Antichrist (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Von Will-Erich Peuckert.

Der Antichrist in der Bibel

Die Sage vom Antichristen geht auf eschatologische Äußerungen im Neuen Testament zurück. 1. Joh. 2,18; 4,3; 2. Joh. 7 kennen allein die Gestalt unter dem Namen ἀντίχριστος. – Die Stelle wird als Zeugnis angeführt, daß zur Zeit der Abfassung des Briefes der Antichrist-Glauben durchaus verbreitet war. Man wird einschränken müssen: in den kleinasiatischen Gemeinden, an die der Brief gerichtet ist. Der Schreiber wendet den Ausdruck (2,18) auf christl. Häretiker an (4,3; 2,22; 2.,7); es sind viele Antichristen, und das sind die gnostischen Irrlehrer[1]. Damit wird eine Deutung angeschlagen, die lange nachklingt, und die später von Origines bevorzugt wurde. – Der paulinische Begriff vom Antichristen ist (sofern 2. Thessal. von Paulus herrührt)[2] wesentlich anschaulicher. Zwar wird der Name nicht genannt, aber man ist seit den ältesten Zeiten darin in Übereinstimmung, daß der große Frevler der Antichrist sein soll. Er ist hier so gezeichnet, wie ihn die spätere Sage kennt: der Gesetzlose, den Satan mit Kraft begabt, der im Tempel sitzen wird (das spricht für jüdische Herkunft der Sage[3]; die Tempelschändung ist das ärgste; vgl. Dan. 9. 27; II,36) und sich dort als Gott ausgibt, der Wunder tut, bis ihn Christus mit dem Hauch seines Mundes tötet. Noch wird er zurückgehalten: „κατέξειν“ heißt in dem wohl absichtlich zwischen Maskulin und Neutrum schwankenden apokalyptischen Terminus „in Banden halten“[4]. Der Antichrist ist der Gebundene, der am Ende der Welt hervorkommt und Vernichtung bringt, der gefesselte Unhold, Satan selbst[5].

In der Apokalypse Johanni sucht man den Antichristen in einem der beiden Tiere c. 13, und zwar deutete man das Tier aus dem Meere auf das röm. Imperium, das zweite Tier auf den Antichristen. Die sieben Häupter des ersten Tieres sind sieben Cäsaren. Ein Haupt scheint tödlich wund, wird aber heil. Zur Zeit des sechsten Hauptes schreibt Johannes (17,10); das Tier (17,8) ist das achte. Die Deutung auf Nero als das wiederkehrende Tier wird durch Zeugnisse aus dem damaligen Volksglauben ebenso gestützt[6], wie durch die Ausrechnung der Zahl 666 = als Dreieckszahl von 8, was auf 17,11, den wiederkehrenden Nero gehen würde, oder gematrisch רסק ןורנ = Käsar Neron.[7]. Das zweite, nicht näher gekennzeichnete Tier, wird 16,13; 19,20; 20,10 ψευδοπροφήτης genannt. Bousset erklärt: „Die spätere Apokalyptik des Judentums hat eine doppelte Ausprägung des großen göttlichen Widersachers geschaffen; sie faßte diesen bald als einen gottfeindlichen, furchtbaren Herrscher, bald als einen verführerischen Propheten“[8]. Lohmeyer weist dagegen[9] auf Mark. 13,21f. hin, daß vorm Ende ψευδόχριστοι καὶ ψευδοπροφῆται erscheinen würden. – Von allen neueren Exegeten angenommen[10] ist Gunkels Erklärung[11], daß als Prototyp für die beiden Tiere die Urungeheuer Behemoth (s.d.) und Leviathan (s.d.) zu gelten haben, die aus dem Tausendgebirge und dem Meer aufsteigen und gegen Gott angehen. Die alten Widersacher aus der Urzeit leihen jetzt dem Antichristen Gestalt, werden christianisiert und politisiert. Johannes sah Nero redivivus als Antichrist kommen[12]. – Zu diesem Bilde haben die Synoptiker (Mark. 13,21 f.; Luk. 21,8; Matth. 24,4 f. und Johannes 5,43) einzelne Züge gefügt, die uns doppelt wichtig wären, wenn wir sie als echte Herrenworte ansehen dürften. Nicht sehr viel später als die Antichrist-Schilderung der Joh.-Apokalypse – um die Wende des 1. Jhs.[13] – entstand eine Beschreibung des Antichristen, welche bereits viele der späteren Züge aufweist; das Stück ist in die Ascensio Jesaiae aufgenommen. Beliar steigt herab, nimmt die Gestalt des Muttermörders (Nero) an, zerstört die Pflanzung der 12 Apostel; einer der 12 fällt ihm zu. Wunder tut er; er läßt sich als Gott anbeten, stellt sein Bild auf, die Gläubigen fliehen zur Wüste. So regiert er 3 Jahre 7 Monate und 27 Tage = 1332 Tage (vgl. Dan. 12,12), bis Christus mit seinem Heer herniedersteigt und Beliar mit seinem Heer in die Gehenna schleppt (Asc. Jes. 4,1–15)[14]. Wenn man mit Bousset[15] eine mündliche Tradition annimmt, die bis in die Tage des Hippolyt und Martin von Tours reichte, wird man sich den Antichristen der mündlichen Überlieferung ungefähr in dieser Gestalt vorstellen dürfen[16]. Ob und wie groß der Einfluß eines gnostisch infizierten Judentums auf die Bildung der Antichrist-Legende gewesen ist, hat M. Friedländer[17] festzustellen versucht. Meines Erachtens sind zeitgeschichtliche Begebenheiten nicht stark genug, solchen Nachdruck zu hinterlassen, und wir werden um die mythische Grundlage nicht herumkommen.

  1. W. Bauer: Evangelium, Briefe und Offenbarung d. Johannes, 19083 336. 348.
  2. Martin Dibelius: in: Lietzmannsches Handbuch z. N.T., 1925, Bd. 112, 48 f.
  3. Ebd. 39.
  4. Ebd.
  5. Ebd. 40 ff.; vgl. A. Olrik: Ragnarök, c. 5. 6; Kaarle Krohn: in: Finnisch-ugrische Forschungen 7, 129 ff.; v. d. Leyen: in: „Prager deutsche Studien“ H. 7. Satan: Aug. Frh. v. Gall: Βασίλεια του θεου 1926, 295 f.
  6. Bauer: 401 f.; Rohde: Psyche, 2, 3771.
  7. Lohmeyer: 115 f. u. Ztschr. f. neutestamentl. Wiss. 13, 293 ff. Vgl. ebd. 19, 11 ff.; Wilh. Bousset: Die Offenbarung Johannis, 1906, 374. 369 ff.
  8. Ebd. 377 f. Vgl. Carl Weizsäcker: Apostol. Zeitalter d. christl. Kirche, 18922, 496 ff.
  9. Lohmeyer: in: Lietzmannschs Handbuch, 1926, Bd. 16, 111 f. Doch vgl. dazu unten III 3 u. Carl Weizsäcker: Das apostol. Zeitalter d. christl. Kirche, 1892, 496 ff.
  10. Ebd. 110 ff.; Bousset: 378 f.; RGG.2 1, 375 f.; v. Gall: 292 Nr. 1.
  11. Schöpfung und Chaos, 51; H. Gunkel: Genesis, 19174, 122; Bousset-Greßmann: Religion des Judentums, 1926, 251. 254.
  12. RGG.2 1, 375 f.
  13. Edgar Hennecke: Neutestamentl. Apokryphen, 1904. 292.
  14. Ebd. 295 f.; v. Gall: 294.
  15. Antichrist, 18 f.
  16. Vgl. dagegen Bousset,53, zu dieser Stelle, dessen Bedenken (jüd. Herkunft) m. E. hier nichts austragen.
  17. Der Antichrist in den vorchristl. jüdischen Quellen, 1901, 132 ff.

Jüdische Grundlagen der Antichrist-Sage

Bousset setzt die Entstehung der Antichrist-Legende vor die Abfassung der Apoc. Joh., ja geraume Zeit vor die Zerstörung Jerusalems. Dann müssen ihre Grundlagen jüdisch sein. Der Endkampf Gottes ist ein Kampf gegen Ungetüme (siehe I). Auch der Kampf gegen die Weltmächte wird als solcher gezeichnet: Jes. 27; Dan. 7,11f; 8,1 ff.; Ps. Sal. 2,25; endlich gestaltet sich der Endkampf zum Kampf gegen Beliar[1]: Buch der Jubiläen 23,29[2], Testamente der 12 Patriarchen, Levi 18[3], Evg. Joh. 16,11, Assumptio Mos. 8ff.[4], Apoc. Joh. 17. – Die Vorzeichen des Weltendes sind ebenfalls der jüd. Apokalyptik entnommen (vgl. Eschatologie). Hinter dem Judentum steht die spätiranische Anschauung vom Wiedererscheinen des letzten „Gesandten“ = Mithras: ein falscher Gesandter erscheint; es gibt auf der Welt nicht solchen Trug, List, Zauberei, die er nicht vermöchte durch die Kraft seines Vaters, des Dämonen. Er verkündet: Seit langem habt ihr gehofft, Gottes Sohn, Mithra, der Erlöser, soll kommen; jetzt bin ich gekommen; Verehrung sollt ihr mir darbringen, an mich sollt ihr glauben. Reitzenstein sagt dazu, daß auf einem Boden, wo die Vorstellung von einem Kampf des Lichtgottes gegen den Dämon uralt ist und die Vorstellung von ἀντίθεοι in hellenistischer Zeit fortlebt, die Antichrist-Vorstellung ihre Wurzel gehabt haben muß; in das Judentum ist sie nur übertragen.

  1. Bousset-Greßmann: Religion d. Judentums im späthellenistischen Zeitalter, 1926, 251 ff.; Hauck: RE., 1 s.v.; Bousset: Antichrist, 81.
  2. Bousset-Greßmann: 333 ff.
  3. Kautzsch: Apokryphen u. Pseudepigraphen d. alten Testaments, 1900.
  4. Reitzenstein: in Ztschr. f. neutestamentl. Wissensch. 20, 16 f. Doch vgl. v. Gall: Βασίλεια του θεου 1926, 291. 296 ff.; Scheftelowitz: in ZfMissionskunde 42 (1927), 287 f.

Die Antichrist-Sage im 1. Jahrtausend

1. Der Antichrist ist die Hauptgestalt der mittelalterlichen Eschatologie. Verhältnismäßig wenig wird im 2. und 3. Jahrhundert von ihm gefabelt. Dieser Zeit ist der Antichrist = Nero redivivus, so schon im 1. Jh.: Sib. 5,33f., 214–227; 8,139 bis 159; Ascensio Jesaia 4,2ff., später Victorinus von Pettau († 303) in seinem Apoc. Kommentar[1], Lactanz, de morte pers. 2, Hieronymus in Dan. 11,17, Augustin, de civitate dei 20, 13[2]. Das währt bis ins späte MA.: Beatus von Liebana († 798)[3] und Otto von Freising, Chronicon 1. 3c. 16: Arbitrantur, Neronem non mortuum, sed humanis rebus vivum subtractum, usque ad ultimum tempus in ea qua tunc fuit aetate appariturum, ipsumque fore Antichristum[4].

2. Daneben geht der Glaube an den Katechon her, als den man das imperium verstand[5]; der Antichrist kann erst erscheinen, wenn dieses untergeht[6], wenn der römische Kaiser auf dem Ölberg seine Krone Gott zurückgibt[7].

3. Bousset hat nachzuweisen versucht[8], daß Irenäus[9] wie Hippolyt noch einer mündlichen Tradition gefolgt sind. Hippolyt parallelisierte Christus und den Antichristen Περὶ τοῦ Ἀντιχρίστου c. 6 heißt es: Ein Löwe ist Christus und ein Löwe der Antichrist; in der Beschneidung kam der Heiland in die Welt, und er wird in gleicher Weise kommen usw.[10]. H. hat auf diese Weise wohl neue Züge für das Bild des Antichrists gewonnen; daneben benützte er uns verlorene Traditionen (c. 15: und ein andrer Prophet sagt, der Antichrist wird seine Macht versammeln von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang usw.)[11]. Bousset[12] hat diese Traditionen in Verbindung gebracht mit einer Sibylle (deren Überarbeitung Sib. 2,154 ff.), die wieder Lactantius (Inst. div. 7,16) und Commodian (Carmen apologeticum) benützten[13]. Gemein ist der Gruppe Lactanz, Commodian und Martin v. Tours (Sulpicius Severus Dialogus 2,14) der Glaube an einen doppelten Antichristen[14]. Die beiden Tiere Apoc. Joh. 13 werden auf Nero, den dämonischen Herrscher, und einen in Jerusalem erscheinenden Antichristen gedeutet. Diese Anschauung läßt sich bis in das 16. Jahrhundert verfolgen[15]. Die Deutung des ersten Tieres auf Nero lag, wie wir sahen, nahe; daß man im zweiten Tier den Antichristen sah, dürfte seinen Grund darin haben, daß es zwei Hörner hatte gleich wie ein Lamm, ohne ein Lamm zu sein. Der gehörnte Widder ist in Israel Symbol des Messias: „Mann der Hörner“ wird er genannt[16]. Die Fassung der Antichrist-Legende bei Sulpicius Severus, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, gibt wieder, was man im 4. Jahrhundert im Westen vom Antichristen zu erzählen wußte.

4. Den größten Einfluß auf die Ausgestaltung des Glaubens hat eine Gruppe eschatologischer Schriften oströmischer Herkunft gehabt. Dort entstand im 4. Jahrhundert eine Sibylle. Sackur findet in ihr[17] Begebenheiten aus der Zeit um 360 widergespiegelt; Bousset dachte[18] zweifelnd an die Zeit Constantins I., die wohl in Frage kommt, wie ein Vergleich der Sibylle[19] mit Eusebius K.G. VIII–X ergibt; der ungerechte Herrscher ist Maximin, der verheißene Constans Constantin I. Aber dahinter scheint noch ein älterer, Alexander der Große, zu stehen[20]. Fast zu gleicher Zeit entstand Pseudo-Ephraems Sermon von Antichristen[21]; aus ihm und der Sibylle geht die syrische Schrift des Pseudo-Methodius Ende des 7. Jahrhunderts hervor[22], die von einem fränkischen Mönch syrischer Herkunft, Petrus, ins Lateinische übersetzt wurde[23]. Doch müssen, wie sich aus der Scholasticus Fredegarius Chronik c. 66 erweist, schon um 642 Nachrichten über Gog und Magog (s.d.), deren Zusammenhang mit der Antichrist-Legende bekannt ist, nach dem Westen gekommen sein[24]. Wir haben dabei wohl an die Sibylle zu denken[25]. Das Fortleben sibyllinischer Schriften im Osten bezeugt im 10. Jahrhundert noch Liudprands Gesandtschaftsbericht[26]. Vgl. weiteres unter Sibylle. Aus Pseudo-Methodius und westlichen Überlieferungen entstand zwischen 949 und 954 Adsos, des Abtes von Moutier-en-Der[27], Epistola ad Gerbergam reginam de ortu et tempore Antichristi, die immer und immer wieder ausgeschriebene Schrift über diesen Gegenstand[28]. – Adsos Quellen sind außer Pseudo-Methodius und (Michael tötet den Antichristen) der tiburtinischen Sibylle vor allem Haymo Halberstadensis[29], Alcuin, de fide Trinitatis[30], Hippolyt[31] und eine Reihe von Notizen, die bei Sulpicius Severus belegt sind: Nascetur autem ex patris et matris copulatione, sicut et alii homines, non, ut quidam dicunt, de sola virgine, sagt Adso, und Martin weiß ihn malo spiritus conceptus[32]; Templum etiam destructum, in statum suum restaurabit dürfte mit Martins ab illo et urbem et templum esse reparandum zusammengehen[33]. Das scheint auf ungelehrte Überlieferungen zu deuten, denn an andrer Stelle bemerkt Adso ausdrücklich: Tradunt autem doctores, quod in monte Oliveti Antichrist occidetur in papilione et in solio suo, in illo loco, contra quem ascendit Dominos ad celos[34]. Auf mündliche, ungelehrte Überlieferung möchte ich auch die Angabe „triginta annos tunc latebit incognitus a populo“ in einem Rhythmus des 10. Jahrhunderts[35] zurückführen. Solche Überlieferung wird bezeugt durch Sulpicius Severus Angabe, er habe die Antichrist-Sage nach einem mündlichen Vermächtnis des Martin von Tours aufgezeichnet[36]. – Wir sind demnach in der glücklichen Lage, ein Zeugnis aus dem 4. und eins aus dem 10. Jahrhundert für die Antichrist-Tradition im westlichen Europa zu besitzen. Die Merovinger- und Karolingerzeit ist reich an Äußerungen über den Antichristen[37].

  1. Bousset: Antichrist, 1895, 52. 110.
  2. Vgl. ferner die Angaben beiBousset: 57 ff.
  3. F. Kampers: Kaiseridee, 14 und Noten.
  4. Vgl. ferner Ottonis Frisingensis: chronic., 1. 8c. 1 ff.
  5. Wetzer-Welte: 1, 923; Hauck: RE., 13, 580;Kampers: 12.
  6. Dionysius v. Lützenburg: Leben Antichristi, 1716, 13 f.
  7. So die Überlieferungsreihe III, 4.
  8. Bousset: Kommentar, 49 f. 51.
  9. Stolle: Kirchenväter, 88.
  10. Bousset: Antichrist, 15.
  11. Ebd. 17.
  12. Ebd. 51.
  13. Ebd. 50; Ztschr. f. Kirchengesch. 20, 110 f.
  14. Bousset: Antichrist, 50; Kampers: 13 f.; Ivo: Decretorum opus, bei Migne: Patr. lat., 161, 1009. Vgl. auch Ztschr. f. Kirchengesch. 20, 109 ff.
  15. Hauck: RE., 1, 584.
  16. Kampers: in Mschles Vk. 17, 145 f.
  17. Ernst Sackur: Sibyllinische Texte u. Forschungen, 1898, 158 ff. 162 f.
  18. Antichrist, 39.
  19. Sackur: 183 Mitte – 185 oben.
  20. Ztschr. f. Kirchengesch. 20, 280 ff. 285 f.
  21. Bousset: Antichrist, 34 ff.; Ztschr. f. Kirchengesch. 20, 117 f.
  22. Bousset: 30 ff.; Sackur: 45 ff. 53 ff. Über spätere Einschübe vgl. Ztschr. f. Kirchengesch. 20, 261 ff. bes. 280.
  23. Sackur: 56.
  24. Zeitschr. f. Kirchengesch. 20, 114 zählt Bousset: die Fundorte auf; diese sind so entlegen, daß wohl nur tiburt. Sibylle in Betracht kommt.
  25. Sackur: 186.
  26. Mon. Germ. SS. 3, 347 =Kampers: Note zu 50.
  27. Gerhard: v.Zezschwitz: Vom römischen Kaisertum deutscher Nation, 1877; Gutschmid: in Hist. Ztschr. 41, 148; Bousset: 27 ff.; Sackur: 97 ff., Textabdruck ebd. 104 ff.
  28. K. Reuschel: Untersuchungen z. d. deutschen Weltgerichtsdichtungen des 11.–14. Jhs., Diss. Leipzig 1895, 2.
  29. Vgl. Sackurs: Noten zum Text: Sackur: 104 ff.
  30. Alcuin: ebd.
  31. Sackur: 105 Abs. 1, vgl. zur Hippolytstelle III, 3.
  32. Ders.: 107 Abs. 2; Sulp. Severus: Dialogus, 2, 14; doch vgl. Pseudo-Ephraem 6 (zit.Bousset: 92): ex semine viri et ex immunda vel turpissima virgine malo spiritu vel nequissimo mixto concipitur.
  33. Sackur: 107 unten; Sulpic. Severus: Dialogus, 2, 14; Bousset: 105 mit weiterer Parallele aus Haymo.
  34. Sackur: 113 oben.
  35. Poetae latini aevi Carolini, 4, 644 f.
  36. Bousset: 19.
  37. Poetae latini aevi Carolini, 4, 491 ff.: De Enoch et Haeliae ...Passio Leudegarii, in SS. Meroving. 5, 296; Vita Bononi, ebd. 6, 129. De tempore Antichristi unter des Theodulfi carmina:Poetae latini, 1, 475; Predicatio sancti Eligii episc. de supremo judicio:, SS. Meroving. 5, 758 f.; vgl. dazu ZfdPh. 41, 410 f.

Der Antichrist im hohen Mittelalter

1. Mit Adsos Schrift ist die Entwicklung der Legende wesentlich abgeschlossen; seine Darstellung wird in der Redaktion Albwins[1] übernommen und weitergegeben. Das Mittelalter[2], die Scholastik[3], die katholische Kirche bis auf Suarez (1601)[4] kennen nur den Antichristenen Adsos. Auch die späteren Redaktionen der tiburtinischen Sibylle aus der Zeit Heinrichs III. und aus dem 12. Jahrhundert[5], auf die Honorius von Autun zurückgeht[6], fügen nichts Neues zu. Erwähnt seien von den auf Adso beruhenden epischen Dichtungen: der Friedberger Antichrist[7], der Linzer Enticrist[8], von dem Anticriste[9] (Anfang des 13. Jahrhunderts) und Freidanks Spruch 49, wie der northumbrische Cursor mundi[10], während Frau Avas Gedicht auf mehrere Quellen, auch auf des Honorius Elucidarius[11], des Pamphilus Gengenbach Nollhart (1517)[12] auf den neugedruckten Pseudo-Methodius zurückgeht[13]. Auch der ludus de Antichristo aus Tegernsee[14] hat in Adso seine Quelle; dies Spiel mit politischem Untergrunde muß seinerzeit oft gemimt worden sein; Zezschwitz hat Teile desselben in einem Benediktbeurer Weihnachtsspiel entdeckt[15]. Antichrist-Spiele scheinen überhaupt beliebt gewesen zu sein; in Frankfurt am Main wurde 1469 eins, wohl das „von den Herzogen von Burgund“[16], wegen der Judenschaft verboten[17]; in Xanten ward 1473 und 1481 das „alte große spil vom uff- und untergang des Antichrists aus dem lateinischen verdeutscht“ aufgeführt[18]. Ein „Schimpf“ war „des Entkrist Vasnacht“[19] aus dem 15. Jahrhundert., wie das englische Chesterspiel vom Antichristen[20]. Es ist verständlich, daß ein mönchisch gesinnter Mann wie Gerloh von Reichersberg (1093 bis 1069) in einer großen Schrift de investigatione Antichristi[21] gegen die spectaculis theatricis auftrat. Otto von Freising, der in seiner Chronik den augustinischen Gedanken vom Gottesstaat durchzuführen versuchte, handelt im 8. Buch der Chronik c. 1–8, wie eine Reihe mittelhochdeutscher Spruchdichter[22], vom Antichristen[23]. Es seien schließlich aus den kaiserlich-päpstlichen Kämpfen des 14. Jahrhunderts noch Lupold von Bebenburg[24] und Engelbert von Admont[25] erwähnt.

2. Diese Schriftsteller sind trotz ihrer politischen Haltung für uns nicht unwichtig. Man war sich dessen sicher, daß der Antichrist als König erscheinen werde[26]; im Tyrannen, im rex iniquus, in jedem, der sub specie religionis handelte, sah man den Antichristenen oder einen Antichristen[27]. Denn Augustin de civ. dei XX,10 hatte auf Grund der johann. Ausführungen (siehe I.1) geschlossen, daß es mehrere Antichristen gebe, die figurae Antichristi (Antiochus, Epiphanes, Nero ... und manger der noch hiute lebt)[28], deren letzter der eigentliche sei[29]. Man war jederzeit gewärtig, den letzten Antichristen vor sich zu haben[30]; so hat Bernhard von Clairvaux in Anaklet II. den Antichristenen gesehen; erst nach seinem Tode, als die böse Zeit anhielt, machte er ihn zu einem Vorläufer des Antichristen[31]; hier ist es, wo sich der augustin-gregorianische Begriff des Tyrannen mit dem eschatologischen des Antichristen verbindet[32].

3. Es ist begreiflich, daß es nahe lag, auch den unrechtmäßigen Papst zum Antichristen zu machen. Nicht nur die johann. Anschauung gab dafür Stützen; es kam dazu, daß man den Tempel, in dem er sein Bild aufrichten würde, in Rom sah. Die Variante, daß der Antichrist sein Idolum im Tempel errichten wird, ist in der Tradition so verwischt worden, daß man unter dem Idolum den Antichristenen selber verstand. Daher konnte in Zeiten des Schismas Papst und Gegenpapst als idolum in sancta sede bezeichnet werden. So kann die Meinung entstehen, der Antichrist werde als Papst erscheinen[33]. Arnulf von Orléans deutet schon 991 dergleichen an[34]; Siegmund Meisterlin erhebt 1488 in seiner Chronik der Reichsstadt Nürnberg den begründeten Vorwurf, Ludwigs des Bayern Kanzler Ulrich Hangenor habe schändliche Schreiben gemacht und „hieß den babst ein thier und bestia und den entecrist“[35]. Der Name wird mehr und mehr zur Allegorie; die „geistlichen“ Auslegungsarten nahmen überhand; Hus[36] sei erwähnt, die böhmischen Brüder, Joachim von Fiore, Katharer und Waldenser[37], Luther (adv. execrabilem Antichrist bullam) bis zu den Schmalkaldischen Artikeln (der Papst ist der rechte Endchrist oder Widerchrist)[38]. Nur die Flugblattliteratur kennt noch den persönlichen Antichristen[39]. Im catalogus testium veritatis hat Flaccius Illyricus die geistliche Auslegung der Lutheraner (der Antichrist ist keine individuelle Person) dem „persönlichen Antichristen“ der Katholiken (er komme aus Dan usw.) gegenübergestellt [40]. Der Katholik Cochlaeus aber versuchte, Luthern, widernatürlich gezeugt, den Anschein des Antichristen zu geben: Sunt qui affirmant Lutherum a spiritu immundo sub Incubi specie prognatum esse. Und Luther: Cocleus heißt mich einen Wechselbalk und einer Bademagd Sohn[41]. Endlich ist das Wort zum Schimpfwort geworden[42].

4. Erwähnt sei Joachim von Fiore, der im 13. Jahrhundert in Italien von vielen Antichristen zu sagen wußte und den letzten erwartete[43]; mit ihm vor allem setzt die Auffassung ein, die Antichrist-Legende sei als Allegorie zu deuten, eine Auffassung, die bis zu Luther und weiter gilt, während die Katholiken daran festhielten, daß der Antichrist wirklich erscheinen werde. Seine Anhänger sorgten für die Verbreitung und Auslegung der Idee, wovon besonders Salimbene von Parma ein ergötzliches Beispiel liefert, der erzählt, wie einer Alphons X. von Castilien zum Antichristen machte[44]. Salimbene hat übrigens Friedrich II. selbst ganz antichristliche Züge gegeben[45]; hat doch auch Telesphorus von Cosenza geschrieben, „Friderich der drit (der erwartete Friedensfürst), der wirt der groß endecrist“[46].

  1. Sackur: 99.
  2. Schon in einer ags. Homilie (Grimm: Myth., 678) findet sich ein Passus (Sackur: 111 oben) wörtlich. Für Bernhard v. Clairvaux ist dieser Beweis trotz Radcke: 60 noch nicht erbracht.
  3. Zusammenfassung der scholast. Auffassungen: Hans Preuß: Die Vorstellungen vom A. im späteren MA., bei Luther ..., 1906, 11 ff. Hierher gehört auch der Basler Elucidarius: Wilh. Wackernagel: Die altdeutschen Handschriften d. Basler Univ.-Bibl., Rektorats-Programm 1836, 22 f.
  4. P. Fr. Suarez: Commentariorum ac disputationum in tertiam partem D. Thomae, T. II, 1601 Praef. = Preuß: 252 f.
  5. Kampers: Kaiseridee, 49 ff.; Sackur: 126 ff. Die Texte: Mon. Germ. SS. 22, 145. 375 ff.
  6. Gemma animae, l. III c. 134.
  7. MSD. 18923, N. Nr. 33.
  8. Heinr. Hoffmann: Fundgruben, 2 (1837), 110.
  9. ZfdA. 6, 369 ff. Ausführungen über den A. in größeren Dichtungen vgl. K. Reuschel: Unters. z. d. deutschen Weltgerichtsdichtungen., Diss. Leipzig 1895, 19 ff. Ins 14. Jh. gehört das von Mone: Schauspiele, 1, 306 erwähnte Gedicht aus Kreuzlingen bei Konstanz.
  10. Eberts Jahrb. 5, 191 ff.
  11. Reuschel: 6 ff. Text: ZfdPh. 19, 128 ff. 355 ff.
  12. K. Gödeke: P. Gengenbach, 114 ff.
  13. Sackur: 3 f.
  14. Zezschwitz: Vom röm. Kaisertum deutscher Nation, 1877; Wilh. Meyer: aus SpeierGes. Abhandlungen z. mittellateinischen Rhythmik, 1 (1905), 136 ff.; Michaelis: in ZfdA. 54, 61 ff. Texte bei Meyer: und Friedr. Wilhelm: Münchener Texte, (1912) Nr. 1.
  15. Zezschwitz: 242 ff.
  16. Bibl. literar. Ver. Stuttgart 28, 169 ff.
  17. G. L. Kriegk: Deutsches Bürgertum im MA., 1868, 440.
  18. Zezschwitz: 104.
  19. Bibliothek d. literar. Ver. Stuttgart 29, 593 ff.
  20. Zezschwitz: 195 ff.
  21. Opera, I. ed Friedrich Scheibelberger 1875 1, I, c. 5.
  22. Reuschel: 32 f.
  23. Ottonis Frisingensis: episc.Chronica,, Mon. Germ. SS. in usum schol.
  24. Ritmaticum querulosum, 113 f.: Nec in meo (sc. Roman. imper.) tempore Antichristus nascetur, Deus nequaquam sinet, quod mecum dominetur: Böhmer: Fontes, 1, 482.
  25. Riezler: Die literar. Widersacher d. Päpste z.Zeit Ludwigs d. Bayern, 1879, 168.
  26. Hippolyt: c. 6, König ist Christus und König der A.
  27. Ernst Bernheim: Mittelalterliche Weltanschauungen, 1, 73. 93 f. Vgl. Ottonis Fris.: Chron., 8c. 3.
  28. Adso bei Sackur: 105 unten. Von dem Antichristene = ZfdA. 6, 371 Zeile 72 ff.; Reuschel: 18, N. 2; Hans Preuß: Die Vorstellungen vom A. im späteren MA., 1906, 25. 47 f.; Stolle: Kirchenväter, 277 N. 3.
  29. Bernheim: 74, N. 1; Ottonis: Chron., 8, c. 1.
  30. Bernheim: 75.
  31. Wadstein: 39, 104 und Radcke.:
  32. Bernheim.:
  33. Ebd.
  34. Wadstein: 39, 101 f.
  35. Die Chroniken d. deutschen Städte. Nürnberg 3, 123.
  36. Hans Preuß: Die Vorstellungen v. A. im späteren MA., bei Luther usw., 1906, 49 ff.
  37. Ebd. 45 ff.; Wadstein: 39, 117 ff.
  38. Ausführlich über Luthers Anschauungen handelt Preuß: von S. 83 ab.
  39. In der Kunst: ebd. 28 ff. 66 ff. 198 ff. – Flugblätter: ebd. 183 ff. 239 f.
  40. Ebd. 222 f.
  41. Ebd. 215 u. Nr. 2; Peuckert: Schlesien, 47.
  42. Erwähnt sei noch die Feststellung von Preuß: 247 ff., daß niemals von katholischer Seite L. als A. hingestellt worden ist, was immerhin für den Gegner nahe lag.
  43. Preuß: 45 ff.
  44. Geschichtsschreiber d. deutsch. Vorzeit 94, 118.
  45. Ebd. 93, 355 ff.
  46. Kampers: Kaiseridee, 95 ff.

Der Antichrist im 16.-17. Jahrhundert

Die Buchdruckerkunst ermöglichte, dem Volk zeitungsartige Literatur zuzuführen; so wird Deutschland seit dem Ende des 15. Jahrhunderts mit fliegenden Blättern überschüttet, unter denen Prognostica usw. die erste Stelle einnehmen. Der persönliche Antichrist wird wieder geglaubt. Die Praktika 1492 verheißt: In Oberdeutschland wird ein Prophet auftreten; man wird ihn den Antichristen nennen[1]. Und um 1500: Corda nostra plurimum concutiuntur, dum de die extremi judicii et de Antichrist tanta dicuntur[2]. Heinrich Vogel kannte 1605 eine alte Weissagung, daß der Antichrist kommen werde, wenn das Evangelium und die Alchemie wiederum herfürkommen, das eine aber habe Luther, das andere Paracelsus vollbracht[3]. Die von Paracelsus[4] ausgehende pansophische Bewegung, die joachitische Ideen aufnahm[5], kannte auch den Antichristen-Glauben[6], und er hat sich bei den Pansophen ebenso wie bei Schwärmern bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts gehalten[7]. Die „geistliche Auslegung“, seit Joachim bei allen gegenkatholischen Strömungen geübt, mußte absterben, als der Kampf gegen die Kirche durch einen Frieden beendet wurde, der den evangelischen Kirchen Gleichberechtigung gab und so den Anlaß zum Kriege beseitigte. Dafür erwachte unter den Katholiken (Malvenda) der alte Glaube an den wirklichen Antichrist zu neuem Leben, und er hat sich in katholischen Landen bis heute gehalten, ein letztes lebendes Stück Barock[8]. Vom 21. Januar 1707 haben wir eine Flugblatt-Copia eines von Malta gekommenen „Schreibens des zu Babylon neugebohrnen Antechrists“ betreffend. Aus dem Jahre 1716 stammt das bombastischbarocke Buch des Paters Dionysius von Lützenburg, das einen wahrhaftigen Roman vom Antichristen darstellt[9]. In vielen Sekten ist von ihm, freilich wieder als vom geistlichen Antichristen, die Rede[10]. Im Badischen fürchtete man, früher noch mehr als jetzt, den Endechrist, für dessen Vorläufer man den alten Napoleon hielt[11].

  1. Preuß: 25 N. 4.
  2. Ebd. 27.
  3. Offenbarung der Geheymnussen der Alchimy 1605, Aijr = Peuckert: Rosenkreutzer, 1927.
  4. Sermones de Antichristo, 1619. Vgl. K. Sudhoff: Versuch einer Kritik d. Echtheit d. Paracels. Schriften, 1899, I, Nr. 311. 313; 2, 764 (Nr. 199) 412. 579. 587. 596 f. Vor allem 552 undSchriften P., ed. Huser 9, 191.
  5. Sudhoff: 2, 764 Nr. 199.
  6. Ebd. 2, 571 mit Prognostica auf 1579 und 1600. Vgl. Peuckert: Rosenkreutzer, 1927 und Peuckert: Die pansophische Bewegung, 1928.
  7. Christ. Kotters: Weißgerbers in SprottauWeissagungen über den A., bei A. Comenius: lux e tenebris, 1 (1655) c. 9, 45; 16, 40 ff.; Jakob Böhme: Ausgabe v. 1730 im Register. Quirinus Kuhlmann, Gichtel usw.
  8. ZfVk. 30/32, 109.
  9. Leben Antichristi, 1716.
  10. Bernheim: 78 Nr. 1; Angelus Silesius: Ecclesiologie, 1677. 1, 713 f.
  11. Meyer: Baden, 521.

Erscheinungen des Antichristen

Ich verzeichne eine Reihe von Angaben über die Erscheinung usw. des Antichristen, die den dauernden Glauben an ihn beweisen. In der Verfolgung des Septimus Severus dachte ein Mann aus Juda ihn ganz nahe[1]. 380 meinte Martin von Tours, er sei schon im Knabenalter[2]. 591 wollte Gregor von Tours einen Betrüger, der sich für Christus ausgab, den Antichristen nennen[3]. 854 erklärte Alvarus, seine Zeit sei da und Mohammed sein Vorläufer[4]; auch Otto von Cluny[5] (Anfang 10. Jahrhundert) hielt seine Zeit für gekommen; Notker schrieb: Sanctus Paulus kehiez tien, die in sînên zîten uândôn des suonetagen, taz er êr nechâme, êr romanum imperium zegienge unde Antichristus rîchesôn begondî ... So ist nû zegangen romanum imperium[6]. Abbo von Fleury schrieb 990: Über das Ende der Welt habe ich in meiner frühen Jugend eine Predigt in einer Kirche zu Paris gehört, daß sofort, nachdem das 1000. Jahr abgelaufen sein würde, der Antichrist erscheinen werde[7]. 1080 war es Bischof Ranieri von Florenz gewiß, daß er schon lebe[8]. Walther von Lille sah in Barbarossa seinen Vorläufer[9]. 1105 hielt man zu Florenz eine Synode, in quo (concilio) cum episcopi loci de Antichristo, quia eum natum dicebat, satis disputatum est[10]. 1185 hielt aus astrologischen Gründen Magister Johannes von Toledo seine Zeit für gekommen[11]. 1190 antwortete Joachim von Fiore dem Richard Löwenherz, er sei schon in der Stadt Rom geboren (Rom = Babylon)[12]. 1210 ist ein Pseudoprophet aufgestanden, qui dicebat Antichrist jam esse adultum[13]. 1227 verkündet der Minorit Petrus de Boreth in Acre, er wachse heran und werde im März 10 Jahre sein[14]. 1297 setzt Arnold von Villanova ihn zwischen 1300 und 1400 fest[15]. 1321 erklärt ein Begharde auf Grund der Lektüre des Johannis Olivi, er sei schon geboren et habebat ultra XX annos aetatis[16]. Die Lehninsche Weissagung sah in Ludwig dem Bayern den Antichristen[17]. Bartholomaeus Janovesius aus Mallorca erwartete ihn Pfingsten 1360[18]. Auch Roger Baco wollte seine Zeit berechnen[19]. Milic von Kremsier wußte ihn 1346 geboren und schlug das 1367 an der Peterskirche an, ja erklärte Karl IV., dieser sei der Antichrist major[20]. Sein Schüler Matthäus von Janov meinte: Tanta fama fuit et est de adventu Antichrist per universam ecclesiam, et ita est descriptus, ut etiam pueri decipi non possent per eundem[21]. Der gewaltige Dominikaner Ferrer schrieb 1412 Papst Benedikt XIII., daß er 1403 geboren und jetzt schon 9 Jahre sei[22]. Seit dem Anfang des großen Schismas glaubte ihn das Volk 1385 in Babylon geboren[23]. Zum Jahre 1401 verheißt ihn die Prophezeiung der heiligen Hildegard[24]. Mehr als 100 Männer und 300 Frauen aus der niederen lombardischen Bevölkerung traten in den „dritten Orden“ des heiligen Dominikus ein und zogen 1420 unter Ferrers Ordensbruder Manfred von Vercelli nach Rom, wo ihnen Manfred martyrium et victoriam contra Antichrist versprach[25]. Seit 1522 erwartete ihn Luther[26]. Auch Rabelais wußte: L’Antichrist est desja né[27]. Und etwa 1550 wurde gedruckt: Antichristus, seu Prognosticatio finis mundi. 1574 ist er zu Babilonia auf der Grenzen Labea geboren worden, dann 1578, und endlich in diesem jetzt laufenden Jahr 1592 in einer Stadt Consa[28]. 1664 hat Antichrist Bourignon nach einer Vision erklärt: Cet Antechrist est né, ja plus d’un an passé[29].

  1. Eusebius: Kirchengesch. VI., 7.
  2. Sulpici Severi: Libri qui supersunt,, ed. Halm 1866;Dialogus, II. 14 p. 197.
  3. Gregorius Turens.: Hist. Franc., 10c. 25.
  4. Indiculus luminosus:, Migne: 121, 554 ff. Paschasius Radbertus sah ihn von den Sarazenen kommen: Wadstein: in der Ztschr. f. wissensch. Theol. 39, 124; Innozenz III. hielt Mohammed für den A.: Migne: 216, 818; (Vgl. Joh. Albr. Bengel: Erklärte Offenbarung Joh., 1746, 1112.) Hier beginnt die von Joachim aufgenommene Lehre, die Türken seien der östl. A., der Papst der westl.
  5. Migne: Curs. patr. lat., 133, 641.
  6. Notker: Vorrede zum Boethius.,
  7. Vita S. Abbonis Floracensis: Bouquet: 10, 332.
  8. Döllinger: im Hist. Taschenb. 5. F. 1, 270. Ebenso der Stifter des Prämonstratenserordens Norbert von Magdeburg: Acta SS. Maii 7 pag. 139; Radcke: 21 ff.
  9. Müldner: 10 Gedichte des ..., 1859 Nr. 5. 6. 7. Bibl. d. literar. Ver. Stuttgart 16, 49.
  10. Watterich: Vitae Rom. pont., 2, 6 = Bengel: Erklärte Offenb., 1108.
  11. Annales Marbarenses M.G.SS. in usum scholarum ed. Reinike-Bloch 1907, 56.
  12. Joachim: Expositio in Apocal., 1527, 133 = Wadstein: 82 f.
  13. Mon. Germ. SS. 8, 466.
  14. Ebd. 23, 920.
  15. Wadstein: 91.
  16. Ebd. und Nr. 4.
  17. Kampers: Kaiseridee, 131.
  18. Malvenda: de Antichristo, 1647. 1, 119.
  19. Wadstein: 90.
  20. Ebd. 84 f. Vgl. Fontes rer. Austriac. 6. 2, 40 ff.; Preuß: 50, Nr. 4.
  21. Höfler: Concilia Pragensia, in Abhandlungen kgl. böhm. Ges. Wissensch. 5. F. 12, XLI.
  22. Malvenda: 1, 119 ff.
  23. Wadstein: 88 nachOpp. Gersonis,, edid. Du Pin, 1, 517.
  24. Kampers: Kaiseridee, 137.
  25. Wadstein: 89. In Flandern hielten Wahnsinnige sich selbst für den A.: J. Huizinga: Herbst des MA.s, 1924, 262.
  26. Preuß: 168. Vgl. Malvenda: 1, 119 zum Jahre 1533.
  27. Gerhardt: Franz. Novelle, 114.
  28. Joh. Janssen: Gesch. d. deutschen Volkes, 6, 432.
  29. Bengel: Erkl. Offenb., 1160.

Beziehungen zu fremden Mythologien

1. Armillus. Armillus ist die hebräische Form für Ρωμύλος; den Juden ist Rom der Antichrist Satan oder frevelhafte Heiden zeugen ihn, indem sie mit einem steinernen Jungfrauenbild Unzucht treiben, das Gott selbst schuf und das in Rom steht. Nach 9 Monaten spaltet es sich und gebiert ein riesenhaftes Kind[1], ein Ungeheuer, mit roten Augen und zwei Köpfen[2], das von den Juden in der Wüste Anbetung verlangt. Da er keine Wunder tun kann, kehren sie sich ab; er verfolgt sie; Michael und Gabriel werden ihn töten, oder der Messias ben David wird ihn mit dem Hauch seines Mundes niederwerfen. Bousset setzt die Entstehung der von der Antichrist-Sage abhängigen Sage ins 7./8. Jahrhundert[3].

2. Deddjal. Mohammed hatte geglaubt, daß in seiner Zeit der Antichrist al masih al deddjal, der falsche Messias, lebe und hat nach der Tradition einen Juden aus Medina, Saf ibn Said, dafür gehalten. Die Mohammedaner haben den Mythus vom gefesselten Unhold auf ihn übertragen; er ist mit Eisenketten gebunden und an eine eiserne Säule angeschmiedet[4].

3. Der Antichrist im althochdeutschen Gedicht Muspilli[5] aus Bayern in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts[6] hat zu vielen Deutungsversuchen Anlaß gegeben. Grimm suchte in ihm einen heidnischen Gott der Bayern und Alemannen, ein dem nordischen Surtr ähnliches Wesen[7], Karl Bartsch den Fenriswolf[8], Müllenhoff hielt christliche Unterlage für gegeben[9], und Zarncke forderte nachdrücklichst, daß man versuchen müsse, solche Deutungen zu unterlassen, solange man mit christlichen Motiven auskomme[10]. Weder Grau[11] noch Guntermann[12] haben eine christliche Quelle für den Passus vom Antichristen gefunden, Ehrismann[13] endlich hat keine Einzelquelle, sondern die lateinische Predigtliteratur als Vorlage angesprochen. Schon Vetter erklärt: Um das alles (die Kirchenlehre) kümmert sich unser Dichter nicht; er gab eben einfach, was Glaube war, voll volkstümlicher Züge153). Der Antichrist-Abschnitt findet sich wieder in der as. Genesis[14]. Dort streitet Henoch allein gegen den Antichristen, während in Muspilli Elias allein steht. Dieser Zug läßt sich sonst nirgends mehr nachweisen; nur in der Vita Landiberti des Sigebert von Gembloux aus dem II. Jh. heißt es noch einmal: Helyas in celum raptus expectat adhuc per Antichrist gladium victorie palmam[15]. Handelt es sich hier um eine sächsische Tradition? – Die uueroltrehtuuîson sagen, daz sculi der antichristo mit Eliase pâgan, sprechen also von einem Zweikampf, und zwar in der Luft, in dem der Antichrist sigalôs wird. Auch davon wissen die kirchlichen Quellen nichts; die schreiben: Doh uuanit des vilo ... gotmanno, daz Elias in demo uuige aruuartit uuerde. Und so mag Neckel recht haben, wenn er hier einen älteren, wurzelverwandten Mythus durchschimmern sieht[16]. Endlich ist fremd, daß Satan den Antichristen varsenkan scal. Ehrismann hat für dieses Stück (v. 37–47) bereits gesehen, daß die Quelle volkstümlich ist; weil sie nicht kirchlich ist, findet sie sich auch sonst nicht in der geistlichen Literatur[17]. Ich möchte dabei die Vermutung äußern, daß v. 50 an v. 47 angeschlossen war und nur v. 48 f. Einschub ist; wäre das der Fall, dann wäre der Antichrist, der „uunt pivallan“ sollte, derjenige, von dessen Blut die Erde entbrennt. Auf Elias wurde das erst bezogen, als durch den Einschub v. 48 f. von Elias als dem Verwundeten die Rede war; ein gedankenloser Abschreiber hat dann „sô daz Antichristes pluot“ in „sô daz Eliases pluot“ geändert. Dafür, daß durch ihn die Erde entzündet wird, würden wir heimische Belege haben, für Elias als Stifter des Weltbrandes nur östliche[18].

4. Den Kampf zwischen dem Antichristen und Elias hat Grimm auch im Norden wiederfinden wollen[19]; Simrock hat den Antichristen in der Mitgardsschlange[20], E.H. Meyer in Surtr (Völuspá Str. 52)[21] und dem Kinde der Alten im Eisenwalde (Völuspá)[22] erkennen wollen. Man wird zugeben dürfen, daß christliche Motive nach dem Norden gewandert sind und zwar, als dort der alte Glaube noch galt; Dichter haben sie aufgenommen und verwertet. Aber eine bewußte Verkleidung christlicher Lehren in Göttermythen dürfte kaum vorgekommen sein. Was Surtr betrifft, so scheint mir Neckels Versuch beachtenswert, welcher in ihm den gefesselten Unhold sieht[23], der in einer Höhle liegt und sich nach seinem Flammenschwert reckt.

  1. J. Scheftelowitz: Alt-palästinensischer Bauernglaube, 1925, 33.
  2. Bousset: Antichrist, 66 ff. u. Register s.v. Vgl. Liebrecht: Gervasius, 69; Löwis of Menar: im ARw. 13, 517 ff. 14, 641 ff. 15, 305 ff.
  3. Dionysius: v. Lützenburg: Leben Antichristi, 1716, 421 f.; Ztschr. f. Kirchengesch. 20, 120.
  4. Paul Casanova: Mohammed,et la fin du monde, 1911, 29. 47; A. Olrik: Ragnarök, 1922, 276 ff.
  5. Ich zitiere nach Wilh. Braune: Althochdeutsches Lesebuch, 19117, 82 ff. –
  6. v. Unwerth-Siebs: Gesch. der deutschen Literatur bis zur Mitte des 11. Jhs., 1920, 153.
  7. Myth., 2, 677.
  8. Germania 3, 17.
  9. ZfdA. 11, 392.
  10. Berichte d. kgl. sächs. Ges.d. Wissensch. Phil.-hist. Kl. 18, 213 ff.
  11. Gustav Grau: Quellen u. Verwandtschaften d. ält. germ. Darstellungen d. jüngsten Gerichts, = Stud. z. engl. Phil. 31, 232 ff.
  12. ZfdPh. 41, 410 f. 412. Vgl. AfdA. 35, 192 f.
  13. Ferd. Vetter: Zum Muspilli, 1872, 119 ff. 124; v. Unwerth deutet auf Crist III als Quelle hin, dort fehlt aber die A.Episode: PBB. 40, 365 f. Vgl. auch Neckel: in Sitzb. Heidelb. 9, 32 f.
  14. v. 139b ff. = Grau: 233 f. = Bousset: 180.
  15. Mon. Germ. SS. Meroving. 6, 398.
  16. Neckel: 30 f.
  17. Eine Scheidung zwischen beiden Kampfschilderungen hat Ehrismann: AfdA. 35, 192 f. vorgeschlagen, der auch v. Unwerth: PBB. 40, 365 f. zustimmt.
  18. Ztschr. f. d. österr. Gymnasien 43, 748 (Christus entzündet Brand = Anton E. Schönbach: Altdeutsche Predigten, 1888, 2, 14).
  19. Myth., 2, 676.
  20. Mythologie.5 133 f.
  21. Völuspá, 1889, 206 ff.; Germ. Myth., 149 f.
  22. Myth. d. Germanen, 459 ff.
  23. Gust. Neckel: Studien zu d. germ. Dichtungen v. Weltuntergang., Sitzber. Heidelb. Akad. 9, 30. 46. 48 f.

Der Antichrist in der Volkssage

Nur aus katholischen Gegenden, wie ja des Flavius Illyrius Bemerkung erwarten ließ, liegen Aufzeichnungen vor. Er heißt Antenchrist, denn die Menschen werden am Ende tierartig, mit Entenschnäbeln geboren[1] (die im Mittelalter üblichen Namen[2] sind vergessen). Er kommt, wenn alle zu Christus bekehrt sein werden[3], zur Zeit allgemeinen Abfalls[4]; wenn er 19 Jahre ist, wird fast die ganze Welt abgefallen sein[5], Pseudopropheten treten auf[6]; so wie der Teufel ledig ist[7]. Stürme im Christmonat zeigen Ankunft an[8]. Manche glauben, er regiere schon[9]; besonders 1848 dachte man das[10]; andere denken, es wird noch lange dauern[11]. Sichere Vorzeichen sind: eine vierzigjährige Dürre und Hungersnot [12], in welcher Zeit kein Regenbogen zu sehen sein wird[13]; Bruderhaß[14]; wenn die Pfarrkirche zu Söll (Tirol) versinkt[15], der ganze Küchelberg bei Meran urbar gemacht ist[16]; im Kanton St. Gallen glaubt man, er komme, wenn die eisernen Stangen auf dem Breitfelde ausgeackert werden und das dort vergrabene Bäumchen ausschlagen und so groß sein wird, daß ein Offizier aufrecht darunter stehen kann[17]; er kommt nach der Walser Schlacht[18], wenn Karl V. oder Kaiser Friedrichs Bart dreimal um den Tisch gewachsen ist[19], wenn der in der Königskaul bei Trittenheim versunkene König den Türken schlägt[20], wenn die Leute hohe Hüte tragen und ohne Rosse fahren werden[21]; nachdem 7 Jahre kein Kind mehr[22], nur Mädchen geboren wurden[23]; im Kreise Leobschütz glaubt man, es werden 30 Jahre nur Mädchen und dann nur Knaben geboren; der erste derselben ist der Antichrist[24]. Unter Donner und Blitz wird er geboren[25], außerm Fern tuts drei Donnerschläge[26]; Feuer fällt vom Himmel[27], die Blumen schwitzen Blut[28]. Er kommt aus dem Stamme Dan[29]. Seine Mutter ist ein altes[30], böses Weib[31], eine alte Witwe[32], eine Hexe[33], eine Hure[34], von der 9. Hure her[35], eine siebzigjährige Jüdin[36], eine jüdische Hure[37] (die Tochter eines jüdischen Fürsten aus dem Stamme Juda, eine Zauberin und angebliche Jungfrau[38], ein lediges Judenmädchen[39], eine Jungfrau, die ihn von Dämonen empfängt)[40]; aus dem Stamm Dan werden 12 Fischer einen Fisch fangen; dessen Kopf ißt eine Jungfrau und wird mit dem Antichristen schwanger[41]. Er gehört der babylonischen Hure[42]. Sein Vater ist ein neunzigjähriger Greis[43] (ein jüdischer Zauberer aus Dan)[44] oder er wird vom Teufel empfangen[45], (der Teufel ist bei der Empfängnis mitwirkend beteiligt)[46]. Mönch und Nonne sind seine Eltern[47]. Vater und Tochter zeugen ihn[48]. Seine Mutter erschricket unde zevert in der gepurt ouf der stat[49]. Er wird von einer Schlange mit einer alten Jüdin erzeugt[50]; ist ein Lintwurm aus dem Ei eines siebenjährigen Hahnes, und wird durch die Anbetung eines Mädchens zum schönen Jüngling[51], ist ein Unterweltwesen[52], der Drache[53]. Geboren wird er zu Babylon[54] (am Euphrat)[55]. Gott ordnet ihm wie jedem Menschen einen Schutzengel bei[56], obwohl Satan in ihm wohnt[57]. Seine Mutter trägt ihn zwei Jahre[58]; er peinigt sie im Mutterleibe[59]; sobald er zur Welt kommt, kann er laufen und sprechen[60]. Jeder sieht ihn in andrer Gestalt[61]. Sonst wird er als klein[62] und rothaarig[63] geschildert, mit einem Mal an der Stirn, wo ihn der Blitz treffen wird[64], oder an der rechten Hand und am linken Fuß[65]. Als Ungeheuer mit sieben Köpfen soll er erscheinen[66] (Zauberer erziehen ihn)[67].
Er wird auftreten, wenn der römische Kaiser sein Reich Gott zurückgibt[68]; wenn Gog und Magog, die roten Juden im Kaukasus, erscheinen[69], die sein Vorläufer, der sich Elias nennen wird, ruft[70]. Mit 30 Jahren, wenn wieder abwechselnd Knaben und Mädchen geboren werden[71], fängt er an[72]; so lange hält er sich (in Galiläa)[73], unsern Herrn nachahmend, verborgen[74]; dann zieht er nach Jerusalem[75]. Er tut Wunder[76], weiß alles, weswegen man 1445 einen zwanzigjährigen Spanier an der Pariser Universität, wie Trithemius erzählt, für den Antichristen hielt[77]; kann alle Sprachen der Welt[78]. Er gewinnt mit Ehrungen, Liebkosungen und Geld die Leute[79]. Alle vergrabenen und ungehobenen Schätze werden sein[80]; mit ihnen lockt er die Menschen[81], er fährt mit vier schwarzen Rossen durchs Land und sät Geld aus[82]; wer ein einziges Geldstück aufhebt, gehört schon dem Teufel an[83]. Der Antichrist will die Weltherrschaft gewinnen[84]; er sendet 12 Jünger predigend aus[85]. Das mosaische Gesetz wird wieder gültig[86]. Die Juden fallen ihm zu[87], und er läßt sich in Jerusalem beschneiden[88], oder ist es schon seit dem 8. Tage seiner Geburt[89]; er wird ihr Messias[90] und baut den Tempel wieder auf[91]. In diesem sitzt er[92] oder er setzt sich in den Tabernakel[93] und läßt sich anbeten[94]. Die Christen müssen Gott abschwören[95]; er wütet gegen den katholischen Glauben[96]; fängt eine Christenverfolgung an[97]; Elias und Henoch predigen umsonst[98], doch ist auch einmal von Bekehrungen durch sie die Rede[99]. 30 Jahre predigt er wie Christus[100], andere reden von 3 Jahren[101], oder er lebe 3 Jahre verborgen und 3 öffentlich[102]. Seine Anhänger erhalten ein Mal an die Stirn und zwar ein N., was nego bedeutet[103]; von anderen Zeichen weiß man im Mittelalter[104]. Dann werden die Menschen wild leben[105]; es gibt nur noch sieben oder neun Katholische[106], die Elias unter einem Birnbaum[107], einem Apfelbaum sammelt[108]. Auf einem Esel will er Leute übers Wasser setzen und läßt sie ertrinken[109].
Elias wird sein Beiläufer sein[110]; oder Elias und Enoch[111] (und Johannes)[112], oder Moses und Elias treten gegen ihn auf und besiegen ihn[113]; Enoch predigt den Heiden, Elias den Juden[114]. Nach einer Disputation[115], läßt er sie, – sie haben 3/4 Jahre gewirkt[116] – mit allen Foltern martern[117] und erschlagen[118]. Seine letzte Freveltat wird seine Himmelfahrt sein[119]. Es heißt auch, er wolle nach 3 Jahren im feurigen Wagen auffahren[120], oder er stirbt und fährt nach 3 Tagen auf[121]. Da erschlägt ihn Christus mit dem Hauch seines Mundes[122], oder dem Ruf: Getötet werde der Antichrist![123], oder ein Blitz[124]; unter Donner und Blitz im Schwefelregen vertilgt ihn Gott[125]. Michael[126] oder Elias[127] töten ihn. Es heißt auch, Elias streite mit einem Engelsheer gegen ihn[128]; der schlafende Kaiser wird auf dem Walserfeld mit ihm kämpfen[129] oder vom Kyffhäuser zum Ölberg gegen ihn ziehen[130]. Gottes Blitz schlägt ihn in die Erde[131], er muß zur Hölle fahren[132]; die Erde berstet und verschlingt ihn[133]. Der Blitz, der ihn bei seiner Himmelfahrt trifft, wirft ihn nieder, daß er in tausend Stücke berstet; wo ein solches Stück hinfällt, entzündet sich die Erde[134]. Oder man sagt, Elias werfe ihn ins Meer[135]. Die Erde aber wird nach seinem Sturz lauter Wasser[136]. Vierzig Tage darnach erscheint der Herr zum Gericht[137].

  • Ich zitiere ausgiebig Bousset „Antichrist“, der die Zeit bis Adso, Preuß Die Vorstellungen vom Antichristen, der die Scholastiker zusammenfaßt und Dionys von Lützenburg, der die barocke Meinung über den Antichristen spiegelt.
  1. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 338; Quitzmann: 203.
  2. Bousset: Antichrist, 86 ff. 99 f.; Bernheim: Mittelalterl. Weltanschauungen, 1, 76 f.
  3. Peuckert Schlesien, 71.
  4. Preuß: 24; Lützenburg: 23 ff.
  5. Ebd. 91 f.
  6. Sulpic. Severus: Vita S. Martini, c. 24.
  7. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 334.
  8. Ebd. 3, 338.
  9. Ebd. 338.
  10. Birlinger: Volksth., 1, 182.
  11. Meyer: Baden, 401.
  12. Preuß: 24; Bousset: 129.
  13. Preuß: 24.
  14. Bousset: 76.
  15. Zingerle: Sagen, 1859, 260 Nr. 463; ZfdMyth. 4, 207.
  16. Zingerle: Sagen, 1859, 406.
  17. Kuoni: St. Galler Sagen, 297 f.
  18. Grimm: Myth., 2, 799.
  19. Grimm: Sagen, Nr. 28; Bechstein: Volkssagen Österreichs, 1 (1840), 75.
  20. Sepp: Sagen, 629.
  21. Reiser: Allgäu, 1, 419.
  22. Zingerle: Tirol, 227.
  23. Peuckert: Schlesien, 70.
  24. Birlinger: Volksth., 1, 181; Reiser: Allgäu, 1, 419.
  25. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 334. 335.
  26. Zingerle: Tirol, 227.
  27. Ebd. 337; Aurbacher: Ein Volksbüchlein, (ed. Jos. Sarreiter) 2, 62.
  28. Kuoni: St. Galler Sagen, 306.
  29. Bousset: 112 ff.
  30. Quitzmann: 203; Vernaleken: Alpensagen, 68, aus Salzburg; Preuß: 15 Nr. 4.
  31. Wilh. Wackernagel: Die altdeutschen Handschriften d. Basler Univ.-Bibl., Rektoratsprogramm 1835, 22: Elucidarius des 14. Jhs.
  32. Zingerle: Sagen, 408.
  33. (Gossensaß) ZfVk. 6, 306.
  34. Aurbacher: 2, 62.
  35. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 335; Preuß: 15.
  36. Ebd. 334. 338 f.; Preuß: 15, N. 4.
  37. Birlinger: Volksth., 1, 180.
  38. Lützenburg: 57 ff. 71 f.
  39. Peukkert: Schlesien, 70.
  40. Sackur: Sibyll. Texte, 106; vgl. oben III. 4; Liebrecht:
  41. Gervasius, 6, 68. Zeitschrift für Kirchengeschichte 20, 288 nach einem griech. Ps. Method.
  42. Reiser: Allgäu, 1, 419.
  43. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 334; Preuß: 15 N. 4.
  44. Lützenburg: 71 f.
  45. Reiser: Allgäu, 1, 419; Bousset: 91.
  46. Bousset: 92; Preuß: 15.
  47. Franz: Nic. de Jawer, 151 f.; Preuß: 15 N. 4.
  48. Ebd.
  49. Heinrich: v. Neustadt: von gotes zuokunft, ed. Strobl 1875, V. 4921 f.; vgl. Reuschel: a.a.O. 27; Aytingers: Ps. Method. von 1498.,
  50. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 338: f.; Aurbacher: 2, 62.
  51. Vernaleken: Alpensagen, 68 aus Salzburg = Quitzmann: 203 = ZfdMyth. 4, 203; vgl. A. Olrik: Ragnarök, 1922, 100 f. 97 ff.
  52. Bousset: 99.
  53. Ebd. 94 ff.
  54. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 339; Aurbacher: 2, 62; Zingerle: Sagen, 408; Bousset: 113; Preuß: 16.
  55. Lützenburg: 63 entscheidet sich zwischen einem afrikan. und asiat. B. für letzteres. B. = Rom: Preuß: 16.
  56. Lützenburg: 77; Preuß: 15 f.
  57. Bousset: 88 f. 90; A. Olrik: Ragnarök, 85; A. = Satan Bousset: 89 f. 91.
  58. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 335.
  59. Ebd.
  60. Birlinger: Volksth., 1, 180.
  61. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 338; Georg Steindorff: Die Apokalypse des Elias, 1899, 91.
  62. Schönwerth: 3, 335.
  63. Ebd. 335.
  64. Ebd. 335.
  65. 337.
  66. Simrock: Myth.5 482; Bousset: 101 f.; vgl. auch Steindorf: Apokalypse d. Elias, 1899, 91 f.
  67. Wackernagel: a.a.O. 22 f.; Lützenburg: 83 f.; Preuß: 17.
  68. Vgl. die Literatur zum ludus de Antichristo; Bousset: 77 ff. 27 ff.; Preuß: 17. 24. Nr. 3; Lützenburg: 45 f.
  69. Lützenburg: 113 ff.; Preuß: 17 f.; Ztschr. f. Kirchengesch. 20, 113 ff.
  70. Lützenburg: 113 ff.
  71. Peuckert: Schlesien, 70.
  72. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 338. 339; Aurbacher: 2, 62; Birlinger: Volksth., 1, 181.
  73. Preuß: 17.
  74. Birlinger: Volksth., 1, 181.
  75. Preuß: 17.
  76. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 335. 339; einzelne Wunder werden außer der Himmelfahrt nicht genannt; vgl. dagegen Bousset: 115 ff.; Preuß: 19 f.; G. Steindorff: Apok. d. Elias, 1899, 89.
  77. Wadstein: in Zeitschrift f. wissensch. Theologie 39, 87 f.; Lützenburg: 84; Preuß: 24.
  78. Lützenburg: 83.
  79. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 337. Vgl. dazu Adso bei Sackur: Sib. Texte, 108; Preuß: 18 ff.;: Anton Schönbach: Altdeutsche Predigten, 2 (1888), 13.
  80. Renner 5100 bei Grimm: Myth., 2, 819; Zingerle: Sagen, 408; Lützenburg: 92. 102; Preuß: 20; Schönwerth: Oberpfalz, 3, 339.
  81. Ebd. 337. 339; Zingerle: Sagen, 408; Preuß: 202.
  82. Peuckert: Schlesien, 70; Schönwerth: Oberpfalz, 3, 335. 338.
  83. Ebd. 338; Peuckert: Schlesien, 70.
  84. Schönwerth: Oberpfalz, 2, 336; Bousset: 126 ff. Vgl. auch die barocken Ausführungen Lützenburgs.
  85. Birlinger: Volksth., 1, 181; Preuß: 18; Bousset: 124 f.
  86. Lützenburg: 178. 198 f.; Bousset: 108; Preuß: 17.
  87. Preuß: 17.
  88. Preuß: 17.
  89. Lützenburg: 77 f.
  90. Bousset: 108 ff.
  91. Aurbacher: 2, 63; Preuß: 18. Schon bei Adso, vgl. III. 4.
  92. Bousset: 104 ff.
  93. Zingerle: Sagen, 1859, 408.
  94. Ebd.; Aurbacher: 2, 62; Preuß: 18.
  95. Vernaleken: Alpensagen, 68.
  96. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 335.
  97. Reiser: Allgäu, 1, 419; Vernaleken: Alpensagen, 68 f.; Zingerle: Sagen, 1859, 408; Bousset: 139 ff.; Preuß: 21.
  98. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 336; Bousset: Kommentar, 51.
  99. Ebd. 337 f.; Peuckert: Schlesien, 70 f.; Bousset: 139.
  100. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 337.
  101. Ebd. 338; Aurbacher: 2, 63;
  102. (Gossensaß) ZfVk. 6, 306.
  103. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 337; Aurbacher: 2, 63.
  104. Bousset: 132 ff.; Radcke: a.a.O. 14 Nr. 6; Schönbach: Predigten, 2, 13; Lützenburg: 333 ff.
  105. Preuß: 16 Nr. 7.
  106. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 337. 336.
  107. Ebd. 336 = Quitzmann: 205.
  108. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 338.
  109. (Gossensaß) ZfVk.6, 306.
  110. Schönwerth: 3, 338. 335. Vgl. Zarncke: in Ber. d. kgl. sächs. Ges.d. Wissensch. 18, 213 ff. 218.
  111. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 337. 339; Quitzmann: 204; Peuckert: Schlesien, 70 f.; Reiser: Allgäu, 1, 419; Bousset: 134 ff.; Schönbach Predigten, 2, 13.
  112. Zarncke: 216 f. (Hieronymus); Stolle: Kirchenväter, 133; Olrik: Ragnarök, 358; Bousset: 137 f.
  113. Zingerle: Sagen, 1859, 408.
  114. Preuß: 22.
  115. Ebd. 22.
  116. Birlinger: Volksth., 1, 181.
  117. Ebd.
  118. Ebd; Schönwerth: Oberpfalz, 3, 337. 339.
  119. Ebd. 336. 338; Birlinger: Volksth., 1, 181.
  120. Aurbacher: 2, 63.
  121. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 339; Bousset: 152; Preuß: 20. 23; Lützenburg: 372 ff. Vgl. auch Bousset: 95 ff.
  122. Bousset: 149. Vgl. ZfdA. 52, 273 (nd. Apokalypse).
  123. Preuß: 23.
  124. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 336. 337; Quitzmann: 204; Birlinger: Volksth., 1, 181.
  125. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 339; Lützenburg: 379.
  126. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 338. 339; Quitzmann: 204; Aurbacher: 2, 63; Bousset: 150 ff. 175; Preuß: 23.
  127. Quitzmann: 204; Elias u. Enoch: G. Steindorff: Apok. d. Elias, 1899, 105.
  128. Vernaleken: Alpensagen, 68 f.; vgl. G. Steindorff: Apok. d. Elias, 1899, 97 ff.
  129. Grimm: Sagen, Nr. 28; Simrock: Mythologie5 148.
  130. E. H. Meyer: Mythologie der Germanen, 1903, 63 (382); vgl. Bousset: 153.
  131. Birlinger: Volksth., 1, 181.
  132. Reiser: Allgäu, 1, 419; G. Steindorff: Apok. d. Elias, 1899, 105.
  133. Aurbacher: 2, 63; Lützenburg: 377. 379.
  134. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 386; Quitzmann: 203; Birlinger: Volksth., 1, 181. Vgl. Bousset: 159 ff.
  135. Vernaleken: Alpensagen, 68 f. aus Salzburg.
  136. Schönwerth: Oberpfalz, 3, 337.
  137. Preuß: 23.