...\\\+///..Städtische Dimensionen des Stromausfalls*_**

Geschrieben von Ego Man am 27. November 2005 21:28:00:

Geisterstadt durch Stromausfall: NYC/ Manhattan/ SOHO

Blackout



Wenn der Strom wegbleibt, bleibt das Herz unserer modernen Zivilisation stehen. Ohne ihren »Lebenssaft« werden Städte zu einer Art Wildnis und die Bewohner jäh in eine völlig andere Zeit zurückversetzt. WelcheKettenreaktionen löst ein Stromausfall aus? Und wie groß ist die Gefahr, dass auch bei uns so etwas passiert?

Berlin,

an einem Abend im Herbst. Plötzlich geschieht, was gar nicht passieren dürfte: Alle Lichter gehen aus. Die Metropole versinkt im Dunkeln. Totaler Blackout. Verwirrt strömen Büromenschen auf die Straßen. Hunderttausende Computer sind abgestürzt, kein Telefon funktioniert noch, denn die Telefonanlagen brauchen Strom, und den gibt es nicht mehr. Wer gerade im Aufzug unterwegs war, hängt jetzt zwischen den Stockwerken fest – so wie Tausende von Menschen in U-Bahnen unter der Erde. Auch Handys sind so gut wie nutzlos, das Netz ist innerhalb kürzester Zeit völlig überlastet. Außerdem wird den Mobil-Sendemasten ohne Strom nach etwa einer Stunde die Puste ausgehen.

Aus stockdunklen Kneipen

und Kinosälen quellen Leute, in Theatern und auf Musikbühnen herrscht Ratlosigkeit – die Show absagen und nach Hause gehen oder warten, ob der »Saft« wiederkommt? In Discotheken sind Scheinwerfer, Mikrofone und CD-Player ohne Leben. Auf den Straßen geht alles drunter und drüber. Schaufenster und Reklametafeln haben jede Fröhlichkeit verloren, die Straßenlaternen sind erloschen. Auch wer daheim ist, tappt im Dunkeln: kein Licht, Herd und Mikrowelle tot, der Anrufbeantworter stumm, der Radiowecker stehen geblieben.

Keiner weiß Genaues,

denn die Fernseh-Bildschirme bleiben schwarz, offizielle Verlautbarungen tönen nur noch aus den Lautsprechern patrouillierender Polizeifahrzeuge, aus Autoradios oder batteriebetriebenen Empfängern. Geldautomaten spucken kein Geld mehr aus, und in den Supermärkten, wo erste Panikkäufer Batterien, Kerzen und Gasflaschen horten wollen, stehen endlose Schlangen am Ausgang. Die elektronischen Kassen haben versagt, die Kassiererinnen müssen die Preise mühsam mit Kugelschreiber auf Papier addieren. In den Kühltheken beginnt derweil das große Tauen.

Weil U-Bahnen und Straßenbahnen

nicht mehr fahren können, drängen die Menschen in Busse oder versuchen, in ihren Autos zu »entkommen«. Doch die Ampeln funktionieren nicht mehr. Überall staut sich der Verkehr, zu viele sind jetzt unterwegs. Die mobile Gesellschaft ist zum Stillstand gekommen.

Und jenen,

die doch noch unterwegs sind auf vier Rädern oder mit schweren Transportern, denen geht bald das Benzin aus, weil sie an den Tankstellen keins mehr bekommen: Die elektrisch betriebenen Pumpen der Zapfsäulen versagen ihren Dienst. Und auch die Pumpen und die Elektrik der Heizkessel in den Heizungskellern der Wohnhäuser funktionieren nicht mehr. Es wird nicht nur düster und dunkel in der Stadt, sondern auch kalt in vielen Wohnungen; und spätestens wenn die Vorratsboiler leer sind, plätschert aus den Duschen nur noch kaltes Wasser.

In den Krankenhäusern,

bei Polizei, Feuerwehr und den Stadtwerken brummen die Dieselmotoren der Notstrom-aggregate. Drei bis acht Stunden halten sie durch, dann brauchen sie neuen Brennstoff. Doch wie groß sind die Diesel-Vorräte, und wie kommt man an Nachschub heran? Auch auf den Airports läuft die Notstromversorgung. Doch der Saft reicht nicht, um den Tower damit zu bedienen und gleichzeitig alle Terminals und die Rollbahn-Beleuchtungen. Viele Flüge werden gestrichen. In Berlins Industriebetrieben, bei den großen Stromfressern, stehen die Bänder und Maschinen komplett still. Kein Unternehmen leistet es sich, für den unwahrscheinlichen Blackout-Fall die erforderlichen und enormen Notstrom-Kapazitäten bereitzuhalten.

Der Reichstag

mit seiner Kuppel ist hingegen noch immer hell erleuchtet, und auch in den Ministerien muss keiner bei Kerzenschein arbeiten. Ein Blockheizkraftwerk – betrieben mit Rapsöl – versorgt die politische Führung und die Abgeordneten mit Strom und Wärme. Doch an wen sollen sich die Volksvertreter wenden? Kaum einer kann sie noch hören. Und wen interessiert schon Politik, wenn er mit der Taschenlampe durch die stockdunkle Wohnung irrt?
Der komplette Stromausfall in einer Stadt – das ist »eine Katastrophe des Alltags«, sagt der Göttinger Soziologe Professor Dr. Wolfang Sofsky. Der modernen Zivilisation fehle plötzlich ihr »Lebenselixier«, die Elektrizität. Sofsky: »Die Normalität ist außer Kraft gesetzt. Von einer Sekunde zur anderen werden die Menschen in eine andere Welt katapultiert.«

Das oben beschriebene Szenario

eines Total-Blackouts in Berlin ist realistisch geschildert, aber so nie passiert – anders als in den USA und Kanada, wo die Stromversorgung am 14. August 2003 tatsächlich im Sekundentakt ausfiel und den gesamten Nordosten lahm legte. Doch wie groß ist die Gefahr, dass es auch uns einmal erwischt? Wäre ein Chaos wie in New York bei uns denkbar?

Die Meinung

der Experten ist geteilt. Manchen gilt schon die Frage nach einem solchen Blackout als Unterstellung. So hält zum Beispiel Eberhard Meller, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW), einen flächendeckenden Ausfall wie in den USA für höchst unwahrscheinlich. Zu sehr »vermascht« sei das deutsche Netz, zu sehr eingebunden ins westeuropäische Strom-Netzwerk, als dass solche Blackouts auch nur denkbar wären. Sobald ein Kraftwerk, ein Transformator oder eine Umschaltstation ausfällt, steht sofort Ersatz zur Verfügung. Der Strom kann sich augenblicklich neue Wege suchen. Eine Statistik der Europäischen Kommission (von 2002) scheint dieser optimistischen Sicht Recht zu geben: Auf nur 15 Minuten jährlich summieren sich für jeden deutschen Kunden im Schnitt die bei uns üblichen kleinen Stromausfälle. Das ist Bestleistung in Europa. Schlusslicht Portugal bringt es pro Jahr auf mehr als 500 Minuten.

Auch der »Strom-Experte«

Claus Henningsen ist sich sicher: Ein Total-Blackout in Berlin sei technisch kaum vorstellbar! Er sollte es wissen. Denn der Chef von 600 Mitarbeitern zeichnet bei der Bewag AG & Co KG verantwortlich für den »Netzanlagenservice« in der Bundeshauptstadt. Dort betreut die Bewag stattliche 43000 Kilometer an Leitungen, zehn Heizkraftwerke, 125 Umspannwerke und 1,8 Millionen Kunden – das sind rund 90 Prozent aller Berliner Strombezieher.

Ein Stromausfall

wie jener, der Berlin im Februar 1992 verdunkelte, werde – so Henningsen – sich nicht wiederholen. Damals, nach der Wiedervereinigung, glich Westberlin stromtechnisch gesehen noch einer Insel ohne Anbindung ans westdeutsche Stromnetz. Der Kurzschluss in einer Westberliner Umspannstation konnte deshalb nicht ausgeglichen werden und führte zum mehrstündigen Blackout. Claus Henningsen: »Heute ist die Stadt über zahlreiche Anbindungen ins internationale Netz integriert.«

Zudem könnte sich Berlin

zur Not auch selbst helfen: »Die Bewag verfügt über Kraftwerke, die bei Bedarf sofort ihre Leistung erhöhen. Zudem stehen drei schnell startende Gasturbinen bereit, die wir zuschalten würden.« Fazit des Bewag-Mannes: Vorübergehende Stromausfälle in einzelnen Stadtbezirken seien vielleicht möglich – doch ganz sicher nicht der gefürchtete flächendeckende Blackout.

Auch die heute durchaus realistische Furcht

vor terroristischen Attacken beeindruckt den Experten nicht. Umspannstationen, Masten und Trafos seien durch Reservesysteme verlässlich abgesichert. Und das »Gehirn« des Berliner Regionalnetzes? Die Leitstelle, wo sechs Bewag-Spezialisten vor Bildschirmen und einer mächtigen Anzeigetafel sitzen? Dort also, wo die Wege des Stroms kontrolliert und im Notfall rasch umgelenkt werden?

Henningsen:

»Die Leitstelle hat keine Verbindung zum Internet. Kein Hacker kann sich in dieses System einschleichen.« Auch für den Fall eines Bombenanschlags ist die Bewag offenbar gewappnet: »Es gibt Reserve-Einrichtungen, aber darüber möchte ich aus Sicherheitsgründen nicht mehr sagen.«

Nicht nur in der Hauptstadt,

auch in den anderen deutschen Metropolen ist – sagen die Optimisten unter den Experten – die Stromversorgung gesichert. Die Einbindung der Städte ins europäische Strom-Netzwerk UCTE gilt ihnen als guter Schutz gegen elektrische Knock-outs. Das UCTE-Netz (Union for the Coordination of Transmission of Electricity) erstreckt sich von Portugal bis Polen und von Dänemark bis zur Südspitze Italiens und nach Griechenland; Großbritannien und Irland gehören nicht dazu. Es versorgt etwa 500 Millionen Europäer mit Wechselstrom der gleichen Frequenz (50 Hertz). Claus Henningsen beschreibt die Anbindung deutscher Metropolen an dieses gigantische Netz so: »Um die Städte führen – vereinfacht gesagt – ringförmige Freileitungen im Höchstspannungsbereich. Von dort laufen die Anschluss-Verbindungen zum einen radial nach innen, zum anderen nach draußen zu den nationalen und internationalen Stromtrassen.« Tatsächlich sitzt Deutschland wie eine Spinne in der Mitte des UCTE-Netzes. Wir sind »wichtigstes Transitland und Drehscheibe im europä-ischen Strommarkt«, konstatiert der Verband der Netzbetreiber (VDN).

Es gibt jedoch nicht nur Optimisten

in Sachen Blackout. Gerade die starke Vernetzung Deutschlands mit Europa gilt anderen Experten als Risiko. Sie erhöhe zwar die Versorgungssicherheit, »aber gleichzeitig macht uns das anfälliger, und Notfälle werden schwerer beherrschbar«, gibt Dr. Udo Spanel zu bedenken. Der Ingenieur ist Geschäftsführer der Duisburger Firma Dutrain, die das Personal deutscher Netzbetreiber mit Blackout-Simulationen für den Notfall schult. »Ein Blackout, der große Gebiete Deutschlands sowie die Niederlande, Belgien und Nordfrankreich trifft, das halte ich für ein durchaus realistisches Szenario«, sagt der Fachmann.

»Die Wahrscheinlichkeit,

dass Deutschland komplett dunkel wird, liegt bei einmal in 40 Jahren«, so zitiert Spanel die nach seinen Worten gängige statistische Einschätzung in Experten-Kreisen.

Und Joachim Schneider,

Vorstand des Zentralverbands Elektrotechnik und Elektronikindustrie, sagt: »Die Gefahr eines Blackouts in Deutschland nimmt weiter zu.«

Einer der Gründe dafür:

Die europaweite Liberalisierung, die »Deregulierung« der Strommärkte schreitet voran. Immer leichter wird es für Verbraucher, ihren Strom dort zu beziehen, wo er am günstigsten angeboten wird – auch im Ausland. Die Folge: Im internationalen Wettbewerb wächst der Kostendruck auf die deutschen Netzbetreiber. Um Geld zu sparen, schieben sie Investitionen für neue Technik und Instandhaltung auf die lange Bank. So verliert das Netz an Verlässlichkeit. Gleichzeitig transportieren gewiefte Stromhändler immer größere Strommengen aus »Billig-Regionen« in andere Bereiche. Das kann rasch zu Überlastungen bestimmter Stromtrassen führen.

Ein weiterer Grund:

Immer mehr Windkraftanlagen in Norddeutschland, Dänemark und in den Niederlanden speisen Strom in die Netze ein – doch dafür ist deren Kapazität noch gar nicht angelegt. Der wichtigste Grund aber: Wenn mehrere Fehler im Stromnetz gleichzeitig auftreten, dann geschieht das kaum Mögliche eben doch. Schon heute – und auch bei uns. Das belegt der deutsch-luxemburgische Stromausfall vom 2. September 2004. Ein Ereignis, das Hans-Günther Lanfer, seinerzeit Leiter des Katastrophenstabs in Trier, als den größten deutschen Blackout der vergangenen Jahrzehnte bezeichnete.

Das »Drehbuch«

der Ereignisse an diesem Tag zeigt, wie eine kleine anfängliche Störung eine Kettenreaktion in Gang setzen kann: Um 16.51 Uhr kommt es an einer 63 Kilometer langen 220000-Volt-Leitung (abgekürzt: 220kV) mit dem Namen »Saar-Nord« zu einem Kurzschluss. Irgendetwas hat zwei der drei Leiterseile »überbrückt«, also miteinander verbunden. Der Stromversorger RWE schickte später einen Suchhubschrauber los, doch die Ursache ist bis heute ungeklärt. Vermutet wird, dass ein beim Segelflug verwendetes Schleppseil oder das Halteseil eines Heißluftballons über die Leitungen hinweggestreift ist. Jedenfalls ist der Stromfluss vom Saarland in die Region Trier auf diesem Wege unterbrochen.

Nach dem Ausfall

von »Saar-Nord« müsste der Strom eigentlich ersatzweise über die Leitung »Osburg« fließen, welche vom saarländischen Uchtelfangen nach Trier führt. Doch ein Schutzgerät schaltet diese Leitung einfach ab, um ihre Überlastung zu vermeiden. Das war eine Fehlfunktion, die Mehrbelastungen hätte »Osburg« durchaus verkraften können.

Da nun die zwei Verbindungen

aus dem Saarland gekappt sind, muss Strom aus Richtung Koblenz die betroffene Region Trier versorgen. Dafür gibt es zwei Höchstspannungsleitungen, die auf unterschiedlichen Trassen zum Umspannwerk Niederstedem (Kreis Bitburg-Prüm) laufen. Von dort wird der Saft auch nach Luxemburg weitergeleitet. Doch ausgerechnet an diesem Tage sind in Niederstedem Wartungsarbeiten am 380000-Volt-Transformator im Gange – die zugehörige Leitung ist abgeschaltet. Bleibt nur noch die zweite, die 220000-Volt-Verbindung. Und die bricht zusammen, weil sie der Mehrbelastung nicht gewachsen ist.

Das alles geschieht automatisch

und in Sekundenbruchteilen. Es ist immer noch 16.51 Uhr, als in Trier und der Region Eifel-Mosel-Hunsrück für drei Stunden die Lichter komplett ausgehen.

540000 Menschen sind betroffen.

Geschäfte müssen schließen, Aufzüge bleiben stecken, in Kliniken tuckern die Notstromaggregate. Bei den letzten Kunden gehen die Lichter erst kurz vor halb zehn in der Nacht wieder an. Auch bei den luxemburgischen Nachbarn ist die öffentliche Stromversorgung mehr als eine halbe Stunde nicht mehr existent, etwa eine halbe Million Menschen sind in Mitleidenschaft gezogen. Auf einer Kirmes müssen verstörte Besucher aus Karussells und Geisterbahnen befreit werden, und viele glauben zunächst an einen Terroranschlag.

Fachleute wie der Blackout-Spezialist

Udo Spanel weisen dabei auf ein Stadt-Land-Gefälle hin: Ländliche Gebiete tragen ein höheres Blackout-Risiko als große Städte oder Ballungsräume. Denn zum einen gibt es auf dem Lande mehr Freileitungen, die anfällig sind, etwa für Sturmschäden. Zum anderen, so Spanel, sind ländliche Regionen bisweilen nur über wenige »Einspeisungs-Punkte« mit den überregionalen Netzen verbunden. Störungen können dadurch nicht so effektiv ausgeglichen werden.

Trotzdem

macht das deutsch-luxemburgische Strom-Desaster klar: Wenn es ganz dumm läuft, können im Stromnetz auch Reservesysteme nutzlos sein. Und dann könnte vielleicht auch Berlin – so wie New York vor zwei Jahren oder Moskau Ende Mai dieses Jahres – plötzlich im Dunkeln sein. Anlässlich des Moskauer Blackouts schrieb der russische Journalist Semyon Novoprudski: »Die Stadt wird binnen Sekunden zum Dorf.« Nicht mehr die Elektrizität sei ein Anhängsel der Menschheit, sondern die Menschheit hänge an der Elektrizität. Novoprudskis deprimierendes Fazit: »Das Bügeleisen oder der Staubsauger sind nicht unsere Haushaltsgeräte – nein, wir selbst sind zu diesen Geräten geworden.«
Wolfgang Gessler OKTOBER 2005

Enjoy it!
The LORD bless you:

Ego Man
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"WIR BRAUCHEN NICHT ZU LERNEN IM DUNKELN ZU TAPPEN: WIR KÖNNEN ES!" (Plansky-Novak; prophetischer Seher in 2006).





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