Re: Must-read-link zum Thema Wirtschaft .....
Geschrieben von IT Oma am 18. Januar 2005 02:03:49:
Als Antwort auf: Must-read-link zum Thema Wirtschaft ..... geschrieben von NoPasaran am 16. Januar 2005 14:56:48:
Hallo NoPasaran,
Mit großem Interesse verfolge ich die Diskussion um Norbert Rost's Artikel und Deine Kommentare dazu. Ich hätte mich schon früher gemeldet, aber beim Lesen des Artikels beschlich mich jedesmal ein gewisses Unbehagen, und das hat nichts damit zu tun, daß ich nicht zu den Armen (aber auch nicht zu den Reichen) im Lande gehöre (den Göttern sei Dank!).
Ich will mal versuchen, zu klären, woher das kommt.
"Leistungsloses Einkommen = Einkommenslose Leistung = gestohlene Lebenszeit = gesellschaftlich legitimierte Sklaverei"sagt Rost, und an dieser Gleichung stimmt einiges nicht.
Das fängt an mit dem Begriff "Leistungsloses Einkommen". Rost definiert:
"Diejenigen, die Kapitaleinkommen durch die Bereitstellung ihres Eigentums erzielen, müssen dafür nichts tun. Sie erzielen diese Einkommen allein durch den Besitz. Man spricht deshalb von "leistungslosen Einkommen".
Das ist eine sehr kurzsichtige Betrachtungsweise. Denn nicht nur, daß Eigentum ja auch gepflegt werden muß, - das Eigentum, das via Miete, Zins, Dividende etc. Einkommen produziert, ist in aller Regel vorher ja irgendwann erarbeitet und erspart worden. (Manchmal auch geraubt, auf diesen Fall gehe ich später ein). Wird Einkommen sofort wieder für Bedürfnisbefriedigung ausgegeben, so entsteht kein Kapital, sondern erst, wenn es angesammelt und später in ein langlebiges Gut umgetauscht oder als Geldkapital anderen zur Verfügung gestellt wird. Kapital ist also angesammeltes Einkommen. Die Bedürfnisbefriedigung wird aufgeschoben, und zwar bis zu dem Zeitpunkt, an dem durch das so angehäufte Einkommen = Kapital wiederum Einkommen (Zins, Miete etc.) produziert werden kann. Und dies Kapitaleinkommen ist der Entgelt einerseits dafür, daß auf die Befriedigung der Bedürfnisse erst einmal verzichtet wurde, und andererseits dafür, daß der Besitz des Eigentums vorübergehend an jemand anderen übergeht, der Eigentümer damit also für die Dauer des Kredits, der Vermietung etc. nicht mehr tun kann, was er will. Von "leistungslos" kann deshalb meiner Meinung nach nicht die Rede sein.Genauso ungenau geht Rost mit dem Begriff "einkommenslose Leistung" um. Er schreibt:
"Die meisten Kunden sind aber Arbeitnehmer, die ihre Einkäufe mit ihrer Lebenszeit bezahlen, indem sie in ihrem Job ihr Know-how und ihre Arbeitszeit zur Verfügung stellen."Ja, natürlich, so haben die Kapitalbesitzer auch mal angefangen (es sei denn, sie waren Räuberbarone oder Betrüger). Wo steckt denn da die "einkommenslose Leistung"? Sie bekommen ja Einkommen für ihre Lebenszeit und ihr Knowhow. Wie sonst sollten sie denn imstande sein, einzukaufen oder eine Wohnung zu mieten? Wenn sie das Geld dann für die Miete ausgeben, so bezahlen sie dafür, daß sie sich nicht jahrelang mühsam ein Haus ersparen und bauen und inzwischen im Zelt schlafen müssen, sondern gleich in ein fertiges Haus einziehen können. Von "gestohlener Lebenszeit" kann also nicht die Rede sein. Wenn sie einen Kredit aufnehmen, so bezahlen sie dafür, daß sie die gewünschten Dinge sofort besitzen und benutzen können. Kaufen sie Möbel, und in dem Preis stecken 70% Kapitalkosten des Möbelproduzenten, so bezahlen sie dafür, daß er ihnen das Bauen der Möbel und die Beschaffung des für Rohstoffe und Maschinen nötigen Kredits abgenommen hat. Der Möbelproduzent hat damit eine Leistung erbracht, für die die Käufer mit einem Teil des durch ihre Arbeit erzielten Einkommens bezahlen.
Ja, aber geerbtes Kapital? hör ich Dich sagen. Dafür hat der jetzige Eigentümer doch nie arbeiten oder auf etwas verzichten müssen. (Du weißt vielleicht nicht, wie schwierig es ist, Erbonkel bei Laune zu halten ;-)) Geerbtes Kapital ist auch erarbeitet und erspart worden, nur ein oder zwei Generationen vorher. Der Erbonkel oder die Großmutter könnte das Ersparte ja auch auf den Kopf hauen und eine Weltreise davon machen, statt es für die Erben zu bewahren (und viele tun das ja auch). Tun sie es nicht, so ist das ein Geschenk an die Nachkommen. Willst man denn Geschenke für illegal erklären?
Ich will nicht leugnen, daß es so etwas wie "gestohlene Lebenszeit" und "gesellschaftliche Sklaverei" durchaus gibt.
Zum einen könnte man das so bezeichnen, wenn das Kapital durch Gewalt oder Betrug erworben wurde (s.o.)
Zum anderen, und das ist m.E. der Knackpunkt: Die Medien und die Werbebranche werden dazu benutzt, um der Masse der ArbeitnehmerInnen die Notwendigkeit zu suggerieren, über ihren eigentlichen Bedarf hinaus zu konsumieren. "Man" kann doch nicht mit einem 3 Jahre alten Mantel herumlaufen (auch wenn er noch tadellos in Ordnung ist); es müssen unbedingt "Nikes" sein, obwohl die Turnschuhe ohne Marke genauso gut und 50% billiger sind; die Nachbarn fahren nicht mehr nach Malle, sondern in die DomRep, und da muß man "mithalten" usw.
Und hier kann man mit Recht von gestohlener Lebenszeit sprechen, denn das durch die verkaufte Lebenszeit erwirtschaftete Einkommen wird für Konsum zur Befriedigung eines Bedürfnisses ausgegeben, das nicht wirklich vorhanden ist, sondern nur durch gesellschaftlichen Druck hergestellt wird. Und da dieses so ausgegebene Einkommen nicht mehr für die Kapitalbildung vorhanden ist, sondern darüber hinaus (besonders in den USA, zunehmend aber auch bei uns) der Konsum auf Kredit massiv gefördert wird, kann man hier mit Recht von "gesellschaftlicher Sklaverei" sprechen.
Denn die Kreditnehmer sind gezwungen, eine bestimmte Summe abzuzahlen, auch wenn ihre Lebensumstände das eigentlich gar nicht mehr erlauben. Diese Summe können sie nur durch Verkauf eines weiteren Teils ihrer Lebenszeit beschaffen (Bankraub, Drogenhandel und Erpressung mal ausgenommen). Sie haben zu einem großen Teil die Verfügungsmacht über ihre Lebenszeit verloren, wenn auch nicht ganz ohne eigenes Mitverschulden.Nicht leugnen läßt sich auch, daß Kapital dazu neigt, sich dort anzusammeln, wo schon welches ist. ("Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen") Das ist aber keineswegs nur auf den Kapitalismus beschränkt. Auch Gesellschaften, die von Zins nichts wußten (z.B. Kwakiutl-Indianer an der Nordpazifikküste), hatten dieses Problem: wer im Sommer durch Tüchtigkeit und Glück viel Fisch gefangen und getrocknet hatte, konnte einen Teil dazu verwenden, Hirschfelle und Stachelschweinborsten einzutauschen, die im Winter zu Prachtkleidern wurden, die man im Frühjahr eintauschen konnte gegen die Hilfe eines erfahrenen Bootsbauers, und mit diesem besseren Boot konnte man im Sommer darauf noch mehr Fisch fangen usw. In dieser Gesellschaft wurde das Problem durch „Schenkfeste“ (Potlatches) einigermaßen gelöst. Dabei ging es nicht darum, möglichst viel zu bekommen, sondern möglichst viel wegzugeben. Das führte zu einer Verringerung des Unterschiedes zwischen Arm und Reich.
Auch die „Jubeljahre“ des Alten Testaments sind Versuche, dies Problem in den Griff zu bekommen.Du hast natürlich ganz recht, wenn Du in der immer ungleicher werdenden Kapitalverteilung ein schnell wachsendes Konfliktrisiko siehst. Und Deinen Ausführungen über 9/11 hab ich nichts hinzuzufügen :-)
Dabei haben weder Rost noch Du eine Entwicklung erwähnt, die ich für noch viel besorgniserregender halte: die zunehmende Automatisierung. Hier sehe ich die wahre und unmittelbare Gefahr einer "gesellschaftlichen Sklaverei" kommen. Denn seit einigen Jahren geht der Trend in allen Ländern der Ersten Welt unaufhaltsam dahin, soviel Arbeitskräfte wie möglich durch Roboter und Computer zu ersetzen. Vor 2 oder 3 Jahren wurde das nur hinter vorgehaltener Hand zugegeben, jetzt aber scheut sich niemand mehr, das laut zu sagen. Die Folgen beginnen sich langsam abzuzeichnen: immer mehr Langzeitarbeitslose, immer mehr Jugendliche, die trotz durchschnittlicher Noten keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz mehr bekommen.
Natürlich werden gleichzeitig mehr Leute in der IT gebraucht, aber nicht so viele, wie dadurch eingespart werden, und vor allem: nicht jede/r ist dafür geeignet.
Die Ein-Euro-Jobs und Hartz IV zeigen, wie der Weg zur Sklaverei aussieht. Denn es wird nicht dabei bleiben, daß Ein-Euro-Jobs für Hartz-IV-Empfänger freiwillig sind, und es wird auch nicht dabei bleiben, daß diese Jobs gemeinnützig sind. Es wird für jeden, der Hartz IV kriegen will (muß), verlangt werden, daß er für solche Jobs zur Verfügung steht, und es wird auch so kommen, daß solche Jobs bei ganz normalen Unternehmen stattfinden. Schon jetzt ist abzusehen, daß die Hartz IV-Empfänger in die „Glasscherbenviertel“ abwandern (müssen), weil sie ihre bisherigen Wohnungen nicht mehr zahlen können, zumal sie dann meist auch kein Auto mehr haben.Auch die Zahl der Rentner wächst und wächst, aber nicht die Zahl der Euros in der Rentenkasse – die sinkt und sinkt. In den Augen mancher Leute sind das alles „Überflüssige Esser“, arbeiten können/dürfen sie nicht und konsumieren können sie nicht.
Da wird der wahre Zündstoff sich ansammeln. Nicht umsonst wird alles vorbereitet für die möglichst umfassende Überwachung: Toll Collect auf Autobahnen und Bundesstraßen, Kontoüberwachung durch Finanzbehörden, Gendatenbanken, Videokameras überall auf Straßen und Plätzen, Handy-Lokalisierung usw. usw. Die Mächtigen haben Angst.
Und ich halte es nicht für unmöglich, daß sie sich drastische Maßnahmen überlegen, um den Anteil an „Überflüssigen“ massiv zu senken. Stichwort: Vogelgrippe o.ä. Ich erinnere an die Serie von ungeklärten oder seltsamen Todesfällen prominenter Mikrobiologen in den letzten 3 Jahren (gerade ist schon wieder einer umgekommen).
Puh, ist das jetzt lang geworden! Allen, die bis hierhin durchgehalten haben: Respekt! ;-)
Liebe Grüße
ITOma
- Re: Must-read-link zum Thema Wirtschaft ..... Röde Orm 18.1.2005 11:21 (0)
- Re: Must-read-link zum Thema Wirtschaft ..... Bonnie 18.1.2005 09:03 (1)
- Re: Must-read-link zum Thema Wirtschaft ..... IT Oma 18.1.2005 12:49 (0)
- Microbiologen Badland Warrior 18.1.2005 09:00 (0)
- Re: Must-read-link zum Thema Wirtschaft ..... detlef 18.1.2005 02:23 (0)