Ein weiteres Anzeichen dafür, daß diese Republik am Ende ist

Geschrieben von Hubert am 15. Januar 2004 21:11:05:

Jesus würde die Büchertische umstoßen

Nackte im Gotteshaus und Walfangverbot: Was ist mit der evangelischen Kirche los? Eine Polemik / Von Hans Christoph Buch

Wer oder was hat eine ehrwürdige Institution, deren Ahnenreihe von Martin Luther über Johann Sebastian Bach und Søren Kierkegaard bis zu Dietrich Bonhoeffer reicht, dazu gebracht, sich kritiklos linksliberalem Zeitgeist anzupassen? Abtreibung, Schwulenehe, Blasphemie - alles kein Problem? Und wenn sich ausnahmsweise Unmut regt wie gegen die als Kultur-Event getarnte Verhohnepiepelung der zehn Gebote im Bremer Dom, wird das Tanztheater - oder handelt es sich um ein Happening? - ein paar Straßen weiter in die Friedenskirche verlegt. So einfach geht das.

Dabei verhalten sich Kresniks Bürgerschreckposen - Nacktheit als Pseudoprovokation - zu den durch moderne Kunst ausgelösten Erkenntnisschocks etwa so wie der dünnblütige Blues, der in deutschen Kirchen angestimmt wird, zu Bachs h-moll-Messe.

Nichts gegen Gospel und Spirituals, aber jeder, der einmal einen schwarzen Gottesdienst in Harlem oder den Südstaaten der USA besucht hat, ist peinlich berührt vom Blues aus zweiter Hand, der hier zulande als fortschrittlich gilt. Auch wer kein gläubiger Christ ist wie ich, sehnt sich angesichts der Profillosigkeit der evangelischen Kirche nach dem Dogma des Papstes zurück.

Wo man sie auch packt, ist sie uninteressant: Es genügt nicht, für Frieden und Abrüstung, gegen Kindesmissbrauch und gentechnisch veränderte Lebensmittel zu sein, wenn die Kirche gleichzeitig zum Wohltätigkeitsbasar degeneriert, dessen Gutmenschentum sich in nichts von humanitären Organisationen unterscheidet, die denselben Job professioneller, also billiger und besser machen.

Schon mal was von Jesus gehört, der die Wechsler und Händler aus dem Tempel jagte? Heute würde er auf evangelischen Kirchentagen die Büchertische umstoßen, auf denen für alles und jedes geworben und zu Spenden aufgerufen wird - von der Windkraft zum Walfangverbot und von der Witwenverbrennung in Bombay bis zu den Straßenkindern von Bogotá.

Es nutzt nichts, den Hunger in der Dritten Welt zu bekämpfen, solange der geistige Hunger ungestillt bleibt, der die nach religiöser Sinngebung Suchenden dubiosen Sekten in die Arme treibt. Damit nicht alles falsch wird, muss ich an dieser Stelle von mir selber sprechen.

Wie viele evangelische Christen bin ich irgendwann Anfang oder Mitte der achtziger Jahre aus der Kirche ausgetreten. Nicht, um Steuern zu sparen, und auch nicht, weil mir der Protestantismus zu unpolitisch war - im Gegenteil: Was mich zum Kirchenaustritt bewog, waren Friedensfreunde wie jener evangelische Pfarrer, in dessen Begleitung ich damals eine Delegationsreise durch die Sowjetunion unternahm. Der "Entspannungspastor" hatte statt einer Bibel oder eines Gesangbuchs Strumpfhosen und Pralinen für seine Moskauer Freundin im Gepäck, weil die Einfuhr von Bibeln in die UdSSR verboten war.

Als ich ins Gästebuch eines armenischen Höhlenklosters "Ihr seid das Salz der Erde" schrieb, meinte er, das Zitat verletze die Gefühle unserer sowjetischen Gastgeber, und ließ durchblicken, dass er die Bibel für anachronistisch hielt - von Lenin habe er mehr gelernt. Dieser Mann war Pfarrer einer Gemeinde; wahrscheinlich hat sein westdeutscher Wohnsitz ihn vor der Überprüfung durch die Gauck-Behörde bewahrt. Diese hätte vermutlich nichts Belastendes zu Tage gefördert, weil als Friedenspolitik getarnter Opportunismus in der Bundesrepublik gang und gäbe war: Während der ostdeutsche Pastor Brüsewitz sich verbrannte aus Protest gegen den atheistischen Staat, machten seine westdeutschen Kollegen gute Miene zum bösen Spiel.

Das ist, fürchte ich, heute nicht viel anders, denn aus Angst, irgendwo anzuecken, scheint Entspannung um jeden Preis noch immer die Devise evangelischer Kirchenführer zu sein, wo es um die Herausforderung durch aggressive Fundamentalismen geht: Die gegenwärtige Verfolgung und Ermordung von Christen in Pakistan, Indien und Indonesien, ja sogar in China und Vietnam wird von ihnen ähnlich kleingeredet oder relativiert wie einst Menschenrechtsverletzungen in Staaten des Warschauer Pakts.

Und zu den Terroranschlägen des 11. September fiel ihnen nichts Besseres ein als die nachträgliche Entschuldigung für das Unrecht der Kreuzzüge, gekoppelt mit der Einladung zum ökumenischen Dialog, der einem Monolog ähnelt, denn islamische Fundamentalisten verweigern sich jedem über Floskeln hinausgehenden Gespräch. "Die Ungläubigen müssen sich dem Koran unterwerfen - nicht umgekehrt", sagte mir der Vorsteher der Moschee von Akhora Kattak in Pakistan, von wo die Taliban-Bewegung ihren Ausgang nahm. Bis heute werden Dschihad-Kämpfer in Medressas ausgebildet, denn Koranschulen, in denen es Unterkunft und Essen gibt, dienen nicht nur religiöser Erziehung, sondern auch politischer Indoktrination und sind ein ideales Rekrutierungsfeld für Selbstmordattentäter und Terroristen.

Solange die evangelische Kirche gezielte Nadelstiche wie Kresniks Kaspertheater, islamische Kopftücher an staatlichen Schulen oder Moscheen, die ohne Baugenehmigung in den Himmel wachsen, mit Schuldbekenntnissen beantwortet ob ihrer vermeintlichen Intoleranz, solange muss sie sich nicht wundern, wenn Gläubige ihr den Rücken kehren.

Warum protestiert kein Kirchenvertreter gegen die Zustände in der angeblich laizistischen Türkei, wo evangelische Gottesdienste nur unter konspirativen Umständen, in Privathäusern, möglich sind, oder im westafrikanischen Dakar, wo das Läuten der Glocken verboten ist, weil
es die religiösen Gefühle der Moslems verletzt? Dagegen ist der Aufruf des Muezzin zum Gebet, bis zur Schmerzgrenze verstärkt, in der ganzen Stadt zu hören. "Dass der Türke nicht dein Schulmeister werde, das rate ich dir", schrieb Martin Luther in seiner Predigt gegen
die islamische Bedrohung, die es damals schon gab, und anders als seine Amtsnachfolger, die sich solcher Worte schämen, nahm er kein Blatt vor den Mund.

Übertreibe ich nicht, und tue ich um Ausgleich bemühten Christen nicht Unrecht, die mit bescheidenen Kräften versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen, egal ob Protestant oder Katholik? Ja, gewiss: Aber wenn ich in der Zeitung lese, dass und wie der neue Liebling der Medien, Bischöfin Margot Käßmann, beim Neujahrsempfang im Kloster Loccum den Stellenwert der Landwirtschaft betont, kommt mir die Galle hoch: "Der Trend zu Billig-Lebensmitteln gehe auf Kosten der erzeugenden Menschen, der Qualität in der Tierhaltung und der guten Bodenbearbeitung, sagte sie." Politisch korrekt, verehrte Frau Käßmann, keine Einwände! Aber ich frage mich, ob hier das Bundesministerium für Verbraucherschutz oder die hannoversche Landeskirche spricht? Wenn zwischen beiden kein Unterschied mehr besteht, hat die evangelische Kirche ihre Existenzberechtigung verwirkt.

Hans Christoph Buch ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Im Frühjahr erscheint sein Buch "Tanzende Schatten oder Der Zombie bin ich" in der Anderen Bibliothek bei Eichborn.

Artikel erschienen am 14. Jan 2004

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