kündende Abendrot (s. Abendröte) deuten.
Außer Krieg und Blutvergießen weissagte man aus niedergefallenem Blutregen gelegentlich auch die Pest. In diesem Sinne deutete man den 1646 in Schäßburg in Siebenbürgen niedergegangenen Blutregen Den 1349 in Süddeutschland und Österreich beobachteten Blutregen sühnte man in Kelheim a. Donau, wie Lycostenes in seinen Prodigia berichtet, durch einen steinernen Tempel, den man „zum heiligen Blute“ benannte, wohl mit Beziehung des Blutregens auf das Blut Christi. Gelegentlich begegnet sogar die Nachricht, daß man die Erscheinung, zumal mit Blitz, Donner und Sturm wahrgenommen, als Ankündigung des jüngsten Gerichts auffaßte.
Die Vorstellungen sind bis auf unsere Zeit unverändert im Volksmunde weiter überliefert worden. Aus Böhmen-Mähren und andern deutschen Gebieten ist immer die Vorstellung vom Krieg und Blutvergießen als Folge von Blutregen zu belegen[2].

  1. Ehrenberg Passatstaub u. B. in Abhdl. Berl. Ak. 1847; Hellmann und Meinardi Der große Staubfall vom 9.–12. 3. 1901. Abhdl. Berl. Ak. 1901; HandWb. d. Naturwiss. 1 (Jena 1912), 623 s.v. Passatstaub. Einzelbeobachtungen lokaler Art in Meteorol. Zeitschrift 1903.
  2. Viel Material zu datierten B.erscheinungen findet man bei Ehrenberg l.c., ferner bei Lycostenes Prodigia (stets in Verbindung mit Krieg). Ich verweise auf die Notizen zu folgenden Jahren (die Angaben in der Klammer bezeichnen den Ort, wo der Blutregen beobachtet wurde): 541 (Gallien), 1114 (Oberitalien), 1165 (Dall [England]), 1137 (ohne Ortsangabe), 1531 (Lissabon) 1539 (Belgien), 1542 (bei Warendorf [Westfalen]), 1552 (Frankreich). Vgl. auch Amersbach Grimmelshausen 2, 73 (mit vielen Zitaten); Keller Grab des Aberglaubens 3, 167 f.; 4, 90 ff.