Deutschland, danach

Lost Centuries, Donnerstag, 07.01.2021, 19:02 vor 332 Tagen

3. Die zerbollerte Lok

Es ist ein Sommertag, warm und windstill, mit angenehmen Temperaturen. Im Hintergrund ist eine Wiese, grün, mit vielen Blumen. Auf einer Seite der Wiese stehen weiter entfernt üppig wachsende, grüne Bäume, ich sehe ihre Äste. Die Luft ist erfüllt mit dem Brummen und Summen von Insekten, die in der Wiese umherfliegen. Ich sehe die Tierchen nicht, kann sie aber deutlich hören. Es ist das einzige Geräusch. Der Himmel ist strahlend blau. Alles ist unglaublich friedlich und ruhig.

Ich kniee auf einem sandigen Gelände, um mich herum nur wenig Vegetation, teilweise vertrocknet. Vor mir sehe ich eine Lok, auch um die Lok ist der Boden trocken und sandig, im Gegensatz zur üppig wuchernden Pflanzenwelt hinter ihr. Der spärlich bewachsene Boden wirkt wie eine Insel inmitten der sommerlichen Natur. Ich sehe auch keine Insekten, keine Tierchen auf dem rötlichen Sand herumhuschen, alles wirkt leblos.

Sie steht auf einem Abstellgleis, auf das sie offensichtlich von der rechten Seite herkommend gefahren ist, denn ihre Vorderseite weist nach links. Auf der linken Seite steht ein aus dunklem Holz gebauter massiver Prellbock, dort enden auch die Schienen. Zwischen Prellbock und Vorderseite der Lok ist ein Abstand von wenigen Metern. Vor und hinter der Lokomotive wachsen vereinzelt verkümmerte Büsche zwischen den Stahlschienen, die Lok scheint wohl schon länger an ihrem jetzigen Platz zu stehen.

Die Lok selbst sieht merkwürdig aus: wie eine Spielzeuglok, aber so groß wie eine echte. Sie erinnert mich an die Spielzeugloks, mit denen ich als Kind immer gespielt habe. Irgendwie nostalgisch, ein bisschen so, wie Lokomotiven früher aussahen, mit Schornstein und Führerhaus. Sie ist in einem bemitleidenswerten Zustand: Sie ist nicht rostig, aber vollkommen mit Dellen übersät, vollständig zerbollert, da ist nichts mehr heil an ihr, so als hätte jemand immer und immer wieder mit etwas Schwerem auf die Lok eingeschlagen. Ursprünglich war sie einmal hellgrün lackiert, doch durch die Schläge ist die Farbe größtenteils abgeplättert, und eine darunterliegende weiße Farbschicht kommt zum Vorschein. Kein Teil der Lok scheint noch intakt zu sein. Ich schaue diese zerbollerte Lok an, sie tut mir ein wenig leid, aber nur ein bisschen. Instinktiv weiß ich, dass diese Lok nie wieder fahren wird, doch dieser Gedanke löst in mir kein Gefühl von tiefer Trauer aus, eher eine seltsame Gleichgültigkeit, so als hätte ich mich mit diesem Gedanken schon vor langer Zeit abgefunden.

Plötzlich kommt von rechts eine junge Frau. Sie ist elegant, aber auch ein wenig altmodisch angezogen: sie trägt einen weißen, bis zu ihren Knien reichenden Sommerrock, weiße Schuhe, eine weiße Bluse und ein weißes Hütchen. Alles wirkt sehr reich und wohlhabend. In ihrer einen Hand balanciert sie ein goldfarbenes Tablett mit Sektgläsern und einer Flasche Sekt oder Champagner. Die Frau läuft auf die Lok zu, ich höre, wie sie laut sagt, dass es ihr reicht, dass sie die Schnauze voll habe und nur noch von hier weg wolle. Dann öffnet sie die ramponierte Tür zum Fahrerhäuschen, steigt ein und schließt sie wieder. Hinter der Glasscheibe kann ich sehen, wie sich die junge Frau bückt und im Führerhäuschen herumwerkelt, doch die Lok setzt sich nicht in Gang. Ich denke: Die arme Frau, weiß sie denn nicht, dass diese Lok nie wieder fahren wird? Hat sie denn nicht gesehen, dass die Lok kaputt ist?

Dann blicke ich an mir herab. Ich bin ärmlich gekleidet, ich sehe eine zerschlissene Hose in NATO-Tarnfarben und abgetragene Schuhe. In meiner Hand halte ich ein hartgekochtes Ei. Mit einem Messer schneide ich es in dünne Scheiben, dann beginne ich langsam zu essen. Jede Scheibe, die ich mir in dem Mund schiebe, schmeckt wie ein Festmahl.