Apokalypse (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Will-Erich Peuckert.

Inhalt der Apokalypse

Apokalyptische Literatur ist Offenbarungsliteratur (apokalyptein = enthüllen). Sie umfaßt drei Themen, ein kosmologisches, ein geschichtsphilosophisches und ein eschatologisches: von Einfluß auf die Entwicklung war nur das letztere[1]. Man spricht gewöhnlich von Apokalypse nur im Hinblick auf die apokalyptischen Schriften etwa der Jahre – 150 bis + 150, und trennt (für uns erst in zweiter Linie wichtig) eine jüdische und christliche Apokalyptik. Von den Propheten unterscheidet sie, daß sie den Blick in die Zukunft wenden[2]. Gemein ist allen ihre Herkunft aus einem synkretistischen Kulturkreise und darum das „Internationale“ der von ihnen verwendeten mythischen Stoffe. Man kann z. B. in der Johannesapokalypse persische, babylonische, ägyptische, hellenistische und jüdische Motive feststellen[3], von denen natürlich die jüdischen überwiegen. Aug. Freiherr v. Gall Basileia toy teoy 1926 hat das im einzelnen dargelegt. Auf persische Grundlage führt man das Motiv des Endgerichtes, des Unterganges durch Feuer, die dualistische Weltanschauung, die Aionlehre zurück, auf babylonische die Lehre vom Kampf mit den Chaostieren, die auf der Astrologie beruhenden Bilder (regina caeli Ap. Joh. 12), die Heuschrecken-Dämonen, auf ägyptische oder hellenistische den Ap. Joh. 12 durchschimmernden Isis-Horus- oder Letosmythus, auf hellenistische endlich die gematrische Kunst, die angewendet wird, die Tartarusvorstellungen usw. [4]. Natürlich handelt es sich nicht um direkte Entlehnungen; die apokalyptischen Schriftsteller entnahmen dem großen synkretistischen Sammelbecken, was sie brauchen konnten. Die jüdische wie christliche Apokalyptik verwertet mythologische Stoffe und Sagen, nicht nur solche eschatologischer Art. Mehr oder weniger allen Apokalypsen sind folgende Motive[5] eigen: es folgt auf diesen Aion ein andrer, besserer (Daniel: Reich der Tiere und Reich der Menschen; IV. Esra 7,50; Epheser 1,21). Der Apokalyptiker versucht, den Beginn des neuen Aion zu berechnen (vgl. unten V,6); aber Gott kennt allein das Ende und den neuen Anfang (IV. Esra 4,35 ff.; Marc. 13,32). Das Ende ist vor der Tür (Marc. 13,30). Die messianischen Wehen zeigen sein Kommen deutlich an (vgl. Eschatologie). Der Kampf Gottes gegen die Urzeittiere und den Antichristen, den Teufel, dann das Gericht über die Feinde des Volkes, zuletzt erweitert zum Gericht über alle Bösen, findet statt (vgl. Antichrist I; Dan. 7,10; IV. Esra 7,26 ff.; Ap. Joh. 20,11 ff.). Nach dem Gericht beginnt ein freudenvolles, paradiesisches Zukunftsreich unter einem Friedenskönig. Frauen gebären ohne Schmerzen; die Schnitter schneiden ohne Mühe; der Fluch (Gen. 3,16. 19) ist aufgehoben (Jes. 11. Syrische Baruch 73). Das Paradies, das in der Urzeit vorhanden war und das im Norden hinter den Bergen liegt, von einer Mauer umgeben, kehrt wieder; der Lebensbaum, das Lebenswasser sind da, die himmlische Stadt (Ezechiel 28,11 ff., wo vom Urmenschen im Paradies die Rede ist), wo die weilen, die lebend entrückt wurden IV. Esra 6,26; Syr. Baruch 29. 51; (IV. Esra 8,52. Lebensbaum: Henoch 24,4; 25,4. Lebenswasser: Ap. Joh. 22,1. Chaostiere als Speise: Syr. Baruch 29,4. Mauer: Ap. Joh. 21,12[6]. Himmlische Stadt: Ap. Joh. 21). Die Gottlosen aber werden an den Ort der Qual, Gehenna, geworfen (IV. Esra 7,36). An diesen Orten weilen die wieder erstandenen Toten im neuen Aion (Henoch 51; Ap. Joh. 20,12), nachdem sie gerichtet worden sind und nachdem die jetzige Welt untergegangen ist. Wie ehemals durchs Wasser (Sintflut), wird sie jetzt durchs Feuer untergehen (II. Petr. 3,5 ff. Namentlich bei den Sibyllen: IV,172 ff.; V,155 ff. 206 ff. 274 f. 447. 512 ff.; II,196 ff.; VIII,243 f. 337 ff. 412 f. Selbst das Meer wird verbrennen: Ap. Joh. 21,1). Die neue Welt kommt herauf (bereits Jes. 65,17; Ap. Joh. 21,1). Als Offenbarungsliteratur – das ist eine äußere Gemeinsamkeit – arbeiten alle ausgiebig mit Zahlen- und Buchstabenrätseln[7]. Diese apokalyptischen Anschauungen waren zur Zeit Jesu in Palästina bekannt. Im Urchristentum haben apokalyptische Hoffnungen einen nicht geringen Bestandteil des Glaubens ausgemacht[8]. Auch jüdische Apokalypsen wurden eifrig gelesen, vor allem Henoch und Daniel; so zitiert der Judasbrief (V. 14) die Henoch-Apokalypse Der apokryphe Barnabasbrief vom Anfang des 2. Jahrhunderts zitiert eine apokalyptische Stelle sogar als Schriftwort. Jüdische Apokalypsen wurden christlich überarbeitet, wie die Himmelfahrt Jesaia, das Testament der 12 Väter oder die Sibyllinen zeigen[9]. Man hat bereits erkannt, daß hinter manchem der apokalyptischen Bilder ein Stück Astralmythus steckt[10]. Freilich wird man nicht glauben dürfen, das sei der letzte Grund; denn diese astrale Mythologie ist doch zum größten Teil erst ein spätes Produkt, vor ihr liegt älteres Gut[11]. Der Drache Ap. Joh. 12 war gewiß einmal ein mythisches Ungeheuer, ist dann zum Sternbild des Drachens geworden[12] und in einer Zeit, die so deutete, in die Johannesapokalypse eingegangen.

  1. Wundt Mythus u. Religion 3,307 f.
  2. RGG.1 s.v.
  3. Ebd. v. Gall Basileia toy teoy 1926, 265 ff. 81 ff.; Reitzenstein Iran. Erlösungsmysterium 231.
  4. Dieterich Nekyia 225 ff.; Neckel Studien z. d. germ. Dichtungen v. Weltuntergang = Sitzungsber. d. Heidelberger Ak. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1918. 9. Bd. 7. Abhandlg. St. 43 ff. Vgl. auch Olrik Ragnarök.
  5. Ich folge Bousset-Greßmann Religion d. Judentums im späthellenist. Zeitalter 1926, 242 ff., wo eine Fülle von Belegen gesammelt ist. Vgl. dazu die neutestamentlichen bei C. Clemen Neues Testament 90 ff.
  6. Vgl. dazu H. Greßmann Ursprung d. israelit.-jüd. Eschatologie 1905, 227 ff.
  7. Boll Offenb. Joh. 20 ff. 26 ff.
  8. C. Clemen Neues Testament 90 ff.
  9. RGG. 1, 530.
  10. Boll Offenb. Joh. 16 ff.
  11. Ebd. 125.
  12. Ebd. 98 ff.

Apokalyptische Literatur[1]

Die wichtigsten jüdischen Apokalypsen sind: Daniel (nach dem Kislew 168 und vor dem Kislew 165 geschrieben), äthiop. Henoch (zwischen -164 und -80 in Palästina mit späteren Einschüben), III. Sibylle um -140 in Ägypten[2], XII Testament. Patriarch. (Makkabäerzeit), Adamsbuch (A. Mosis) (zwischen Herodes Tempelbau und 70), Ascensio Mosis (erste christliche Jahrzehnte), slav. Henoch (Palästina vor 70), Sibylle I, 1-38 und II, 6-44 (um 70), Sibylle IV (bald nach 79), IV. Esra (nach 70, Zeit Domitians), syr. Baruch (nach IV. Esra), griech. Baruch (bald nach 136), endlich unbekanntere jüdische Apokalypsen wie die Abrahams[3], das Buch Eldad und Modad[4], die Offenbarung des Elias (3. Jahrhundert) [5].
Die wichtigsten christlichen sind: Ascensio Jesaia (Einschub um 100, Endredaktion 3.-4. Jahrhundert) [6], Hirt des Hermas (Rom Mitte 2. Jahrhundert), Sibylle VI. VII. (Mitte 2. Jahrhundert), VIII. (vor 180), V. Esra (2. Jahrhundert Abendland), VI. Esra (zwischen 120 und 300, griechisch), Offenbarung Petri (2. Jahrhundert Ägypten) [7], christl. Elias-Apokalypse (spätestens Anfang 4. Jahrhundert), Apokalypse Pauli (um 380). Über die Stellung der Apokalypsen in der Kirche unterrichtet die Notiz im Kanon Muratori um 200: Apokalypsen, die des Johannes und des Petrus nehmen wir allein an, welche letztere freilich einige der Unsern in der Kirche nicht gelesen haben wollen; den Hirten aber hat ganz kürzlich, in unserer Zeit, Hermas geschrieben, während auf dem Stuhl der Stadt Rom als Bischof sein Bruder Pius saß, und deshalb darf er zwar gelesen, in der Gemeinde aber dem Volk nicht kundgetan werden[8]. Heut anerkennt die Kirche die Offenbarung des Johannes oder die große, und die kleine Apokalpyse Matth. 24 (= Marc. 13 = Luc. 21,5 ff.).

  1. Übersetzungen der jüd. Apokalypsen bei E. Kautzsch Apokryphen u. Pseudepigraphen d. Alt. Test. 2 (1900), 177 ff. Vgl. ferner Paul Volz Die jüd. Eschatologie 1903. Ost und West Bd. 22. 23. Die christl.: Const. Tischendorf Apocalypses apocryphae 1866, in Übersetzungen bei Edgar Hennecke Neutestamentl. Apokryphen 1904; vgl. auch ARw. 15, 254 u. 8, 298; Joh. Geffken Aus d. Werdezeit d. Christentums 1909. Die Datierungen folgen Bousset-Greßmann 11 ff.; v. Gall 266 ff.
  2. Vgl. ebd. 18.
  3. N. Bonwetsch Die A. Abrahams 1897 = Stud. z. Gesch. d. Theol. u. Kirche I 1.
  4. Bousset-Greßmann 46.
  5. G. Steindorff Die A. des Elias 1899 in Gebhardt-Harnacks Texten u. Untersuchungen N.F. II, H. 3a.
  6. s. Antichrist I.
  7. Ztschr. f. neutest. Wiss. 14, 65 ff.; ARw. 15, 254; Dieterich Nekyia 1 ff. 214 ff. 227 ff.
  8. Hennecke 199.

Apokalyptische Vorstellungen in der Antike

Auch die antike Literatur enthält apokalyptische Stücke[1]; aber die eigentlich endzeitlichen Momente treten zurück; der kleinste Teil des Weltenjahres ist erst vorüber (Cicero Somnium Scipionis 15 f.); der Traum vom Friedenskönig erscheint in panegyrischen Dichtungen (Vergil IV. Ekloge) [2]. Typisch allein ist für die hellenistisch-römische Literatur die Schilderung der Hadesfahrt (Vergil, Aeneis VI) [3]. Nach Dieterich bilden pythagoräisch-orphische Anschauungen für diese Schilderungen (und dann auch für die Petrus-Apokalypse und Henochs Offenbarung) den Untergrund[4], während Bousset die Himmels- und Höllenreise der Seele aus dem Iran herleiten will[5], und über ihr Hervorgehen aus einer ekstatischen Praxis spricht.
Die eigentlich apokalyptische Literatur, für welche die Johannesapokalypse typisch ist, verstummt im Mittelalter; die Paulus-Apokalypse um 380 scheint der letzte Ausläufer derselben gewesen zu sein[6]. Da wird wohl noch das Gericht geschildert, die Gewißheit, daß die Endzeit nahe sei, ist aber dahin; die Schilderung des Aufenthaltsortes der Seligen und Verdammten wie ihrer Strafen nimmt den größten Raum ein. Und diese, uns bereits aus den Hadesfahrten der antiken Literatur bekannte Episode, wird charakteristisch für das Schrifttum des Mittelalters. Bereits Minucius Felix im 2. Jahrhundert verwendet sie unter Berufung auf die poetae[7]. Für die Zeit bis zur göttlichen Komödie hat man etwa 35 „Visionen“ dieser Art[8] zusammengebracht, doch reicht diese Art Literatur, wie Hans Engelbrechts „Warhafftige Geschicht vnd Gesicht vom Himmel vnd der Hellen 1640“ und „Die Geschichte der Somnambule Philippine Demuth Bäuerle“ (geb. 1816) und ihrer Reisen in den Mond, die Sterne und die Sonne ausweisen, bis fast in unsere Zeit[9]. Von Apokalypse wird man kaum sprechen dürfen; einmal handelt es sich nur um eine Episode apokalyptischer Weltanschauung; dann aber wird man auch in Betracht ziehen müssen, daß Apokalypsen literarische Werke sind. Jülicher nennt die Johannesapokalypse ein in der Studierstube gefertigtes Kunstprodukt[10], Boll nennt apokalyptische Dichtungen stets kompilatorisch[11]. Das können wirkliche Visionen natürlich nicht sein. Und wenn sich auch allmählich ein literarisches Schema ausbildet, so ist dieses doch zu eng, ganz auf die Darstellung der Hadesfahrt beschränkt, als daß man von Apokalypse sprechen dürfte. Am ehesten dürfte man noch die Aufzeichnungen der Hildegard von Bingen und der Elisabeth von Schonau hierher rechnen. Dennoch haben apokalyptische Schriften im Mittelalter eine große Rolle gespielt. Die des Johannes hat nicht wenig zur Beunruhigung der Geister (vgl. Antichrist V) beigetragen[12]. Die Geschichte ihrer Auslegung unterrichtet zugleich über die Art, wie man sie las[13]. Auch apokryphe Apokalypsen waren bekannt; Heinrich von Hesler zitiert den verlorenen Sophonias, der „ein wissage was“ [14], Henoch scheint auf die „Visionen“ von Einfluß gewesen zu sein[15], die Paulus-Apokalypse ist seit dem 9. Jahrhundert bekannt[16]; Jakob Böhme wie Paracelsus kennen den IV. Esra[17]. Man beachtete die Vorzeichen (vgl. Prophezeiung), berechnete die Endzeit (s. unten), sprach von der letzten Schlacht (s.d.), vom tausendjährigen Reich (s.d.) und jüngsten Gericht (s.d.). Am höchsten scheint die Angst im 16. und 17. Jahrhundert gestiegen zu sein (vgl. Antichrist), als sich die Furcht in neuen apokalyptischen Gesichten entlud. Aus keiner Zeit sind mir so viele Berechnungen der apokalyptischen Zahlen und Zeiten bekannt als aus dieser, in der sich die Pansophen besonders mit derartigen Grübeleien abgaben[18]. Neben solchen Rechenkünstlern wie Studion[19], Adam Nachenmoser[20] stehen die apokalyptischen Visionen pansophisch infizierter Schwenckfelder[21], stehen die wirren Gesichte Kotters[22], Rischmanns[23] und die Schreiben Jakob Böhmes[24] bis zu den Prophezeiungen des Braunschen Michels (geb. 1730) [25]. Sie alle reden eben aus der Angst vorm Ende heraus, sehen das Gericht, ihnen werden die Heimlichkeiten Gottes gewiesen und die zukünftigen Dinge. Die Prognostica Lichtenbergers von 1498 wie die in einem Karthäuserkloster gefundenen magischen Figuren müssen, lehrt Paracelsus, ihre Auslegung in der Johannesapokalypse haben, wie diese in den Propheten[26].
Für die Pansophen und Anhänger des Paracelsus fiel Theologie und „Philosophie“ = Naturerkenntnis zusammen. Gott enthüllte sich in der Natur. Ihre Schriften erscheinen deshalb oft als Apokalypsen, wie etwa Gutmans „Offenbarung himmlischer Majestät“ [27], oder die Paracelsus zugeschriebenen alchymischen Bücher: Apocalypsis spiritus secreti Theopras: paracelsi, Apocalypsis Hermetis, Theophrasti Apocalypsis de spiritu occulto, Apocalypsis D.D. Theophrastj Germanj Wider die müessigen ständt vndt falsche Aposteln[28].

  1. Norden Aeneis VI. 1903, 3f
  2. Kampers in MschlVk. 17, 137 ff.; Boll Offenb. Joh. 12 f.; Dieterich Nekyia 33 Nr. 2.
  3. Dieterich Nekyia gibt die Geschichte dieser Literatur. Vgl. auch Reinach im ARw. 9, 312 ff. Über die Vorläufer Vergils ebd., die Nachahmer = G. Ettig Acheruntica 360 ff.
  4. Dieterich Nekyia 225 ff. 217 ff. 217 Nr. 3.
  5. ARw. 4, 155 ff.
  6. C. Fritzsche Die lateinischen Visionen des Mittelalters bis zur Mitte d. 12. Jhs. = Roman. Forschungen 2, 256; Liebrecht Gervasius 89 ff.
  7. Octavius c. 35 = Dieterich Nekyia 160.
  8. Roman. Forsch. 2, 245 ff. und 3, 337 ff. Vgl. die Ergänzungen bis auf Dante bei Norden 9 f.
  9. W. Gerard, Berlin, s. a.
  10. Pauly-Wissowa s.v.
  11. Offenbar. Joh. 4. Vgl. Wundt Mythus u. Religion 3, 304 f. 306.
  12. Vgl. auch Döllinger im Histor. Taschenbuch V.F. 1, 259 ff. u. Wadstein in Ztschr. f. wissensch. Theol. 38, 538 ff.
  13. Wilh. Bousset Offenb. Joh. 1906, 49 ff.
  14. Karl Helm 1907. Vers 18373 f.
  15. Das sah bereits Fritzsche: Roman. Forschungen 2, 252 f.
  16. Ebd. 2, 256.
  17. Peuckert Leben Jak. Böhmes 1924, 101.
  18. Vgl. Peuckert Rosenkreutzer 1927.
  19. Ebd.
  20. Ebd.
  21. Ebd. Vgl. auch Peuckert Leben Jak. Böhmes 1924, 2 f.; ders. Schlesien 71.
  22. Amos Comenius Lux e tenebris 1. I.
  23. Peuckert Schlesien 72 f. und Kühnau Sagen 3, 524 ff.
  24. Peuckert Leben Jak. Böhmes 1924, 6 f.
  25. Ders. Schlesien 71 f.
  26. Paracelsus Liber Philosophiae de arte praesaga. ed. Huser 1590, Bd. 9, 110 f.
  27. Peuckert Rosenkreutzer 1927.
  28. Karl Sudhoff Versuch einer Kritik d. paracels. Schriften 2, 733. 751. 760 f.

Apokalyptische Vorstellungen im nordischen Mythus

Man hat längst die Beobachtung gemacht, daß Vorstellungen der Johannesapokalypse im Nordischen wiederkehren; das ist besonders an der Völuspa aufgefallen. E.H. Meyer[1] erklärte das vor allem aus dem Einfluß mittelalterlicher Predigtliteratur (wie etwa des Honorius von Autun Elucidarius), in die apokalyptische Vorstellungen aufgenommen worden waren. Olrik glaubte den Weg christlicher Vorstellungen über Irland nach dem Norden feststellen zu können[2]. Gewiß mag manchmal die irische Überlieferung von Einfluß gewesen sein; aber diese Wanderungen liegen zeitlich doch zu spät. Neckel hat m. E. ganz einwandfrei eine Nordwanderung apokalyptischer Vorstellungen vor der Wikingerzeit nachgewiesen[3]. Wie im 1. Jahrhundert ein römischer Ritter die Bernsteinstraße wanderte, wanderten Geräte, Waffen, Gold und geistige Vorstellungen nach dem Norden. Die übermittelten Vorstellungen haben ein durchaus christliches Gepräge; ich halte deshalb die apokalyptische christliche Literatur, nicht die hellenistische Astralreligion, für den Ausgangspunkt; nicht aus dieser strahlte nach Norden und Süden apokalyptisches Gut aus, die zeitliche Aufeinanderfolge muß 1. hellenistische Astralreligion, 2. Apokalypse, 3. nördliche Apokalypse gewesen sein[4]. Auch nach Süden sind apokalyptische Ideen gewandert: „le Coran est une Apocalypse“ [5].

  1. Völuspa 1880, 41 ff.; Mythologie d. Germanen 1903, 434 ff.; Germ. Myth. Register s.v.
  2. Ragnarök 1922, 127 ff. u. Kahle im ARw. 9, 64 ff.
  3. Stud. z. d. germ. Dichtungen v. Weltuntergang: Sitzb. Heidelb. 9.
  4. So scheint mir die Folge Schröder Germanentum 21 f. zu ändern zu sein.
  5. P. Casanova Mohamed et la fin du monde 68; Bertholet Lehrb. d. Religionsgesch. 1 (1925), 735.

Die Apokalypse im Volksglauben

Eine mythengeschichtl. Durchsicht der Johannesapokalypse fördert reiche Ergebnisse zutage. Hier kann nur Einzelnes angedeutet werden.

1. Michael als Drachentöter c. 12. Vgl. Michael[1].

2. Der „Drache“ c. 12 ist nach manchen das Urbild für die Drachengestalt der Volkssage[2]. Vgl. Drache.

3. Das apokalyptische Tier c. 13 = Nero; vgl. Antichrist I. III.

4. Die 24 Ältesten c. 4,4 wurden Anfang des 15. Jahrhunderts in Obersteiermark an Donnerstagen abergläubisch verehrt. Man hielt sie für eine besondere Klasse von Heiligen und glaubte, Gott halte an den Donnerstagen der Quatember mit ihnen Rat, was im nächsten Quartal geschehen soll, wer sterben solle, wer Glück oder Unglück haben werde[3].

5. Die Anfangsworte der Johannesapokalypse wurden in Segen und Beschwörungen zitiert[4]. Ebenso verwendete man die Apokalypse im Wetterzauber[5].

6. Die wichtigste Rolle spielen die biblischen Apokalypsen in Notzeiten. Dann werden endzeitliche Hoffnungen und Ängste wach. Man versucht sich in Berechnungen. Schon die Dichter der Apokalypse haben sich ja mit derartigen Berechnungen beschäftigt, gar die ihrer Vorgänger zu lösen versucht, wie etwa Daniel 9 sich mit Jes. 29,10 abgibt[6]. Gebräuchlich ist eine Zeitangabe von 70 Wochen (ebd.) [7], eine solche von 6000 + 1000 Jahren = eine Weltwoche (Aion) nach Psalm 90,4 auf Grund einer älteren rabbinischen Berechnung, die 2000 Jahre für die Zeit von der Schöpfung bis zum Gesetz, 2000 Jahre unterm Gesetz und 2000 Jahre der Gnade kannte[8]. Dieser Aion selbst wird eingeteilt in vier Zeiten von je 3000 Jahren (Dan. 2; IV. Esra 12,11); das goldene, silberne, eherne und eiserne Zeitalter[9], oder in sieben Zeiten[10]; hierher gehören wohl auch Daniels und Johannes (Ap. Joh. 12,14; Dan. 7,25) 42 Monate (Ap. Joh. 13,5), 1260 (Ap. Joh. 12,6) oder 1290 Tage (Dan. 12,11). Endlich teilt IV. Esra 14,11 den Aion in 12 Teile, von denen 91/2 vergangen sind[11]. (Vgl. Weltzeitalter.)
Eine Übersicht über die Auslegungen, welche die Zahlen der biblischen Apokalpyse erfuhren, – man wird noch 1300 (Dan. 8,14), 1332 (Ascensio Jes. 4,12 = 4,14) und 1335 (Dan. 12,12) zufügen dürfen – hat Bousset gegeben[12]. Es sei nur erwähnt, daß, nachdem die eschatologischen Erwartungen der beiden ersten Jahrhunderte verflogen waren, die Angst etwas nachließ. Ums Jahr 1000 ist – entgegen einer landläufigen Meinung – die Beängstigung nicht besonders groß gewesen; dagegen hat Abt Joachim von Floris das Jahr 1260 als Erfüllung der Weissagung Ap. Joh. 12,6 ansehen wollen, und die Geißlerzüge waren die Reaktion auf seine Prophezeiung[13]. Um 1600 wieder, als nur noch wenige Jahre bis zum Jahre 6000 der jüdischen Zeitrechnung blieben, stürzte man sich in derartige Berechnungen[14]. Die ausführlichsten im 17. Jahrhundert hat wohl Bengel angestellt[15].

7. Ich habe als Kind adventistische Schriften kennengelernt, in denen die „Vorzeichen“ Matth. 24 auf historische Geschehnisse gedeutet wurden; sie erregten im Landvolk große Bestürzung. Ähnliches versucht nach dem Kriege die „Vereinigung ernster Bibelforscher“, die dem Sturz des Gotenreiches im Jahre 539 (?) 1260 Jahre zuzählt, um zum Jahre 1799, der Zeit des Endes, zu kommen. Zählen sie die danielischen 1335 Jahre zu, gelangen sie zum Jahre 1874, in dem des Herrn zweite Gegenwart fällig ist. 31/2 Jahre als Zeit seines Wirkens werden zugezählt, so kommt man auf 1878. Dann beginnt die Ernte, die 40 Jahre dauern soll (entsprechend Jesu Lehrzeit und der Zeit der jüdischen Ernte 33-73 nach Chr.); so kommt man auf 1918[16]. Ähnliche Berechnungen waren im Weltkriege üblich[17]; ich bin selbst Zeuge gewesen, wie man in den Walddörfern des Isergebirges aus Dan. 12,12 den Friedenstag ergrübeln wollte: wohl dem, der erreicht 1335 Tage.
Im Weltkriege – und deutlicher noch nach ihm – hat man die Johannesapokalypse wieder als historische Weissagung auszubeuten versucht. Das ist in öffentlichen Vorträgen: „Das Geheimnis des Jahres 1924, Deutschlands Wiederaufstieg; das Ende des Tieres“, ebenso wie in Schriften geschehen. So wird 10,6 „es wird keine Zeit mehr sein“ durch Einsteins Relativitätstheorie als erfüllt angesehen; c. 13,13, das 2. Tier, das Feuer vom Himmel fallen läßt, ist die exakte Wissenschaft, die den Blitzableiter erfand[18]; c. 16 behandelt die gegenwärtige Zeit. Derartige Literatur findet sich häufig in Händen religiös gesinnter Arbeiter und Landleute, die sie vor ihren Geistlichen verbergen, weil sie empfinden, daß diese dergleichen ablehnen.

8. Märchenmotive in den Apokalypsen. Bereits Kauffmann hat das Märchen der volkstümlichen Visionsliteratur zuweisen wollen, einer den Apokalypsen eng benachbarten Gattung[19]. Eine Zusammenstellung der die Apokalypse berücksichtigenden Märchen des Alten Testaments hat Gunkel gegeben[20]. Sie sei für die neutestamentliche Apokalypse ergänzt; ich berücksichtige dabei Ascensio Jes., V. Esra, Petrus-Apokalypse, Hirt des Hermas, christliche Sibyllinen und die Johannesapokalypse.

  • Märchenwanderung: Apokalypse Petri, Asc. Jes., Paulus-Apokalypse
  • Fabelwesen: Ap. Joh. 13; 12,9. Hirt d. H. 4. Vision.
  • Märchenland mit Lebensbaum und Lebenswasser (vgl. auch I): Ap. Joh. 22,1 f.; V. Esra 2,12. 19.
  • Hinter sieben Rosenbergen: V. Esra 2,19; A. Petr. 15.
  • Märchenstadt: Ap. Joh. 21,2 ff.
  • Wächter an Himmelspforte; Losungswort: Asc. Jes. 10,24.
  • Märchenberge: Hirt des Hermas 9. Gleichnis.
  • Märchenjungfrauen ebd.
  • Weiß wie Schnee, rot wie Rosen: A. Petr. 9.
  • Jungfräuliche Schwangerschaft: Asc. Jes. 11; schwanger durch Anhauchen: Sibyll. 8, 462.
  • Geburt ohne Schmerzen: Asc. Jes. 11,9.
  • Sonne still stehen lassen: Sibyll. 5, 228.
  • Finstre Welt: Sibyll. 7,142.
  • Tote Zweige grünen aus: Hirt d. H., achtes Gleichnis.
  • Tür öffnet sich unsichtbar: Asc. Jes. 6,6.
  • Zaubrische Blindheit: Asc. Jes. 11,24.
  • König verkleidet: Asc. Jes. 10,7–11,32.
  • Name unbekannt: Asc. Jes. 9,6.
  • Dämonische Frau im Bad erblickt: Hirt d. H. Eingang.
  • Frage vergessen: ebd. 9. Gleichnis.
  • Ewiger Kampf zwischen Engelsheer und Dämonenheer in der Luft: Asc. Jes. 7, 9 ff.
  • Sand verschüttet ein Land: Sibyll. 7, 104 f.
  • Unter Eis versinken: Sibyll. 7, 107.

Das Verzeichnis ist noch zu vervollständigen.

  1. Lippert Christentum 500 f.
  2. Ebd. 492.
  3. Ztschr. kath. Theol. 15, 17 ff.; Ztschr. f. Kirchengesch. 13, 473.
  4. Pradel Gebete 316. 321. Vgl. auch Mansikka Über russ. Zauberformeln 1909, 34 ff. 43. 55. 59. 66.
  5. Korrespondenzbl. d. Ges. f. Anthropologie 27, 113, nach J. Bois Satanisme 382.
  6. Boll Offenb. Joh. 23 ff.; Bousset-Greßmann 246.
  7. Ebd. 247.
  8. Joh. Klausner Messian. Vorstellungen d. jüd. Volkes. 1904. 28 ff.
  9. Bousset-Greßmann 246.
  10. Ebd. 247.
  11. Ebd. Nr. 1.
  12. Offenb. Joh. 49 ff.; Bengel Erkl. Offenb. Joh. 1099 ff. 1135 ff.; vgl. Schindler Aberglaube 94 ff.
  13. Vgl. darüber Salimbene v. Parma in den Geschichtschr. d. deutsch. Vorzeit 94.
  14. Peuckert Rosenkreutzer 1927.
  15. Joh. Albrecht Bengel Erklärte Offenbarung Johannis 17462, 96 ff., 1059 ff.
  16. J. F. Rutherford Die Harfe Gottes (1922?), 224 ff.
  17. MschlesVk. 20 (1918), 60 f.; vgl. ZfrwVk. 15, 133.
  18. E. Schlegel Die Geheimnisse der Offenbarung. Symbolik der Ap. Joh. (1922), 28 ff. 48 f.
  19. ARw. 15, 625 f. = Festskrift till H.F. Feilberg 421 ff.
  20. Gunkel Märchen Register unter „Apokalytik“.